Geldreform: das Übel an der Wurzel packen. Oder: der Irrweg des „Vollgeldes“

28.11.2014 – von Thorsten Polleit und Andreas Marquart.

Thorsten Polleit

Es ist etwas in Bewegung gekommen: Immer mehr Menschen merken, dass mit dem Geldsystem etwas nicht stimmt. Zu dieser Erkenntnis hat sicherlich in besonderem Maße die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise beigetragen. Jetzt mehren sich sogar die Vorschläge, das Geldsystem zu verbessern, es grundlegend zu reformieren.

Das ist eine gute Sache: Die verschiedenen Reformvorschläge dürften das Problembewusstsein in der Öffentlichkeit weiter stärken und die Aussicht auf Verbesserung erhöhen. Allerdings sind die angebotenen Reformvorschläge genau zu überprüfen, ob sie die Übelstände, die es abzustellen gilt, auch abstellen können – oder ob sie unzureichend sind und zu neuen Problemen führen.

Der Irrweg des „Vollgeldes“

Ein bekannter Vorschlag zur Reform der Geldsystems ist die „Vollgeldinitiative“. Mit ihr sollen vor allem zwei Ziele erreicht werden: (1) Die private Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken soll beendet und vollständig durch die staatliche Geldproduktion ersetzt werden. (2) Bankenkrisen sollen verhindert werden, indem Banken eine 100 Prozent Reserve in „Vollgeld“ halten. Der Steuerbürger soll nicht länger den Kopf hinhalten für Verluste der Geldhäuser.

Angesichts der Probleme, die es zu lösen gilt, kann das Vollgeldsystem jedoch nicht überzeugen. Erstens: Wenn fortan nicht mehr die Geschäftsbanken, sondern nur noch staatliche Zentralbanken die Geldmengen durch Kreditvergabe ausweiten, bleibt ein zentrales Problem ungelöst – das Geldschöpfen „aus dem Nichts“. Die Volkswirtschaften blieben dann weiterhin geplagt von Fehlentwicklungen, Inflation und „Boom-und-Bust“-Zyklen.

Zweitens: Die Befürworter des Vollgeldsystems wollen an der Idee des staatlich monopolisierten Geldes festhalten. Die staatliche Zentralbank soll sogar zu einer „vierten und unabhängigen Gewalt“ erhoben werden, ein Vorhaben, das auch unter dem Begriff „Monetative“ bekannt ist.

Die Idee einer „vierten, unabhängigen Gewalt“, die die Geschicke des Geldes leiten soll, beruht jedoch auf einer verklärt-naiven Interpretation des Staates (und seiner „drei Gewalten“). Der Staat als territorialer Zwangsmonopolist der letztgültigen Rechtsetzung und -sprechung hat ein vitales Interesse daran, die Hoheit über die Geldproduktion zu erlangen und für seine Zwecke (und die der von ihm begünstigten Gruppen) einzusetzen. Das schafft nicht nur soziale Ungerechtigkeiten, es verursacht auch schwere wirtschaftliche Schäden.

Andreas Marquart

Die Probleme, die das Kredit- und Geldsystem weltweit heraufbeschworen hat, konnten nur dadurch entstehen, dass der Staat in das Geldwesen interveniert hat: Ohne den Staat wären das ungedeckte Papiergeldsystem mit seiner immensen Schuldenpyramide undenkbar. Dass sich diese Missstände mit einem staatlich kontrollierten Vollgeld bessern sollten, erschließt sich nicht.

Übersehen wird zudem, dass ein Vollgeldsystem auf die Umsetzung einer zentralen marxistischen Forderung hinausläuft: die Verstaatlichung des Geldapparates, wie sie bereits Karl Marx in seinem totalitären Kommunistischen Manifest im Jahr 1848 gefordert hat. Die Vollgeldinitiative macht sich – beabsichtigt oder nicht – zum Vollstrecker der marxistischen Idee, führt direkt in den Geldsozialismus.

