Finanzialisierung: Zentralbanken und das Fiat-Geld

19. März 2019 – von Eric Weinhandl

In der Literatur ist seit geraumer Zeit der Begriff „Finanzialisierung“ zu finden. Er wird vor allem von (neo-)marxistischen beziehungsweise post- und neokeynesianischen Denkern verwendet und spiegelt ihre Einschätzungen über Kapitalismus, Neoliberalismus und Globalisierung wider. Sie verstehen unter „Finanzialisierung“ die systemische „Transformation des Kapitalismus“ und eine  „Verlagerung vom Industrie- zum Finanzkapitalismus“, die Nebenwirkungen sind Globalisierung, Unternehmensverhalten nach Shareholder-Interessen und Einbeziehung von immer mehr Menschen in das Finanzmarktgeschehen.

Die Finanzialisierung wird intensiv diskutiert, in den Sozialwissenschaften und auch in der Anthropologie. Was dabei jedoch auffällig ist: Grundlegende ökonomische Aspekte wie Geld, Zentralbanken, „Geldschöpfung aus dem Nichts“, Schulden und die Folgen für die gesellschaftlichen Machtverhältnisse bleiben dabei meist im Dunkeln. Besonders hervorzuheben ist, dass dabei die Rolle von Staaten und Regierungen und ihre Abhängigkeit von Zentralbanken und dem von ihnen verursachten „Moral Hazard“, also den „moralischen Wagnissen“, ausgeblendet sind.

Die links-kollektivistisch geprägte Theoretisierung zur „Finanzialisierung“ ist daher einseitig, sie vernachlässigt die Erkenntnisbeiträge anderer ökonomischer Theorieanstätze – wie insbesondere die Erkenntnisse, die die Österreichische Schule bereithält. Gerade sie liefert jedoch aufschlussreiche Erklärungen zur Rolle des Staates und den Einfluss der Zentralbanken auf die Gestaltung des Geldsystems im Rahmen der Finanzialisierung sowie auch und zu grundsätzlichen strukturellen ökonomischen Veränderungen.

Die herrschende Meinung ist, die Finanzkrise 2008/2009 war ein systemtaischer Kollaps des Finanzsystems, ausgelöst durch unregulierte Märkte, hochrisikoreiche Produkte und die Gier der Banken und privaten Investoren. Das „Platzen der Blase“ hatte – das steht außer Frage – einen großen negativen Einfluss auf die Weltwirtschaft. Es kam zu erheblichen Produktions – und Beschäftigungsverlusten in vielen Ländern rund um den Globus. Doch was waren die tatsächlichen Ursachen?

Marxistische Autoren deuten die Krise als Scheitern des Neoliberalismus, als „letzte Stufe des Kapitalismus“. Aus der Sicht der Österreichischen Schule zeigt sich allerdings, dass insbesondere die Geldpolitik der Zentralbanken den Boden für die Krise bereitet hat. So gesehen handelte es sich nicht um das „Endstadium des Kapitalismus“ oder um die Schuld der „freien Märkte“, sondern die Schuldigen waren die Zentralbanken. Schließlich gibt es heute kaum mehr einen Markt, in dem nicht die Folgen der Zentralbankinterventionen spürbar wären.

Moral Hazard und Zentralbanken

Beispiel Fed. Sie verfügt über ein Monopol auf die Geldschöpfung, und sie kontrolliert mittels ihres Leitzinses de facto alle Zinsen für Kredite und Darlehen. Geldmenge und Leitzins sind mächtige Instrumente, um die wirtschaftliche Entwicklung durch In- bzw. Deflation zu beeinflussen. Das wiederum hat unmittelbare Auswirkungen auf die wirtschaftlichen und damit auch auf die gesellschaftlichen-sozialen Beziehungen zwischen den Menschen. Diese Einsicht führt zu grundlegenden Fragen. Der Libertäre Jeff Deist verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff „Financial Engineering“.

Deist spricht mit Blick auf die Fed von Financial Engineering: Die Fed verursacht mit ihrer Geldpolitik Verzerrungen, die das Handeln der Menschen in die Irre leitet. Darüber hinaus agiert die Fed zudem auch als sogenannter „Lender of last Resort“, da sie Kredite für finanzielle Institutionen bereitstellt, die sich am Markt nicht mehr finanzieren könnten. Die „Lender of last Resort“-Politik führt zwar zu einer Linderung in einer Krisensituation, aber sie erhöht dadurch die Wahrscheinlichkeit für zukünftige Krisen durch eine erhöhte Risikobereitschaft durch Moral Hazard.

