Keine Angst vor technologischem Fortschritt

25. September 2019 – von Jean Vilbert

In den letzten Jahrzehnten haben Innovationen in den Bereichen Medizin, Bildung, Transportmittel, Datenspeicherung und Kommunikation immer mehr zu einer allgemeinen Verbesserung des Lebensstandards beigetragen. Dennoch sind diese Erfolge immer wieder mit intensiven Ängsten verbunden vor dem „Arbeitsplätze zerstörenden Effekt der Automatisierung“ – ein Gedanke, der vielen Menschen in den Köpfen umherschwirrt.

Eine Umfrage von Pew Research Internet ergab, dass Amerikaner ungefähr doppelt so häufig Sorgen (72 Prozent) ausdrücken wie Enthusiasmus (33 Prozent) über eine Zukunft, in der Innovationen in der Lage sind, Aufgaben zu erledigen, die gegenwärtig von Menschen erledigt werden. Warum sind diese Ängste so groß und anhaltend? Warum haben so viele Menschen Angst vor Technologie?

Wir könnten auf mehrere Gründe hinweisen, unter anderem auf eigennützige Autoren (die Angst verbreitende Bücher verkaufen) oder sogar auf (immer gegenwärtige) politisch-ideologische Zwecke. Aber konzentrieren wir uns hier auf zwei Ursachen, die möglicherweise die wichtigsten sind: (1) Fehlinformationen und (2) die Angst, zurückgelassen zu werden.

Wir müssen diese beiden Punkte näher beleuchten, um den heute weit verbreiteten Pessimismus abzuschütteln und ihn durch einen Realismus über die Rolle der Technologie in unserem Leben, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt, zu ersetzen.

Krieg gegen die Maschinen

Die Vorstellung eines ewigen Kampfes zwischen Mensch und Maschine ist tief in der Vorstellung der Menschen verankert, und zwar in populären Filmen wie I, Robot oder The Terminator, in denen Maschinen versuchen, die Welt zu erobern.

Aber selbst vermeintlich geringere Bedrohungen – wie die Vorstellung, Maschinen würden uns aus unseren Jobs verdrängen – stecken tief in den Köpfen vieler Menschen.

Das ist auch nichts Neues. Die Ludditen zum Beispiel waren Handwerker, deren handwerkliches Können in der frühen industriellen Revolution durch Mechanisierung ersetzt wurde und die beschlossen, sich mittels der Zerstörung von Maschinen zu wehren. 1753 richteten sie sich beispielsweise gegen John Kay, den Erfinder des „flying shuttle“ (eine der ersten signifikanten Verbesserungen bei der Mechanisierung des Webens) und brannten sein Haus nieder. Es ist kein Wunder, dass ihre Bewegung zum Synonym für den Widerstand gegen den technologischen Wandel geworden ist.

Konnten die Ludditen die technologische Innovation stoppen? Sicherlich nicht. Außerdem wissen wir heute, dass die brillanten Erfindungen dieser Zeit (Massenproduktionsmaschinen) Kosten und Preise senkten und es den Verbrauchern der Arbeiterklasse ermöglichten, Dinge zu kaufen, zu denen zuvor nur Aristokraten Zugang hatten und die wir heute für selbstverständlich halten (Zucker, Tee, Kaffee, Uhren, Porzellan, Glas, Vorhänge, ausgefallene Kleidung usw.).

Das ist gut. Aber wie steht es mit dem Verlust von Arbeitsplätzen? Manchmal kann eine einzelne Maschine Dutzende von Arbeitern ersetzen. Sind Maschinen in diesem Zusammenhang also keine Bedrohung? Diejenigen, die heute so denken, sind sicherlich nicht allein. 1930 schrieb John Maynard Keyes (1883-1946) einen Aufsatz, in dem er davon ausging, dass es nach der Automatisierung der Fertigung zu Massenarbeitslosigkeit kommen würde.

Es überrascht nicht, dass Keynes völlig falsch lag. Die Arbeitslosigkeit ist für die moderne Wirtschaft nicht endemisch geworden, obwohl die Mechanisierung dazu geführt hat, dass das verarbeitende Gewerbe von 32 Prozent der Erwerbsbevölkerung im Jahr 1910 auf 24 Prozent im Jahr 1970 auf 8,5 Prozent im Jahr 2018 zurückging. Arbeitsplätze, die in neuen Bereichen geschaffen wurden, lösten die Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe ab.

Darüber hinaus wuchs die Zahl der Beschäftigten im Laufe des 20. Jahrhunderts bis zu dem Punkt, an dem auch die Beteiligung von Frauen an der Erwerbsbevölkerung auf ein noch nie dagewesenes Niveau stieg.

