Wie man die Staatsschulden loswird – ein Schriftwechsel

22. März 2019 – Nachfolgend veröffentlichen wir eine Mail-Anfrage an Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Ludwig von Mises Institut Deutschland, sowie seine Antwort darauf. Der Fragesteller hatte auf Youtube einen Auftritt des Kabarettisten Volker Pispers gesehen, in dem es um das Thema „Geld und Schulden“ ging – konkret ging es bei der Frage um den Vorschlag Pispers, wie sich das Problem der Staatsverschuldung sehr einfach lösen ließe. Das Video finden Sie hier, besagte Stelle ab min. 5:44.

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Sehr geehrter Professor Hülsmann!

Ich interessiere mich seit Jahren für ökonomische Bildung, für den Liberalismus und insbesondere auch für die Austrian Economics. […] Mit großen Interesse lese ich Ihr Buch über die Inflationskultur und habe auch schon einige Ihrer Vorträge auf Video angeschaut.

Die Komplexität der (Finanz-)Wirtschaft führt jedoch immer noch zu nicht geklärten Fragen und der wirklich Durchblick ist vermutlich noch lange nicht erreicht. Eine konkrete Frage, die mich umtreibt und zu der ich kurzfristig keine Antworten gefunden habe, hängt mit einer These zusammen, wie sie u.a. der Kabarettist Volker Pispers vertreten hat. Dass nämlich die Staatsverschuldung ganz einfach aufzulösen sei, da das durchschnittliche Barvermögen der Deutschen 60.000 Euro pro Kopf betrage, die Pro-Kopf-Verschuldung aber „nur“ 25.000 Euro.

Wenn nun diejenigen mit viel Barvermögen (1 Million Euro aufwärts) einen Teil davon über einen bestimmten Zeitraum abgeben würden (ohne dass ihnen das viel wehtun würde) dann wären die (expliziten) Staatsschulden von Deutschland abgebaut und wir könnten alle nochmal von vorne anfangen. So die Argumentation. Es geht um Barvermögen, nicht um angelegtes Geld. Die moralische Frage der Enteignung eines Teils von Barvermögen wohlhabender Bürger lassen wir mal außen vor. Mir geht es um den ökonomisch-pragmatischen Teil.

Insofern Sie Zeit und Gelegenheit haben, mir ein paar Zeilen zu antworten, würde ich mich über eine Klärung freuen (inwieweit Pispers hier Recht hat oder nicht) bzw. auch vielleicht über einen Literaturtipp zum Thema öffentliche Schulden und welche Lösungsansätze hier funktionieren können und welche nicht.

Mit den besten Wünschen und mit Grüßen

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Hier die Antwort von Jörg Guido Hülsmann:

Lieber Herr …,

meine Studenten stellen sich ähnliche Fragen, also nehme ich mir die Zeit und werde meine nachfolgende Antwort im Internet veröffentlichen, natürlich ohne Sie namentlich zu nennen.

Zunächst einmal ich glaube nicht, dass die von Ihnen (und Herrn Pispers) angenommene Zahl ganz richtig ist. Grund ist wahrscheinlich der irreführende deutschsprachige Ausdruck des Geldvermögens. Es handelt sich dabei mitnichten nur um Bargeld, sondern um die Gesamheit aller verbrieften Ansprüche (Aktien, Forderungen an Kunden, Staatsanleihen usw.), abzüglich der Verbindlichkeiten des betreffenden Haushalts bzw. der Nation.

Richtig ist, dass die Deutschen (Privathaushalte, Firmen und öffentliche Hand) einen großen Teil ihres Geldvermögens in Bar bzw. sehr bargeldnah (Sparkonten) halten, insgesamt etwa 2,5 Billionen €, macht also etwa 30.000 € pro Kopf. Die öffentlichen Schulden (im Sinne der Maastricht-Kriterien) betragen pro Kopf der Bevölkerung etwa 20.000 €, hinzu kommen private pro-Kopf-Schulden von etwa 6.000 €. Hinzu kommen auch noch alle anderen staatliche Zahlungsverpflichungen (Kreditgarantien, Bezüge der Beamten uvam.), die vom Maastrichter Vertrag nicht berücksichtigt werden.

