Rothbards brillantes Vorwort zu „Theorie und Geschichte“

13. Juli 2020 – von George Pickering

George Pickering

Jeder der sich für die Ideen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie einsetzt, ob in der breiten Öffentlichkeit oder im Kontext von privaten Diskussionen mit Freunden und Bekannten, wird sich schnell mit der Frage beschäftigen, wie man die Quintessenz der Österreicher und ihre definitiven Charakteristiken so kurz und bündig wie möglich auf den Punkt bringen kann. Da die Österreichische Theorie seit knapp 150 Jahren ständig wächst und sich weiterentwickelt, ist das mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen, gerade wenn man bedenkt, dass die bestimmenden Werke dieser Tradition dazu tendieren, aus tausendseitigen Abhandlungen zu bestehen, die den Enthusiasmus von Neugierigen schmälern.

Was also sind die allerwichtigsten Charakteristiken der Österreichischen Schule? Ist es unsere allgemeine Sympathie für pure Marktwirtschaft? Sind es unsere Ansichten über solides Geld und Zentralbanken? Ist es unsere Theorie des Konjunkturzyklus? Und gibt es kürzere Texte, vor allem von den wichtigsten Vordenkern dieser Tradition, die man Einsteigern empfehlen kann, ohne dass dabei die profunden und überzeugenden Einsichten verlorengehen, die die Österreicher so einzigartig erscheinen lassen?

Vor meiner ersten Lektüre von Ludwig von Mises’ viertem großartigen Meisterwerk Theorie und Geschichte war ich tief beeindruckt von der Brillanz und der Vollständigkeit des Vorworts von Murray N. Rothbard zu diesem Buch, das die Quintessenz der Hauptcharakteristiken der Österreichischen Schule, vor allem ihre einzigartige Methode, die Praxeologie, zusammenfasst. Ich war so tief beeindruckt, dass ich von der Lektüre des eigentlichen Buches abgehalten wurde, da ich das Vorwort wieder und wieder lesen musste. Noch beeindruckender ist aber, wie wenig Rohtbards Vorwort sogar von bewanderten Österreichern diskutiert wird, obwohl es, meiner Meinung nach, eine ideale Gesamteinführung in die Österreichische Schule darstellt.

Das Vorwort zu Mises’ großartigem, methodologischem Werk zu schreiben, gab Rothbard die Gelegenheit, seine Perspektiven über die Wichtigkeit der praxeologischen Methode und die Hauptargumente hierfür in der vielleicht prägnantesten Darstellung seiner Karriere niederzuschreiben. Zusätzlich lädt Rothbard scheinbar mühelos dazu ein, sich breiteren meta-ökonomischen Fragen zu widmen und findet sogar noch die Zeit dazu, um auf weniger bekannte Unterschiede einzugehen, zum Beispiel auf seine Abweichung von Mises, bezogen auf die a priori Veranlagung des Handlungsaxioms.

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Zugegeben, das Vorwort trägt nichts Grundlegendes oder Neues zur Literatur über die Österreichische Methodologie bei und vieles, was Rothbard präsentiert, ist ausführlicher in anderen methodologischen Artikeln beschrieben, wie sie in den ersten 140 Seiten seines Buches Economic Controversies zusammengefasst sind. Die Tatsache, dass Rothbard in der Lage war, einen so breiten Überblick mit profunder Tiefe über die Österreichische Methodik zu geben, während er seinem klaren und zugänglichen Schreibstil treu blieb und dies alles in einem Vorwort, das kaum länger als ein durchschnittlicher Leitartikel in der Zeitung ausfiel, macht es einzigartig, da es eine brillante Darstellung der methodischen Seele der Österreichischen Schule ist, mit hohem Erkenntnispotenzial, gerade für Einsteiger.

Methodologie als der Kern der Österreichischen Nationalökonomie

Der letzte Satz von Rothbards Vorwort zu Theorie und Geschichte könnte auch gleichzeitig dessen Titel sein: „Ohne Praxeologie kann keine Nationalökonomie wahrhaft österreichisch oder stimmig sein.“[1] Es ist eben diese Identifizierung der praxeologischen Methode als einzigartiges Fundament, welches einen Österreicher erst ausmacht, und die Rothbards Vorwort zu einem wertvollen und sehr fokussierten Einführungstext macht, obwohl dies ein offensichtlicher Punkt bei jeder Einführung eines Buches über die Österreichische Methodologie wäre.

