Warum der Sozialismus scheitern muss

19. Juli 2019 – von Hans-Hermann Hoppe

Hans-Hermann Hoppe

Sozialismus und Kapitalismus bieten radikal unterschiedliche Lösungen, um mit knappen Ressourcen umzugehen. Nicht jeder kann all das haben, was er will und wann er es will. Wie also können wir sinnvoll entscheiden, wer die Ressourcen, die wir haben, besitzt und kontrolliert? Die gewählte Lösung hat tiefgreifende Auswirkungen. Es kann den Unterschied zwischen Wohlstand und Verarmung, freiwilligem Austausch und politischem Zwang, ja sogar Totalitarismus und Freiheit bedeuten.

Das kapitalistische System löst das Problem der Knappheit, indem es das Recht auf Privateigentum anerkennt. Der Erste, der ein Gut benutzt, ist sein Besitzer. Andere können es nur durch Tausch oder Verträge erwerben. Bis der Eigentümer beschließt, das Eigentum an seinem Gut durch einen Vertrag an andere zu übertragen, kann er damit tun, was er will, solange er Güter anderer nicht beeinträchtigt oder physisch beschädigt.

Das sozialistische System versucht, Eigentum auf eine ganz andere Weise zu ordnen. Genau wie im Kapitalismus können Menschen Konsumgüter besitzen. Allerdings sind Produktionsmittel im Sozialismus kollektives Eigentum. Keine einzelne Person kann die Maschinen und andere Ressourcen besitzen, die zur Produktion von Konsumgütern benutzt werden. Die Menschheit besitzt sie sozusagen. Wenn Menschen die Produktionsmittel nutzen, können sie dies nur als Verwalter der Gemeinschaft tun.

Ökonomische Gesetze garantieren, dass die Sozialisierung der Produktionsmittel stets wirtschaftlich und soziologisch schädliche Auswirkungen haben wird. Das sozialistische Experiment wird langfristig immer scheitern.

Erstens führt der Sozialismus zu weniger Investitionen, weniger Ersparnissen und zu einem niedrigeren Lebensstandard. Wenn der Sozialismus eingeführt wird, muss das Eigentum neu verteilt werden. Die Produktionsmittel werden den heutigen Nutzern und Produzenten weggenommen und an die Gemeinschaft übergeben. Auch wenn die Eigentümer und Benutzer der Produktionsmittel sie im gegenseitigen Einvernehmen erworben haben, werden sie an Personen weitergegeben, denen sie vorher nicht gehörten.

In diesem System werden die ursprünglichen Besitzer zu Gunsten der neuen Besitzer bestraft. Die Nicht-Nutzer, Nicht-Produzenten und Nicht-Vertragsnehmer von Produktionsmitteln werden begünstigt, indem sie – betreffend das Eigentum, das sie bisher nicht genutzt, produziert oder zur Nutzung überlassen haben – in den Rang eines Verwalters erhoben werden. Dadurch steigt das Einkommen für den Nicht-Nutzer, Nicht-Produzenten und Nicht-Vertragsnehmer. Das Gleiche gilt für den Nicht-Sparer, der auf Kosten des Sparers profitiert, von dem das gesparte Vermögen beschlagnahmt wird.

Wenn der Sozialismus also den Nicht-Nutzer, den Nicht-Produzenten, den Nicht-Vertragsnehmer und den Nicht-Sparer begünstigt, erhöht er eindeutig die Kosten, die von den Nutzern, Produzenten, Auftragnehmern und Sparern getragen werden müssen. Es ist leicht zu verstehen, warum es deshalb weniger Menschen in den letztgenannten Rollen geben wird. Es werden weniger natürliche Ressourcen gefördert, weniger neue Produktionsmittel geschaffen und weniger Verträge geschlossen. Die Vorbereitung auf die Zukunft wird schlechter sein, da die Investitionsmöglichkeiten aller Beteiligten versiegen. Es wird weniger gespart, weniger gearbeitet und mehr verbraucht.

Dies führt zu weniger Konsumgütern, die zum Tausch zur Verfügung stehen, was den Lebensstandard aller reduziert. Wenn die Menschen bereit sind, das Risiko einzugehen, werden sie auf den Schwarzmarkt gehen, um diesen Verlusten zu entgehen.

Zweitens führt der Sozialismus zu Ineffizienzen, Engpässen und enormer Verschwendung. Das ist die Erkenntnis von Ludwig von Mises, der entdeckte, dass rationales, ökonomisches Kalkül im Sozialismus unmöglich ist. Er zeigte, dass Investitionsgüter im Sozialismus bestenfalls für die Produktion von zweitrangigen Bedürfnissen, schlimmstenfalls für eine Produktion, die überhaupt keinen Bedarf deckt, verwendet werden.

