Wie Geldvermehrung für Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen sorgt

9. Juni 2021 – von Jonathan Newman

Jonathan Newman

„Jede Verschiebung im Geldverhältnis verändert… die Situation der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. Manche werden reicher, manche ärmer.“ (Mises, Human Action, S. 414.)

Neues Geld gelangt an einem bestimmten Eintrittspunkt in die Wirtschaft. Es hebt nicht das Einkommen aller im gleichen Umfang und zur gleichen Zeit an. Das bedeutet, dass die Geldmengenausweitung ungleiche Auswirkungen hat, einschließlich einer Verschärfung der Einkommens- und der Vermögensungleichheit. Wenn wir uns die Konsequenzen der Geldmengenvermehrung ansehen, stellen wir fest, dass die Geldmengenvermehrung Gewinner und Verlierer hervorbringt, indem Ressourcen in Richtung der ersten Geldempfänger verlagert werden, die das neu geschaffene Geld als erste ausgeben können.

Diese Idee ist alt. Sie geht zurück auf Richard Cantillon, der Mitte des 18. Jahrhunderts die schrittweise Ausbreitung skizzierte, wie das neu geschaffene Geld seinen Weg in eine Volkswirtschaft findet und dadurch einige Preise und Einkommen vor anderen steigen. Murray Rothbard (1926-1995) fasste diese „Cantillon-Effekte“ in seiner Geschichte des ökonomischen Denkens so zusammen:

Kurz gesagt, die ersten Empfänger des neuen Geldes werden ihre Ausgaben entsprechend ihren Vorlieben erhöhen und die Preise für diese Waren steigen entsprechend, auf Kosten eines niedrigeren Lebensstandards für die späten Empfänger des neuen Geldes oder denen mit festem Einkommen, die das neu geschaffene Geld überhaupt nicht erhalten. Darüber hinaus werden sich die relativen Preise im Zuge des allgemeinen Preisanstiegs ändern, da die erhöhten Ausgaben „mehr oder weniger auf bestimmte Arten von Produkten oder Waren gerichtet sind, ganz nach den Vorlieben derjenigen, die das Geld zuerst erhalten, und die Marktpreise werden für manche Güter stärker steigen als für andere…“ Darüber hinaus wird der allgemeine Preisanstieg nicht unbedingt im gleichen Umfang wie der Anstieg des Geldangebots sein. Insbesondere da diejenigen, die neues Geld erhalten, dieses neue Geld kaum auf die gleiche Art und Weise ausgeben werden, werden Nachfrage und damit auch Preise nicht alle in gleichem Maße steigen. Sprich, „in England könnte sich der Preis für Fleisch verdreifachen, während der Preis für Mais nicht mehr als ein Viertel steigt.“

Der Gini-Quotient, eine der beliebtesten Maßzahlen zur Messung der Einkommensungleichheit, zeigt die Auswirkungen einer ungezügelten Zentralbank. Ein Wert näher bei eins zeigt mehr Einkommensungleichheit an, ein Wert von Null bedeutet vollständige Einkommensgleichheit. Die folgende Grafik zeigt, dass sich der durch den Gini-Quotienten gemessene Ungleichheitstrend umgedreht hat, nachdem die USA den Goldstandard vollständig aufgegeben haben. Seit 1971 ist die Zentralbank überhaupt nicht mehr an physisches Gold gebunden.

Wie neues Geld entsteht

In unserem modernen Teilreservebankensystem mit einer aktiven Zentralbank und einer verschwenderischen Regierung ist die Geldmengenvermehrung eine Selbstverständlichkeit. In den USA entsteht Geld aus Bankreserven, die von der US-amerikanischen Zentralbank im Tausch gegen US-Staatsschulden oder Vermögenswerten von Geschäftsbanken geschaffen werden. Geschäftsbanken können diese Reserven dann als Grundlage für die Vervielfachung von Einlagen in Form der Gewährung neuer Kredite verwenden.

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Es lohnt, sich einen Moment Zeit zu nehmen, um dieses System mit einem Warengeldsystem zu vergleichen – vielleicht sogar mit einem Vollgeldsystem. Neues Geld hat in diesem Fall nämlich einen Preis, wenn es produziert wird, und unterliegt damit dem Gewinn- und Verlusttest. Die Geldmenge kann nur wachsen, wenn die Geldkosten für die Geldproduktion geringer sind als der Geldbetrag, der produziert werden kann. Im Fall von Gold müssen die Kosten für Abbau, Aufbereitung und Prägung geringer sein als der abgezinste Wert des Goldgeldes, damit neues Gold in die Geldmenge einfließen kann. Der gleiche wirtschaftliche Grenzwert gilt für jedes Geld, das nicht aus dem Nichts geschaffen wird (s.g. Fiatgeld).