In der Tat ist dieser Punkt vielleicht noch wichtiger für das Verständnis der wahren Österreichischen Nationalökonomie in unserer heutigen Zeit als zu dem Zeitpunkt, als Rothbard sein Vorwort schrieb, das erstmals 1985 mit der vom Mises Insitut herausgegebenen Neuauflage von Theorie und Geschichte erschien. Obwohl die Österreichischen Nationalökonomie keineswegs als Teil des gegenwärtigen wirtschafswissenschaftlichen Mainstreams beschrieben werden kann, macht sie heute nicht mehr diese wilde Phase durch, die sie größtenteils während Rothbard’s eigenem Leben durchlitt. Die uneingeschränkte Akzeptanz des Paradigmas von Mises ist unter Akademikern nach wie vor selten, aber das Bewusstsein und intelligente Diskussionen Österreichischer Ideen sind in den Wirtschaftsabteilungen nicht mehr völlig unbekannt, und viele marktsympathische Mainstream-Ökonomen sind zumindest ein wenig von Österreichischen (oder zumindest von Hayeks) Ideen beeinflusst.

Das ist sicherlich eine begrüßenswerte Entwicklung, aber nichtsdestotrotz sollte sie auch eine gesunde Portion Skepsis unter Österreichern hervorrufen, da unsere Ideen nun von Anderen übernommen (und weiterentwickelt) werden. Ohne eine feste Verankerung der praxeologischen Methode werden diese Theorien wohl viel von ihrer Überzeugung, Klarheit und innerlichen Widerspruchslosigkeit verlieren, wenn sie Stück für Stück von markfreundlichen Mainstream-Ökonomen neu interpretiert werden, was potentiell zu einer unliebsamen Reflexion über die gesamte Österreichische Schule führen könnte. Um eine solche Reflexion zu vermeiden, ist heutzutage die Identifikation der praxeologischen Methode als der unerlässliche Kern der wahren Österreichischen Nationalökonomie wichtiger als zu Zeiten Rothbards. Immerhin schreibt Rothbard, dass es nach allem unter Ökonomen nicht ungewöhnlich sei, „ … Anhänger des freien Marktes zu sein (obgleich nicht mit Mises‘ treffsicherer Folgerichtigkeit), aber wenige sind bereit, die charakteristische Österreichische Methode anzunehmen“[2] und diese Korrelation zwischen krauser Methodologie und halbherziger Unterstützung für die freie Marktwirtschaft ist kein Zufall.

Methodologischer Dualismus und «Richtungen» der wissenschaftlichen Forschung

Nach einer kurzen Einführung, um den Kontext und Wichtigkeit von Mises‘ Theorie und Geschichte zu etablieren, ist der allererste Aspekt der Österreichischen Methodologie, den Rothbard zu Beginn hervorhebt, das Konzept des methodologischen Dualismus. Das ist „die entscheidende Einsicht, dass menschliches Sein in einer Weise und mit einer Methodologie betrachtet und analysiert werden muss, die sich gründlich unterscheidet von der Analyse von Steinen, Planeten oder Molekülen.“[3]

Es ist leicht nachzuvollziehen, warum Anfänger der Österreichischen Schule verleitet sein mögen, diesen eher abstrakten und methodologischen Punkt rasch hinter sich lassen zu wollen, um sich lieber den interessanteren und offensichtlich praktikableren Theorien über Konjunkturzyklen oder freie Märkte widmen zu können. Jedoch ist ein korrektes und vollständiges Verstehen des methodologischen Dualismus der erste essentielle Schritt, um ein wahrhaftes Verständnis von Mises’ purer Ökonomie erlangen zu können. Ansonsten könnte das Bestehen von Mises auf eine pure logisch-deduktive Methode leicht als eine unangenehme Exzentrizität angesehen werden, die nur im Wege eines karrierefördernden Verdienstes steht, die die mathematische Analyse mit sich bringt. Es erstaunt also kaum, dass die “Nicht-Mises” Österreicher oftmals dazu tendieren, die Klarheit und Integrität ihrer eigenen Arbeit mit halbherzigen Adoptionen von Empirismus zu unterminieren.