Die „Aktivgeldordnung“ als Variante des Vollgeldsystems

Thomas Mayer hat in seinem Buch „Die neue Ordnung des Geldes“ (2014) eine „Aktivgeldordnung“ vorgeschlagen, und zwar als eine Variante des Vollgeldsystems. Zentral ist dabei, dass (1) nur eine unabhängige Instanz, die staatliche Zentralbank, Geld produziert, und dass (2) die Geldmenge nicht mehr durch Bankkreditvergabe vermehrt wird.

Dem Geldschaffen per Bankkreditvergabe wird ein Riegel vorgeschoben – und damit wird auch die Kernursache der monetär bedingten Finanz- und Wirtschaftskrisen („Boom-und-Bust“) beseitigt. Doch das allein reicht nicht aus, Mayers Aktivgeldordnung das Siegel der Unbedenklichkeit zu verleihen.

In Mayers Aktivgeldordnung soll die Geldmenge zunehmen, und zwar in Höhe des geschätzten wirtschaftlichen Produktionspotenzials von 1 bis 2 Prozent pro Jahr. Das entspringt der verbreiteten Auffassung, die Geldmenge müsse zunehmen, damit die Wirtschaft wachsen kann, und dass ein Absinken der Preise zu verhindern sei. Sie lässt sich jedoch aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie als unzutreffend widerlegen.

Weitaus wichtiger ist an dieser Stelle die Frage: Wie soll die Geldmenge ausgeweitet beziehungsweise produziert werden? In der Aktivgeldordnung soll die Zentralbank die Geldmenge ausweiten, indem sie „jedem Staatsbürger seinen anteiligen Betrag an der Geldvermehrung als Dividende auf seinem Geldkonto gutschreibt“.[1] Sie soll also allen „Geldgeschenke“ machen.

Das Geld wäre nicht mehr zinsbelastet, schließlich wird das Aktivgeld nicht mehr durch Bankkreditvergabe geschaffen. Dadurch wird die Ursache für die „Boom-und-Bust“-Zyklen, wie sie die Österreichische Schule der Nationalökonomie diagnostiziert, abgestellt.

Weil aber das Aktivgeld entmaterialisiert, monopolisiert und höchst politisiert ist, sind die Aussichten, dass es seine Kaufkraft im Zeitablauf behalten wird, denkbar gering.[2] Auf eine Mäßigung der Aktivgeld ausgebenden Institution zu hoffen, wäre illusionär.

Was soll das aber überhaupt für ein Geld sein, dieses „Aktivgeld“? Mayer zufolge gibt die Zentralbank Geld aus, „das durch den »guten Willen« der Bürger auf der Aktivseite [der Zentralbankbilanz, A. d. V.] gedeckt ist.“[3] Er erklärt dazu: „[D]ie Deckung ist Vertrauen, das nicht real, sondern nur imaginär sein kann.“[4] Man stellt erstaunt fest: Aktivgeld ist Fiat-Geld.

Mayers Aktivgeldordnung läuft damit auf ein staatsbetriebenes Zettelgeldsystem hinaus: Das Aktivgeld ist entmaterialisiert, es ist in nichts einlösbar. Es wird „aus dem Nichts“ geschaffen, und zwar von einer „unabhängigen Instanz“, die, so die Vorstellung, „staatsfern“ agiert und das Geldproduktionsmonopol innehat.

Der Vorschlag, die Geschicke des Geldes mehr denn je in die Hände des Staates legen zu wollen, ist unverständlich, hat keine ökonomisch und ethisch überzeugende Rechtfertigung: Wohin die staatliche Hoheit über das Geld führt, lässt sich heute weltweit bestaunen. Und zwar nicht nur in Form von Fehlallokationen auf breiter Front, sondern vor allem auch in Form totalitärer Tendenzen, im Zurückdrängen der bürgerlichen und unternehmerischen Freiheiten durch den Staat. Mayers Aktivgeldordnung verspricht hier keine Verbesserung.

