Max Stirner – der Begründer des individualistischen Anarchismus

27. Juli 2018 – von Antony P. Mueller

Antony P. Mueller

Der Begründer des individualistischen Anarchismus kommt aus Franken. Max Stirner wurde 1806 in Bayreuth als Johann Kasper Schmidt geboren. Er besuchte das dortige Gymnasium und übernahm seinen Spitznamen, den er wegen seiner auffallend hohen Stirn schon zur Schulzeit erhielt, als Autorennamen. Den „Max“ fügte er als Vornamen hinzu, abgeleitet von „Maximum“.

Dank der aus persönlichem Interesse unternommenen ausgiebigen Recherchen von John Henry Mackay sind die wichtigen Daten der Lebensstationen Max Stirners überliefert. Er studierte an den Universitäten von Berlin (wo Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Schleiermacher zu seinen Lehrern zählten), Königsberg und Erlangen. Ab 1832 lebte Stirner in Berlin und schloss sich den Debattierclubs der Junghegelianer an. Nachdem ihm der Zugang zum Schuldienst von der Auswahlkommission verweigert wurde, verdingte er sich seinen Lebensunterhalt hauptsächlich als Privatlehrer und kam bei einer Schule für höhere Töchter unter. Ab 1839 war Stirner regelmäßig Gast beim Debattierclub „Die Freien“, zu denen auch Friedrich Engels zählte, von dem auch als Karikatur das einzig überliefert Portrait von Max Stirner stammt. In „Hippels Weinstube“, wo sich „Die Freien“ trafen, lernte Stirner auch seine zweite Frau kennen (Stirners erste Frau war 1838 im Kindbettfieber gestorben).

Der Einzige und sein Eigentum

Im Jahre 1844 (im Buch datiert auf 1845) erschien im Verlag Otto Wigand in Leipzig Max Stirners Schrift „Der Einzige und sein Eigenthum“ in einer Erstauflage von tausend Exemplaren, dem weitere Auflagen mit vielen Übersetzungen folgen sollten. Heute gilt Stirner als der Begründer des individualistischen Anarchismus. Sein Werk erlebt immer wieder Wellen der Beachtung, so wie derzeit.

Um die Zensur zu umgehen, wurde das Buch schnell verteilt. Nachdem es bereits auf dem Markt war, fiel es in der Tat der Kontrolle des sächsischen Innen-Ministeriums zum Opfer, wurde aber schnell wieder freigegeben, nachdem die Zensoren den Inhalt des Buches als „zu absurd“ kennzeichneten, um eine Gefahr für die Allgemeinheit darzustellen.

Je mehr Verbreitung das Buch fand, umso mehr wurde Stirner angefeindet. Die Veröffentlichung seiner Gedanken kostete Stirner die Gastfreundschaft bei den „Freien“. In „Die Deutsche Ideologie“ (geschrieben in den Jahren 1845/46, 1903/04 auszugsweise, und 1935 in der Marx-Engels Gesamtausgabe MEGA in Band I/5 vollständig veröffentlicht) nahm Karl Marx die Philosophie Stirners aufs Korn und überschüttete sie mit Hohn und Spott, die sogar die Marxsche Polemik gegen Proudhon (Das Elend der Philosophie 1885) übertraf.

Nach der Buchveröffentlichung versuchte Stirner mit Hilfe des Erbes seiner Frau, sich eine unternehmerische Existenz zu schaffen, was jedoch kläglich scheiterte. Mehr schlecht als recht brachte er sich nach der Trennung von seiner Frau durch. Am 25. Juni 1856 starb Max Stirner an einer Infektion.

Eine Zeitlang schien es so, als würden Stirners Gedanken für immer verschwinden. Aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zur ersten „Stirner-Renaissance“. Seitdem findet sein Werk immer wieder Beachtung. Es gibt regelrecht Stirner-Wellen, wie man an der Zahl der Veröffentlichung zu seiner Philosophie ablesen kann. Die letzte größere Welle an Interesse gab es im Vorlauf der Studentenrebellion der 1960er und frühen 1970er Jahre. Derzeit kündet sich eine neue Stirner-Renaissance an.

Die strikte Ablehnung des Anarchismus seitens Ludwig von Mises (1881 – 1973) mag dazu beigetragen haben, dass es kaum einen Beitrag von Vertretern der Österreichischen Schule zu Max Stirner gibt. Wie auch immer: Es ist ein Irrtum, Stirner auszublenden, denn auch heute noch hat er uns viel zu sagen.

Der tiefere Inhalt von Stirners Schrift erschließt sich dem Leser nicht unmittelbar. „Der Einzige und sein Eigenthum“ verlangt Studium und nicht bloß Lektüre. Man tut daher gut daran, den Ratschlag von John Henry Mackay zu beachten:

„Es ist kein Buch, das sich in einem Zuge lesen lässt. Es ist auch kein Buch, in dem man nur blättern darf. Es will immer wieder von Neuem ergriffen sein, um wieder aus der Hand gelegt zu werden, damit die erregten Gedanken sich besänftigen, die empörten Gefühle sich klären. Bei jeder neuen Annäherung aber wird sein Eindruck nachhaltiger, sein Zauber intensiver auf uns wirken…“

Im Folgenden kann nur in groben Umrissen der Inhalt des Werkes nachgezeichnet werden. Wir konzentrieren uns auf die politischen Aspekte. Eine Darstellung Stirners individualistischer Philosophie würde eines eigenen Beitrages bedürfen. (Die Zitate Stirners sind in den Text eingefügt.)