Rothbard führt mehrere Argumente für den methodologischen Dualismus auf, inklusive einem fundamentalen Punkt, nämlich dass menschliche Wesen, anders als bloße physische Masse, die Kapazität haben, ihre Werte wählen und verändern zu können; und auch ihre eigene Vorgehensweise anzupassen, anstatt exklusiv von messbaren externen Faktoren kontrolliert zu sein. Er fasst auch das fundamentale und überzeugende Argument brillant zusammen, auf das er in anderen methodologischen Artikeln, wie «In Defense of Extreme Apriorism» tiefer eingeht, das besagt, dass die Naturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften in komplett entgegengesetzten «Richtungen» wissenschaftlich forschen.

In den Naturwissenschaften sind die schlussendlichen Resultate der Interaktionen von unterliegenden Gesetzmäßigkeiten und Kräften erkennbar und leicht messbar, jedoch sind diese Gesetze und Kräfte nicht selbsterklärend. Deshalb macht es für den Naturwissenschaftler Sinn, zuerst zu beobachten und Daten über empirische Phänomene zu sammeln, um sich dann vorläufig und rücklings der Beschreibung dieser bestimmenden Kräfte anzunähern. Ein Physiker zum Beispiel kann die Präzision des universellen Naturgesetzes der Schwerkraft auf einer experimentalen Ebene nicht direkt beobachten oder intuitiv wissen, aber er kann empirisch die Bewegungen von Objekten, die diesen Effekten der Schwerkraft ausgesetzt sind, beobachten, eine erklärende Hypothese präsentieren und dann Laborexperimente machen, um zu testen, ob die beobachteten Fakten die Hypothese falsifizieren oder nicht.

Ökonomen befinden sich jedoch in der genau entgegengesetzten Situation: Die Grundgesetze der Wirtschaft sind selbstverständlich, unumstößlich und können mit unwiderlegbarer Sicherheit bekannt sein, während die Ursachen bestimmter Ereignisse in der realen Welt nicht direkt bekannt, gemessen oder isoliert werden können. Falls die Anzahl von verkauften Ölfässern einer bestimmten Ölfirma von dem einen auf den anderen Monat fällt, wird dieses vergangene Ereignis zwangsläufig das Resultat von vielen komplexen Faktoren gewesen sein. Die Ökonomen können weder direkt die verschiedenen Faktoren und Gesetzmäßigkeiten beobachten, die zu diesem Resultat beitrugen oder in welchem Umfang, noch können sie das unmöglich herausfinden, indem sie den Prozess in einem Labor wiederholen und dabei gewisse Variablen konstant halten. Die Ökonomen können aber das selbsterklärende Gesetz erkennen, dass, ceteris paribus, die Menschen bei einem billigeren Preis, mehr von einer Einheit eines Gutes nachfragen werden, als bei einem teureren Preis und können deshalb mit unwiderlegbarer Sicherheit sagen, dass unter sonst gleichen Bedingungen die Anzahl an verkaufen Fässern der Ölfirma höher wäre, falls der Preis billiger gewesen wäre.

Mit anderen Worten, anstatt mit empirischen Fakten zu starten und sich dann von hinten an Theorien vorzutasten, beginnen die Ökonomen mit der selbsterklärenden und unumstößlichen „Tatsache, dass menschliche Wesen Ziele und Absichten verfolgen und handeln, um sie zu erreichen“.[4] Davon ausgehend, können sie dann immer präzisere und praktischere Theorien ableiten.

Diese zwei Argumente (also der Fakt, dass menschliche Wesen zu einem gewissen Teil selbstgesteuert sind und ihre Präferenzen und Handlungsweisen ändern können, was jeder vergangene Fall von menschlichen Handlungen zu verschiedenartigen, unvergleichbaren und im Labor unmöglich zu wiederholenden Ereignissen macht und der Fakt, dass die Ökonomie eine fundamental verschiedene «Richtung» als die Naturwissenschaften verfolgt), sprechen stark dafür, dass die empirisch-induktive Methode der Naturwissenschaften auf die Wirtschaft anzuwenden unnötig ist und nur fruchtlos sein kann, ja selbst auf einer fundamentalen Basis überhaupt gar keinen Sinn ergibt.

