Preisstabilitätspolitik schadet der Volkswirtschaft

6. August 2018 – von Frank Shostak

Frank Shostak

Unter Ökonomen herrscht fast völlige Einigkeit darüber, dass die wichtigste Rolle der Zentralbank darin bestehe, Preisstabilität zu erreichen. Man geht davon aus, Preisstabilität würde das Wirtschaftswachstum und das Wohlergehen der Menschen fördern, indem sie die Effizienz der Marktmechanismen erhöhe.

So sagt der ehemalige Präsident der Federal Reserve Bank of New York, William J. McDonough,

Auf lange Sicht ist Preisstabilität der einzige nachhaltige Beitrag, den die Geldpolitik zum Wachstum leisten kann. Dies gilt für alle Länder.[1]

Mit anderen Worten: Die Stabilität des Preisniveaus ist der Schlüssel zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Aber ergibt das Sinn?

Erwartete versus unerwartete Inflation

Eine Politik der Preisstabilität – so die populäre Denkweise – erhöht die Transparenz der relativen Veränderungen der Preise von Waren und Dienstleistungen und trägt damit zu einer effizienten Ressourcenallokation bei – beispielsweise wenn man feststellt, dass die Preise für Tomaten im Vergleich zu Kartoffeln gestiegen sind. Diese relative Preiserhöhung gibt den Unternehmen Anreize, die Produktion von Tomaten gegenüber Kartoffeln zu erhöhen, indem sie mehr Tomatenzüchter anziehen. Durch die Beobachtung und die Reaktion auf Marktsignale, wie sie durch Veränderungen der relativen Preise vermittelt werden, generieren Unternehmen eine effiziente Ressourcenallokation.

Solange die Inflation – definiert als Anstieg des Preisniveaus – stabil und berechenbar ist, können die Produzenten Veränderungen der relativen Preise erkennen und so die effiziente Allokation der Ressourcen aufrechterhalten. Wenn die Inflation jedoch unerwartet ist, wird es für die Unternehmen viel schwieriger, zwischen relativen Preisänderungen und Preisänderungen, die mit der Inflation verbunden sind, d.h. Änderungen des Preisniveaus, zu unterscheiden. Dies wiederum führt zu einer Fehlallokation von Ressourcen und zum Verlust von realem Wohlstand. Daraus folgt, dass eine Zentralbankpolitik der Stabilisierung des Preisniveaus zur Förderung des wirtschaftlichen Wohlstands beitragen könne.

Preisstabilität und Deflation

Die gängige Denkweise beinhaltet, dass eine ‚Politik der Preisstabilität‘ nicht immer bedeutet, dass die Zentralbank die Inflation bekämpfen muss. Denn es ist auch Aufgabe der Zentralbank, einen starken Rückgang der Inflationsrate oder einen völligen Rückgang des allgemeinen Preisniveaus zu verhindern. Warum ist das so? Weil bei einem Rückgang des Preisniveaus, d.h. bei Deflation, Konsum- und Unternehmensausgaben in die Zukunft verschoben werden und damit die Wirtschaftstätigkeit gelähmt wird.

Zudem erhöht ein Rückgang der Inflation die Realzinsen und schwächt damit die Konjunktur weiter. Darüber hinaus führt dies zu einer weiteren Erhöhung unausgelasteter Kapazitäten und einem weiteren Druck auf das Preisniveau, da die Ausgabentätigkeit schwächer wird.

Die meisten Ökonomen sind der Ansicht, dass es für die Zentralbank viel schwieriger ist, mit Deflation umzugehen als mit Inflation.

Wenn die Inflation steigt, kann die Zentralbank sie stets durch eine straffere Geldpolitik abkühlen, was die Gesamtnachfrage schwächt. Für die Zentralbank gibt es sozusagen keine Grenze, was Zinserhöhungen betrifft. Dies gilt jedoch nicht für die Deflation. Denn das niedrigste Niveau, das die Zentralbank erreichen kann, ist die Nullzinsebene.

Nehmen wir zum Beispiel an, die Fed wäre hinsichtlich Ihrer Politik zum Schluss gekommen, die Realzinsen müssten zur Belebung der Wirtschaft auf einen negativen Wert abgesenkt werden.

Allerdings ist dies ist nicht immer möglich, so das Argument, wenn die Nominal- oder Marktzinsen auf einem Nullniveau liegen.

