125 Jahre gesetzliche Rente – und erste Gedanken für die Zeit danach

7.1.2015 – Anstatt Milliarden in die waghalsige Eurorettung oder eine ruinöse Energiewende zu stecken, sollte besser eine Rentenwende finanziert werden

von Philipp Bagus.

Philipp Bagus

Anfang Dezember 2014 inszenierte die Bundesregierung den 125. Geburtstag der gesetzlichen Rentenversicherung. Alle Feierlichkeiten können eines nicht überdecken: Die gesetzliche Rentenversicherung steckt in der Krise. Bei Einführung der Rentenversicherung 1889 durch Otto von Bismarck betrug das Renteneintrittsalter 70 Jahre, die durchschnittliche Lebenserwartung nur um die 40 Jahre.

Heute liegt das Eintrittsalter tiefer, bei gut 65 Jahren; selbst wenn wir ein Eintrittsalter von 67 Jahren veranschlagen, auf das es bis 2029 klettern soll, liegen wir unter dem Wert aus der Kaiserzeit. Während das Eintrittsalter gesunken ist, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 80 Jahren; doppelt so hoch wie zu Bismarcks Zeiten. Man muss kein Einstein sein, um zu erkennen, dass sich die Vorzeichen für die gesetzliche Rente entschieden verschlechtert haben. Gerade hat die große Koalition auch noch die Rente mit 63 für langjährige Beitragszahler eingeführt, was die Nachhaltigkeit des öffentlichen Rentensystems weiter schwächt.

Da ist es richtig, die gesetzlich Rente unter die Lupe zu nehmen und die Alternativen zu bewerten. Im HAUPTSTADTBRIEF 121 hat Prof. Anthony Mueller eben das getan. Er fordert eine Deregulierung und eine Verringerung der Staatstätigkeit, um so Produktivität und Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zu steigern. In dieser Forderung verdient Professor Mueller unsere volle Zustimmung.

Jedoch verteidigt Mueller auch die sogenannte Mackenroth-These: Der aktuelle Sozialbedarf, also auch die Rente, müsse immer aus dem laufenden Sozialprodukt erwirtschaftet werden. Daher sei es auch letztlich nicht entscheidend, ob es ein staatliches oder ein privates, ein umlagefinanziertes oder kapitalgedecktes  Rentensystem gebe. Denn die von den Rentnern benötigten Güter und Leistungen müssten in der Gegenwart von den Arbeitern produziert werden. Entscheidend sei die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft.

Hier beginnen unsere Differenzen. Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob die Altersvorsorge privat oder staatlich organisiert ist.

Erstens ist die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, also das laufende Sozialprodukt, eben nicht unabhängig vom Rentensystem. Ein umlagefinanziertes Rentensystem senkt die gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse im Vergleich zu einem privaten System. Im öffentlichen System werden die Renten durch Steuern oder Abgaben erbracht. Das verfügbare Einkommen der Erwerbstätigen verringert sich; es bleibt weniger zum Sparen. Auch der Anreiz zum Sparen fürs Alter ist geringer; vertraut man doch auf die staatliche Rente.

Das gesetzliche Rentensystem gaukelt den Menschen vor, dass der Staat für sie spart. Volkswirtschaftlich wird im staatlichen Rentensystem aber nichts gespart oder investiert. Es werden lediglich Gelder an die Rentner transferiert; daher auch der Name Umlagesystem. Volkswirtschaftlich ist die Umlage Konsum. In einem kapitalgedeckten, privaten System hingegen wird wirklich gespart. Diese Ersparnisse finanzieren zusätzliche Investitionsprojekte, machen Produktivitätsfortschritte möglich und führen zu einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum. Wie Mueller selbst schreibt, öffnet Sparen den Weg zur Prosperität und damit auch zu höherem Lebensstandard im Alter.