Staat und Gesellschaft

Max Stirner diagnostiziert, dass die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert den Beginn der „politischen Epoche“ markiert. Der Bruch kam mit der Französischen Revolution. Der Tod des alten Staates und die Abschaffung und Begrenzung der Monarchie haben jedoch den einzelnen Menschen nicht befreit. Die demokratischen Revolutionen provozierten vielmehr die Geburt der Politik und die Verehrung des Staates.

Die Idee des Staates drang in die Herzen der Menschen und erweckte eine neue Art von Begeisterung: das nationale Delirium. Dem Staat als dem neuen weltlichen Gott zu dienen, war nun der neue Gottesdienst. Der Staat und seine Mystifikation als Nation wurde zum höchsten Ideal und dem Staat als Beamter zu dienen galt als höchste Ehre.

Darin entdeckt Steiner den Zwiespalt der Neuzeit, denn den Staat kümmert ja gar nicht das Individuum. Der Staat sorgt sich nur um sich selbst, das Individuum ist nichts für den Staat. Der Einzelne ist dem Staat gegenüber eine Zufälligkeit:

„Der Staat bekümmert sich nicht um Mich und das Meine, sondern um Sich und das Seine … Was aber kümmert Mich das Gemeinwohl? Das Gemeinwohl als solches ist nicht mein Wohl… Der Staat hat immer nur den Zweck, den Einzelnen zu beschränken, zu bändigen, zu subordinieren, ihn irgend einem Allgemeinen untertan zu machen …“

Für den Staat ist das Individuum nur eine Kontingenz. Die Bedeutung des Einzelnen geht über das Verstehen des Staates hinaus. Weil der Staat das Individuum nicht verstehen kann, kann der Staat auch nichts für die Individualität eines Menschen tun.

Der Protagonist dieser modernen Welt des Staates sind der Politiker und die politischen Parteien. Stirner kennzeichnet den modernen Politiker als eine Person, dessen Ziel es ist, die Menschen und die Welt durch den Staat zu verändern. Dominanz ist das Streben des Politikers, und der Staatsapparat dient ihm als Instrument. Je größer und wirksamer der Staat ist, desto besser dient der Staat als Mittel der Unterdrückung und der Kontrolle. Die Macht des Staates ist für den Politiker universell – nur vergleichbar mit Gottes Macht. Der tiefe Wunsch jeden Politikers ist der allmächtige Staat.

„Politiker ist und bleibt in alle Ewigkeit der, welchem der Staat im Kopfe oder im Herzen oder in beiden sitzt, der vom Staate Besessene oder der Staatsgläubige.“

Der Politiker leidet aber selber an einer großen Illusion, denn der Staat ist weder das umfassendste noch das wirksamste Mittel zur Kontrolle des Einzelnen. Dieses ist das Individuum selbst, das über dem Staat steht, wenn es der Einzelne will.

Darüber hinaus steht der Politiker, selbst wenn er dominieren und regieren will, unter seiner eigenen politischen Partei. Ein Politiker zu sein heißt also, unfrei zu sein. Als Mitglied einer politischen Partei muss der Politiker das Credo der Partei übernehmen, er muss den Regeln der Partei folgen, und er muss sich an die Prinzipien der Partei halten. Der Politiker ist immer Parteimann.

„Eine Partei kann, welcher Art sie auch sei, niemals ein Glaubensbekenntnis entbehren. Denn an das Prinzip der Partei müssen ihre Angehörigen glauben, es muß von ihnen nicht in Zweifel gezogen oder in Frage gestellt werden, es muß das Gewisse, Unzweifelhafte für das Parteiglied sein. Das heißt: Man muß einer Partei mit Leib und Seele gehören, sonst ist man nicht wahrhaft Parteimann …“

Max Stirner bezeichnet den individualistischen Anarchismus als den Weg, die Schrecken des modernen Staates zu überwinden. Eine Gesellschaft als Vereinigung rationaler Egoisten braucht keinen Herrscher.

„Je mehr eine Gesellschaft auf freiwilligen Tauschgeschäften beruht, desto weniger braucht es Recht und desto geringer ist somit die wirksame Gewalt.“

Nicht der einzelne Egoist ist egoistisch, sondern die wirklich egoistischen Entitäten sind die Kollektive, in die man hineingeboren wird, so wie die Nation, die Familie, die Kirche und der Staat. Während der Egoismus des Individuums natürlich ist, ist der Egoismus dieser Kollektive künstlich. Während der Egoismus des Individuums beschränkt ist, ist der Egoismus der Kollektive grenzenlos.

