Preisdeflation ist kein gesamtwirtschaftliches Problem

11.4.2014 – von Philipp Bagus.

Philipp Bagus

Preisdeflation hat eine schlechte Presse. Spätestens seit der Großen Depression werden fallende Preise mit Stagnation oder Rezession gleichgesetzt. Zentralbanken versuchen alles, um eine Preisdeflation zu vermeiden. Offiziell ist der Auftrag der meisten Zentralbanken – so der Europäischen Zentralbank und der Schweizerischen Nationalbank – Preisstabilität, also auch eine Verhinderung der Preisinflation. Man sollte meinen, dass Zentralbanken eine Teuerungsrate von „Null“ als Preisstabilität ansehen. Dem ist jedoch nicht so. Das Preissteigerungsziel der Zentralbanken liegt in der Regel bei nahe, aber unter zwei Prozent. Diese seltsame Abweichung von der „Null“ wird durch Deflationsangst erklärt.

Ganz bewusst streben Zentralbanken keine Teuerungsrate von „Null“, sondern eine positive Teuerungsrate an, um einen gewissen Sicherheitsabstand vor dem „Abgrund“ der Preisdeflation einzuhalten. Gleichermaßen muss die Angst vor der Deflation herhalten, um Geldproduktion zu rechtfertigten. Zuletzt reagierten die Zentralbanken während der Finanzkrise auf die „Gefahr“ der Deflation mit expansiver Geldpolitik. Sind fallende Preise wirklich ein derartiges Desaster für eine Volkswirtschaft, dass sie eine massive Liquiditätsschwemme rechtfertigen, oder sind sie nur eine Ausrede, um eine willkommene Geldproduktion zu ermöglichen, die den durch eine Preisdeflation Benachteiligten zu Gute kommt?

Ursachen der Preisdeflation

Um dem Phänomen der Preisdeflation auf den Grund zu gehen, müssen ihre Ursachen untersucht werden. Es gibt drei Hauptursachen für eine Preisdeflation. Preisdeflation sei dabei als allgemein fallende Preise definiert und zu unterscheiden von Deflation, einem Rückgang der Geldmenge.

1. Wachstumsdeflation

Die Wachstumsdeflation resultiert aus einer höheren Produktion von Waren und Dienstleistungen. Da das Angebot steigt, gehen die Preise zurück.

Häufig wird die Möglichkeit einer Wachstumsdeflation als Argument gegen einen vollgedeckten Goldstandard angeführt. Unter dem Goldstandard könne die Geldmenge nicht mehr so stark wie die Wirtschaft wachsen, was zu fallenden Preisen und Problemen führe. Im Gegensatz dazu könne im Scheingeldsystem die Geldmenge mit dem Wirtschaftswachstum Schritt halten.

Dieses Argument verkennt, dass eine Wachstumsdeflation das natürliche und gesunde Ergebnis von Produktivitätsfortschritten darstellt. Die Konsumenten können günstiger einkaufen. Auch die Unternehmensgewinne gehen nicht notwendigerweise zurück. Man verkauft zwar zu günstigeren Preisen, aber man verkauft ja auch mehr, wegen des Produktivitätsanstiegs.

Historisches Beispiel einer Wachstumsdeflation sind die USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als von 1865-1896 die Preise fielen und gleichzeitig der Lebensstandard sich beträchtlich erhöhte. Der Lebenshaltungsindex fiel von 102 auf 74. Gleichzeitig wuchs die Wirtschaft über vier Prozent pro Jahr.

Ein Sektor mit Wachstumsdeflation ist heute die IT-Industrie. Fallende Computerpreise kommen Konsumenten zu Gute. Hersteller können durch Produktivitätsfortschritte günstiger produzieren und machen weiterhin teilweise enorme Gewinne.

Einer Wachstumsdeflation mittels Geldproduktion entgegenzuwirken bewirkt Verzerrungen in der Realwirtschaft. Durch die Geldproduktion werden die Zinssätze künstlich gesenkt und es kommt zu einem nicht aufrecht zu erhaltenden Boom. Da das Preisniveau stabil ist, bleiben die expansiven artifiziellen Wirkungen der Geldproduktion lange unbemerkt. Genau dies geschah in den 1990er und 2000er Jahren. In diesem Zeitraum kam es zu bedeutenden Produktivitätsfortschritten durch technologischen Fortschritt wie dem Internet. Mit den Volkswirtschaften Chinas und Indiens begannen 2,5 Milliarden Menschen sich an der internationalen Arbeitsteilung ernsthaft zu beteiligen. Aufgrund des immensen Wachstums hätten die Preise deutlich fallen müssen. Dies wurde jedoch durch enorme Geldproduktion seitens des Bankensystems bei historisch niedrigen Zinssätzen verhindert. Die Folge waren zunächst Dotcom- und Immobilienblase, dann die Finanz- und Staatsschuldenkrise.

2. Kassenbildungsdeflation

Zu einer Kassenbildungsdeflation kommt es, wenn Individuen ihre reale Kassenhaltung erhöhen wollen. Dieser Wunsch wird manchmal abfällig als „Horten“ bezeichnet. Wenn die Unsicherheit steigt, wappnen sich die Leute gegen Unwägbarkeiten. Sie fragen mehr Geld nach, indem sie mehr Güter verkaufen oder weniger Güter kaufen. Die Preise fallen und die reale Kassenhaltung steigt. Damit sind die Individuen besser gegen die Unwägbarkeiten der Zukunft abgesichert. Eine Kassenbildungsdeflation erfüllt damit die Präferenzen der Individuen.

