Die Gefahren des Elektrogeldes

9.3.2016 – von Paul-Martin Foss.

Paul-Martin Foss

Wir leben in einer Welt, in der mehr und mehr Dinge auf elektronischem Wege erledigt werden. Heute ist es möglich, Kleidung, Bücher und Lebensmittel online zu kaufen und nach Hause geliefert zu bekommen. Online-Kommunikation ermöglicht es uns, mit fast jedem auf der Welt überall und zu jeder Zeit Kontakt zu haben. Jemand, der die letzten 30 Jahre verschlafen hat, wäre erstaunt, wie sich die Dinge geändert haben. Das schließt auch die Welt der Zahlungen mit ein.

Millionen Menschen greifen inzwischen über das Internet auf ihre Bankkonten zu, überweisen ihr Geld und bezahlen ihre Kreditkartenrechnungen. Zahlungsdienstleister wie PayPal werden von mehr und mehr Einzelhändlern benutzt. Geld wird durch Kredit- und EC-Karten ersetzt, die wiederum allmählich auch durch neue digitale Währungen und Bezahlsysteme wie Bitcoin, Samsung Pay und Apple Pay ersetzt werden. Eine Welt, in der jede Überweisung digital erfolgt, ist keine weit hergeholte Idee. Aber wird diese digitale Revolution zu einer Traumwelt oder zu einem niemals endenden Alptraum für die Konsumenten werden?

Digitale Währungen, elektronische Zahlungen und internetbasierte Finanzdienstleister stellen die Geld-, Finanz- und Banksysteme auf den Kopf. Aber trotz all den Vorzügen der digitalen Revolution gibt es weiterhin einige Schattenseiten. Die offensichtlichste ist, dass sie von Elektrizität abhängig ist. Ein großer Wirbelsturm, der zu Stromausfällen führt; ein Spannungsabfall mitten im Sommer oder ein Hacker-Angriff auf das Stromnetz könnten den Handelsverkehr zum Erliegen bringen. Mit Bargeld sind Transaktionen weiterhin möglich. Falls Sie keine Lebensmittel lagern oder mit Gütern feilschen können, haben Sie Pech gehabt. Stellen Sie sich eine Stadt wie New York City vor, ohne Strom und ohne eine Möglichkeit, etwas kaufen oder verkaufen zu können. Aber diese Fälle sind hoffentlich selten. Es gibt jedoch andere, weitaus wichtigere Probleme mit digitalen Währungen und dem digitalen Zahlungsverkehr.

Digitale Währungen wie Bitcoin haben das Problem, dass sie aus dem Nichts erschaffen werden. Eine Bitcoin steht gewissermaßen für das erfolgreiche Lösen eines kryptographischen Rätsels, aber das bedeutet nur, dass etwas Rechenkraft benutzt wurde, um eine einzigartige elektronische Datei zu erzeugen. Das ist alles, nur eine Reihe aus Einsen und Nullen. Bitcoin bietet nichts Greifbares – und in der Tat, wenn Sie die Festplatte, auf der Sie Ihre Bitcoins gelagert haben, verlieren, dann sind diese Bitcoins auf ewig verloren. Das Warengeld hat sich nicht ohne Grund durchgesetzt – es hatte neben der Zahlungsmittelfunktion auch einen weiteren Nutzen. Gold und Silber können als Schmuck verwendet werden, Kühe und Ziegen sind essbar, Zigaretten werden geraucht. Selbst das Papiergeld hat einen weiteren Nutzen: als Toilettenpapier, Notizpapier oder als Brennstoff in einem Ofen oder Kamin, um Wärme zu produzieren. Das Geld entstand nicht, weil jemand auf die Idee kam, etwas als „Geld“ zu verwenden, sondern weil eines von Hunderten und Tausenden von Gütern, die von Menschen nachgefragt wurden, solch einen universalen Reiz hatte, dass es als Tauschmittel verwendet werden konnte. Bei Geld handelt es sich um eine spontane Schöpfung, ein Ergebnis der Interaktionen von Konsumenten in einem freien Markt, keinesfalls um das Werk einer Einzelperson.

Warengelder haben auch Obergrenzen – manche mehr als andere – aber sie können nicht unendlich hergestellt werden. Das trifft auf digitale Währungen nicht zu. Derzeit gibt es eine Obergrenze für die Bitcoins, die geschaffen werden können, aber wer kann behaupten, dass sich das in der Zukunft nicht ändern wird, wenn die Entwickler der Bitcoin-Community der Versuchung nachgeben, mehr Geld zu erschaffen, und glauben, dass mehr Geld der Schlüssel zu größerem Wohlstand ist? Es existieren bereits Debatten über die Größe der Blockchain; manche Entwickler hoffen auf neue Bitcoin-Ableger mit größeren Blockchain-Größen. Bei digitalen Währungen ist man der Gnade des Währungsgründers oder -verwalters ausgesetzt und hofft darauf, dass sie ihre Fähigkeiten nicht missbrauchen, um die Öffentlichkeit durch die Erschaffung zusätzlicher Geldeinheiten zu betrügen. Das war bereits problematisch, als Zentralbanken mehr Papiergeld erschufen als durch Gold und Silber gedeckt waren; es ist problematisch, wenn Banken digitale Bankbilanzen erzeugen, die sie benutzen, um mittels Quantitative Easing Vermögenswerte zu kaufen; und es wird problematisch sein, wenn zukünftige digitale Währungen manipuliert werden, um die Emittenten auf Kosten aller anderen zu begünstigen.