Lässt sich die Aktivgeldordnung rationalisieren, weil sie die Umstellungskosten absenkt – also die Kosten vermindert, die mit einer Abkehr vom ungedeckten Papiergeldsystem verbunden sein werden? Es ist schließlich damit zu rechnen, dass, wenn die Geldmengenausweitung aus dem Nichts beendet wird und sich der Marktzins frei bilden kann, die Produktions- und Beschäftigungsstrukturen der Volkswirtschaften kollabieren.

Die Aktivgeldordnung kann in der Tat verhindern, dass es dabei zur einer Schrumpfung der Geldmenge kommt – was der Fall wäre, wenn entweder Bankkredite zurückgezahlt oder Banken Bankrott gehen. Die Zentralbank kann die Aktivgeldmenge entsprechend ausweiten, schließlich ist sie ja der Monopolproduzent des Aktivgeldes.

Auf diese Weise können die deflationären Anpassungskosten, die mit einem Schrumpfen der Geldmenge verbunden sind, abgemildert werden. Wenn es jedoch, was sehr wahrscheinlich ist, Zahlungsausfälle der Schuldner auf breiter Front gibt, dürfte es bei der Aktivgeldmengenvermehrung kein Halten mehr geben – denn die Konten der Geldhalter können jederzeit sprichwörtlich direkt auf Knopfdruck um jeden politisch gewünschten Betrag erhöht werden.

Gerade angesichts einer solchen Anpassungskrise stellt sich die Frage: Wer wird das Vertrauen haben in ein Aktivgeld, dass nur durch den „guten Willen“ der Bürger gedeckt, dessen Deckung „nicht real“, sondern „imaginär” ist, das durch und durch politisiert ist und das „in der Not“ der Stunde beliebig ausgeweitet werden kann?

Mayer spricht sich in seinem Buch abschließend für einen Währungswettbewerb aus: „Zur Gestaltung der Geldordnung in einem demoikratischen Europa bietet es sich deshalb geradezu an, die Hayek’sche Idee des Währungswettbewerbs wieder aufzunehmen.“[5]

Es stellt sich daraufhin die Frage nach der Stellung der von ihm empfohlenen Aktivgeldordnung. Ist sie als wettbewerbsfähige Alternative gedacht? Vermutlich ja, denn es ist ja vorgesehen, dass die Aktivgeldmenge im Zeitablauf ausgeweitet werden soll.

Ob die Aktivgeldordnung sich aber als marktfähig erweisen würde, ist eine offene Frage. Die historische Erfahrung mit Zettelgeld gibt keinen Anlass zu Optimismus. Im Gegenteil: Es ist immer entwertet worden, manchmal ist es sogar im Totalverlust geendet.

Also auch das Aktivgeld könnte – wie alle Zettelgelder – zum Totalverlust werden: Denn das Aktivgeld hat keine nicht-monetäre Wertkomponente. Seine Kaufkraft könnte auf null fallen, und zwar schon dann, wenn sich im Währungswettbewerb eine überlegene Geldart herausbildet.

Marktwirtschaftliche Geldordnung

Ausgangs- und Orientierungspunkt aller Vorschläge für eine Geldreform muss das Wesen und die Entstehung des Geldes sein. Geld ist das allgemein akzeptierte Tauschmittel, und es ist ein Phänomen des freien Marktes.

Geld ist spontan entstanden, allein aufgrund der Eigeninteressen der Handelnden, wie Carl Menger (1840 – 1921) und Ludwig von Mises (1881 – 1973) aufgezeigt und bewiesen haben. Es bedarf keinerlei staatlicher Einflussnahme, damit Geld entsteht und reibungslos funktionieren kann.

Nur das Geld, das der freie Markt hervorbringt, lässt sich aus ökonomischer und ethischer Sicht als „gutes Geld“ bezeichnen. Denn es steht im Einklang mit dem Grundprinzip, dass das Handeln in einem freien Marktsystem ausmacht: der unbedingten Achtung der Eigentumsrechte aller Beteiligten.