Da es eine Kleinigkeit ist, dem aus dem Nichts geschaffenen Papiergeld (siehe die unten abgebildete 100-Billionen-Dollar-Banknote aus Simbabwe) oder elektronischen Bankkonten Nullen anzufügen, gibt es keine Begrenzung für die „Profitabilität“ bei der Fiatgelderzeugung von Staaten oder bei der Ausweitung von Bankbilanzen, wenn mehr Kredite vergeben als eigentlich Reserven vorhanden sind.

Wohin neues Geld fließt

Sobald ein neuer Dollar erzeugt wurde, kann ihn irgendjemand zuerst verwenden. Wenn die US-amerikanische Zentralbank beispielsweise Staatsanleihen von einer Geschäftsbank kauft, kann die Bank aufgrund dieser zusätzlichen Einlagen jetzt ihre Kreditvergabe erhöhen. Banken vergeben Kredite auf ganz verschiedene Weise, unter anderem an andere Banken und an staatliche Institutionen. Sobald das neue Geld jedoch zwischen dem Bankensystem und großen Finanzunternehmen lange genug herumgesprungen ist, gelangt es irgendwann in die Hände von Unternehmen und Verbrauchern. Die folgende Grafik zeigt den Gesamtbetrag der Kredite von Geschäftsbanken an Verbraucher und Unternehmen.

Lassen Sie uns an dieser Stelle einen Moment darüber nachdenken, was das neue Geld angerichtet hat, noch bevor es einen Verbraucher oder Unternehmer erreicht. Mit dem Geld wurden Vermögenswerte gekauft, die großen Finanzinstituten potenziell dauerhafte Einnahmequellen bieten. Über den perfiden und hinterhältigen „Finanzmarkt-Kapitalismus“ der Wirtschaft, in der sich Größe und Umfang der Finanzindustrie ausdehnen, kann man sich eigentlich kaum wundern. Im Jahr 2020 erreichten die Sektoren Finanzen, Versicherungen und Immobilien laut dem US-amerikanischen Amt für Wirtschaftsstatistik über 21 Prozent der Bruttoproduktion (und 8,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes). In den letzten Jahrzehnten konnte man auch eine zunehmende Vielfalt komplexer Finanzanlagen beobachten, von denen einige Derivate mit immer verschachtelteren Konstruktionen aufwarten, die nur noch entfernt etwas mit den zugrundeliegenden realen Vermögenswert zu tun haben.

Sobald das neue Geld jedoch in die Hände von normalen Privatpersonen gelangt, haben sie die Möglichkeit, ihre Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen vor allen anderen zu erhöhen. Dies umfasst langlebige Konsumgüter, Investitionsgüter, finanzielle Vermögenswerte usw. Die Preise dieser Güter beginnen aufgrund der künstlich erhöhten Nachfrage im Vergleich zu anderen Preisen zu steigen.

Nachdem die erste Gruppe das Geld ausgegeben hat, gibt es eine neue Gruppe von Leuten, die das neue Geld besitzen – die Leute, die an die ersten Geldbesitzer verkauft haben. Die neuen Ausgaben der ersten Gruppe haben zu neuen, höheren Einkommen für die zweite Gruppe geführt. Diese zweite Gruppe hat jetzt die Chance, ihre Nachfrage nach Gütern zu erhöhen, aber sie werden mit etwas höheren Preisen konfrontiert sein. Die Preise sind höher, weil die erste Gruppe die eigentlichen Käufer überbieten muss, die die Güter gekauft hätten, wenn die Geldmenge nicht ausgeweitet worden wäre.

Gewinner und Verlierer

Da die dritte, vierte, fünfte usw. Gruppe ihre neuen Einkommen ausgeben, steigen die Preise weiterhin ungleichmäßig. Die relativen Preise und die Einkommensverteilung ändern sich. Die frühen Geldempfänger des neuen Geldes erwerben Ressourcen, die sie sonst nicht hätten erwerben können.

Am Ende dieser Kette haben wir die letzten Empfänger des neuen Geldes. Ihre Einkommen steigen nach denen aller anderen (oder nie, wie Rothbard erwähnte). Die Verzögerung ist nicht einmal das wirklich gravierende, denn diese Gruppe bezahlt bereits früh die nun höheren Preise aus dem Kaufrausch der anderen.

Die Spätempfänger müssen nicht nur ihren Verbrauch reduzieren, sondern sie büßen auch ihre Fähigkeit ein, produktive Ressourcen und dauerhafte Vermögenswerte zu erwerben. Es kommt zu einer Verlagerung der realen Ressourcen, weg von den späten Empfängern des neuen Geldes hin zu den frühen Empfängern des neuen Geldes.

Neben produktiven Investitionsgütern wie Werkzeugen und Maschinen werden auch die Aktienkurse und die Preise für langlebige Güter wie Häuser und Grundstücke steigen. Wenn die ersten paar Gruppen von Geldempfängern diese zuerst erwerben, können sie einfach darauf warten, dass die späteren Geldempfänger die Preise für diese Waren noch weiter in die Höhe treiben.

