Deutschland’s „gefährlicher“ Leistungsbilanz-Überschuss

22.11.2013 – von Frank Hollenbeck.

Frank Hollenbeck

Kürzlich wurde Deutschland von der US-Regierung und EU-Kommission wegen der hohen Leistungsbilanz-Überschüsse gerügt. Paul Krugman mischte sich mit folgender Bemerkung in die Diskussion ein:

Das Problem ist, dass Deutschland nach Ausbruch der Krise weiter an äußerst wettbewerbsfähigen Arbeitskosten festgehalten  und dadurch hohe Überschüsse erzielt hat – und zwar in einem Umfeld einer gedrückten Weltwirtschaft. Das macht Deutschland zu einem wirklichen Teil des Problems.

Nur in der surrealen wirtschaftspolitischen Welt, in der wir leben, ist es möglich, dass hohe Wettbewerbsfähigkeit als nachteilig erachtet wird. Diese Kritik an Deutschland ist nicht neu, aber wir leben nicht mehr in den 50er Jahren. Deutschland hat keine nationale Währung und an deutschen Exporten ist nicht allzu viel wirklich ‚deutsch‘.

Ein BMW, der in Deutschland hergestellt, aber in Spanien verkauft wird, besteht aus Teilen, die aus der ganzen Welt kommen. Der größte Teil der Arbeit am Fahrzeug wird in Deutschland verrichtet, doch technologische Fortschritte haben die Arbeitskosten auf rund 10 Prozent der Produktionskosten reduziert. Der Kapitalertrag geht an Anleihegläubiger und Aktionäre rund um den Globus. BMW schüttet vielleicht auch eine Dividende an einen Aktionär in Spanien aus, der dieses Geld wiederum verwendet, um spanische Waren zu erwerben. Zu sagen, BMW wäre ein rein deutsches Produkt, ist etwas überzogen.

Außerdem ist Deutschland Teil eines gemeinsamen Währungsgebietes. Von einem Leistungsbilanz-Überschuss innerhalb eines gemeinsamen Währungsgebietes zu sprechen, ist, als würde man sich über Floridas Handelsbilanzüberschuss oder Jacksonville’s bilaterale Handelsbilanz mit Miami beschweren.

Wir wollen den Sachverhalt einmal ganz vereinfacht dargestellt betrachten, um die Argumentation klarer zu machen und zu zeigen, wie albern das ist: unserem Arbeitgeber gegenüber verzeichnen wir einen Handelsüberschuss und unserem Einkaufsmarkt gegenüber ein Handelsdefizit. Unser Arbeitgeber erwirbt von uns mehr als wir von ihm und bei unserem Einkaufsmarkt ist es genau umgekehrt. Dennoch laufen wir nicht zum Einkaufsmarkt, um dessen Leiter aufzufordern, mehr Waren oder Dienstleistungen von uns zu erwerben.

Darüber hinaus haben sich Deutschlands Überschüsse gegenüber anderen europäischen Ländern oder Mitgliedsländern der Eurozone zwischen 2007 und 2012 halbiert, die Überschüsse gegenüber dem Rest der Welt haben sich mehr als verdreifacht. Genau das erwarten wir von der Öffnung der Märkte: nämlich von Arbeitsteilung und Spezialisierung zu profitieren, indem sich jeder auf das konzentriert, was er am besten kann. Diese Entwicklung zu kritisieren, heißt, die Beweggründe zu kritisieren, die bei der Gründung der EU im Vordergrund standen.

Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hat die EU-Kommission Regeln geschaffen, nach denen sie einschreiten muss, wenn ein Land über drei Jahre einen Leistungsbilanz-Überschuss von mehr als sechs Prozent – gemessen an der Wirtschaftsleistung – aufweist. Deutschland lag im letzten Jahr bei sieben Prozent und wird in diesem Jahr eine ähnliche Größenordnung verzeichnen. Wenn ein freier Austausch von Waren und Dienstleistungen, sowie ein freier Kapitalverkehr zu Handelsbilanzüberschüssen von zehn Prozent, 20 Prozent oder sogar noch höher führt, wo ist das Problem? Warum gibt es diese Regeln? Warum will die EU-Kommission Auflagen zur Limitierung des Austausches von Waren, Dienstleistungen und Kapital verhängen? Wurde die EU nicht gegründet, um die Abschaffung solcher Auflagen zu erreichen? Die EU sollte nicht überrascht sein, wenn Länder ausscheiden wollen – bei solch unlogischen Bestimmungen.