Digitale Zahlungsdienstleister werden von den gleichen Problemen geplagt, die auch auf traditionelle Banken und Zahlungsabwickler zutreffen: Zum einen werden sie durch Eintrittsbarrieren wie staatlicher Regulierung begünstigt, zum anderen können sie Maßnahmen gegen Kunden durchsetzen. Sehen Sie sich beispielsweise PayPal an. PayPals Bedingungen verbieten die Nutzung des Dienstes zum Kauf oder Verkauf von Feuerwaffen, Feuerwaffenteilen oder -zubehör. Viele Personen, die PayPal nutzten, um Feuerwaffenteile zu verkaufen, fanden ihre Konten eingefroren oder von PayPal gesperrt vor. Ähnliche Dinge passierten auch Waffenläden, deren Bankkonten eingefroren wurden oder deren Kreditkarten, manchmal auf Befehl von Bankregulatoren, gesperrt wurden.

Solche Fälle werden künftig noch häufiger auftreten, insbesondere, wenn der staatliche Krieg gegen das Bargeld weiter voranschreitet. Falls das Bargeld abgeschafft wird und ausschließlich elektronische Systeme für Transaktionen genutzt werden können, braucht es nur ein klein wenig staatlichen Druck auf Zahlungssystemanbieter, damit diese keine Zahlungen mehr für X oder Y akzeptieren, und voilà, Sie können nicht mehr länger X oder Y kaufen. Welchen Zweck hat Geld auf der Bank, wenn Sie es nicht benutzen können, um das zu kaufen, was Sie möchten? Tatsächlich können die Staaten einfach sämtliche Transaktionen überwachen und automatisch Zahlungen ablehnen, damit Sie bestimmte Güter nicht kaufen können oder bestimmte Firmen bestraft werden. Falls Ihnen das nicht gefällt, Pech gehabt, dank des fehlenden Bargeldes ist diese Situation alternativlos. Ihr Geld ist im Banksystem gefangen und Sie können es nicht abheben. Die einzige Möglichkeit, dem zu entkommen, wäre, irgendwelche greifbaren Güter zu kaufen und zu hoffen, dass Sie diese gegen andere Dinge tauschen können.

Damit sind wir beim letzten Problem der digitalen Währungen: sie ermöglichen keine Anonymität. Jede elektronisch durchgeführte Transaktion kann nachverfolgt werden. Wenn jeder Ihrer Käufe elektronisch gemacht wird, ist Ihr gesamtes Kaufverhalten überprüfbar. Dienste, die vorgeben, anonym elektronische Transaktionen durchzuführen, könnten dazu gezwungen werden, Hintertüren für den staatlichen Zugang einzubauen, oder können vollständig stillgelegt werden. Staaten kämpfen gegen das Bargeld mit dem Ziel, alles ins Digitale zu verlagern, damit sie alle finanziellen Transaktionen überwachen können. Die angeblichen Argumente für den Krieg gegen das Bargeld sind der Kampf gegen den Terrorismus, Drogengeschäfte, Menschenhandel und andere kriminelle Aktivitäten. Der wahre Grund ist, dass die Fähigkeit, sämtliche Zahlungs- und Umsatzströme zu überwachen, es dem Staat ermöglicht, noch effektiver Steuern einzutreiben und unerwünschte Verhaltensweisen zu überwachen.

Digitale Währungen und Zahlungssysteme können nützliche Zusätze für ein Geldsystem sein; sich ausschließlich auf digitale Währungen und Zahlungssysteme zu verlassen, ist rückwärts gerichtet. Indem das Bargeld verboten wird und die Menschen sich ausschließlich auf elektronische Zahlungen verlassen, wird die Fähigkeit von Staaten und Banken, ihre Gebote durchzusetzen, drastisch erhöht. Statt Nutzen für den Verbraucher wird der Pfad zu einem vollständig digitalen Währungssystem einen noch mächtigeren und unterdrückerischeren Staat erzeugen.

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Aus dem Englischen übersetzt von Vincent Steinberg. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Future of Banking: The Dangers of Electronic Currency ist am 14.2.2016 auf der website des Ron Paul Institute erschienen.

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Paul-Martin Foss ist Gründer, Präsident, und Executive Director des Carl Menger Center for the Study of Money and Banking.

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