Eigeninteresse ist kein Egoismus

1.5.2015 – von Gary Galles.

Gary Galles

Handelsbeziehungen auf dem freien Markt werden ständig als von Egoismus oder Gier getrieben kritisiert. Die Belohnung von Egoismus mache diese Beziehungen ethisch fragwürdig . Wie Friedrich Hayek es formuliert hat, „der Glaube, der Individualismus befürworte und ermutige Egoismus, ist einer der Hauptgründe, warum so viele Menschen ihn nicht mögen.“ Allerdings ist diese Anschuldigung falsch.

Bei Märkten geht es um Menschen mit Eigeninteressen, die gemeinsam ihre jeweiligen Ziele verfolgen, oft sogar ohne einander überhaupt zu kennen. Die eigenen Ziele zu verfolgen ist allerdings nicht dasselbe wie egoistisch zu sein.

Menschen haben vielfältige Ziele

Ökonomen gehen davon aus, dass Individuen Eigeninteressen haben. Das bedeutet schlicht und einfach, dass es Dinge gibt, die jedem Menschen wichtig sind; manche Ziele sind ihm wichtiger als andere. Daraus folgt, dass jeder Mensch lieber über mehr als über weniger Mittel verfügen möchte – und auch gerne das Recht hätte, über ihre Verwendung zu entscheiden. Dies würde es ihm ermöglichen, die Ziele, die ihm wichtig sind, effektiver zu verfolgen. Aber Wert darauf zu legen, über die Verwendung von mehr Mitteln zu bestimmen, ist nicht gleichbedeutend mit  monomanischer Selbstbezogenheit.

Hayek verstand diese Verwechslung, er schrieb:

Wenn wir es kurz zusammenfassen, in dem wir sagen, dass Menschen bei ihren Handlungen von den eigenen Wünschen und Interessen geleitet werden und auch geleitet werden sollten, wird dies sofort zu der falschen Behauptung verzerrt, sie wären ausschließlich durch die eigenen persönlichen Bedürfnisse oder selbstsüchtigen Belange motiviert. Wir hingegen meinen, es sollte ihnen erlaubt sein, anzustreben, was immer ihnen wünschenswert erscheint.

Sollte alles, um das ein Mensch sich kümmern würde, nur er oder sie selbst sein, könnte das Eigeninteresse dieses Menschen zu Recht mit Egoismus gleichgesetzt werden. Wenn aber jemand sich für irgendetwas oder irgendjemanden jenseits der eigenen Person einsetzt, so unterscheidet sich dies in einigen wichtigen Punkten von Egoismus.

Wenn zum Beispiel Mutter Teresa das Preisgeld ihres Nobelpreises dazu verwendet hat, ein Leprosarium zu errichten, so hat sie aus Eigeninteresse gehandelt, da die entsprechenden Mittel für etwas verwendet wurden, das ihr wichtig war. Sie hat allerdings nicht egoistisch gehandelt.

Freie Märkte bringen die wahren Egoisten dazu, mit anderen zusammenzuarbeiten

Eine andere Art, den Unterschied zu beschreiben, ist die Feststellung, dass egoistische Menschen zwar eigennützig sind (sie kümmern sich um sich selbst), man aber nicht zwangsläufig zum Egoisten wird, wenn man sich um sich selbst kümmert. Und die eigenen Interessen zu verfolgen, ob aus egoistischen Gründen oder nicht, verstärkt die Zusammenarbeit zwischen den Menschen und erlaubt ihnen, vom eigenen Handeln zu profitieren, durch freiwilliges Verhalten im Markt. Das bedeutet, dass selbst egoistische Marktteilnehmer durch den Markt nicht egoistischer gemacht werden und die Märkte die Selbstsüchtigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen keinesfalls fördern.

