Sozialdemokratischer Sozialismus (Teil 2)

14.10.2015 – von Hans-Hermann Hoppe.

[„Sozialdemokratischer Sozialismus (Teil 1)“ finden Sie hier.]

Hans-Hermann Hoppe

Aber das ist noch immer nicht alles, was über die Konsequenzen des Sozialismus sozialdemokratischen Stils gesagt werden muss, denn er wird auch weiter entfernte, nichtsdestotrotz höchst wichtige Auswirkungen auf die Moralstruktur der Gesellschaft haben, die alle sichtbar werden, wenn man über die Langzeitwirkungen der Einführung umverteilender Politik nachdenkt. Es wird wahrscheinlich nicht mehr sehr überraschend sein, dass auch diesbezüglich der Unterschied zwischen russischem Sozialismus und Sozialismus nach sozialdemokratischem Stil nicht von grundsätzlicher Art ist.

Man sollte sich erinnern, dass der Effekt des zuerst genannten auf die Formung von Persönlichkeitstypen zweifach war, nämlich die Reduktion des Anreizes, produktive Fertigkeiten zu entwickeln, und gleichzeitig die Bevorzugung der Entwicklung politischer Talente. Das exakt ist auch die allgemeine Konsequenz des sozial-demokratischen Sozialismus. Da der Sozialismus nicht-produktive Rollen ebenso wie produktive, die der öffentlichen Beachtung entgehen und so nicht mit Besteuerung erricht werden können, bevorzugt, verändert sich der Charakter der Bevölkerung entsprechend.

Dieser Prozess mag langsam sein, aber solange die besondere, durch eine umverteilende Politik eingeführte Anreizstruktur andauert, läuft er konstant weiter. Geringere Investitionen in die Entwicklung und Verbesserung eigener produktiver Fähigkeiten werden die Folge sein, und als Konsequenz werden die Leute zunehmend unfähig werden, sich ihr eigenes Einkommen selbständig zu sichern, indem sie produzieren oder Verträge abschließen. Und so wie das Ausmaß an Besteuerung zunimmt und der Kreis an besteuerten Einkommen größer wird, so werden die Leute zunehmend so unscheinbare, so einheitliche und so mittelmäßige Persönlichkeiten wie möglich entwickeln – zumindest was ihr öffentliches Auftreten betrifft.

Zur selben Zeit, wenn das Einkommen einer Person gleichzeitig abhängig von Politik wird, d.h. abhängig von der Entscheidung der Gesellschaft darüber, wie die Steuern umverteilt werden sollen (was, um es nochmals klar zu sagen, nicht durch Vertragsabschluss, sondern vielmehr durch erzwungene Dominanz des Willens einer Person über den Willen einer anderen erreicht wird!), und je mehr es davon abhängig wird, umso mehr sind die Leute gezwungen, sich zu politisieren, d.h. umso mehr Zeit und Energie werden sie in die Entwicklung ihrer speziellen Talente zur Erreichung persönlicher Vorteile auf Kosten anderer (d.h. in einer nicht-vertraglichen Art und Weise) oder aber in die Verhinderung einer solchen Ausbeutung investieren müssen.

Der Unterschied zwischen den beiden Typen des Sozialismus liegt (nur) im folgenden: Unter russischem Sozialismus ist die Kontrolle des Gesellschaft über die Produktionsmittel, und infolgedessen über das mit ihnen produzierte Einkommen, vollständig, und insoweit scheint es keinen Raum mehr dafür zu geben, sich in eine politische Debatte über das tatsächliche Ausmaß der Politisierung der Gesellschaft einzulassen. Diese Frage ist geklärt – genauso, wie sie am anderen Ende des Spektrums, unter reinem Kapitalismus, geklärt ist und es überhaupt keinen Platz für Politik gibt, da alle Beziehungen ausschließlich vertraglicher Art sind.

Im sozialdemokratischen Sozialismus, auf der anderen Seite, ist die gesellschaftliche Kontrolle über das privat produzierte Einkommen tatsächlich nur eine teilweise, und erhöhte oder vollständige Kontrolle existiert nur als ein noch nicht tatsächlich wahrgenommenes Recht der Gesellschaft bzw. dient nur als mögliche, über den Köpfen der privaten Produzenten schwebende Drohung. Aber lieber mit der Drohung, voll besteuert zu werden, zu leben, als tatsächlich so besteuert zu sein, erklärt ein interessantes Merkmal des sozialdemokratischen Sozialismus in Hinblick auf die generelle Entwicklung hin zu zunehmend politisierten Charakteren. Es erklärt, warum in einem System des sozialdemokratischen Sozialismus die Art der Politisierung unterschiedlich zu der im russischen Sozialismus ist. Unter letzterem wird Zeit und Anstrengung nicht-produktiv eingesetzt, indem darüber diskutiert wird, wie das gesellschaftlich besessene Einkommen verteilt werden soll; unter dem davor erwähnten wird das natürlich auch getan, aber Zeit und Anstrengung wird auch für politische Auseinandersetzungen darüber aufgewendet, wie groß oder klein die gesellschaftlich verwalteten Einkommensanteile tatsächlich sein sollen.

In einem System der sozialisierten Produktionsmittel, wo diese Frage ein für allemal geklärt ist, kann dann relativ mehr Rückzug aus dem öffentlichen Leben, Resignation und Zynismus beobachtet werden. Im sozialdemokratischen Sozialismus andererseits, wo diese Frage noch offen ist, und wo Produzenten und Nicht-Produzenten gleichermaßen sich immer noch der Hoffnung hingeben können, ihre Position durch abnehmende oder zunehmende Besteuerung zu verbessern, ist dieser Rückzug ins Private seltener und stattdessen sind viel mehr Personen aktiv in politischer Agitation engagiert, entweder zugunsten einer Erhöhung der gesellschaftlichen Kontrolle privat produzierten Einkommens, oder dagegen.

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Aus „Sozialismus oder Kapitalismus. Gestaltung und Entwicklung der menschlichen Gesellschaft” (1986) von Hans-Hermann Hoppe, Verlag Schernhammer, 2005, S. 74 – 76.

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Prof. Dr. Hans-Hermann Hoppe, Philosoph und Volkswirt, ist einer der führenden Vertreter der Österreichischen Schule der Ökonomie und zählt zu den bedeutendsten Sozialwissenschaftlern der Gegenwart. Er lehrte von 1986 bis zu seiner Emeritierung 2008 an der University of Nevada, Las Vegas, USA. Er ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama, USA, und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Hoppe lehrt und hält Vorträge weltweit. Seine Schriften sind in 30 Sprachen übersetzt worden. Er ist Gründer und Präsident der Property and Freedom Society und lebt heute als Privatgelehrter in Istanbul. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Die Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung“, „Eigentum, Anarchie und Staat“, „A Theory of Socialism and Capitalism“, „The Economics and Ethics of Private Property“, „The Myth of National Defense“, „Demokratie. Der Gott, der keiner ist.“, „Der Wettbewerb der Gauner“, „The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline“, „From Aristocracy to Monarchy to Democracy“ und „A Short History of Man: Progress and Decline“.
Weitere Informationen auf www.hanshoppe.com und www.propertyandfreedom.org.

 

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