Sollen Theorie und Geschichte interagieren?

Dieser Aspekt von Rothbards Vorwort berührt einen Punkt von größerer Bedeutung, insbesondere für diejenigen, die sich mit Wirtschaftsgeschichte befassen, ein Bereich, auf den sich die nachkommende Generation von Österreichern, aufgrund ihres relativ weniger feindlichen intellektuellen Klimas, zunehmend konzentrierte. Wenn die Geschichte aus einzigartigen und radikal heterogenen Ereignissen besteht, aus denen die Wirtschaftstheorie keine Lehren ziehen kann, wie können dann, wenn überhaupt, wesensnotwendige Theorie und kontingente Geschichte sinnvoll zusammengeführt werden? Mit anderen Worten, worum geht es in der Wirtschaftsgeschichte und was sollten Wirtschaftshistoriker eigentlich tun? Dies ist eine Frage, auf die die Österreicher eine überzeugende Antwort vorweisen können, während der Mainstream-Ansatz wohl nicht nur falsch, sondern auch intern widersprüchlich ist.

Rothbards Vorwort hebt immer wieder hervor, „jedes geschichtliche Ereignis ist ein komplexes, einmaliges Ergebnis von vielen kausalen Faktoren“.[5] Seine Betonung dieses Punktes soll jedoch nicht eine harte Trennlinie zwischen Theorie und Geschichte ziehen, sondern vielmehr betonen, dass historische Ereignisse nicht so homogenisiert und quantifiziert werden können, dass daraus gültige theoretische Erkenntnisse abgeleitet werden können. Im Gegenteil, es „muss das komplexe geschichtliche Ereignis selbst so weit wie möglich durch verschiedene Theorien erklärt werden“.[6] Es ist die Aufgabe des Wirtschaftshistorikers, die reine Wirtschaftstheorie auf die Aufgabe anzuwenden und die kausalen Kräfte zu erklären, die hinter den Ereignissen der Geschichte stehen, die selbst nicht direkt beobachtet werden können. Dies ist eine unverzichtbare Funktion nicht nur bei Ereignissen, die lange vergangen sind, sondern vielleicht noch mehr für diejenigen, die die „Geschichte“ laut der Definition nach Mises untersuchen, die alle Ereignisse umfasst, die vor dem gegenwärtigen Zeitpunkt eintreten, einschließlich dessen, was normalerweise als Tagesgeschehen bezeichnet wird.

Diese Art der klaren und konkreten Definition der Rolle und des Zwecks der Wirtschaftsgeschichte fehlt in den gängigen Ansätzen zu diesem Thema sehr deutlich. Schließlich sind sich viele Mainstream-Ökonomen der Unvollkommenheiten und Grenzen des Aufbaus hypothetischer Theorien auf den misstönenden Daten der empirischen Realität bewusst, was sie bei ihren Versuchen, diese Theorie zur Erklärung der Ereignisse der Geschichte zu verwenden, noch mehr einschüchtert.

Das Problem der Mainstream-Wirtschaftshistoriker geht jedoch weit darüber hinaus. Wenn man sich nämlich der gängigen Ansicht anschließt, dass die Wirtschaftstheorie zuerst aus den Daten der Geschichte abgeleitet werden muss, ist es anschließend schwierig, sich umzudrehen und dieselbe Theorie zu verwenden, um die Ereignisse der Geschichte zu erklären, ohne von der Zirkularität des Ganzen schwindelig zu werden. Diese unangenehme Wahrheit wird selten ausdrücklich anerkannt, aber sie zeigt sich schmerzlich in dem Mangel an allgemeinem Zweck und Beständigkeit, den ein Großteil der produzierten Arbeiten aufweist. Wenn Wirtschaftshistoriker der Verwendung der Wirtschaftstheorie zur Erklärung der Tatsachen der Geschichte beraubt werden, werden sie nicht nur zu bloßen Chronisten trockener Fakten, die nicht in der Lage sind, die Kausalität oder die breiteren Kräfte zu erklären, sondern auch genau dem Werkzeug beraubt, das sie darüber informieren könnte, welche Ereignisse und Faktoren es überhaupt wert sind, aufgezeichnet zu werden.