Wenn also das Tempo der Deflation 1 Prozent beträgt, d.h. die Wachstumsrate des Preisniveaus bei minus 1 Prozent liegt, beträgt der Realzins +1 Prozent (gemäß der akzeptierten Ansicht, dass Nominalzinssatz = Realzinssatz + % Änderung des Preisniveaus folgt, dass 0 % = 1 % + (minus 1 %).

Um die Realzinsen auf minus 0,5 Prozent zu senken, müsste die Zentralbank die Nominalzinsen auf minus 1,5 Prozent senken, d.h. minus 1,5 %= minus 0,5 % + (minus 1 %). Offensichtlich kann dies nicht funktionieren, denn niemand würde Geld im Gegenzug für negative Zinssätze verleihen.

Auch wenn die Inflationsrate sehr niedrig ist, kann dies zu Problemen führen. Angenommen, die Inflation ist aufgrund der schwachen Gesamtnachfrage von 2 Prozent auf 1 Prozent gesunken. Innerhalb dieses Rahmens kann die Zentralbank nur einen realen Zinssatz von minus 1 %, d.h. 0 % = minus 1 % + 1 %, anstreben. Ein niedrigerer Realzins kann nicht angestrebt werden, da dies bedeuten würde, den Nominalzins unter null zu setzen.

Wenn sich die Wirtschaft weiter abschwächt und die Inflation auf 0,5 Prozent sinkt, wird es der Zentralbank nicht möglich sein, die Realzinsen auf unter minus 0,5 Prozent zu senken, d.h., 0 % = minus 0,5 % + 0,5 %

Aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet verringert Deflation oder niedrige Inflation die Flexibilität der Zentralbank bei der Wiederbelebung der Wirtschaft. Daher muss die Politik der Preisstabilität auf ein bestimmtes Inflationsniveau abzielen, das der Zentralbank den erforderlichen Spielraum gibt, die Wirtschaft auf dem Wachstumspfad des wirtschaftlichen Wohlstands zu halten und zu verhindern, dass sie jemals in ein deflationäres, schwarzes Loch fällt.

Wie hoch also sollte diese Inflationsrate sein? Einige Experten sind der Meinung, dass 2 bis 3 Prozent die beste Zielrate sei. Andere wiederum sind der Meinung, die Spanne solle zwischen 1 und 2 Prozent liegen.

Das Wesentliche dabei ist, dass eine gewisse Inflation notwendig ist, um wirtschaftlichen Wohlstand und Stabilität zu erreichen. Der Inflationspuffer muss groß genug sein, um die Fed in die Lage zu versetzen, die Wirtschaft von der Gefahr einer Deflation zu befreien.

Sollten wir davon ausgehen, dass Geld neutral ist?

Grundlage der Preisstabilitätspolitik ist die Auffassung, Geld sei neutral und Geldveränderungen wirkten sich nur auf das Preisniveau, nicht aber auf die Realwirtschaft aus. Auf diese Weise werden Veränderungen der relativen Preise von Waren und Dienstleistungen ohne die Hilfe von Geld festgestellt.

Kann man beispielsweise einen Apfel gegen zwei Kartoffeln tauschen, dann ist der Preis eines Apfels zwei Kartoffeln oder der Preis einer Kartoffel ist ein halber Apfel. Nun, wenn ein Apfel für einen Dollar tauscht, dann folgt daraus, dass der Preis einer Kartoffel ein halber Dollar beträgt.

Bitte beachten Sie, dass die Einführung von Geld nichts an der Tatsache ändert, dass der relative Preis von Kartoffeln gegenüber Äpfeln 2:1 (zwei zu eins) beträgt. So erhält ein Verkäufer eines Apfels dafür einen Dollar, was ihm wiederum ermöglicht, zwei Kartoffeln zu kaufen. Geld scheint also nur ein Zahlenwerk zu sein.

Auf diese Weise führt ein Anstieg der Geldmenge zu einem proportionalen Rückgang der Kaufkraft, d.h. zu einem Anstieg des Preisniveaus, während ein Rückgang der Geldmenge zu einem proportionalen Anstieg der Kaufkraft des Geldes, d.h. zu einem Rückgang des Preisniveaus führt. All dies ändert jedoch nichts daran, dass ein Apfel gegen zwei Kartoffeln getauscht wird.

Nehmen wir an, dass sich die Geldmenge verdoppelt und sich dadurch die Kaufkraft des Geldes halbiert oder das Preisniveau verdoppelt hat. Dies bedeutet, dass nun ein Apfel gegen zwei Dollar und eine Kartoffel gegen einen Dollar eingetauscht werden kann, wobei trotz der Verdoppelung der Preise ein Verkäufer eines Apfels mit den erhaltenen zwei Dollar immer noch zwei Kartoffeln kaufen kann.

