Umverteilung ist ungerecht

8. Mai 2019 – Nachfolgend veröffentlichen wir einen Auszug aus dem Buch „Unglaubliche Welt: Etatismus und individuelle Freiheit im Dialog“ von Rainer Fassnacht.

In Anlehnung an einen platonischen Dialog stellt das Buch ein fiktives Gespräch zwischen zwei Gesprächspartnern dar, welches die heutige, etatistisch geprägte Weltanschauung mit einer Weltanschauung kontrastiert, der jede Form des Kollektivismus fremd ist. Die Dialogpartner sind Nea, eine Frau aus der „neuen“ und Avi, ein Mann aus der „alten“ etatistischen Welt.

In Form des Dialoges zwischen Nea und Avi werden folgende Themen besprochen: Macht, Gerechtigkeit, Staatsgewalt und Diskriminierung, Solidarität und Verantwortung, Recht und Gesetz, Meinungsfreiheit, Migration, Wirtschaftsmacht und Haftung, Umwelt, Bildung und Kultur, Interessen.

Für die nachfolgende Veröffentlichung wurde das Thema „Gerechtigkeit“ gewählt.

Der Autor Rainer Fassnacht lebt in Berlin. Verschiedene berufliche Stationen im Anschluss an eine kaufmännische Ausbildung und ein Wirtschaftsstudium führten ihn nach Hannover, München, Ludwigshafen, Saarbrücken, Köln, Potsdam und Bonn. Heute setzt er sich mit seinen Publikationen für die Bewahrung der individuellen Freiheit ein.

*****

Rainer Fassnacht

N Du fragst mich, warum ich ein System unsozial finde, indem Einrichtungen auch für jene da sind, die kein Geld dafür zahlen können? Deine Frage zeigt ein Missverständnis. Ich finde es gut, wenn es Einrichtungen gibt, die von allen Menschen, armen und reichen gleichermaßen genutzt werden können.

Auch bei uns in der neuen Welt gibt es solche Einrichtungen. Der Unterschied ist nicht, ob es solche Einrichtungen gibt, sondern wie diese initiiert und finanziert werden. Ich kann das später noch etwas genauer erklären. Aber erst möchte ich noch etwas über die verschwundene, alte Welt erfahren:

Was ist für Dich Gerechtigkeit bzw. was war damals für die Menschen Gerechtigkeit?

A Puuh, was ist das denn für eine Frage? Es ist doch wohl offensichtlich! Für mich und viele andere Menschen in der alten Welt ist die Gesellschaft gerecht, wenn es wenig Ungleichheit gibt. Wenn ein Mensch in einer großen Luxusvilla mit Blick auf das Meer lebt und andere beengt und teuer in einem vergammelten Altbau mit Blick auf die Mauer des Hochhauses nebenan, ist das nicht gerecht.

N Moment, lass mich nachfragen:

Nehmen wir an, der Mensch in der Villa hat etwas Tolles erfunden, etwas das vielen hilft und von Millionen Menschen weltweit genutzt wird. Er hat mit einer Idee angefangen und heute eine große Firma. Er hat Arbeitsplätze geschaffen, Löhne gezahlt und damit auch anderen Menschen ein besseres Leben ermöglicht. Daher hat er mehr Geld als andere Menschen und wohnt nun in seiner Villa am Meer.

Warum findest Du es ungerecht, dass dieser Mensch besser wohnt als andere?

A Weil jeder Mensch gleich ist! Auch wenn dieser Unternehmer gutes für die Menschheit getan hat, das Geld, was er zu viel hat, haben andere zu wenig. Also wäre es gerechter, wenn er von seinem Reichtum etwas an die armen Menschen abgibt.

N Manomann, ich werde die Überzeugungen der Menschen in der alten Welt wohl nie verstehen. Aber vielleicht muss ich einfach mehr nachfragen. Du sagst, alle Menschen sind gleich. Aber das Beispiel zeigt doch, dass es Unterschiede gibt. Der eine Mensch ist innovativ und mutig, der andere nicht.

Oder schau Dich um: Manche sind groß, manche sind klein. Einige sind dick, andere dünn. Es gibt Frauen und Männer, Menschen mit schwarzer oder weißer Haut. Glatzköpfe sind ebenso zu finden wie Lockenköpfe und so weiter.

Menschen sind nicht gleich! Und sogar mit dem Einsatz von Gewalt, Macht und Zwang ist es unmöglich, Menschen gleich zu machen.

Selbst wenn ich alle in ein großes Gefängnis stecke, jedem die gleiche Kleidung anziehe und allen das gleiche zu essen und zu trinken gebe, bleibt es bei Ungleichheiten.

Einerseits gibt es weiterhin Unterschiede zwischen den Gefangenen. Trotz der gleichen Kleidung sieht man sofort die Unterschiede in Größe, Form, Haarpracht usw. Andererseits gibt’s Unterschiede zwischen den Gefangenen und ihren Wärtern.

Die Wärter, jene die für die Gleichheit im Gefängnis sorgen, tragen andere Kleidung, essen und trinken anderes, können sich auch außerhalb des Gefängnisses bewegen und vieles mehr.