Prognose oder Erklärung

Angesichts der Kürze von Rothbards Vorwort zu Theorie und Geschichte ist es ein Beweis für die Brillanz seines Autors, dass er nicht nur in der Lage ist, die Kernargumente für die praxeologische Methode zusammenzufassen, sondern auch umfassendere meta-ökonomische Fragen anzufassen, wie beispielsweise, ob die Prognose oder die Erklärung der grundlegende Zweck der Wirtschaftswissenschaft sein sollte.

Dieser Konflikt steht in engem Zusammenhang mit den Kernthemen des Vorworts, nicht nur aufgrund seiner Bedeutung für die Österreichische Methodik im Allgemeinen, sondern auch aufgrund seiner engen Verflechtung mit dem Positivismus und seinem Anspruch, zukünftige wirtschaftliche Ergebnisse vorherzusagen. Um quantitative Vorhersagen treffen zu können, muss er zunächst versuchen, quantitative Korrelationen zu finden, die dann in die Zukunft extrapoliert werden können. Dies erfordert, dass er „Individuen nicht als einzigartige Geschöpfe mit jeweils eigenen Zielen und eigener Wahl behandel[t]n, sondern als homogene und deshalb vorhersagbare Bits von Daten“.[7]

Es ist leicht vorstellbar, wie viele Interessen die Ökonomen eher in die Richtung der Vorhersage als in die Richtung der Erklärung drängen, von Unternehmen, die glauben, von einer besseren Voraussicht zu profitieren, bis hin zu politischen Akteuren, die ihre Interventionen verfeinern möchten. Der wichtige Punkt, den Rothbard betont, ist jedoch, dass die empirisch-mathematische Analyse unweigerlich mit dem Wunsch einhergeht, die Ökonomie als prognostizierendes und nicht als erklärendes Werkzeug zu nutzen. Schließlich ist es kein Zufall, dass „das Motto der economic society wörtlich lautet ‘Wissenschaft ist Voraussage’“.[8]

Apriorismus oder „Breiter Empirismus“?

Einem Thema, dem Rothbard erstaunlich viel Platz in diesem Vorwort einräumt, ist sein Widerspruch zu Mises in der Frage, ob Ökonomie als eine wahre a-priori Disziplin angesehen werden kann oder nicht. Diesem Widerspruch sind sich viele zwanglose Anhänger der Österreichischen Schule kaum bewusst, während einige passionierte Österreicher überrascht sein mögen, wie viel Aufmerksamkeit Rohtbard diesem Unterschied in seiner kurzen Einführung widmet.

Rothbard, der berühmt war für seine Zaghaftigkeit und Hochachtung, wenn es darum ging seinem Mentor öffentlich zu widersprechen, ging nichtsdestotrotz so weit zu behaupten, dass Mises’ Gebrauch des Wortes a-priori „eigenwillig“ und unnötig verwirrend sei.[9] Statt Apriorismus als Fundament des Handlungsaxioms und anderen unterliegenden Prinzipien der Ökonomie propagiert Rothbard einen nach seinen Worten breiten Empirismus und argumentiert für Selbstevidenz als eine legitime, aber vernachlässigte erkenntnis-theoretische Begründung für eine solch fundamentale Aussage:

Ist die Tatsache zielgerichteten menschlichen Handelns „verifizierbar“? Ist sie „empirisch“? Ja, aber sicher nicht in der präzisen oder quantitativen Art, welche die Nachahmer der Naturwissenschaften es üblicherweise versuchen. Die Empirie ist breit und qualitativ, vom Wesen menschlicher Erfahrung stammend; sie hat nichts mit Statistik oder geschichtlichen Ereignissen zu tun. Zudem hängt sie von der Tatsache ab, dass wir alle menschliche Wesen sind, und kann deshalb dieses Wissen nutzen, um es auf andere Wesen derselben Art zu übertragen. Noch weniger ist das Axiom zielgerichteten Handelns „falsifizierbar“. Es ist so offensichtlich, wie schon bemerkt und erwogen, daß es deutlich das Mark unserer Erfahrung bildet.[10]