Welche Schlussfolgerung können wir daraus ziehen? Wenn die Technologie einige Arbeitsplätze beseitigt hat, hat sie natürlich auch einige neue geschaffen. Keynes scheint (unter anderem) vergessen zu haben, dass der Bestand an Arbeit in der Wirtschaft nicht festgelegt ist: Wenn eine Tür geschlossen ist, werden andere (größere) Türen geöffnet.

Technologie verändert unsere Arbeitsweise

Im Jahr 1901 lebten in England und Wales 32,5 Millionen Menschen – 200.000 von ihnen waren mit dem Waschen von Kleidung beschäftigt. Dann kamen Elektrizität und Hausinstallationen hinzu – Technologien, die die automatische Waschmaschine ermöglichten. Die Plackerei des Händewaschens gehörte der Vergangenheit an. Bis 2011 arbeiteten von dann 56,1 Millionen Einwohnern nur mehr 35.000 Menschen in der gleichen Branche, die meisten davon in gewerblichen Wäschereien.

Es scheint, dass wir viele Jobs verloren haben, oder? Aber das ist nicht wirklich passiert. Wir müssen die Datenquellen sorgfältig prüfen, um bessere Antworten zu erhalten. Die oben genannten Zahlen stammen zum Beispiel aus einer Studie von Wirtschaftswissenschaftlern des Beratungsunternehmens Deloitte, aus der hervorgeht, dass uns Innovationen nicht einfach die Arbeitsplätze rauben. Stattdessen ändert sich die Struktur des Arbeitsmarktes grundlegend.

Nun können wir nicht leugnen, dass Technologien in manchen Sektoren Arbeitsplätze kosten (insbesondere gering qualifizierte). In einer Vielzahl von Fällen erleichtern uns neue Technologien jedoch lediglich die Arbeit oder erlauben uns, nicht mehr das tun zu müssen, was wir nicht mehr tun möchten (etwas Langweiliges, Schmutziges oder Gefährliches im Allgemeinen). Die Frage ist also, ob die verlorenen Jobs wirklich Jobs sind, an denen wir festhalten möchten.

Ich möchte hierzu folgendes illustrieren: Aus einem Ausarbeitung des Amtes für nationale Statistik geht hervor, dass sich im Jahr 1841 rund 20 Prozent der Arbeitnehmer auf Landwirtschaft und Fischerei konzentrierten (langweilige, schmutzige und gefährliche Jobs). Diese Zahl ist bis 2011 auf unter 1 Prozent gesunken. Statistiken zufolge werden heute 29 Prozent von Schweißanwendungen von Robotern erledigt. Beim Schweißen haben Facharbeiter es sowohl mit chemischen Verbindungen (gefährliche Dämpfe und ultraviolettes Licht) als auch mit extrem heißen Temperaturen zu tun. Ein Roboter macht die Arbeitsplätze also sicherer, denn beim Bedienen von Schweißrobotern bleiben die Arbeiter hinter Absperrungen oder geschlossenen Türen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie Roboter unsere Jobs in der Form ergänzen können, dass sie weniger gefährlich sind als zuvor.

In der Tat war in den letzten Jahrhunderten ein tiefgreifender Wandel auf dem Arbeitsmarkt zu verzeichnen, der von Aktivitäten unter dem Einsatz von Muskelkraft zu Facharbeiterberufen überging. 1871 machten „Muskelkraftberufe“ (einschließlich Landarbeiter, Reinigungskräfte, Hausangestellte, Fabrikarbeiter, Bauarbeiter und Bergarbeiter) 23,7 Prozent der Gesamtbeschäftigung aus; bis 2011 ist diese Zahl auf 8,3 Prozent gesunken. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Fachkräfte (Gesundheitsbranche, Lehrberufe, Sozial- und Pflegeberufe) von 1,1 auf 12,2 Prozent.

Innovation führt auch nicht zwangsläufig zu Lohneinbußen. So berichtete Brookings im Jahr 2011:

Der reale Stundenlohn stieg von durchschnittlich 9,88 USD pro Stunde im Jahr 1947 auf heute 35,44 USD pro Stunde. Diese Verbesserungen bei der Vergütung und der steigende Lebensstandard spiegeln Innovationen wider, die Unternehmen und Menschen produktiver gemacht haben.

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Der Originalbeitrag mit dem Titel Technological Innovation Is Nothing to Fear ist am 21.9.2019 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Jean Vilbert besitzt einen Bachelor-Abschluss und einen Master of Law. Derzeit ist er Richter und Professor in São Paulo, Brasilien.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock

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