Ich glaube, Ungleichheit ist normal. Die gesamte Evolution funktioniert nur, weil es Unterschiede gibt. Unterschiede sind unentbehrlich – auch im alltäglichen Zusammenspiel der Menschen.

Wie konntet ihr allen Ernstes glauben, dass alle Menschen gleich wären? Hattet ihr keine Augen im Kopf, um die Unterschiede zu sehen. Keine Nase im Gesicht, um die Unterschiede zu riechen. Keine Ohren, um Unterschiede zu hören. Wart ihr komplett von Sinnen?

A Jetzt mal nicht unverschämt werden! Warum bitte soll der Mensch mit seinem unglaublichen Reichtum nicht etwas abgeben? Wo ist das Problem?

N Gut, ich schüttle zwar den Kopf, aber versuche es nochmal anders zu erklären. Erstmal ist zu berücksichtigen, dass ein großer Teil des Reichtums in Maschinen, Gebäuden, Lagerbeständen und ähnlichem gebunden ist.

Von dem wirklich verfügbaren Geld kann der reiche Mensch natürlich etwas abgeben. Aber gerecht ist das nur, wenn er dies freiwillig tut. Und genau das passiert bei uns in der neuen Welt.

A Warum soll es bitteschön ungerecht sein, wenn der Staat dem Reichen nimmt und dem Armen gibt? Es kommt doch auf das Gleiche raus, ob der Staat mit Zwang nimmt oder der Reiche freiwillig gibt.

N Nein, eben nicht! Wenn der Staat umverteilt, haben am Ende alle zusammen weniger. Bei der freiwilligen Umverteilung passiert das nicht.

A Wieso das denn? In beiden Fällen passiert doch genau das gleiche!

N OK, kaum zu glauben wie schwer es ist, die neue Welt mit dem Blick der alten, und die alte mit dem Blick der neuen Welt zu verstehen – Wahnsinn.

Also, lass mich versuchen, zu erklären. Es gibt nicht nur einen, sondern mehrere Unterschiede zwischen freiwillig Geben und unfreiwillig Geben bzw. zwangsweise abgenommen zu bekommen:

Erstens kann der freiwillige Geber sich selbst entscheiden, wofür er gibt. Bei der Umverteilung durch den Staat übernehmen das andere. Das ist ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht. Ich erinnere mich, eure Steuern sind nicht zweckgebunden, die Politik könnte also auch entscheiden, das Geld für Bomben auszugeben.

Zweitens erreicht der freiwillige Geber die Empfänger direkt, er kann zum Beispiel ein schönes, neues Haus für die Menschen im vergammelten Haus bauen lassen.

Der Staat muss einen Teil des Geldes abzweigen, weil die Politiker und Beamten bezahlt werden müssen, Räume benötigen und vieles mehr. Für den Bau des Hauses (sofern das überhaupt gemacht würde) ist dadurch weniger übrig.

Drittens motiviert ‚freiwillig geben‘ dazu, mehr zu tun, besonders wenn man den Erfolg der Hilfe sieht. Zwangsweise Zahlungen haben den gegenteiligen Effekt. Niemand lässt sich gern etwas wegnehmen. Besonders demotivierend ist es dann, wenn das Geld auch noch unsinnig ausgegeben wird.

Viertens muss der freiwillige Geber mit den Preisen leben, die sich im Markt ergeben. Er hat keine Macht (keine Möglichkeit, Zwang anzuwenden). Der Staat hat Macht und kann damit Preise beeinflussen – das hat aber unvorhersehbare Folgen.

A Sorry, Nea, dass musst Du genauer erklären!

N Mit dem Blick der alten Welt ist dieser vierte Punkt vermutlich schwer zu verstehen. Daher ein Beispiel um es klarer zu machen:

Der Staat möchte den Armen helfen und halbiert die Mieten. Er verändert damit willkürlich einen Preis.

Die Kosten für den Bau von Mietshäusern sind aber stabil geblieben oder sogar gestiegen. Was passiert? Es gibt plötzlich keine neuen Mietwohnungen mehr.

Das ist bestimmt auch für Dich logisch. Also muss der Staat selbst bauen, um dann billig vermieten zu können. Da die Kosten aber höher sind als die Mieten, entsteht ein Defizit und darum müssen die Steuern erhöht werden. Der gute Wille des Staates hat zu schlechten Folgen für alle Steuerzahler geführt.

Wenn ein privater Wohltäter Wohnungen für ärmere Menschen baut, verändert er den Preis nicht. Es gibt also tatsächlich mehr Wohnungen, ohne negative Folgen für andere Menschen.

Ich hoffe dieses Beispiel zeigt, dass es gewaltige Unterschiede zwischen freiwillig geben einerseits und mit Zwang umverteilen andererseits gibt.

Das hat mit Gerechtigkeit zu tun! Für uns in der neuen Welt ist nur das gerecht, was ohne den Einsatz von Gewalt, Macht und Zwang zustande kommt.

Gerecht ist nur das, was einem Menschen nützt, ohne einem anderen zu schaden. Das geht nur von Mensch zu Mensch. Daher ist staatliche Umverteilung immer ungerecht.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © thecaption9999 – Fotolia.com

Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Start typing and press Enter to search