Diese Erkenntnis von Mises ist einfach, aber äußerst wichtig: Weil Produktionsmittel im Sozialismus nicht verkauft werden können, gibt es für sie keine Marktpreise. Der sozialistische Aufseher kann die monetären Kosten für die Nutzung der Ressourcen oder für Veränderungen während der Dauer von Produktionsprozessen nicht ermitteln. Er kann diese Kosten auch nicht mit den monetären Erträgen aus dem Verkauf vergleichen. Er darf keine Angebote von anderen annehmen, die seine Produktionsmittel nutzen wollen, sodass er nicht wissen kann, welche seine alternativen Möglichkeiten sind. Ohne die alternativen Möglichkeiten zu kennen, kann er seine Opportunitätskosten nicht ermitteln. Er kann nicht wissen, ob die Art und Weise, wie er produziert, effizient oder ineffizient, begehrt oder unerwünscht, rational oder irrational ist. Er kann nicht einmal wissen, ob er dringende oder nicht dringende Bedürfnisse der Verbraucher befriedigt.

Im Kapitalismus liefern Geldpreise und freie Märkte diese Informationen an den Produzenten. Im Sozialismus aber gibt es keine Preise für Investitionsgüter und keine Möglichkeiten zum Austausch. Der Produzent steht im Dunkeln. Und weil er den Status seiner aktuellen Produktionsstrategie nicht kennen kann, kann er nicht wissen, wie er sie verbessern kann. Je weniger Produzenten in der Lage sind, zu kalkulieren und Verbesserungen vorzunehmen, desto wahrscheinlicher werden Ineffizienzen und Engpässe. In einer Wirtschaft, in der die Nachfrage für seine Produkte sehr groß ist, ist das Dilemma des Herstellers noch größer. Es ist offensichtlich: Wenn es keine rationale, ökonomische Kalkulation gibt, wird die Gesellschaft in einer sich immer weiter verschärfenden Verarmung versinken.

Drittens führt der Sozialismus zu einer Übernutzung von Produktionsfaktoren, bis sie verfallen und zerstört werden. Ein privater Eigentümer im Kapitalismus hat das Recht, seine Produktionsmittel jederzeit zu verkaufen und die aus dem Verkauf resultierenden Einnahmen zu behalten. Es ist also zu seinem Vorteil, eine Absenkung des Kapitalwertes zu vermeiden. Weil das Produkt ihm gehört, ist es sein Ziel, dessen Wert zu maximieren, da er für die Herstellung der von ihm verkauften Waren und Dienstleistungen verantwortlich ist.

Der Status des sozialistischen Produzenten ist völlig anders. Er kann seine Produktionsfaktoren nicht verkaufen, sodass er wenig oder gar keinen Anreiz hat, sicherzustellen, dass sie ihren Wert behalten. Sein Ansporn wird stattdessen darin bestehen, die Produktion ohne Rücksicht auf den schwindenden Wert der Produktionsfaktoren zu erhöhen. Es besteht auch die Möglichkeit, dass der Verwalter, wenn er die Möglichkeit wahrnimmt, die Produktionsmittel für private Zwecke zu nutzen, wie z.B. die Herstellung von Waren für den Schwarzmarkt, ermutigt wird, die Produktion auf Kosten des Kapitalwertes zu erhöhen. Unabhängig davon, wie man es sieht, werden die Produzenten im Sozialismus ohne Privateigentum und freie Märkte geneigt sein, Kapitalwerte zu konsumieren, indem sie sie übermäßig nutzen. Dieser Kapitalverbrauch führt zu Verarmung.

Viertens führt der Sozialismus zu einer Verringerung der Qualität der für den Verbraucher verfügbaren Waren und Dienstleistungen. Im Kapitalismus kann ein einzelner Geschäftsmann sein Unternehmen nur dann erhalten und erweitern, wenn er mindestens die Kosten seiner Produktion einnimmt. Und da die Nachfrage nach den Produkten des Unternehmens von der Bewertung von Preis und Qualität durch die Verbraucher abhängt (Preis ist ein Qualitätskriterium), muss die Qualität seines Produktes ein ständiges Anliegen der Produzenten sein. Dies ist nur mit Privateigentum und Markttausch möglich.

Im Sozialismus ist die Situation völlig anders. Nicht nur die Produktionsmittel sind im gemeinsamen Besitz, sondern auch die Einnahmen aus dem Verkauf der Produktion. Dies ist eine weitere Möglichkeit zu sagen, dass das Einkommen des Produzenten wenig oder in gar keinen Zusammenhang mit der Bewertung seiner Arbeit vonseiten des Verbrauchers steht. Diese Tatsache ist natürlich jedem Hersteller bekannt.

Der Hersteller hat deshalb keinen Grund, besondere Anstrengungen zur Verbesserung der Qualität seines Produkts zu unternehmen. Stattdessen wird er relativ wenig Zeit und Mühe darauf verwenden, das zu produzieren, was die Verbraucher wollen, und mehr Zeit damit verbringen, das zu tun, was er will. Der Sozialismus ist ein System, das den Produzenten dazu anregt, faul zu sein.

