Die dunklen Seiten der Inflationskultur

26.2.2018 – von Jörg Guido Hülsmann.

Jörg Guido Hülsmann

Materialismus, Kurzatmigkeit und Gleichgültigkeit sind die Geisteshaltungen, die unsere heutige Inflationskultur prägen. Im wirtschaftlichen Leben schlagen sie sich in Verantwortungslosigkeit, wachsenden Schuldenbergen und unmäßigem Konsum nieder.

Diese Symptome sind seit langem bekannt. Erstaunlich ist, wie sehr ihr staatlicher Ursprung immer wieder verkannt wird. Die staatsfrohe „Kapitalismuskritik“ vieler Anthropologen und Soziologen zeigt das nur allzu deutlich. Dort finden sich viele gute Einsichten, aber am Ende wird der Kapitalismus verdammt, während eigentlich der Kumpelkapitalismus am Pranger stehen sollte.

Viele Ökonomen sind gleichfalls in diesen Fehler verfallen. Ein gutes Beispiel ist Joseph Schumpeters „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ aus dem Jahre 1942. Dort lesen wir, dass der Kapitalismus früher oder später an sich selbst scheitern wird.

Schumpeter zufolge ist der Kapitalismus eine Blüte des Rationalismus. Dieser habe sich seit der Renaissance zunächst in der Philosophie und in den Künsten, später dann im Wirtschaftsleben breitgemacht. Eine Verkörperung dieser Tendenz sei der Großbetrieb des 19. Jahrhunderts. In ihm erblickt Schumpeter den Sieg rationaler Betriebsführung gegenüber der handwerklichen Konkurrenz; aber auch die Trennung von Eigentum (Aktionäre) und Besitz (Geschäftsführer), die langsam aber sicher eine „Verflüchtigung der Eigentumssubstanz“ nach sich ziehe. Der Aktionär stehe seinem Eigentum sehr viel gleichgültiger gegenüber als der patriarchalische Handwerksmeister und selbst als die frühkapitalistischen Kaufleute und Unternehmer. Er werde sein Hab und Gut nicht mehr bis zum Letzten verteidigen. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel durch den Sozialismus könne und werde er nicht aufhalten.

Der wachsende Rationalismus zeigt sich nach Schumpeter auch im Absterben der traditionellen Familie. Wenn die Bürger erst einmal anfingen, Kosten und Nutzen von Kindern nüchtern abzuwägen, kämen sie unweigerlich zu dem Schluss, dass kurzfristig die persönlichen Kosten höher als der persönliche Nutzen seien. Langfristig könnte die Sachlage zwar durchaus anders aussehen, aber das kurzfristige Kalkül führe jedenfalls weg von der Familie und hin zur Selbstverwirklichung.

Der verblüffendste Mangel in Schumpeters Schrift ist der völlig fehlende Bezug auf den staatlichen Interventionismus. Bei seiner kulturellen Bestandsaufnahme verliert er kein Wort über Kreditgeldschöpfung, Zentralbanken, Zeichengeld, Teilreiserve-Banken oder den Wohlfahrtsstaat. Dabei wurzeln die von ihm beschriebenen Symptome genau hier.

Der monetäre Interventionismus hat bereits zu Schumpeters Lebzeiten ein beispielloses Wachstum der Schuldenwirtschaft hervorgerufen. Aber daraus ergab sich keinesfalls ein Siegeszug der „Rationalität“, sondern lediglich eine gesamtwirtschaftlich gesehen durchaus verschwenderische Bezuschussung großer Betriebe zu Lasten des klein- und mittelständischen Handwerks. Auch der geldgewinnmaximierende Homo oeconomicus erhielt erst durch die Zwänge der Schuldenwirtschaft jene Wettbewerbsvorteile, die er bei natürlicher Eigenkapitalfinanzierung nie hätte erlangen können.

Die Orientierung auf kurzfristige Erfolge ist ebenfalls ein typisches Kennzeichen des Wirtschaftens unter Schuldenlast. Verstärkt wird dies im Bereich des Familienlebens durch die verschiedenen Eingriffe des Wohlfahrtsstaates. Natürlich sinkt das Interesse an Familiengründung und Kindererziehung, wenn die Kinder aller anderen Menschen zur eigenen Altersfinanzierung zwangsrekrutiert werden. Natürlich steigen die Scheidungsraten und die Zahl wilder Ehen, wenn der Staat die Vertragsfreiheit aushebelt, um der vermeintlich schwächeren Seite immer mehr rechtliche Vorteile zu Lasten der Ehepartner zuzuschanzen.

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Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Magazin „eigentümlich frei“ – Ausgabe 169 (Januar/Februar 2017).

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Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Senior Fellow des Ludwig von Mises Instituts in Auburn, Alabama. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie für Wissenschaften und Künste sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Zu seinen umfangreichen Interessen- und Forschungsgebieten zählen Geld-, Kapital- und Wachstumstheorie. Er ist Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises: The Last Knight of Liberalism» (2007). Zuletzt erschienen «Krise der Inflationskultur» (2013).

Seine Website ist guidohulsmann.com

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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