Kollektive mögen Altruismus fordern, doch um die eigene Identität zu bewahren, wählen sie ungehemmt den moralischen Terrorismus als Handhabe, um sich egoistisch selbst zu erhalten. Kollektive zwingen ihre Mitglieder, ihre eigenen Interessen zugunsten des sogenannten Gemeinwohls aufzugeben.

Kollektive sind brutale, egoistische Entitäten, und das kälteste und brutalste aller Kollektive ist der Staat. Der Staat ist eine Institution, die moralischen Terror systematisch mit physischer Gewalt verbindet. Deshalb herrscht ein unauflösbarer Konflikt zwischen Individuum und Staat, so Stirner.

Der Staat ist das gefährlichste aller Kollektive und daher der größte Feind des Einzelnen, weil der Staat das Kollektiv ist, das mit dem Zugang zur Gewaltanwendung ausgestattet ist.

Für Stirner ist der moderne Staat der Ursprung unserer Erbärmlichkeit. Die Entfremdung ist nicht das Ergebnis der Arbeitsteilung, sondern folgt aus der Selbstunterwerfung des Einzelnen.

Der Staat ist Täuschung. Seine Diener versprechen Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit und verlangen im Gegenzug alle Macht für sich zur Erlangung der Staatsgewalt. Indem der Staat durch den Mund der Politiker alles verspricht, nimmt er alles und macht das Individuum machtlos. Unter den vielen Lügen, die aufgetischt werden, ist das Versprechen von Gleichheit die größte aller Staatslügen.

„Der Staat bekümmert sich nicht um Mich und das Meine, sondern um Sich und das Seine: Ich gelte ihm nur als sein Kind etwas, als »Landeskind«, als Ich bin Ich gar nichts für ihn. Was Mir als Ich begegnet, ist für den Verstand des Staates etwas Zufälliges: mein Reichtum wie meine Verarmung. Bin Ich aber mit allem Meinigen für ihn ein Zufall, so beweist dies, daß er Mich nicht begreifen kann: Ich gehe über seine Begriffe, oder sein Verstand ist zu kurz, um Mich zu begreifen. Darum kann er auch nichts für Mich tun …
Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!”

Gesellschaft ohne Staat

Der individualistische Anarchismus ist ein Mittel, das sein Ziel in sich trägt. Individueller Egoismus ist notwendig, um die Egoismen der Kollektive im Zaum zu halten. Je mehr eine Gesellschaft auf freiwilligen Tauschgeschäften beruht, desto weniger bedarf es der Gesetze und desto geringer ist somit die Anwendung von Gewalt. Anders als die egoistischen Kollektive, die einen Keil in die Gemeinschaft der Menschen treiben, spaltet der individualistische Anarchismus nicht die Gesellschaft, sondern vereinigt die Menschen. Der rationale Egoist wird das Recht der anderen respektieren, weil er sich selbst respektiert. Er wird nicht gewalttätig sein, weil er vermeiden will, angegriffen zu werden. Ganz anders steht es um den Staat.

Wenn man bedenkt, was seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert der im Staat am ausgeprägtesten repräsentierte Kollektivismus an Unheil alles angerichtet hat, müsste man sich schon aus diesem Grund mit Max Stirner mehr befassen, da dieser seinen radikalen Individualismus ja ganz im Gegensatz zum Kollektivismus entwickelt. Auch unsere heutige Zeit ist vom Kollektivismus durch Staat und Politik geprägt. Während die Kirche an Einfluss verloren hat, ist umso mehr der Staat vorgerückt und mischt sich hemmungslos in die Angelegenheiten des Einzelnen ein. Das Individuum ist von Politik geradezu umzingelt und ständig von Eingriffen durch die Staatsmacht bedroht.

Die Gegenposition zum allmächtigen Staat liefert der Anarchismus. Allerdings hat der Anarchismus einen schlechten Ruf, weil er hauptsächlich mit seiner kollektivistischen europäischen Ausprägung (Proudhon, Bakunin, Kropotkin) in Zusammenhang gebracht wird. Es ist an der Zeit, vermehrt dem individualistischen Anarchismus Beachtung zu schenken, der von Max Stirner ausgehend vor allem in den Vereinigten Staaten zur Blüte kam (Ralph Waldo Emerson, Lysander Spooner, Henry David Thoreau) und welcher direkt zum Libertarismus und Anarcho-Kapitalismus von Murray N. Rothbard und Hans-Hermann Hoppe führt.

Auf der Website des Max-Stirner-Archivs Leipzig finden sich zahlreiche Quellen und zum freien Herunterladen auch das Hauptwerk Stirners: „Der Einzige und sein Eigenthum“.

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Antony P. Mueller hat jüngst bei Amazon die Taschenbücher „Kapitalismus ohne Wenn und Aber“ und „Feinde des Wohlstands“ veröffentlicht. Im Juli dieses Jahres ist eine erweiterte Ausgabe seines Traktats „Principles of Anarcho-Capitalism and Demarchy“ erschienen.

Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Buchcover „Der Einzige und sein Eigentum: Ausführlich kommentierte Studienausgabe“, Verlag Karl Alber; Auflage: 1 (12. Juli 2016)

 

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