Es gibt eine völlige Trennung zwischen den Veränderungen der relativen Preise von Waren und den Veränderungen des Preisniveaus. Daher scheint es, dass das einzige Problem mit der Inflation darin besteht, dass sie die Sichtbarkeit der relativen Warenpreise verdeckt und dadurch eine Fehlallokation der Ressourcen verursacht. Ansonsten ist die Inflation harmlos. Wenn man also irgendwie Änderungen im Preisniveau dauerhaft und vorhersehbar machen könnte, könnte man den negativen Effekt der Inflation neutralisieren.

Wenn jedoch neues Geld injiziert wird, gibt es immer erste Empfänger dieses ‚neuen‘ Geldes, die von dieser Injektion profitieren. Die frühen Empfänger, denen mehr Geld zur Verfügung steht, können nun eine größere Menge an Waren erwerben, während die Preise für diese Waren unverändert bleiben.

Wenn das Geld jedoch beginnt, sich zu bewegen, beginnen die Preise der Waren zu steigen. Folglich profitieren die späten Empfänger in geringerem Maße von Geldspritzen oder müssen sogar feststellen, dass die meisten Preise so stark gestiegen sind, dass sie sich jetzt weniger Waren leisten können.

Erhöhungen der Geldmenge führen zu einer Umverteilung des realen Wohlstandes von späteren Empfängern oder Nicht-Empfängern von Geld an die früheren Empfänger. Diese Verschiebung des realen Reichtums verändert natürlich die Nachfrage des Einzelnen nach Gütern und Dienstleistungen und damit auch die relativen Preise von Gütern und Dienstleistungen. Veränderungen in der Geldmenge setzen eine neue Dynamik in Gang, die zu Veränderungen in der Nachfrage nach Gütern und zu Veränderungen der relativen Preise führt.

Die Auswirkungen von Änderungen der Kaufkraft des Geldes auf die Warenpreise können nicht isoliert werden.

Es ist zu beachten, dass der Preis einer Ware durch das Angebot und die Nachfrage nach dieser Ware und durch das Angebot von und die Nachfrage nach Geld bestimmt wird. Die Auswirkungen von Veränderungen in der Nachfrage und dem Angebot von Geld und der Nachfrage und dem Angebot von Gütern auf die Preise von Gütern sind miteinander verflochten und es gibt keine Möglichkeit, dass man diese Effekte irgendwie isolieren kann.

Stellt man beispielsweise fest, dass der Preis für Tomaten über einen Zeitraum von einem Jahr um zehn Prozent gestiegen ist, während der Preis für Kartoffeln um zwei Prozent gestiegen ist, dann kann uns diese Informationen jedoch nicht sagen, wie hoch der Preisanstieg aufgrund von Veränderungen bei Angebot und Nachfrage nach Gütern war und wie hoch er aufgrund von Veränderungen bei Angebot und Nachfrage nach Geld war. Murray N. Rothbard schreibt:

Selbst wenn alle Preise eines Sortimentes gestiegen wären, wüssten wir nicht, um wie viel die Kaufkraft des Geldes gefallen wäre, und wir wüssten nicht, wie viel von der Veränderung auf einen Anstieg der Geldnachfrage und wie viel auf Veränderungen der Bestände zurückzuführen ist.[2]

Da diese Einflüsse offensichtlich nicht zu trennen sind, ist es nicht möglich, die Kaufkraft des Geldes, also das Preisniveau, zu isolieren und zu stabilisieren. Da diese Einflüsse miteinander verflochten sind, würde jeder Versuch, das Preisniveau zu stabilisieren, eine Manipulation der relativen Preise und damit eine Störung der effizienten Ressourcenallokation bedeuten.

Die Umsetzung einer Politik der Preisstabilisierung wird zu einer Überproduktion einiger Güter und einer Unterproduktion anderer Güter führen. Das ist jedoch nicht das, was uns die Stabilisatoren sagen. Denn sie glauben, dass der größte Verdienst einer Stabilisierung des Preisniveaus darin besteht, dass es freie und transparente Schwankungen der relativen Preise zulässt, was wiederum zu einer effizienten Allokation knapper Ressourcen führt.

Da es nicht möglich ist, den monetären Effekt auf einzelne Warenpreise zu isolieren, ist die ganze Idee, dass man das Preisniveau messen und irgendwie stabilisieren kann, offensichtlich absurd.