Nehmen wir zur Veranschaulichung an, Stan sei ein kompletter Egoist. Vorausgesetzt, die Eigentumsrechte anderer werden respektiert, kann Stan andere nur dazu bringen, freiwillig am Verfolgen seiner eigenen Ziele mitzuarbeiten, in dem er ihnen etwas bietet, dass sie besser stellt, als es die Alternativen tun würden. Er kann sie nicht zwingen. Obwohl ihm die anderen völlig egal sind, handelt Stan so auch zu deren Vorteil, um die eigene Ziele zu verfolgen. Dies ist das Wunder, welches Adam Smith mit der Metapher der „unsichtbaren Hand“ beschrieben hat. Selbst wenn jemand egoistisch ist, hat er trotzdem Anreize, auch zum Vorteil anderer zu handeln, in dem er mit ihnen zusammenarbeitet und so auch ihre Möglichkeiten verbessert.

Wir können nicht all die guten Taten ignorieren, die Menschen mit ihrem Geld vollbringen

Der Vorwurf gegen egoistisches Verhalten in der Wirtschaft wird auch durch den Fokus auf die reinen Handelsbeziehungen ermöglicht. Bei einer so eingeschränkten Betrachtungsweise gibt es keinen analytischen Unterschied zwischen Egoismus und Eigeninteresse. Dies führt zur Ignoranz aller Beweise, die gegen die Annahme eines allgegenwärtigen Egoismus sprechen. Wenn wir allerdings das Verhalten der Menschen jenseits des mikroskopisch  engen Fokus auf reine Handelsbeziehungen betrachten, dann sehen wir unzählige Beweise für selbstloses Verhalten, von der Fürsorge für Familie und Freunde über hunderte Millionen Stunden an ehrenamtlichen Tätigkeiten und hunderte Milliarden Dollar an wohltätigen Spenden bis hin zu alltäglichen guten Taten. Wirklich jeder zeigt irgendwo Großzügigkeit. Und die Möglichkeiten, großzügiges Verhalten zu zeigen, werden durch die wechselseitigen Vorteile, die Märkte bieten, erweitert, und nicht verringert.

Adam Smith hat dies in The Theory of Moral Sentiments gut formuliert:

Wie egoistisch jeder Mensch auch angeblich sein möge, so gibt es doch offensichtlich einige Prinzipien in seiner Natur, die sein Interesse am Schicksal anderer wecken und deren Glück für ihn nötig machen, obwohl er davon nichts hat außer der reinen Freude, sie glücklich zu sehen.

Und statt reinen Egoismus zu befürworten, kam er zu dem Schluss, dass „es die Perfektion der menschlichen Natur darstellt, die selbstbezogenen Gefühle zu zügeln und den selbstlosen nachzugeben.“ Mit anderen Worten, es liegt in unserem Eigeninteresse, unsere selbstlose Natur zu fördern. Der sogenannte Vater der Ökonomik wies den Vorwurf des Egoismus, den die Kritiker gegen den freien Markt erhoben, sowohl als generelle Annahme, als auch als Bestandteil eines guten Lebens zurück.

Es ist offensichtlich, dass die Darstellung der Marktteilnehmer als alleine von Gier getrieben falsch ist. Was erklärt nun solche falschen Anschuldigungen? Diese Anschuldigungen rühren daher, dass manche Menschen glauben, ihre Vorlieben seien den Vorlieben rechtmäßiger Eigentümer und deren Kontrolle über ihr Eigentum vorzuziehen. Trotzdem sind sie nicht in der Lage, die freiwillige Zustimmung der rechtmäßigen Eigentümer zu den eigenen Plänen zu bekommen. Also müssen solche Eigentümer und solches Eigentum herabgewürdigt werden, woraufhin die selbsterklärten Reformer dann den rechtmäßigen Eigentümern ihre eigenen Präferenzen aufzwingen können. Dass sie dabei ihre eigene Gier offen zur Schau stellen, scheint ihnen dabei zu entgehen.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Self-Interest Is Not Selfishness ist am 15.4.2015 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Fotos: youtube

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Gary M. Galles ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Pepperdine University. Er ist Autor von The Apostle of Peace: The Radical Mind of Leonard Read.

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