Zuruf aus der Schweiz: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“

9. Oktober 2019 – von David Dürr

David Dürr

Bei uns in der Schweiz stehen wieder einmal nationale Parlamentswahlen an. Da kommt mir jeweils dieser schöne, rhythmisch und auch sonst so stimmige Vers von den Kälbern in den Sinn, die dumm genug sind, ihre eigenen Metzger zu wählen. Man schreibt den Vers oft Bertolt Brecht zu, was aber nicht stimmt. Bloss andeutungsweise kommt Brecht in einem anderen Gedicht auf die zum Schlacht­hof trottenden Kälber zu sprechen. Der Vers scheint älter zu sein als Brecht. Eine frühe Fundstelle fin­det sich offenbar in der Schweiz, als im Jahr 1874 bei der Volkswahl der Zürcher Steuerkommission ein anonymer Wähler diesen Vers auf seinen Stimmzettel schrieb, was man alsbald amüsiert in den Zei­tungen berichtete. Das war die Zeit, als man in der Schweiz über solche Dinge noch lachen konnte, als die Steuern – obwohl auch damals schon purer Diebstahl – noch nicht so hoch und so allgegen­wärtig waren wie heute, wo es noch keinen gläsernen Bürger gab wie heute, wo Steuerhinterziehung noch ein Kavaliersdelikt war. Das ist schon ziemlich lange her.

Dem Vernehmen nach soll der Vers von den dummen Kälbern, die ihre Metzger selber wählen, ge­gen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer mal wieder zitiert worden sein, und zwar – wie ich kürzlich gelesen habe – vornehmlich von Sozialdemokraten, die in jener Zeit hoff­nungslos in der Minderheit waren. Wegen des damals auf nationaler Ebene geltenden Majorzsystems hatten sie keine Chance, im Parlament geschweige denn in der Regierung vertreten zu sein. Dort sas­sen vor allem die sogenannt Liberalen (die Vorläufer der heutigen FDP) fest im Sattel und hielten die Sozialdemokraten (die Vorläufer der heutigen SP) erfolgreich auf Distanz. Diesen blieb damals nichts an­deres übrig, als die Wahlen als Farce blosszustellen, wofür sich der lustige Vers von den Käl­bern und den Metzgern natürlich eignete.

100 Jahre Proporz

Als im Jahr 1919 nach schweren sozialen Unruhen das Proporzwahlsystem eingeführt wurde, hatten die Sozialdemokraten endlich die Chance, ins Bundesparlament einzuziehen und gut 20 Jahre später sogar in die Landesregierung. Heute, ein Jahrhundert später, wird das in der offiziellen Schweiz als demokratische Errungenschaft gefeiert. Man freut sich offensichtlich darüber, dass es den Sozialde­mokraten vor 100 Jahren gelungen ist, von Kälbern zu Metzgern zu mutieren. Es steht zu vermuten, dass sie seither den lustigen Vers von den dummen Kälbern nicht mehr so lustig finden.

Auch die dritte historisch wichtige politischen Kraft, die sogenannten Katholisch-Konservativen (die Vorläufer der heutigen CVP), hatte zunächst eine typische Kälberrolle. Es war dies nach dem soge­nannten Sonderbundskrieg von 1847, bei dem die siegreichen protestantisch-liberalen Kantone die unterlegenen katholisch-konservativen Kantone in einer völkerrechtswidrigen Mehrheitsabstimmung in den neu gegründeten Bundestaat namens «Schweizerische Eidgenossenschaft» zwangen. Völker­rechtswidrig war es deshalb, weil von Rechts wegen Einstimmigkeit notwendig gewesen wäre. Mit der gleichen rechtswidrigen Mehrheit wurde auch gleich das erwähnte Majorzsystem eingeführt, das dafür sorgte, dass die Reformiert-Liberalen die Metzer- und die Katho­lisch-Konservativen die Kälber­rollen bekamen. Immerhin gelang es den Katholiken bereits im 19. Jahrhundert, in die Landesregie­rung, sprich zu den Metzgern zu wechseln. Vermutlich ist das auch der Grund dafür, dass der Vers von den Kälbern und den Metzgern nie zum traditionellen Repertoire der Katholiken gehörte.