Zweitens ist es nicht richtig, dass der aktuelle Sozialbedarf nur aus dem laufenden Sozialprodukt finanziert werden kann und es unmöglich ist, Ersparnisse aus der Erwerbstätigkeit ins Alter zu transferieren. Man kann durchaus Arbeitsleistungen „ansparen“; z. B. in Form von langlebigen Konsumgütern. So kann ich mir im Erwerbsleben eine Bibliothek zu legen und die Bücher im Ruhestand lesen. Ich kann mir auch vor der Rente ein Haus bauen, das ich bis zum Lebensende bewohne.

Ähnliches gilt für Kapitalgüter, die es erlauben Arbeitsleistung „anzusparen“ und in die Zukunft zu transferieren. Stellen wir uns folgendes vereinfachtes Beispiel vor: Auf einer Insel leben zehn Erwachsene, die sich nur einer Tätigkeit widmen, nämlich mit einem Pferdepflug Getreide herzustellen. Das Sozialprodukt beläuft sich auf zehn Tonnen Getreide pro Jahr. Auf der Insel gibt es jedoch ein „Demographieproblem“. Es gibt nur ein kleines Kind. Wie soll das Kind die zehn Erwachsenen im Alter versorgen?

Die Erwachsenen entschließen sich, fürs Alter vorzusorgen. Sie verringern ihren Konsum. Sie sparen und essen weniger Getreide. So müssen sie weniger in der Landwirtschaft arbeiten. Dadurch bleibt ihnen Zeit, sich nebenbei der langjährigen Produktion eines Traktors zu widmen. Bei Renteneintritt ist der Traktor fertiggestellt. Er repräsentiert angesparte Arbeitsleistung. Das nunmehr erwachsene Kind kann mit dem Traktor auch zehn Tonnen Getreide pro Jahr produzieren. Die Versorgung ist gesichert.

Drittens ist es nicht richtig, dass die Alterung der deutschen Bevölkerung auch in einem privaten Vorsorgesystem Probleme bereitet. In einem nationalen Umlagesystem stellt eine alternde Bevölkerung ein großes Problem dar, da immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner versorgen müssen. In einem privaten kapitalgedeckten System sieht es anders aus; selbst wenn wir die Wachstumseffekte durch die zusätzlichen Ersparnisse nicht berücksichtigen. Denn die Erwerbstätigen können über private Fonds in Unternehmungen investieren, die weltweit agieren. Und weltweit besteht kein Demographieproblem. Die Weltbevölkerung wächst.

Viertens ähnelt das staatliche Rentensystem einem Ponzi- oder Schnellballsystem, wie es der verurteilte Betrüger Bernie Madoff schuf. Es braucht zum Funktionieren eine wachsende Zahl von Teilnehmern wie ein Kettenbrief. Die Auszahlungen an die „Anleger“ (Rentner) werden nicht durch die Rendite aus Investitionen erwirtschaftet, sondern durch die Einzahlungen neuer „Anleger“ (Erwerbstätige). Auch das Schnellballsystem staatliche Rentenversicherung hängt davon ab, dass immer neue Einzahler gewonnen werden können – oder die Zahlungsempfänger früh genug versterben. Beides ist nicht der Fall.

Durch diese Konstruktion kommt es im staatlichen Rentensystem zu Konflikten zwischen den Generationen. Bei Finanzierungsproblemen müssen entweder die Beiträge erhöht oder die Renten gekürzt werden. Verteilungskonflikte sind im System angelegt. Jung gegen Alt. Erwerbstätige gegen Rentner. In einem privaten kapitalgedeckten System bleiben derartige Konflikte aus. Denn dort spart jeder für sich ein Vermögen an, um es im Ruhestand zu konsumieren.

Fünftens verringert die Umverteilung im staatlichen Umlagesystem auch die Anreize, produktiv zu sein. Man arbeitet nicht für sich selbst, um ein Vermögen anzusparen, sondern teilweise für andere. Auch hier beeinflusst also die Art des Systems – staatlich oder privat – die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft. Die staatliche Rentenversicherung impliziert zudem eine Umverteilung von Familien zu Nichtfamilien. Der Nutzen des kostspieligen Kindergroßziehens wird in Form von Rentenbeiträgen sozialisiert. Kinderlose erhalten die staatliche Rente, obwohl sie keine Kinder großgezogen haben.

