Die Griechen zerstören die deutsche Vormachtstellung in der EU endgültig

4.2.2015 – Interview mit Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos Madrid, zu den jüngsten Entwicklungen in der Eurozone nach den Wahlen in Griechenland. 

Herr Bagus, in ganz Europa rätselt man über den Kurs, den die neue griechische Regierung einschlägt, was eigentlich ihr Plan ist. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Philipp Bagus

Die griechische Regierung versucht, das Beste für sich herauszuschlagen. Sie möchte die Schulden erlassen bekommen, Reformen rückgängig machen, Beamte wieder einstellen, den Mindestlohn erhöhen, und Staatsausgaben steigern. Das bedeutet ein Brechen der Abmachungen und ein höheres Staatsdefizit und damit mehr Finanzierungsbedarf, den der Rest der Eurozone decken soll. Um Zugeständnisse zu erreichen, droht die griechische Regierung mehr oder minder offen damit, ihre Ziele ohne Zustimmung der Troika durchzusetzen, also die Schulden nicht zu bezahlen und Reformen rückgängig zu machen.

Die Neue Zürcher Zeitung hat zu Beginn der Woche spekuliert, die griechische Regierung würde „Chicken Game“ spielen: Zwei Autos fahren in einer Mutprobe rasend schnell aufeinander zu. Wer ausweicht, ist ein Feigling und hat verloren. Weicht keiner aus, haben beide gewonnen, aber beide sind tot. Ein guter Vergleich?

Der Vergleich passt. Das erste Auto ist die griechische Regierung. Sie sagt, wir fahren unseren Kurs weiter und steigern die Staatsausgaben. Die Eurozone soll ausweichen, sie soll das Ganze finanzieren und obendrein auch noch die griechischen Schulden erlassen. Das zweite Auto, die Eurozone, hat einen klaren Kurs. Wenn Griechenland sich nicht an die Abmachungen hält und Reformen rückgängig macht, will sie Griechenland nicht mehr finanzieren, und die EZB soll den griechischen Banken den Geldhahn abdrehen. Die Autos stoßen also unweigerlich zusammen, wenn kein Auto ausweicht.

Beharren beide auf ihrem Kurs, dann erleiden beide schwere Schäden. Griechenland bekommt keine Finanzierung mehr, die griechischen Banken gehen Konkurs, der griechische Staat geht Konkurs, und ausländische Investoren werden aus dem Land fliehen. Letztlich könnte Griechenland sogar die Eurozone verlassen. Die Bürger in der Eurozone werden Verluste erleiden, denn die ohnehin uneinbringlichen Griechenlandkredite müssen abgeschrieben werden.

Zudem wird die „Büchse der Pandora“ geöffnet. Es könnte einen neuen Lehman-Moment geben. Bislang sind die Investoren ja davon ausgegangen, dass die Staaten gerettet werden – genauso wie sie 2008 davon ausgingen, dass Großbanken wie Lehman gerettet werden würden. Sollte sich das als Irrglaube erweisen, könnte es zu größeren Verwerfungen an den Finanzmärkten kommen.

Es ist aber wahrscheinlich, dass es aufgrund der Politik wieder auf einen Kompromiss hinausläuft, bei denen beide das Gesicht wahren und den Wählern ein Erfolg verkauft. Das aktuelle „Chicken-Game“ würde zwar beendet, der Tag der Entscheidung würde aber lediglich vertagt.

Die Gläubiger Griechenlands sind überwiegend die übrigen Eurostaaten. Welche Rolle spielt das bei den Verhandlungen, die nun ja wohl anstehen?

Eine sehr große Rolle. Falls Griechenland die Schulden erlassen werden, kommen auf die anderen Staaten Verluste zu. Und die politischen Kosten dieser Verluste sind hoch, da die Politiker in allen Ländern immer versichert haben, dass es bei den Griechenlandkrediten nicht zu Verlusten kommen wird. Zudem werden andere Länder ebenfalls einen Schuldenerlass fordern: Irland, Portugal, Spanien. Dann würden die Verluste und politischen Kosten noch größer.