Was der Kritik an Deutschland zugrunde liegt, ist ein wiederaufkommender Merkantilismus. Eine solche Denkweise sieht Gewinner und Verlierer statt nur Gewinner, die von gegenseitigen auf Freiwilligkeit basierenden Tauschgeschäften profitieren. Die Deutschen produzieren angeblich mehr als sie konsumieren. Das ganze basiert auf einem allgemeinen Trugschluss, den einige zu politischen Zwecken missbrauchen. Jeder Euro, der für ein deutsches Auto oder ein anderes Produkt ausgegeben wird, landet bei jemand anderem wieder als Einkommen, der dieses Einkommen ausgibt. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Produktion und Ausgaben. Das Saysche Gesetz sagt uns, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage selbst schafft. Konsum muss niemals angekurbelt werden: alles, was produziert wird, wird auch konsumiert, entweder um wiederum andere Güter zu produzieren (Investition) oder für den persönlichen Verbrauch (Konsum).

Natürlich sieht man als ‚Lösung‘ des Problems – das eigentlich gar nicht existiert -, Deutschland zu mehr Staatsausgaben zu bewegen, um das Wachstum in anderen Ländern der EU anzufachen. Dabei denkt niemand daran, dass die Verschuldung Deutschlands bereits bei 82 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegt, weit über der Marke von 60 %, die ursprünglich als schon als zu hoch angesehen wurde. Das ist die keynesianische Standardlösung, die stets mit der Logik des ‚Verdrängungs-Effektes‘ kollidiert. Jeder Dollar, den eine Regierung ausgibt, ist ein Dollar, der ansonsten von jemand anderem ausgegeben worden wäre. Die Regierung hat Einfluss darauf, wer ein Stück vom ‚wirtschaftlichen Kuchen‘ erhält, aber sie kann nicht die Größe des Kuchens verändern.

Selbst als Deutschland noch seine eigene Währung hatte, ließ sich die Kritik nicht aufrechterhalten. Schon damals bedeutete ein Handelsüberschuss einen entsprechenden Kapitalabfluss, mit dem die italienischen oder französischen Staatsausgaben finanziert wurden, oder Investitionen in Fabriken und Anlagen in Spanien, Italien, China oder wo auch immer. Nochmals, Worte wie Überschuss oder Defizit sind Überbleibsel unserer merkantilistischen Vergangenheit und haben nichts mit Gut oder Böse zu tun.

Wenn Deutschland wettbewerbsfähige Arbeitskosten hat und ein besseres Produkt herstellen kann, wo ist das Problem? Wurde die EU denn nicht gegründet, um Europa wettbewerbsfähiger zu machen, indem man es ermöglicht, dass Ressourcen sich dorthin bewegen, wo sie am effizientesten eingesetzt werden? Die Kritiker aus den Reihen der Europäischen Kommission und des IWF liegen ganz besonders falsch, vor allem, wenn man die Gründe für deren eigene Existenz bedenkt.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, Mitglied im Kabinett von Kanzlerin Merkel, lag absolut richtig, als er sagte, „Der Handelsüberschuss Deutschlands bietet keinen Grund zur Besorgnis für Deutschland, die Eurozone oder die Weltwirtschaft.“ In Wirklichkeit sollte Deutschland gelobt, nicht gescholten werden. Deutschlans Können ist eines der wenigen Dinge, die die Weltwirtschaft voranbringen.

Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Marquart. Der Originalbeitrag mit dem Titel Germany’s “Dangerous” Current Account Surplus  ist am 20.11.2013 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Dr. Frank Hollenbeck lehrt Volkswirtschaft an der “International University” in Genf, Schweiz.

 

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