Seither und noch heute sitzen die drei genannten Parteien FDP, CVP und SP in der schweizerischen Landesregierung. Im 20. Jahrhundert hat sich zu ihnen noch die anfänglich bloss kantonal präsente Bauern- und Gewerbepartei gesellt, die sich inzwischen zur national gewichtigen Schweizerischen Volkspartei (SVP) entwickelt hat. Diese vier Kräfte also stellen seit Jahrzehnten das Kernteam der Metzger, die zu wäh­len die schweizerischen Kälber nun wieder aufgerufen sind.

Dummheit ist erlaubt

Doch wo genau liegt denn nun das Problem? Wenn unser lustiger Vers von dummen Kälbern spricht, die ihre Metzger wählen, so heisst dies nicht zwingend, dass diese Wahl illegitim wäre. Denn ange­nom­men, die Kälber wählen ihre Metzger aus freiem Willen, so mag dies zwar dumm sein, aber Dumm­heit ist erlaubt. Solange man selbst die Konsequenzen daraus zu spüren kommt, kann Dumm­heit so­gar nützlich sein. Aus Fehlern wird man bekanntlich klug. Und wahre Freiheit beinhaltet stets auch die Freiheit, Dummheiten zu begehen.

Das Problem ist nun aber, dass die Konsequenzen der Dummheit, die eigenen Metzger zu wählen, nicht nur die wählenden Kälber, sondern die ganz Bevölkerung zu spüren bekommt, also auch dieje­nigen, die nicht so dumm sind, wählen zu gehen, ebenso wie diejenigen, die gar nicht wählen dürfen. Letztere machen immerhin rund ein Drittel der Bevölkerung aus (Ausländer und Minderjährige). Von den Wahlberechtigten wiederum macht im Durchschnitt weniger als die Hälfte von ihrem «Recht» Gebrauch, die eigenen Metzger zu wählen, also knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Von die­sen rund 30% wiederum haben bloss zwei Drittel das Glück, dass es die von ihnen gewählten Partei­listen bis ins Parlament schaffen, und aus den Listen wiederum knappe 40% der na­mentlich ausge­wählten Personen. Wirklich gewählt werden die amtierenden Metzger demnach von weniger als 10% der landesweit sich tummelnden Kälber, je nach Zählweise auch noch von denjeni­gen, die so dumm waren, an der Wahl teilzunehmen, ihre Kandidaten aber nicht durchbrachten, wo­mit man auf rund 30% der Gesamtherde käme. Dass diese 10% oder bestenfalls 30% nun ihren Metz­gern ausgeliefert sind, mag zwar dumm sein, aber illegitim ist es letztlich nicht. Denn sie haben es ja gewollt.

Das Problem ist aber das Schicksal der anderen 70% oder je nach Zählweise gar 90%, welche die Metzger nicht gewählt haben, ihnen aber trotzdem ausgeliefert sind. Die nun anstehenden Neuwah­len sind leider nicht geeignet, daran etwas zu ändern.

Prof. Dr. iur. David Dürr lehrt Privatrecht und Rechtstheorie an der Universität Zürich und ist Wirtschaftsanwalt und Notar in Basel. Studiert hat er an den Universitäten Basel und Genf sowie an der Harvard Law School. Er publiziert regelmäßig zu den Themen Privatrecht, Rechtstheorie und Methodenlehre. Nebst zahlreichen Sachbüchern und Artikeln veröffentlichte er unter anderem auch die Politsatire „Staats-Oper Schweiz – wenige Stars, viele Staatisten” (2011) sowie eine Auswahl seiner regelmäßigen anarchistischen Kolumnen bei der Basler Zeitung unter dem Titel „Das Wort zum Freitag” (2014). David Dürr ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des „Ludwig von Mises Institut Deutschland”.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © Sascha F. – Fotolia.com

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