Sechstens ist das staatliche System starr und inflexibel. Das Renteneintrittsalter ist relativ rigide vorgegeben. One size fits all. Im privaten System sind die Art und der Zeitpunkt des Ruhestands eine flexible Entscheidung des Einzelnen. Die Freiheit eines marktwirtschaftlichen Vorsorgesystems erlaubt es zudem, spontan mit verschiedenen Modellen zu experimentieren. Innovative Lösungen und Produkte entwickeln sich nur in Freiheit, nicht im staatlichen Einheitssystem.

Siebtens bringt das staatliche Rentensystem große Unsicherheit mit sich. Die Renten sind abhängig von den politischen Umständen, Zwängen und Wahlmanövern des Augenblicks. Renteneintrittsalter und Höhe können einfach per Gesetz geändert werden, wenn es politisch opportun ist. Es gibt keine Vertragssicherheit. Bei der privaten Altersvorsorge besteht diese Sicherheit. Der Aktienfonds oder die kapitalgedeckte Lebensversicherung kann nicht plötzlich einen Teil der Ersparnisse enteignen oder das Renteneintrittsalter hochsetzen.

Schließlich ergeben sich noch ethische Probleme. Das staatliche Rentensystem ist auf Zwang aufgebaut. Der paternalistische Staat vertraut nicht in die Weitsicht und Verantwortung seiner Bürger – und zwingt ihnen die staatliche Rente auf. Es ist jedoch ein Widerspruch, anzunehmen, dass die Bürger reif genug sind, ihre Repräsentanten demokratisch zu wählen und gleichzeitig zu behaupten, eben jene Bürger seien nicht im Stande, verantwortungsvoll ihren Ruhestand zu planen, sondern müssten durch eben diese Repräsentanten zu ihrem Glück gezwungen werden. Es mag sein, dass eine Minderheit aufgrund unglücklicher Umstände nicht für den Ruhestand vorsorgen würde und im Alter Hilfe benötigte. Aber daraus folgt nicht, dass allen Bürgern ein staatliches Renteneinheitssystem aufgezwungen werden muss. Eine private Vorsorge lässt den Menschen Freiheiten, über ihre Altersvorsorge selbst bestimmen zu können.

Die Vorteile einer privaten Altersvorsorge sind erdrückend. Die staatliche Rente ist wirtschaftlich, technisch und ethisch am Ende. Aber wie gelingt der Übergang von einem umlagefinanzierten zu einem kapitalgedeckten System? Dieser ist alles andere als einfach. Denn im Übergang muss einmalig eine Generation doppelt zahlen. Sie muss für die Rentner aufkommen, die im Vertrauen auf das staatliche Rentensystem nicht ausreichend privat vorgesorgt haben und es wegen der Rentenbeiträge auch nicht konnten. Und dann muss sie noch selbst für sich Vermögen aufbauen. Dass ein solcher Übergang möglich ist, hat jedoch als erstes Land Chile vorgemacht.

Anstatt Milliarden in die waghalsige Eurorettung oder eine ruinöse Energiewende zu stecken, sollte besser eine Rentenwende finanziert werden. Ein erster Schritt wäre es, die Bevölkerung über die Unhaltbarkeit und Nachteile der Staatsrente aufzuklären, die Rentenbeiträge zu senken und ein kapitalgedecktes Rentensystem als politisches Ziel festzuschreiben. Das wäre nicht nur transparent und ehrlich, sondern ermutigte die Menschen auch, ihre Altersvorsorge wieder in die eigene Hand zu nehmen.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in „DER HAUPTSTADTBRIEF“ – Ausgabe 126.

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Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen.

Anfang Mai ist sein gemeinsam mit Andreas Marquart geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen” erschienen.

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