Obwohl viele, die sich dieser Uneinigkeit zwischen Mises und Rothbard bewusst sind, sie wahrscheinlich zum überwiegenden Teil als bloßen terminologischen Unterschied abtun, zeigt allein die Tatsache, dass Rothbard sie in diesem kurzen Vorwort so direkt und detailliert anspricht, dass er sie als eine Angelegenheit von grundlegenderer Bedeutung ansieht. Und obwohl es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, tief genug zu graben, um für die eine oder andere Seite eine entschlossene Meinung einzunehmen, beleuchtet dies aber doch ein interessantes Thema mit möglicherweise weitreichenden Auswirkungen, für das zukünftig noch mehr fruchtbare Arbeit geleistet werden könnte.

Abschluss

Das wohl am meisten vernachlässigte Meisterwerk der Österreichischen Schule, Ludwig von Mises’ Theorie und Geschichte, ist wohl das größte Einzelwerk über das wichtige Thema der Österreichischen Methodologie, vor allem die vom Mises Institute herausgegebene Edition, die das Vorwort von Rothbard beinhaltet. Das Vorwort setzt nicht nur Mises’ meisterhaftes Werk in seinen Kontext, sondern erlaubt Rothbard auch dessen Hauptbeiträge in seiner üblichen Messerschärfe zusammenzufassen, während er gleichzeitig den Leser mit breiteren Fragen über die Epistemologie und den fundamentalen Zweck der Wirtschaftswissenschaften konfrontiert. Darüber hinaus lieferte uns Rothbard bei der Bewältigung der Aufgabe, die wichtigsten Punkte der Österreichischen Methodik in einem so kurzen Vorwort zusammenzufassen, fast versehentlich ein nahezu ideales Einführungsstück darüber, was die Österreichische Schule wirklich ist, mit großem Potenzial, als aufgetragene Lektüre für Studenten oder interessierte Anfänger für diese Ideen.

Die Bedeutung einer frühen Grundkenntnis in der Methodik für angehende Österreicher zeigt sich schmerzlich in der inkonsistenten und kontraproduktiven Arbeit vieler etablierter Ökonomen, selbst vermeintlich freier Marktwirtschaftler. Wenn mehr Aufmerksamkeit auf das Einführungspotential von kurzen methodischen Arbeiten, wie Rothbards Vorwort zu Theorie und Geschichte, gelenkt werden kann, können wir erwarten, dass zukünftige Generationen von Österreichern nicht nur in ihrer Methodik, sondern auch in ihrer Fürsprache für eine solide Ökonomie immer stärker und konsequenter werden.

[1] Vorwort von Murray N. Rothbard in „Theorie und Geschichte. Eine Interpretation sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung“ von Ludwig von Mises, (Ludwig von Mises Institute, 2007; Akston Verlag 2014 – Herausgeber: Ludwig von Mises Institut Deutschland). S. 57
[2] Ebda. S. 52
[3] Ebda. S. 52
[4] Ebda. S. 54
[5] Ebda. S. 55
[6] Ebda. S. 56
[7] Ebda. S. 53
[8] Ebda. S. 53
[9] Ebda. S. 54
[10] Ebda. S. 55

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Forgotten Greatness of Rothbard’s Preface to Theory and History ist am 24.6.2020 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Das könnte Sie auch interessieren: Vortrag von Professor Dr. Thorsten Polleit im Rahmen des Ludwig von Mises Seminar 2020 am 13. und 14. März 2020 in der Stadthalle Kronberg/Taunus. Der Vortrag behandelt das Buch „Theorie und Geschichte“ von Ludwig von Mises aus dem Jahr 1957. Das Thema des Seminars lautete: „Die Österreichische Schule der Nationalökonomie – 12 Vorlesungen über bahnbrechende Bücher und Ihre Bedeutung“.


George Pickering studiert Wirtschaftsgeschichte an der Universität Oxford und war zweimaliger Stipendiat des Mises Institute in Auburn.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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