Preisniveau kann konzeptionell nicht festgelegt werden

Außerdem kann die gesamte Idee der allgemeinen Kaufkraft des Geldes und damit des Preisniveaus nicht einmal konzeptionell festgelegt werden. Der Grund hierfür ist der folgende:

Wenn ein Dollar gegen einen Laib Brot getauscht wird, können wir sagen, dass die Kaufkraft von einem Dollar ein Laib Brot ist. Wenn ein Dollar gegen zwei Tomaten getauscht wird, bedeutet das auch, dass die Kaufkraft von einem Dollar zwei Tomaten ist. Die Angaben zur spezifischen Kaufkraft des Geldes erlauben jedoch nicht die Ermittlung der Gesamtkaufkraft des Geldes.

Es ist nicht möglich, die gesamte Kaufkraft des Geldes zu ermitteln, da wir nicht zwei Tomaten zu einem Laib Brot addieren können. Wir können die Kaufkraft des Geldes für eine bestimmte Ware in einer Transaktion nur zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort feststellen. Hierzu schrieb Rothbard,

Da der allgemeine Tauschwert oder die Kaufkraft von Geld in keiner historischen Situation quantitativ definiert und isoliert werden kann und seine Veränderungen nicht definiert oder gemessen werden können, ist es offensichtlich, dass er nicht stabil gehalten werden kann. Wenn wir nicht wissen, was etwas ist, können wir nicht besonders erfolgreich sein darin, es konstant zu halten.[3]

Die populäre Vorstellung, dass die Zentralbank eine Politik der Preisstabilität umsetzen kann, indem sie Veränderungen in einem Preisindex wie dem Verbraucherpreisindex stabilisiert, ist daher falsch. Die Konstruktion von Preisindizes ist ein Versuch, ein nicht existierendes Preisniveau zu etablieren. Die Politik der Preisstabilität ist daher eine Politik der Stabilisierung eines willkürlichen Preisindex, der angeblich das Preisniveau repräsentiert. Es ist unnötig zu erwähnen, dass diese Art von Politik nur die Unternehmen destabilisiert und die Schaffung von Wohlstand schwächt.

In seinem Buch America’s Great Depression argumentierte Murray N. Rothbard, dass einer der Gründe dafür, dass die meisten Ökonomen der 1920er Jahre die Existenz eines Inflationsproblems nicht erkannten, die weit verbreitete Annahme eines stabilen Preisniveaus als Ziel und Kriterium für die Geldpolitik sei. Rothbard schrieb:

Weit weniger umstritten ist die Tatsache, dass immer mehr Ökonomen ein stabiles Preisniveau als Hauptziel der Geldpolitik ansahen. Die Tatsache, dass die allgemeinen Preise während der 1920er Jahre mehr oder weniger stabil waren, sagte den meisten Ökonomen, dass es keine Inflationsgefahr gab, und folglich trafen sie die Ereignisse der großen Depression in völliger Ahnungslosigkeit.[4]

Fazit

Es ist nicht verwunderlich, dass Ökonomen in den 1920er Jahren die Wirtschaftsszenerie falsch verstanden haben. Anstatt die Inflation als Geld- und Kreditwachstum aus dem Nichts zu betrachten, betrachteten die Ökonomen die Inflation als Anstieg eines mythenhaften Preisniveaus, zu beobachten im Anstieg des Verbraucherpreisindex. Angesichts der Tatsache, dass die heutigen Ökonomen genau die gleiche Denkweise verfolgen, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Preisstabilitätspolitik der Fed die Ökonomen erneut in Unkenntnis der durch diese Politik verursachten Schäden einholen wird.

[1] The importance of price stability. Remarks by William J. McDonough before the Economic Club of New York October 2, 1996.
[2] Murray N. Rothbard, Man, Economy, and State (Los Angeles: Nash Publishing, 1962), p. 739.
[3] Ibid, p. 743.
[4] Murray N. Rothbard, America’s Great Depression (Kansas City: Sheed and Ward, 1963), p. 153.

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Der Originalbeitrag mit dem Titel „Price Stability“ Is a Trick — It Actually Ruins Wealth ist am 31.7.2018 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Frank Shostak ist Adjunct Scholar am Mises-Institute, Auburn, veröffentlicht regelmäßig Beiträge auf mises.org und ist Inhaber von Applied Austrian School Economics Ltd.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © Andrey Popov – Fotolia.com

 

 

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