Der Keynesianische Multiplikator: Eine falsche Theorie

24. Juli 2019 – von Frank Shostak

Frank Shostak

Für die meisten Ökonomen und Wirtschaftsautoren ist der wichtigste Indikator für Wirtschaftswachstum die steigende Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Sie gehen davon aus, dass steigende oder fallende Nachfrage die Ursache ist für einen Anstieg oder einen Rückgang der Menge an produzierten Waren oder Dienstleistungen. Außerdem gehen sie davon aus, dass die Leistung einer Wirtschaft aus der Summe der Ausgaben des Staates, der Konsumenten und der Unternehmen besteht.

Ein Beispiel soll zeigen, wie eine ursprüngliche Ausgabe die Gesamtleistung der Wirtschaft um die Summe dieser Ausgaben steigen lässt. Angenommen, ein Einzelner gibt von einem zusätzlichen eingenommenen Dollar 0,9 USD aus und spart 0,1 USD. Nehmen wir zusätzlich an, dass alle Konsumenten ihre Ausgaben um insgesamt 100 Millionen USD gesteigert haben. Die Einnahmen des Einzelhandels steigen deshalb um 100 Millionen USD. Als Reaktion auf diese Mehreinnahmen konsumieren die Einzelhändler nun 90% der 100 Millionen USD – sie steigern also ihre Ausgaben für Waren und Dienstleistungen um 90 Millionen USD. Die Empfänger dieser 90 Millionen USD geben wiederum 90% der 90 Millionen USD aus, also 81 Millionen USD. Daraufhin geben die Empfänger der 81 Millionen USD wiederum 90% dieser Summe aus, also 72,9 Millionen USD, und so weiter. Es ist wichtig, festzustellen, dass bei dieser Betrachtungsweise die Ausgaben des einen stets die Einnahmen des anderen sind.

Auf jeder Stufe der Ausgabenkette geben die Menschen 90% des zusätzlichen Einkommens wieder aus. Dieser Prozess endet irgendwann; ursprüngliche Mehrausgaben von 100 Millionen USD führen also zu Gesamtmehrausgaben von einer Milliarde USD (10 x 100 Millionen USD). Der Multiplikator ist hier 10.

Es ist wichtig, festzustellen, dass der Multiplikator umso größer wird, je mehr von den Mehreinnahmen wieder ausgegeben wird – umso größer ist also die Auswirkung auf die Gesamtwirtschaftsleistung. Wenn die Menschen beispielsweise ihre Gewohnheiten ändern und 95% von jedem mehr verdienten Dollar ausgeben, erhöht sich der Multiplikator auf 20. Sollten sie dagegen nur 80% ausgeben und 20% sparen, reduziert sich der Multiplikator auf 5. Je weniger die Menschen sparen, desto größer ist die Auswirkung eines Anstiegs der Gesamtnachfrage auf die Gesamtleistung.

Kennt man diese Denkweise, so ist es nicht überraschend, dass die meisten Wirtschaftsautoren der Meinung sind, durch steuer- und geldpolitische Stimuli ließe sich verhindern, dass die US-Wirtschaft in eine Rezession abgleitet.

John Maynard Keynes (1883-1946), der den magischen Multiplikator populär gemacht hat, schrieb:

Wenn das Finanzamt alte Flaschen mit Geldscheinen füllen, sie in alten Kohlebergwerken vergraben und diese dann mit Abfall verfüllen würde, und es nun dem freien Markt nach den altbekannten Laissez-faire-Prinzipien überlassen würde, die Flaschen wieder auszugraben (das Recht dazu müsste natürlich erworben werden), gäbe es keine Arbeitslosigkeit mehr. Als Auswirkung dieser Maßnahme würde das Einkommen der Gesellschaft und auch ihr Kapitalstock vermutlich erheblich größer werden, als er eigentlich ist.[1]

Gibt es den Multiplikator wirklich?

Ist es schlecht für die Wirtschaft, wenn mehr gespart wird, wie es das Multiplikator-Modell suggeriert? Nehmen wir als Beispiel, Bob den Bauern, der 20 Tomaten geerntet hat und 5 davon selbst isst. Danach hat er 15 Tomaten übrig (seine realen Ersparnisse). Durch Eintauschen dieser ersparten 15 Tomaten kann er nun diverse andere Güter erhalten. Er kann zum Beispiel 5 Tomaten gegen einen Laib Brot von John, dem Bäcker, eintauschen. Bob kauft außerdem ein Paar Schuhe für 10 Tomaten von Paul, dem Schuhmacher. Wir stellen fest, dass die realen Ersparnisse die Menge an Konsumgütern beschränken, die Bob für sich kaufen kann. Bobs Kaufkraft wird durch seine realen Ersparnisse, also die Anzahl seiner Tomaten, limitiert, vorausgesetzt alle anderen Umstände bleiben jeweils gleich. (Genauso hat John, der Bäcker, 10 Brotlaibe hergestellt, von denen er 2 selbst konsumiert, womit ihm als reale Ersparnisse 8 Laibe übrig bleiben. Und Paul, der Schuhmacher, verwendet von 2 hergestellten Paar Schuhe eines für sich, was für ihn reale Ersparnisse von einem Paar Schuhe ergibt.)

