Bargeldverbot: Gestapo und Stasi wären begeistert gewesen

8.7.2015 – Interview mit Gerald Mann zu seinem Buch “Bargeldverbot. Alles, was Sie über die kommende Bargeldabschaffung wissen müssen”.

Herr Mann, am 8. Juni ist Ihr Buch »Bargeldverbot« erschienen. Die aktuelle Diskussion um dieses Thema kann nicht der Auslöser gewesen sein, dieses Buch zu schreiben. So schnell schreibt man ja kein Buch. Seit wann beschäftigen Sie sich damit und vor allem … was war der Auslöser?

Gerald Mann

Im November 2014 haben mein Koautor Ulrich Horstmann und ich einen Vortrag von Kenneth Rogoff besucht. Der einflussreiche US-Ökonom wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität München als „Distinguished CES Fellow“ ausgezeichnet. In seiner Rede forderte er die schrittweise Abschaffung des Bargeldes, um Negativzinsen gegen Sparer durchdrücken zu können. Das war der Startschuss zu unserem Buch.

Freiheit geht immer „scheibchenweise“ verloren, heißt es. Gilt das auch beim Bargeld?

Genau. In einigen Ländern – wie Italien oder Frankreich – sind schon die zulässigen Höchstbeträge für Bargeldzahlungen abgesenkt worden. In anderen – wie Schweden oder Dänemark – wird es teilweise immer schwieriger oder gar unmöglich, auch kleine Beträge bar zu entrichten. Es wird nach unserer Einschätzung keinen Big Bang des Bargeldendes geben, sondern eine schrittweise Ausphasung mit Hilfe von Zuckerbrot (bargeldloses Zahlen ist günstiger) und Peitsche (rechtliche Vorgaben). Letzterem kann auch die Einziehung bzw. Ungültigerklärung von großen Scheinen dienen.

Die Deutsche Bundesbank hat sich kürzlich „pro Bargeld“ geäußert. Und Jens Weidmann hat gesagt, „wenn die Wachstumsschwäche den Kern des Problems darstellt, dann gilt es, diese Schwäche zu überwinden, anstatt kühne Akrobatik in der Form zu betreiben, das Bargeld abschaffen zu wollen, damit die Geldpolitik noch expansiver wirken und langfristige Strukturprobleme kurzfristig mit billigem Geld überdecken kann“. Können wir da nicht doch aufatmen?

Als freiheitsliebender Mensch ist man dankbar für jede Stimme, die sich für das Bargeld und seine tatsächliche Verwendungsfähigkeit erhebt. Allerdings haben in den 90er Jahren die Deutschen den Euro ähnlich deutlich abgelehnt wie sie heute das Bargeld befürworten. Und die Bundesbank hat damals auch auf Schwachpunkte des Euros hingewiesen wie sie jetzt das Bargeld positiv würdigt. Dennoch stimmte im Bundestag eine überwältigende Mehrheit für die Liquidierung der Deutschen Mark. Die Befürchtung drängt sich auf, dass es auch bei der Bargeldabschaffung wieder eine Willensbildung von oben nach unten geben wird.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Bargeldabschaffung „offensichtlich sehr weit vorgedacht“ ist. Woran machen Sie das fest und von wem „vorgedacht“?

Da ist einmal die Entwicklung in Skandinavien, insbesondere Schweden, wo das Zurückdrängen des Bargeldes schon sehr weit vorangeschritten ist und bis zum Jahr 2030 mit einer „bargeldlosen Gesellschaft“ („cashless society“) gerechnet wird. In Dänemark sollen bestimmte Geschäfte bald kein Bargeld mehr annehmen müssen, so dass Bargeld hier seinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel teilweise verliert. Und diese Entwicklung weg vom Bargeld findet eben auch Unterstützung unter Ökonomen wie Rogoff, Summers und Bofinger. Es lohnt sich auch hier die „Cui bono?“-Frage zu stellen: Wem nützt es? Und da sehe ich eine Interessenballung gegen das Bargeld bei Politik, Finanzinstitutionen und Zentralbanken.

Sie haben Ihr Buch neben Friedrich A. von Hayek auch dem Schriftsteller George Orwell gewidmet. In dessen Roman „1984“ gab es aber kein Bargeldverbot …

Das ist richtig. Gleichwohl hat George Orwell in „1984“ und „Farm der Tiere“ totalitäre Machtstrukturen inklusive Überwachung sehr gut herausgearbeitet. Zu seiner Zeit war bargeldloses Zahlen in der umfassenden und elektronischen Form, wie wir es heute kennen, noch nicht möglich. Es drängt sich aber der logische Schluss auf, dass Orwell heute ein Bargeldverbot sehr wohl in seine Werke einbauen würde, weil dadurch eine noch umfassendere Überwachung ermöglicht wird als er es sich damals vorstellen konnte.

Der eine oder andere wird die Romane von Orwell nicht kennen und sich auch der Folgen nicht bewusst sein, die aus einem Bargeldverbot heraus entstehen können. Wo sehen Sie die größten Gefahren?

Es entsteht der „gläserne Zahler“ – die Menschen werden noch transparenter. „NSA plus“ wird möglich. Gestapo und Stasi hätten sich über ein solches Instrument riesig gefreut. Die Überwachung wird umfassender, flächendeckender und kostengünstiger. Vereinfacht könnte man sagen: „Diktatur wird billiger“.

Steuern wir mit einer Abschaffung des Bargeldes noch weiter in Richtung „Sozialismus“?

Auf jeden Fall ist eine bargeldlose Welt ein Traumzustand für zentralistische Planer, die sich umfassende Steuerung von Konsum, Investitionen etc. wünschen. Individuelle, dezentrale Entscheidungen sowie Privatautonomie und Vertragsfreiheit des Einzelnen sind für solche Kontrollfreaks ein Gräuel, den es zu beseitigen gilt. So wäre z.B. auch das grüne Freiheitsabbauprojekt „Veggieday“ (ein Tag fleischloser Ernährung pro Woche) ohne Bargeld leichter durchsetzbar. Ganz grundsätzlich verhilft die Abschaffung des Bargeldes allen möglichen Diktaturen, „linken“ wie „rechten“, jakobinischen wie religiösen, zu umfassender und preiswerter Unterdrückungsmacht.

Könnte die Abschaffung des Bargeldes unter Umständen die „Geburtsstunde“ von Edelmetallen als Parallelwährung sein?

Von „Geburtsstunde“ würde ich nicht sprechen, weil Edelmetalle nach Einführung des „fiat money“ immer wieder aufgrund bestimmter Umstände (z.B. Hyperinflation) als Parallelwährung Verwendung gefunden haben und deswegen teilweise auch vom Staat bekämpft wurden. Gleichwohl würde die Bargeldabschaffung Edelmetallen einen Bedeutungszuwachs verleihen, dem mit hoher Wahrscheinlichkeit staatliche Restriktionen entgegengesetzt werden.

Vielen Dank, Herr Mann.

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Das Interview wurde im Juni 2015 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Gerald Mann ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Gesamtstudienleiter an der FOM Hochschule München. Er steht für Vorträge zu diesem Thema zur Verfügung.