Vor allem auch private Haushalte geraten in den negativen Sog des Fiat-Geldsystems. Sie können sich hier meist problemlos verschulden, obwohl sie oft gar nicht in der Lage sind, ihren Schuldendienst zu leisten. Sie werden vielmehr zu Dauerschuldnern. Es kommt daher zu wachsenden Abhängigkeiten vieler Bürger von Bankkrediten. Dies erklärt eine wichtige Frage im Rahmen der Finanzialisierung, warum nämlich so viele Nicht-finanzielle Akteure in den Finanzmarkt einbezogen wurden: Sie wurden einfach dazu verführt.

In der Finanzkrise von 2008 operierte die Fed als „Lender of last Resort“. Vor allem Institutionen, die als „too big to fail“ eingestuft wurden, wurden mit frischgedrucktem Geld gerettet. Das Problem des „too big to fail“ ist jedoch nach Ansicht der Österreichischen Schule gerade auch Ergebnis der Politik der Zentralbanken. Denn sie ermutigt Banken dazu, möglichst groß zu werden und Geschäfte mit hohen Risiken einzugehen. Dadurch entsteht das Problem des Moral Hazard. Friedrich August von Hayek (1889 – 1992) hatte diese Problematik bereits früh erkannt. In seinem Buch „Monetary Nationalism and International Stability“ (1937) schreibt er:

In Abwesenheit einer Zentralbank besteht, während eines wirtschaftlichen Aufschwung, die stärkste Zurückhaltung der einzelnen Banken gegen die übermäßige Ausweitung des Kreditvolumens darin, dass ausreichend Liquidität vorhanden sein muss, um den Anforderungen einer Zeit knapper Gelder aus eigenen Mitteln gerecht zu werden.

Moral Hazard und Verschuldung

Zentralbanken halten das Monopol, Geld zu erschaffen. Sie übertragen dabei das Recht der Gelderschaffung durch Kreditvergabe an private Banken. Der US-amerikanische Anthropologe David Graeber würde hier vermutlich das perfekte Beispiel für die Verbindung zwischen Geld und Schulden erblicken: Er zeigt einen historischen und soziologischen Zusammenhang zwischen der Einführung von Geldsystemen und schuldenbasiertem Handeln, und dass beide seit jeher als Werkzeuge für Herrschaft und Zwangsgewalt verwendet werden.

Das heutige Fiat-Geld ist schuldenbasiertes Geld, der Großteil davon in Form von elektronischen Konteneinträgen. Es geht einher mit einem „Teilereservesystem“, das es mit niedrigen Mindestreserven Banken ermöglicht, ein gewaltiges Kreditvolumen aus dem Nichts zu erzeugen. Dies sorgt ebenfalls für ein Moral Hazard für Banken, da sie sie die Möglichkeit haben, de facto ungestraft Risiken eingehen und dabei prächtig Zinsen und Gebühren verdienen können. Dabei kommt es zu einer immer höheren Verschuldung. Am Ende steht die große Pleite oder die Hyperinflation.

Zentralbanken und das von ihnen verursachte Moral Hazard spielen folglich eine ganz entscheidende Rolle im Prozess der Finanzialisierung. Jeff Deist schreibt hierzu in seinem Artikel „The Undeserving Rich“:

Zentralbanken und Moral lassen sich sicherlich nicht ordentlich voneinander trennen. Wie Jörg Guido Hülsmann erklärt, beeinflussen die Handlungen der Zentralbank das Verhalten des Menschen in einer Weise, die automatisch Fragen von richtig und falsch enthält. Wenn wir die Rolle der Fed als Hauptmotor in der US-Wirtschaft akzeptieren, wie können wir ihre Rolle bei der Auswahl wirtschaftlicher Gewinner und Verlierer bestreiten? Und wie können wir bestreiten, dass menschliche Akteure auf Anreize reagieren, zum Guten und zum Schlechten?

Wenn wir uns fragen, warum der Finanzsektor und Gewinne auf ungesunde Niveaus steigen, weshalb die Ziele der Unternehmen zusehends kurzfristorientiert werden, warum nichtfinanzielle Akteure sich stärker in Finanzaktivitäten einbringen, warum die Verschuldung dramatisch steigt und warum all dies zu Ungleichheiten und unausgewogenen Einkommens- und Machtverhältnissen in der Gesellschaft führt, können wir dies klar auf die Existenz und die Rolle von Zentralbanken in der Wirtschaft, die das menschliche Verhalten direkt beeinflussen, zurückführen.

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Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Übersetzung von Financialization and the moral hazard of central banking and fiat money, am 20. Februar 2019 zuerst veröffentlicht auf der website ‚Konterrevolution‘. Zur besseren Lesbarkeit wurde auf die Veröffentlichung der Fußnoten verzichtet.

Eric Hugo Weinhandl, BA MA ist studierter Politikwissenschaftler und Entwicklungsforscher, macht derzeit an der Universität Wien seinen PhD im Bereich kritische Staatstheorie und betreibt den libertären Blog konterrevolution.at.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © Robert Kneschke – Fotolia.com

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