Fünftens führt der Sozialismus zur Politisierung der Gesellschaft. Kaum etwas kann schlimmer für das Erlangen von Wohlstand sein. Der Sozialismus, zumindest seine marxistische Version, sagt, sein Ziel sei die völlige Gleichheit. Die Marxisten stellten fest, dass, wenn man Privatbesitz an Produktionsmitteln zulässt, man auch Unterschiede zulässt. Wenn ich Ressource A besitze, dann kannst du sie nicht besitzen und unsere Beziehung zur Ressource A ist unterschiedlich. Indem man das Privateigentum an den Produktionsmitteln mit einem Schlag abschafft, sagen die Marxisten, wird jeder Besitzer von allem. Dies spiegele den gleichen Stand aller als Mensch wider.

Die Realität ist ganz anders. Jeden zum Miteigentümer von allem zu erklären, löst nur nominell die Unterschiede in der Eigenverantwortung. Es löst nicht das eigentliche Grundproblem: Es gibt nach wie vor Unterschiede in der Befugnis, zu entscheiden, was mit Ressourcen gemacht wird.

Im Kapitalismus kann die Person, die eine Ressource besitzt, auch kontrollieren, was mit ihr gemacht wird. In einer sozialisierten Wirtschaft trifft dies nicht zu, weil es keinen Besitzer mehr gibt. Dennoch bleibt das Problem der Kontrolle bestehen. Wer wird entscheiden, was womit gemacht wird? Im Sozialismus gibt es nur einen Weg: Die Menschen lösen ihre Meinungsverschiedenheiten über die Kontrolle des Eigentums, indem sie einen Willen über den anderen heben. Solange es Unterschiede gibt, werden die Menschen sie mit politischen Mitteln lösen.

Wenn Menschen ihr Einkommen im Sozialismus verbessern wollen, müssen sie sich auf eine höherwertige Position in der Hierarchie des Staates hinbewegen. Das erfordert politisches Talent. Unter einem solchen System müssen die Menschen weniger Zeit und Mühe damit verbringen, ihre produktiven Fähigkeiten zu entwickeln, und mehr Zeit und Mühe investieren, um ihre politischen Fähigkeiten zu verbessern.

Während sich die Menschen von ihren Rollen als Produzenten und Nutzer von Ressourcen lösen, stellen wir fest, dass sich ihre Persönlichkeiten verändern. Sie erhöhen nicht mehr die Fähigkeit, Knappheitssituationen zu erkennen, produktive Chancen zu nutzen, technologische Möglichkeiten zu erkennen, Veränderungen in der Verbrauchernachfrage zu antizipieren und Marketingstrategien zu entwickeln. Sie müssen nicht mehr in der Lage sein, die Bedürfnisse anderer zu erkennen, und darauf zu reagieren.

Stattdessen entwickeln Menschen die Fähigkeit, durch Überzeugungsarbeit, Demagogie und Intrigen, durch Versprechungen, Bestechungsgelder und Drohungen zu gewinnen. Im Sozialismus steigen andere Menschen an die Spitze als im Kapitalismus. Je höher man in der sozialistischen Hierarchie aufsteigt, desto mehr wird man Menschen finden, die zu inkompetent sind, um die Arbeit zu verrichten, die sie verrichten sollen. Es ist kein Hindernis in der Karriere eines Politikers, dumm, träge, ineffizient und unbedacht zu sein. Er braucht nur überlegene politische Fähigkeiten. Auch das trägt zur Verarmung der Gesellschaft bei.

Die Vereinigten Staaten sind nicht vollständig sozialisiert, aber wir sehen bereits die katastrophalen Auswirkungen einer politisierten Gesellschaft, da unsere eigenen Politiker weiterhin in die Rechte von Privatbesitzern eingreifen. Alle verarmenden Auswirkungen des Sozialismus sind bei uns in den USA zu spüren: reduzierte Investitionen und Einsparungen, die Fehlverteilung von Ressourcen, die Übernutzung und Zerstörung von Produktionsfaktoren, sowie die geringere Qualität von Produkten und Dienstleistungen. Und das ist nur der Vorgeschmack auf das Leben im totalen Sozialismus.

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Aus dem Englischen übersetzt von Martin Ziegner. Der Originalbeitrag mit dem Titel Why Socialism Must Fail ist am 8.7.2019 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe, Philosoph und Volkswirt, ist einer der führenden Vertreter der Österreichischen Schule der Ökonomie und zählt zu den bedeutendsten Sozialwissenschaftlern der Gegenwart. Er lehrte von 1986 bis zu seiner Emeritierung 2008 an der University of Nevada, Las Vegas, USA. Er ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama, USA, und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Hoppe lehrt und hält Vorträge weltweit. Seine Schriften sind in 30 Sprachen übersetzt worden. Er ist Gründer und Präsident der Property and Freedom Society und lebt heute als Privatgelehrter in Istanbul. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Die Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung“, „Eigentum, Anarchie und Staat“, „A Theory of Socialism and Capitalism“, „The Economics and Ethics of Private Property“, „The Myth of National Defense“, „Demokratie. Der Gott, der keiner ist.“, „Der Wettbewerb der Gauner“, „The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline“, „From Aristocracy to Monarchy to Democracy“ und „A Short History of Man: Progress and Decline“. Weitere Informationen auf www.hanshoppe.com und www.propertyandfreedom.org.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © W.Scott McGill – Fotolia.com

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