Henry Hazlitt: „Economics in One Lesson“

17.2.2014 – von Thorsten Polleit.

 

“The art of economics consists in looking not merely at the immediate but at the longer effects of any act or policy; it consists in tracing the consequences of that policy not merely for one group but for all groups.”

Henry Hazlitt, Economics in One Lessen, 1946, S. 5.

Thorsten Polleit

Wissen muss nicht nur geschaffen, sondern auch verbreitet werden. Das gilt natürlich auch – und vielleicht sogar in besonderem Maße – für das ökonomische Wissen. Es ist wichtig für alle und jeden: Die Lehre über das Wirtschaften ist untrennbar mit dem menschlichen Handeln verknüpft. Menschliches Handeln wird letztlich von Ideen und Theorien angeleitet, die Menschen in sich tragen. Daher ist nicht nur die Verbreitung des richtigen ökonomischen Wissens wichtig. Nicht weniger wichtig ist auch die Zurückweisung von falschen ökonomischen Lehren. Denn nur richtiges ökonomisches Wissen stellt sicher, dass der handelnde Mensch seine Ziele verwirklicht. Falsches ökonomisches Wissen leitet ihn zu einem Handeln an, mit dem er seine Ziele nicht oder nur unzureichend erreicht.

Henry Stuart Hazlitt – geboren am 28. November 1894, gestorben am 8. Juli 1993 – war ein herausragender Verbreiter des richtigen ökonomischen Wissens. Hazlitt war Journalist, Literaturkritiker, Buchautor und auch – vor allem in seinem späteren Leben – Verfasser philosophischer Abhandlungen. Seine Leidenschaft galt wirtschaftlichen Frage- und Problemstellungen. In seinem langen, schaffensreichen Leben schrieb er für viele Zeitungen und Magazine, unter anderem für die New York Times, das Wall Street Journal, den American Mercury, Century, National Review, The Nation, Los Angeles Times und Newsweek. Er war kein ausgebildeter Ökonom, jedoch durch das Eigenstudium allerbestens vertraut mit der ökonomischen Literatur. Henry L. Mencken (1880–1956) schrieb anerkennend über Hazlitt, er sei einer der wenigen Ökonomen, die schreiben können.

Henry Hazlitt (1894 – 1993)

Hazlitts wirtschaftswissenschaftliche Basis war die Österreichische Schule der Nationalökonomie, die mit Namen verbunden ist wie Ludwig von Mises (1881–1973), Friedrich August von Hayek (1899–1992) und Murray N. Rothbard (1925–1996). Seine Schriften haben einen unschätzbaren Beitrag geleistet, die Lehre der Österreichischen Schule – einer konsequenten, durch und durch marktwirtschaftlich ausgerichteten Nationalökonomie – im englischsprachigen Raum zu verbreiten. Hazlitts Buchbesprechung half zum Beispiel Mises’ Socialism – es war Mises’ erstes Buch, das in die englische Sprache übersetzt wurde, zu einem Klassiker in den Vereinigten Staaten von Amerika zu werden (der deutsche Titel war Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus,veröffentlicht 1922). Auch die Buchbesprechung, die Hazlitt über Hayeks The Road to Serfdom (deutsch: Der Weg zur Knechtschaft, veröffentlicht1944) anfertigte, entfaltete große Wirkung. Sie veranlasste Reader’s Digest im April 1945, eine verkürzte (20 Seiten umfassende) Version des Buches zu veröffentlichen, die entscheidend war, Hayeks Werk weltweit bekannt zu machen.

Hazlitt war scharfer Analyst und unbeugsamer Kommentator des wirtschaftspolitischen Zeitgeschehens. Er erkannte zum Beispiel früh die ökonomischen Probleme, die mit der Errichtung des Systems von Bretton Woods – mit dem nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die internationale Währungsordnung wiederhergestellt werden sollte – verbunden sein würden. Vor allem sah Hazlitt die inflationäre Wirkung dieses Pseudo-Goldstandards voraus, der sich dann nachfolgend auch als ein US-Dollar-Devisen-Standard zu erkennen gab. 1959 veröffentlichte Hazlitt The Failure of the »New Economics«. An Analysis of the Keynesian Fallacies, eine detaillierte, Schritt-für-Schritt-Widerlegung des Keynesianischen Theoriegebäudes. Im Vorwort zu Hazlitts Buch schrieb Rothbard: »An ›Austrian‹ follower of Ludwig von Mises, he is uniquely qualified for this task, and performs it surpassingly well. It is no exaggeration to say that this is by far the best book on economics published since Mises’ great Human Action in 1949.«