Wenn es das Ziel ist, „gutes Geld“ zu erlangen, muss das ungedeckte Papiergeldsystem beendet werden und durch eine private Produktion des Geldes, einem freien Währungswettbewerb, ersetzt werden.

Für den Übergang gibt es zwei grundsätzliche Möglichkeiten. (1) Man stellt die elektronische Notenpresse ab, lässt die Papiergeldarchitektur kollabieren und setzt auf die spontanen Kräfte des freien Marktes, ein neues Geldsystem hervorzubringen.

(2) Man versucht, den Übergang zu gestalten, um einen möglichen Totalverlust des ungedeckten Papiergeldes zu verhindern. Dazu können die ausstehenden Geldmengen durch das Gold, das die Zentralbanken in ihren Kellern haben, gedeckt werden – so wie es Ludwig von Mises und Murray N. Rothbard (1926 – 1995) vorgeschlagen haben.

Die Zentralbanken werden abgeschafft und die volle Bankfreiheit (mit einer 100 Prozent Reservehaltung) wird zugelassen. Die Marktakteure haben die Freiheit, selbst zu entscheiden, was sie als Geld verwenden wollen. Jedem ist es erlaubt, Güter anzubieten, die sich um die Geldfunktion bewerben. Eine marktwirtschaftliche Geldordnung entsteht.

Übel an der Wurzel packen

Es lässt sich trefflich darüber debattieren, ob eine solche Reform praktisch möglich ist. Diese Frage erklärt sich aus der Einschätzung, dass der Staat nicht bereit sein wird, sich sein Geldmonopol abspenstig machen zu lassen, dass er es mit Zähnen und Klauen verteidigen wird.

Unabhängig davon ist es unverzichtbar, Vorschläge für eine Geldreform nicht am politisch Machbaren auszurichten, wenn das auf Kosten des „guten Geldes“ geht. Murray Rothbard bezog sich auf die Aussage des Ökonom Clarence Philbrook, als er in The Case for a 100 Percent Gold Dollar (1962) schrieb:

“[W]e must frame our policy convictions on what we believe the best course to be and then try to convince others of this goal, and not include within our policy conclusions estimates of what other people may find acceptable. For someone must propagate the truth in society, as opposed to what is politically expedient. If scholars and intellectuals fail to do so, if they fail to expound their convictions of what they believe the correct course to be, they are abandoning truth, and therefore abandoning their very raison d’être. All hope of social progress would then be gone, for no new ideas would ever be advanced nor effort expended to convince others of their validity.”

Nur mit gutem Geld wird es letztlich gelingen, Prosperität und Freiheit zu bewahren. Das Vollgeldsystem und auch die Aktivgeldordnung sind in diesem Sinne keine Alternativen zur herrschenden ungedeckten Papiergeldordnung, weil auch sie kein gutes Geld bereitstellen.

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[1] Mayer, T. (2014), Die neue Ordnung des Geldes, S. 148.
[2] So auch Mayer (2014), S. 206.
[3] Mayer, T. (2014), S. 152.
[4] Mayer, T. (2014), S. 147.
[5] Mayer, T. (2014), S. 192.

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Thorsten Polleit, 47, ist seit April 2012 Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH. Er ist Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, Mitglied im Forschungsnetzwerk „Research On money In The Economy“ (ROME) und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Er ist zudem Gründungsmitglied und Partner von Polleit & Riechert Investment Management LLP. Die private Website von Thorsten Polleit ist: www.thorsten-polleit.com. Hier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.

Andreas Marquart ist Vorstand des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Er ist seit 15 Jahren in der Finanzberatung tätig und orientiert sich dabei an den Erkenntnissen der Österreichischen Geld- und Konjunkturtheorie. Anfang Mai erschien sein gemeinsam mit Philipp Bagus geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen”.