Es ist noch darauf hinzuweisen, dass auch im Falle der Kassenbildungsdeflation eine Erhöhung der Geldmenge unnötig und kontraproduktiv ist. Wenn die Preise durch die Kassenbildung sinken, erhöht sich die reale Kassenhaltung im Sinne der Individuen. Wird nun neues Geld injiziert, steigen die Preise wieder, wodurch sich die reale Kassenhaltung tendenziell verringert. Das neue Geld kann zudem unerwünschte Nebeneffekte in Form von Umverteilung und Blasen zeitigen.

3. Die Kreditkontraktionsdeflation

Die Kreditkontraktion ist typisch für Rezessionen. Genauso wie das Bankensystem im Boom die Kreditmenge aufblähen und neues Geld schaffen kann, so kann es in der Rezession die Kredit- und Geldmenge verringern. Zur Rezession kommt es nach der Österreichischen Konjunkturtheorie normalerweise nach einem künstlichen Boom. Das teilgedeckte Bankensystem schafft neues Geld. Durch die Geldproduktion sinken die Zinsen, obwohl die realen Ersparnisse nicht angestiegen sind. Durch die Verzerrung des Zinssignals, das eigentlich Veränderungen der realen Ersparnisse anzeigen sollte, kommt es zur Fehlabstimmung zwischen Sparer und Investoren. Es werden mehr Investitionsprojekte begonnen als mit den knappen Ressourcen der Gesellschaft beendet werden können. Früher oder später wird offensichtlich, dass einige Projekte eingestellt und liquidiert werden müssen. Es hat an realen Ersparnissen gemangelt. Die Produktionsfaktoren, welche in den Fehlinvestitionen beschäftigt sind, müssen anderen für die Nachfrager wichtigere Projekte zugeführt werden. Im letzten kreditfinanzierten Boom kam es zu Fehlinvestitionen im Immobilien- und Bausektor. Der Bausektor muss reduziert werden und die Produktionsfaktoren anderen Sektoren, zum Beispiel dem unterdimensionierten Rohstoffsektor zugeführt werden. Der Anpassungsprozess nach dem künstlichen Boom wird auch als Rezession bezeichnet.

In der Rezession kommt es zu Insolvenzen, wenn Fehlinvestitionen liquidiert werden. Faule Kredite belasten die Bankbilanzen. Die Banken werden vorsichtiger und vergeben zurückgezahlte Gelder nicht erneut. Unter Umständen können Finanzinstitute sogar Bankrott gehen. Durch den Rückgang der Kreditvergabe wird Buchgeld ausgelöscht. In der Rezession kann die Geldmenge daher zurückgehen. Wir haben es mit einer echten Deflation, d.h. Geldmengenrückgang, zu tun. Fallende Preise sind oft die Folge.

Am ehesten ist die Furcht vor diesem Deflationstyp begründet. Denn durch die Verringerung der Geldmenge wird es schwieriger nominal festgesetzte Schulden zu begleichen und Unternehmen gehen bankrott. Eine Kreditkontraktion mit Preisdeflation führt zu schmerzhaften Umstürzen.

Dennoch muss man sich auch Folgendes vor Augen halten. Nur in einem teilgedeckten Bankensystem kann es eine Kreditkontraktion geben. Bei Volldeckung können Banken hingegen kein neues Geld durch Kreditausweitung schaffen und somit auch nicht zerstören. Die Geldmenge kann sich abgesehen von physischem Verlust nicht verringern.

Bei einem vollgedeckten Warengeld muss man sich also nicht vor einer Kreditkontraktion fürchten. Zum Fürchten ist die Kreditausweitung des Booms, denn die macht die Kontraktion erst möglich.

Schließlich ist zu überlegen, ob in einer Rezession die Alternativen zur Kreditkontraktionsdeflation nicht stärker zu fürchten sind. Denn auch bei dieser Deflationsart sind neue Geldinjektionen oft kontraproduktiv.

Die aktuelle Finanzkrise ist ein lehrreiches Beispiel. Als Fehlinvestitionen offensichtlich wurden, Firmen zusammenbrachen und Banken Verluste einsteckten, drohte eine Kreditkontraktion. Diese Kreditkontraktion hätte das Zusammenbrechen von maroden Banken und Unternehmungen beschleunigt, die nur durch den Boom und neues Geld, entstanden waren. Produktionsfaktoren hätten schneller aus Fehlinvestitionen in andere Projekte umgeleitet werden können. Ersparnisse wären aus den Fehlinvestitionen schneller abgezogen und zum Aufbau einer tragfähigen Produktionsstruktur verwendet worden. Die relativen Preise hätten schneller korrigiert, wenn es bei einer Liquidierung von Banken zum Abverkauf von Immobilien gekommen wäre. Die Wirtschaft hätte schneller gesunden können. Die Bankenkreditkontraktion wurde jedoch durch die Schaffung neuen Geldes durch die Zentralbanken kompensiert. Marode Banken und Unternehmen wurden künstlich am Leben erhalten. Die Anpassung der Wirtschaftsstruktur wurde verzögert, auf Kosten neuer Blasen und neuer Schulden; und letztlich des Ausbruchs der Staatsschuldenkrise.

Nächsten Freitag (18.4.2014) folgt eine Fortsetzung „Konsequenzen und Mythen von Preisdeflation“.

(Dieser Beitrag wurde erstmals im September 2011 beim „Liberalen Institut Zürich“ veröffentlicht.)

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Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen.

Anfang Mai erscheint sein gemeinsam mit Andreas Marquart geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen”.

 

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