Zum in Frage stehenden Plan:

Bargeldsparen ist eine “populäre” Sparform. Reiche Leute dagegen halten relativ wenig Bargeld. Sicherlich gibt es eine Reihe von Menschen, die 1 Million € auf dem Konto liegen haben. Vielleicht gibt es in Deutschland ja 100.000 Leute dieser Art (eine Zahl, die sicherlich zu hoch liegt, aber es geht ja nur um ein Gedankenspiel). Dann würde eine 100-prozentige Besteuerung dieser Barbestände 100 Milliarden bringen, eine schöne Summe, aber keineswegs ausreichend, um mit blanker Weste wieder von vorne zu starten.

Hinzu kommen zwei andere grundlegende Probleme rein praktischer Art.

Zum einen sind gerade reiche Leute sehr mobil. Sobald solche Pläne nicht nur von Spaßvögeln wie Herrn Pispers, sondern ganz ernsthaft auch von maßgeblichen Politikern erörtert werden, können sie sicher sein, dass reiche Leute ihr Geld ins Ausland bringen und zur Not auch auf die deutsche Staatsbürgerschaft verzichten.

Zum anderen fällt das große Barvermögen der Deutschen nicht vom Himmel, sondern ist Ausdruck ihrer (kulturbedingten) Präferenzen. Wenn man also Bargeld besteuerte, käme es keineswegs dazu, daß einfach nur das Bargeld von privater Hand in die öffentliche Hand wechselte und sonst alles beim alten bliebe. Vielmehr würden die Sparer dann ihre verbleibenden Vermögensbestände umschichten. Sie würden Aktien, Schatzbriefe, Immobilien u.a. verkaufen, um wieder zu der gewünschten Proportion von Bargeld zu gelangen. Das aber würde bedeuten, daß entweder (1) die Aktien- und Immobilienmärkte massiv einbrechen würden oder aber (2) Aktien und Immobilien in die Hände vermögender Bürger oder in die Hände von Ausländern gerieten.

Die Beschlagnahmung der Barbestände würde also auf eine große Umverteilung von unten nach oben hinauslaufen. Unter- und Mittelschicht würde verlieren. Staat, vermögende Leute und ausländische Investoren wären die Gewinner.

Abschließend noch eine andere Erwägung: Warum sollte es überhaupt ein vorrangiges Ziel sein, die öffentlichen Schulden abzubauen?

Aus Sicht der Politiker und der Nutznießer staatlicher Ausgaben sind die Vorteile offensichtlich. Aber aus Sicht der Steuerzahler und Sparer sieht die Sache ganz anders aus. Denn ein stark verschuldeter Staat muß zumindest einen Teil seiner Mittel an die Sparer in Form von Zins und Tilgung zurückreichen. Es bleibt also weniger Geld für Stimmenkauf und Verschwendung durch die staatliche Ausgabenwirtschaft. Wenn der Staat so hoch verschuldet wäre, dass der gesamte Haushalt auf den Schuldendienst verwendet werden müsste, dann würden alle Steuergelder umgehend an die Privatwirtschaft zurückfliessen und der Staat wäre handlungsunfähig. Mit anderen Worten: ein durch hohe Verschuldung verengter Staatshaushalt darf nicht nur als Problem angesehen werden; vielmehr führt gerade diese Enge dazu, daß der Staat schon aus Eigeninteresse weitere Schulden vermeidet, um überhaupt noch handlungsfähig zu bleiben. Der Etatismus wird mithin in gewisse Schranken gewiesen.

Mit freundlichen Grüßen,
Guido Hülsmann

Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Senior Fellow des Ludwig von Mises Instituts in Auburn, Alabama. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie für Wissenschaften und Künste sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Zu seinen umfangreichen Interessen- und Forschungsgebieten zählen Geld-, Kapital- und Wachstumstheorie. Er ist Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises: The Last Knight of Liberalism» (2007). Zuletzt erschienen «Krise der Inflationskultur» (2013).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto-Startseite: © Herby – Fotolia.com

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