Permanente Zunahme der Ungleichheit

Einkommens- und Vermögensungleichheit sind ein natürliches Merkmal einer ungehinderten Marktwirtschaft. Land, Arbeit und Kapital sind heterogen, sodass die Einkommen je nach der unterschiedlichen Produktivität dieser Faktoren variieren. Auch die Wünsche der Verbraucher ändern sich ständig und die unternehmerischen Erwartungshaltungen an diese Nachfrage sind alles andere als passgenau, selbst wenn diese Unternehmen stets danach streben, Gewinne zu erzielen und Verluste zu vermeiden. Der marktwirtschaftliche Lenkungsprozess aus Gewinnen und Verlusten stellt jedoch sicher, dass Ressourcen nicht systematisch verschwendet werden und dass die Wünsche und Bedürfnisse der Verbraucher so gut wie möglich erfüllt werden.

Diese Ungleichheiten sind natürlich und gesund. Wenn mir die Regierung zum Beispiel Geld von jemand anderem gibt (selbstverständlich behält sie einen Teil davon für sich selbst ein), der ein höheres Einkommen als ich hat, wird die Verteilung der Leistungen und Ressourcen so geändert, dass die Wünsche der Verbraucher nicht so gut erfüllt werden, wie sie ohne diese Einkommensumverteilung erfüllt worden wären.

Die Geldmengenausweitung verstärkt und verschärft die Einkommens- und Vermögensungleichheit aber dauerhaft. Wir haben gesehen, dass die Einkommen ungleich steigen, so dass die Einkommen einiger Menschen vor anderen steigen. Wir haben auch eine deutliche Umverteilung des realen Reichtums in Richtung der ersten Geldempfänger gesehen, da sie in der Lage sind, Ressourcen erfolgreich vor anderen an sich zu binden.

Die Zunahme der Ungleichheit kehrt sich nicht selbst um. Dies liegt daran, dass die Gewinner des Cantillon-Effekts Vermögenswerte ansammeln, die aufgrund der Geldmengenausweitung an Wert gewinnen, oder Vermögenswerte in ihre Hände bekommen, die ihre eigene Produktivität steigern (denken Sie an einen frühen Geldempfänger, der einen Traktor kauft, der den Ertrag seines Betriebes erhöht). Diese Gewinne erleichtern es ihnen, auch in der Zukunft mehr zu investieren. Die Umverteilung des Wohlstands ist eine dauerhafte Umverteilung mit anhaltenden Auswirkungen auf die Einkommensungleichheit.

Politische und soziale Implikationen

Die künftige Geldmengenausweitung wird diese Effekte vervielfachen – Inflation begünstigt diejenigen, die Sachwerte besitzen. Das unvermeidliche Ergebnis ist die Entstehung wirtschaftlicher Klassen und die damit einhergehenden politischen und sozialen Konflikte. Die Verlierer des Cantillon-Effekts werden möglicherweise neidvoll auf den augenscheinlich unverdienten Reichtum der Gewinner des Cantillon-Effekts blicken. Und da der Wirkungsmechanismus des Cantillon-Effekts schwer zu erkennen ist, können sich die Täter – die Regierung, die Zentralbank und die Geschäftsbanken mit ihrer nur teilgedeckten Kreditvergabe – der Kritik entziehen, genauso wie ein gewöhnlicher Geldfälscher, der nie erwischt wird.

Die Verfestigung und Verschärfung der durch den Cantillon-Effekt verursachten wirtschaftlichen Ungleichheit kommt auch jenen zugute, die daraus politisches Kapital schlagen wollen, indem sie sich als Anwalt „des kleinen Mannes“ inszenieren. Dieselben Leute machen dann gerne die freie Marktwirtschaft für die erhöhte Einkommens- und Vermögensungleichheit verantwortlich, die wir heute sehen, aber wir haben gesehen, dass es die staatliche Intervention ist, die die Ungleichheit verschärft. Sie verwenden den Begriff „Trickle-down-Ökonomie“ [z.Dt: herabrieseln lassen. Bezeichnet die Idee, dass Wohlstand über die Ausgaben der Reichen, auf die gesamte Gesellschaft herabrieselt; Anm. d. Ü.] auch gerne als diskreditierende Bezeichnung für Maßnahmen, die uns einer gesunden und wachsenden Marktwirtschaft näherbringen würden. Was aber in Wirklichkeit von oben auf die Volkswirtschaft herabrieselt, ist frisch gedrucktes Geld.

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker. Der Originalbeitrag mit dem Titel How Monetary Expansion Creates Income and Wealth Inequality ist am 17.5.2021 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Jonathan Newman ist Assistenzprofessor für Wirtschaft und Finanzen am Bryan College und Associated Scholar des Mises Institute. Er promovierte an der Auburn University, während er als Research Fellow am Mises Institute tätig war.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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