Wenn Bob, der Bauer, seinem Verlangen nach einem Laib Brot und einem Paar Schuhe nachgibt, erhalten John der Bäcker und Paul der Schuhmacher dafür jeweils Tomaten von ihm. Bobs gesparte Tomaten verbessern so das Leben vom Bäcker und vom Schuhmacher. Der gesparte Laib Brot und das gesparte Paar Schuhe verbessern umgekehrt das Leben von Bob dem Bauern. Wir stellen fest, dass gesparte Konsumgüter den Bäcker, den Bauern und den Schuhmacher am Leben halten und für einen steten Warenaustausch sorgen.

Die Eigentümer von Konsumgütern könnten diese auch gegen bessere Werkzeuge und Maschinen anstellen von anderen Konsumgütern eintauschen. Mit besseren Werkzeugen und Maschinen lassen sich in der Zukunft mehr und bessere Konsumgüter herstellen.

Die Eigentümer der Konsumgüter geben dabei ihre realen Ersparnisse an andere Menschen weiter, die sich auf die Herstellung von Maschinen und Werkzeugen spezialisiert haben. Die realen Ersparnisse halten nun diese Menschen am Leben, während sie Werkzeuge und Maschinen herstellen.

Sind Werkzeuge und Maschinen einmal hergestellt, ermöglichen sie eine Steigerung der Produktion von Konsumgütern. Diese gesteigerte Produktion macht die Herstellung von noch mehr Werkzeugen und Maschinen möglich, wenn alle anderen Umstände gleichbleiben. Die hergestellte größere Menge an Konsumgütern steht nun der Gesellschaft als höhere Kaufkraft zur Verfügung. Deshalb vergrößern mehr Ersparnisse die Menge an produzierten Konsumgütern, und verringern sie nicht, wie oft vermutet wird.

Kann eine höhere Nachfrage nach Konsumgütern durch die Multiplikation der Nachfrage zu einer Erhöhung der Wirtschaftsleistung führen? Um eine höhere Nachfrage zu befriedigen, muss der Bäcker etwas besitzen, womit er die Dinge, die er haben möchte, bezahlen kann (Brot also). Halten wir erneut fest, dass der Bäcker 5 Tomaten erhält, indem er sie mit einem Laib Brot bezahlt. Genauso befriedigt der Schuhmacher seine Nachfrage nach 10 Tomaten, in dem er mit einem Paar Schuhe bezahlt. Der Bauer stillt seinen Wunsch nach Brot und Schuhen, in dem er dafür mit seinen gesparten 15 Tomaten bezahlt.

Erst muss sich die Menge an Konsumgütern erhöhen, womit dann eine erhöhte Nachfrage gestillt werden kann. Die größere Menge an hergestelltem Brot ermöglicht es dem Bäcker, eine größere Nachfrage nach anderen Gütern zu befriedigen. Deshalb führt eine größere Produktionsmenge zu einer steigenden Nachfrage. Die Menschen produzieren Dinge, um ihre Nachfrage steigern zu können, um wiederum ihren Lebensstandard zu verbessern.

Ermöglicht wird die Steigerung der Produktion von Konsumgütern durch mehr und bessere Kapitalgüter – Werkzeuge und Maschinen. Reale Ersparnisse erlauben die Produktion von mehr und besseren Werkzeugen und Maschinen. Deshalb können wir feststellen, dass eine Steigerung des Konsums stets im richtigen Verhältnis zur Steigerung der Produktion von Konsumgütern stehen muss. Außerdem können wir schlussfolgern, dass ein gesteigerter Konsum nicht zu einer um das Vielfache des gesteigerten Konsums gesteigerten Produktion führt. Die gesteigerte Produktion entspricht dem, was die Menge an realen Ersparnissen erlaubt und wird nicht durch die Nachfrage der Konsumenten beschränkt. Die Produktion kann nicht gesteigert werden, wenn die Menge an realen Ersparnissen dies nicht erlaubt – es kann nicht etwas aus nichts entstehen.

Lassen Sie uns nun die Auswirkungen einer gesteigerten Nachfrage des Staates auf die Gesamtwirtschaftsleistung betrachten. In einer Wirtschaft, die aus dem Bäcker, dem Schuhmacher und dem Tomatenbauern besteht, kommt nun eine weitere Person dazu. Diese Person ist ein starker Mann, der seine Nachfrage mit Gewalt befriedigt.