Falls sich Griechenland durchsetzt und sagt: Ende mit der Sparpolitik, wir machen die Wirtschaftspolitik, die wir für richtig halten, werden Parteien in anderen Eurostaaten, die das auch wollen, enormen Zulauf erhalten. Man überlege sich einfach mal, wie eine spanische Regierung dastehen würde, die ihren Bürgern erzählt hat, man müsse „sparen“ und „Opfer bringen“. Und dann kommt Griechenland und zeigt ihnen das Gegenteil.

Das spielt der Opposition wieder der linksextremen Podemos in Spanien in die Karten. Setzt sich Griechenland durch, ist es durchaus möglich, dass Podemos die nächsten Wahlen gewinnt, und Le Pen in Frankreich. In Madrid ist es dem linken Bündnis Podemos am vergangenen Wochenende gelungen, 100.000 Menschen auf die Straße zu bringen. Der Podemos-Parteichef setzt bereits auf einen politischen Wechsel wie in Griechenland

Spanien berichtet mittlerweile erstmals wieder von einem kleinen Wirtschaftswachstum. Sie leben in Spanien. Wie ist die Stimmung? Hat sich wirklich etwas zum Besseren gewendet?

Die Stimmungslage wird besser, denn die Beschäftigung steigt langsam. Die Leute werden zuversichtlicher. Es hat durchaus kleine Reformen in die richtige Richtung gegeben. Die Arbeitsgesetzgebung leicht flexibilisiert, der Bankensektor rekapitalisiert, staatliche Bildungs- und Gesundheitskosten gesenkt, etc. Vor allem haben Unternehmer 7 Jahre lang Tag und Nacht daran gearbeitet, sich wieder an den Konsumentenwünschen auszurichten, ihre Unternehmen zu restrukturieren, Kosten zu senken und wettbewerbsfähiger zu werden. Dass dies irgendwann Früchte tragen würde, war klar. Mieten und Lohnkosten sind um die 20% gesunken. Freilich ist die Staatsverschuldung schon so hoch, dass sie kaum noch zurückgezahlt werden kann. Auch hier wird es irgendwann zur Entscheidung kommen.

In Portugal sind im Herbst ebenfalls Parlamentswahlen. Wagen Sie eine Prognose, worauf sich die Menschen in der Eurozone einstellen müssen?

Auch in Portugal wird der Ausgang der Parlamentswahlen von Griechenland beeinflusst werden. Setzt sich die griechische Regierung durch, dann werden dort Parteien Zulauf bekommen, die auf ein ähnliches Programm setzen. Portugal würde dann mit den gleichen Forderungen wie heute Griechenland auf sich aufmerksam machen. Lässt man die griechische Regierung jedoch auflaufen und sehen die Leute, dass ein Ende der Sparmaßnahmen und Rückdrehen der Reformen in Chaos und Armut mündet, dann wird man am Reformkurs festhalten. Wenngleich auch hier gilt, dass Portugal die Schuldentragfähigkeitsgrenze wohl überschritten hat.

Für die Bürger der Eurozone bleiben also drei Szenarien. Erstens ein fauler Kompromiss, der Zeit gewinnt und die Entscheidung über die Entwicklung der Eurozone vertagt. Zweitens, ein schnelleres Abgleiten in eine Transfer- und Inflationsunion, für den Fall, dass sich die griechische Regierung durchsetzt. Drittens, eine kleine Wende zum Besseren, auch wenn dadurch Verluste realisiert werden, wenn Griechenland der Geldhahn zugedreht wird und es zu keinen weiteren Zugeständnissen mehr kommt.

Vielen Dank, Herr Bagus.

Das Interview wurde per email geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen.

Anfang Mai ist sein gemeinsam mit Andreas Marquart geschriebenes Buch“WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen” erschienen.

 

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