Hazlitts bekanntestes Werk ist dieses, Die 24 wichtigsten Regeln der Wirtschaft (Economics in One Lesson). Das Buch erschien erstmals 1946 – zu einer Zeit also, in der auch in den Vereinigten Staaten von Amerika der Keynesianismus und der Staatsdirigismus als »State of the Art« angesehen wurden. Economics in One Lesson ist vermutlich die beste und verständlichste Einführung in die Grundlagen der Ökonomik. Sie richtet sich an ein breites Publikum, und sie ist längst zu einem Klassiker geworden. Die eine zentrale Erkenntnis, die Hazlitt darin dem Leser nahebringt, ist, dass menschliches Handeln stets sichtbare Effekte und nicht sichtbare Effekte hat. Ein schlechter Ökonom beschränkt sich in seiner Analyse stets auf die sichtbaren Effekte, der gute Ökonom hingegen sieht vor allem auch die nicht sichtbaren Effekte vorher und beachtet sie. Die andere zentrale Erkenntnis ist, dass das staatliche Eingreifen in das Wirtschaftsleben kontraproduktiv ist. Hazlitt formuliert damit eine (leider) zeitlose Wahrheit: »[T]he main problem we face today is not economic, but political.« Ob nun Steuererhebung, Mindestlöhne, Zölle, Mietkontrollen, öffentliche Arbeitsprogramme oder Inflation: Hazlitt erläutert, mit klaren, unmissverständlichen Worten, dass Staatseingriffe in das Marktsystem die Ziele, die sie vorgeben erreichen zu wollen, nicht erreichen können.

Die Erkenntnisse, die Hazlitts Economics in One Lesson bereithält, könnten aktueller nicht sein. Seit Jahren werden marktwirtschaftliche Grundprinzipien über Bord geworfen, unterstützt von ökonomischen Lehren, die die Konsequenzen von Politikmaßnahmen entweder verkürzt darstellen oder gar fehleinschätzen. Den Geist des Neo-Interventionismus legitimierend, dringt der Staat so immer weiter in alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche vor, ob Arbeitsmärkte, Energiepolitik, Gesundheitswesen, Altersvorsorge, vom Kredit- und Geldwesen ganz zu schweigen. Immer mehr staatliche Ge- und Verbote reglementieren und verengen die Handlungsfreiheiten der Bürger und Unternehmer. Wird dem Staat erst einmal erlaubt, zum Beispiel Mietobergrenzen und Mindestlöhne festzusetzen, wird er früher oder später alle Preise und Löhne festsetzen. Ein solcher Weg führt, wenn er immer weiter beschritten wird, zur Errichtung eines sozialistisch-totalitären Gemeinwesens. Die Verformung der Gesellschaft in eine planwirtschaftliche Konstruktion zerstört nicht nur die Freiheit, sondern auch den Wohlstand und die friedvolle Kooperation national wie international.

Economics in One Lesson ist eine Verteidigungsschrift für die freie Marktwirtschaft und eine Widerlegung der sozialistischen Ideen, die sich heutzutage in das Gewand des wirtschaftspolitischen Pragmatismus kleiden, der nach dem Motto vorgeht: Das Erreichen politisch gewünschter Ziele rechtfertigt jedes Mittel. Doch wohl niemand, der Economics in One Lesson aufmerksam gelesen hat, wird mehr die Zerstörung der Marktwirtschaft, die heute allerorten unter wohlklingenden Politikversprechen praktiziert wird, übersehen oder ihr gleichgültig gegenüberstehen können; er wird nicht mehr auf falsche wirtschaftspolitische Heilsversprechen hereinfallen können. In der Tradition der Österreichischen Schule hebt Hazlitt hervor, dass es ökonomische Gesetze gibt, die immer und überall gelten, ökonomische Gesetze, die das menschliche Handeln nicht außer Kraft setzen kann – ungeachtet ideologischer und politischer Wünsche.

Dass Hazlitts Schrift jetzt auch wieder in deutscher Sprache erhältlich ist, kann gar nicht hoch genug wertgeschätzt werden. Gerade im deutschsprachigen Raum finden sich kaum mehr marktwirtschaftliche Stimmen, die couragiert und kompromisslos und mit Leidenschaft aufklären über die ökonomische und ethische Überlegenheit der Marktwirtschaft gegenüber allen anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsentwürfen. Hazlitts Economics in One Lesson ist vor allem auch eines: ein fesselnd geschriebenes Werk, ein wirklicher Erkenntnisgewinn für den Leser. Das sollte sicherlich auch dazu beitragen, dass die deutsche Übersetzung eine größtmögliche Verbreitung findet – und damit vielen Menschen die funktionierenden ökonomischen Ideen und Theorien zugänglich macht, die Hazlitt in Economics in One Lesson so meisterhaft darlegt.

Vorwort aus „Die 24 wichtigsten Regeln der Wirtschaft“ von Henry Hazlitt, neu erschienen im Finanzbuchverlag.

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Thorsten Polleit, 46, ist seit April 2012 Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH. Zuvor war er 12 Jahre als Ökonom im internationalen Investment-Banking in London, Amsterdam und Frankfurt tätig. Seit 2003 ist Thorsten Polleit Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance, Frankfurt, Interessen- und Forschungsschwerpunkt Kapitalmarkttheorie, Geldpolitik und –theorie und insbesondere auf die „Österreichische Schule der Nationalökonomie“. Er ist zudem Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, und Mitglied im Forschungsnetzwerk „Research On money In The Economy“ (ROME). Seit Oktober 2012 ist Thorsten Polleit Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Er ist Gründungsmitglied und Partner von „Polleit & Riechert Investment Management LLP“. Die private Website von Thorsten Polleit ist: www.thorsten-polleit.com. Hier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.

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