Kann eine solche Nachfrage zu einer Steigerung der Gesamtleistung führen, wie allgemein behauptet wird? Im Gegenteil, sie wird die Produzenten ärmer machen. Der Bäcker, der Schuhmacher und der Bauer werden gezwungen, sich von einem Teil ihrer Erzeugnisse im Austausch gegen Nichts zu trennen. Dies wird zu einer Verringerung des Flusses von Konsumgütern führen. Eine Steigerung des staatlichen Konsums führt also nicht nur nicht zu einer Steigerung der Wirtschaftsleistung, sondern schwächt den Prozess der Warenproduktion im Allgemeinen. So sagt Ludwig von Mises (1881-1973):

… es ist nötig, die Binsenweisheit noch einmal zu betonen, dass ein Staat nur das ausgeben oder investieren kann, was er den Bürgern vorher abgenommen hat. Zusätzliche Staatsausgaben und staatliche Investitionen schränken so die Ausgaben und Investments der Bürger in gleichem Umfang ein.[2]

Ermöglicht die Einführung von Geld etwa den Multiplikator?

Die Einführung von Geld führt nicht zu einer Änderung dieser Tatsachen. Geld hilft lediglich dabei, den Handel zwischen Erzeugern zu vereinfachen – es erzeugt selbst nichts. Es ermöglicht den Austausch von anderen Dingen gegen Geld, und den Austausch von Geld gegen andere Dinge.

So umschrieb Mises das Argument von Jean Baptiste Say:

Say sagt, dass Waren am Ende nicht mit Geld bezahlt werden, sondern mit anderen Waren. Geld ist nur ein allgemein akzeptiertes Tauschmittel; es spielt nur eine Vermittlerrolle. Der Verkäufer will für seine verkauften Waren letztendlich andere Waren haben.[3]

Wenn jemand seine Konsumausgaben um 100 USD steigert, bedeutet das nur, dass er seine Geldnachfrage um 100 USD reduziert hat. Der Verkäufer hat nun 100 USD mehr, die er ausgeben kann, wie er möchte. Wir können außerdem sagen, dass die Geldnachfrage des Verkäufers um 100 USD gestiegen ist. Die höhere Geldzirkulation führt nicht zu einer höheren Wirtschaftsleistung. Sollte der Verkäufer nun 90% dieser 100 USD wieder ausgeben, haben wir nur eine Situation, in der seine Geldnachfrage um 90 USD gesunken ist, während die Geldnachfrage von jemand anderem um 90 USD gestiegen ist.

Noch dazu sind die Menschen gezwungen, ihre Ausgaben für etwas anderes entsprechend zu reduzieren, wenn sie die Ausgaben für ein Gut steigern, wenn sich ansonsten nichts geändert hat. Die Gesamtausgaben in der Wirtschaft bleiben also genau gleich.

Sollte sich die Geldmenge in der Wirtschaft allerdings vergrößern, vorausgesetzt alles andere bleibt gleich, werden sich die Ausgaben an Geld ebenfalls entsprechend steigern. Auch hier findet die Steigerung nicht wegen irgendeines Multiplikators statt, sondern wegen der Vergrößerung der Geldmenge. Gesteigerte Geldausgaben wegen einer Erhöhung der Geldmenge können entgegen der allgemeinen Überzeugung nie zu einer realen Steigerung der Menge an produzierten Konsumgütern führen.

All das wird nur zu einer Umverteilung der existierenden Menge an Erspartem führen. Die frühen Empfänger des neuen Geldes bereichern sich auf Kosten der späten Empfänger. Es ist also völlig offensichtlich, dass eine lockere Geldpolitik, die die Nachfrage nach Konsumgütern ankurbeln soll, unmöglich die Menge an real produzierten Konsumgütern steigern kann, und schon gar nicht um einen Multiplikator der ursprünglichen Steigerung der Konsumnachfrage. Eine lockere Geldpolitik steigert nicht nur nicht die Produktion, sie wird außerdem sogar Produzenten von Wohlstand ärmer machen – genau so, wie es der starke Mann aus unserem vorherigen Beispiel macht.

[1] J.M. Keynes. Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (London: Macmillan & Co., 1964), Seite 129

[2] Ludwig von Mises, Human Action, dritte Auflage (Chicago: Contemporary Books, 1966), Seite 744

[3] Ludwig von Mises, Lord Keynes and Say`s Law, The Critics of Keynesian Economics, von Henry Hazlitt editiert (University Press of America, 1983), Seite 316

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Illusion of the Keynesian Multiplier ist am 15.7.2019 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Frank Shostak ist Adjunct Scholar am Mises-Institute, Auburn, veröffentlicht regelmäßig Beiträge auf mises.org und ist Inhaber von Applied Austrian School Economics Ltd.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © Plastic man – Fotolia.com

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