Die Unternehmerinitiative im Evangelii Gaudium des Papstes Franziskus

13.12.2013 – von Gerd Habermann.

Gerd Habermann

Die katholische Kirche ist die größte organisierte Religionsgemeinschaft der Erde mit derzeit etwa 1,2 Mrd. Anhängern, darunter 413.000 Priestern und 815.000 Ordensleuten. Da ist es nicht gleichgültig, was ihr Oberhaupt in einem apostolischen Schreiben seiner Organisation und seinen Gläubigen mitzuteilen hat. Prinzipiell steht die katholische Soziallehre von Thomas von Aquin an bis hin zu den großen Sozialenzykliken den Grundsätzen einer freien Marktgesellschaft nicht feindselig gegenüber: die Grundwerte von Subsidiarität, Personenwürde und Eigentum werden betont, Kollektivismus und sogar (Centesimus Annus) der bürokratische Wohlfahrtsstaat mit prägnanten Worten abgelehnt. Die Unternehmerfunktion wurde schon von den Dominikanern und Jesuiten der „Schule von Salamanca“ im 16. Jahrhundert, welche die liberale Wirtschaftslehre vorwegnahm, anerkannt … Johannes Paul II. würdigte (1982) eindrucksvoll die unternehmerische Initiative:

„Die Erfahrung lehrt uns, dass (ihre) Leugnung oder Einschränkung im Namen einer angeblichen Gleichheit aller in der Gesellschaft … die Kreativität lähmt oder sogar zerstört … als Folge entsteht eine „Nivellierung nach unten“.

Anstelle von schöpferischer Eigeninitiative kommt es zu Passivität … und Unterwerfung unter den bürokratischen Apparat“. Demgegenüber ist das neue Sendschreiben ein Rückschritt. Inwiefern?

  1. Die Armen und das Problem der Armut werden ganz in den Mittelpunkt gerückt und zu ihrer Behebung nicht die Unternehmerethik des Vermehrens des Brotes – also „mehr Marktwirtschaft“ –, sondern seine Teilung empfohlen: „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen(!) … Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen(!)“ (Ziffer 57) – aber damit wird die Armut konserviert und nur „gerecht und solidarisch“ verwaltet.
  2. Davon abgesehen ist es fragwürdig, die Menschheit nur als „die Armen“ und „die Reichen“ einander gegenüberzustellen und zu übersehen, dass die Masse der Menschen wenigstens in den fortgeschrittenen Nationen irgendwo zwischen Arm und Reich steht und
  3. dass die massenhafte Überwindung der Armut, der Aufstieg des kleinen Mannes, nur durch Markwirtschaft und Unternehmertum, nicht durch „Teilen“ der vorhandenen Güter möglich geworden ist.
  4. Unser Armutsproblem in Mitteleuropa ist ein sehr relatives: Wir leiden eher an Überernährung als an Unterernährung.
  5. Damit hängt ein Fehler zusammen: eine soziale Botschaft für die ganze Welt kann nicht einheitlich sein, so wenig wie ein Zinssatz für ganz Europa stimmen kann. Aber selbst die Welt Südamerikas gewinnt nicht durch eine Botschaft, welche nur die „Teilung“ als Mittel der Armutsüberwindung empfiehlt.

So berechtigt Franziskus Kritik an gewissen Zeiterscheinungen sein mag, z. B. einem „zügellosen Konsumismus“ (wie ihn schon Erhard tadelte), einer bindungslosen „individualistischen Traurigkeit“, so sehr geht die prinzipielle Kritik an der Marktwirtschaft als „Gesetz des Stärkeren“, mit „ausschließender“ Ungleichheit und Produzentin von Gewalt gründlich fehl und kann nur Verwirrung stiften. Es ist ja gerade der freie Tauschvertrag, der die Gewalt ersetzt und die Konsumenten lenken mit jedem Cent, den sie ausgeben, die Produktion.

Was gewiss berechtigt ist an dem Sendschreiben, ist die Kritik an dem derzeitigen Erscheinungsbild der bürokratisierten Kirche: der Mangel an Feuer, ihr „grauer Pragmatismus des Alltags“. Ob dieser Geist durch die Konzentration auf das bei uns hochgradig staatlich abgesicherte Armutsproblem neu zu beleben ist, ist jedoch fraglich, besonders wenn man das Teilen als Problemlösung empfiehlt. Die familiäre Ethik des Teilens passt für die Verhältnisse kleiner Gruppen und zur Linderung akuter Not, nicht auf die Strukturen einer Großgesellschaft. Nicht den Mantel zu teilen, sondern dem Bettler einen Arbeitsplatz zu verschaffen, so dass er sich einen Mantel kaufen kann statt zu betteln: so gehen Unternehmer mit dem Problem der Armut um … und überwinden sie damit auf Dauer. Den Armen der Welt wird mit diesem Sendschreiben des Papstes ein Bärendienst geleistet.

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Gerd Habermann ist liberaler Wirtschaftsphilosoph und Publizist. Er ist Initiator und Sekretär der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und Vorstandsvorsitzender der Friedrich A. von Hayek-Stiftung für eine freie Gesellschaft, ferner Honorarprofessor an der Universität Potsdam und ordnungspolitischer Berater der Familienunternehmer – ASU, deren Unternehmerinstitut er bis 2010 geleitet hat. Gerd Habermann ist Mitglied der Mont Pelerin Society und Autor von über 400 Publikationen – darunter: Der Wohlfahrtsstaat. Die Geschichte eines Irrwegs (3. Aufl. in Vorbereitung), Philospohie der Freiheit – ein Friedrich August von Hayek-Brevier (4. Aufl. 2005) und Mitherausgeber des Bandes “Der Liberalismus – eine zeitlose Idee”. Er ist ferner regelmäßig Autor in der Neuen Zürcher Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Welt.