Über die Wirkungskraft ökonomischer Theorien

19.2.2018 – von Thorsten Polleit.

[Vortrag anlässlich der Verleihung des 10. Vernon Smith Preises 2017, European Center of Austrian Economics Foundation (ECAEF), 5. Februar 2018, Vaduz, Liechtenstein.]

Thorsten Polleit

Vor vielen Jahren, noch als junger Student, wurde mir folgender Scherz erzählt:

Es ist zur Zeit des Eisernen Vorhangs in Moskau. Eine Militärparade wird abgehalten. Infanterie, Panzerwaffen, Raketengeschütze und vieles mehr werden dem versammelten Publikum vorgeführt.

Plötzlich erscheint inmitten der Aufmarschierenden eine Gruppe von Männern, unbewaffnet, in graue Herrenanzüge gekleidet.

Der Gast aus dem Westen, der neben dem obersten russischen General auf der Zuschauerbühne steht, fragt: „Und welche Funktion haben diese Herren?“

Da entgegnet ihm der General stolz: „Das ist unsere gefährlichste Waffe: das sind unsere Volkswirte!“

Ich muss gestehen, erst nach vielen Jahren habe ich den tieferen Sinn dieses Scherzes voll erfasst.

Er lautet: Die Wirkungskraft ökonomischer Theorien ist gewaltig, ist viel größer als man vielleicht denken mag – und das wusste der General des sozialistischen Systems sehr genau.

Es sind zweifelsohne Theorien, die unser Handeln leiten.

Theorien – also Vorstellungen darüber, wie Dinge miteinander zusammenhängen – bestimmen, welche Mittel wir einsetzen, um unseren Zielen näher zu kommen.

Richtige Theorien erlauben es, dass wir unsere Ziele erreichen. Falsche Theorien hingegen erschweren es oder machen es gar unmöglich, das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

In der Menschheitsgeschichte sind falsche Theorien schon häufig Ursache für viel Leid gewesen.

Man denke nur einmal an das 20. Jahrhundert, in dem die Lehren des Sozialismus, Kommunismus, Interventionismus, Nationalsozialismus und Faschismus für Zerstörung und große Not gesorgt haben.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg galt der Sozialismus als heilsbringende Lehre, von der man sich Wohlstand, Gerechtigkeit und Frieden versprach.

Auch viele Ökonomen befürworteten die sozialistische Lehre und die gesellschaftlichen Experimente, zu denen sie aufrief.

Im Grunde hätte man aber schon 1919 wissen können, dass der Sozialismus nicht funktionieren kann.

Im Jahr 1919 hatte der österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1881 – 1973) einen der wohl bedeutendsten Texte der Wirtschaftswissenschaft veröffentlicht: „Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“. Eine abschließende wissenschaftliche Widerlegung des Sozialismus.

Mises zeigte darin auf, dass der Sozialismus undurchführbar ist, dass mit ihm ein Wirtschaften in der Gemeinschaft unmöglich ist.

Er sollte Recht behalten – wie die Erfahrungen in den Ländern, die dem Sozialismus gefolgt sind, eindrücklich dokumentieren.

Gerade weil ökonomische Theorien so weitreichende Wirkungen entfalten können, nicht selten das Leben von vielen Millionen Menschen betreffen, ist es eine wichtige Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft, richtige von falschen ökonomischen Theorien zu scheiden.

Auch heute sind nach wie vor falsche ökonomische Theorien im Umlauf, werden an Universitäten gelehrt und gelernt und beeinflussen die politischen Weichenstellungen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Dazu drei Beispiele:

(1) Keynesianismus. – Der Keynesianismus sagt, der Staat müsse, wenn die Wirtschaft lahmt, die Nachfrage erhöhen, und schon kehrt die Volkswirtschaft zur Vollbeschäftigung zurück.

Dies kann der Staat erreichen, indem er selbst (am besten kreditfinanzierte) Ausgaben tätig, oder indem seine Zentralbank die Zinsen senkt, die Geldmenge erhöht, oder indem am besten alles zusammen geschieht.

Doch das ist ein Trugschluss. Mit staatlichen Ausgabeprogrammen, Zinsmanipulationen oder Geldmengenvermehrung „aus dem Nichts“ lässt sich keine Prosperität schaffen.

(2) Mindestlohn. – Der Mindestlohn soll mehr Gerechtigkeit und höhere Einkommen bringen. Doch ein Mindestlohn, wenn er über dem markträumenden Lohn liegt, verringert die Beschäftigung. Und gerade die Geringqualifizierten stößt er aus dem Arbeitsmarkt.

(3) Zwischenstaatliche Kooperation. – Eine immer engere Kooperation zwischen Staaten, die Schaffung eines europäischen Zentralstaates, sei gut und richtig, um Wohlstand und Frieden in Europa zu sichern und zu fördern, so ist allerorten zu hören und zu lesen.

Dieses Dogma verkennt jedoch, dass es lediglich eines freien Marktes bedarf, in dem die Eigentumsrechte aller gesichert sind, um ein friedvolles und prosperierendes Zusammenwirken zwischen Menschen zu ermöglichen.

Supra-nationalstaatliche Gebilde, die Aushöhlung des Wettbewerbs der Regionen hemmen die Wachstumskräfte und beschwören zudem Interessenkonflikte innerhalb der Staaten und auch zwischen ihnen herauf.

Nachdem Sie diese drei Beispiele gehört haben, werden Sie sich vermutlich fragen:

Wie kann es sein, dass einige Ökonomen die aufgeführten Theorien für richtig befinden, während andere (zu denen ich mich zähle) sie in Frage stellen beziehungsweise als falsch zurückweisen?

Die Antwort finden wir bei einem Aspekt, dem heutzutage meist nur noch wenig oder gar keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt wird: der Wahl der wissenschaftlichen Methode.

Unter der wissenschaftlichen Methode ist das Vorgehen zu verstehen, um Erkenntnisse (wahres Wissen) über ein Erkenntnisobjekt zu gewinnen.

Die (Hauptstrom-)Volkswirtschaftslehre hat sich eine wissenschaftliche Methode zu Eigen gemacht, die sie der Naturwissenschaft entliehen hat.

Will man als Naturwissenschaftler Erkenntnisse gewinnen, stellt man eine Hypothese auf („Wenn dann Aussage“) und überprüft ihren Wahrheitsgehalt, indem man Experimente durchführt.

Eine solche Hypothese ist zum Beispiel die Folgende: Wenn Substanz X mit Substanz Y gemischt wird, dann stellt sich Reaktion Z ein.

Durch wiederholtes Durchführen dieses Versuchs zeigt sich dann beispielsweise, dass X gemischt mit Y immer zur Reaktion Z führt – und man hat eine Gesetzmäßigkeit aufgespürt.

Solch ein Vorgehen ist in der Volkswirtschaftslehre nicht möglich. Warum?

In der Naturwissenschaft lässt sich im Laborversuch mit gleichartigen Beobachtungspunkten (Karl Raimund Popper (1902 – 1994) spricht hier von Protokollsätzen) arbeiten.

Unter immer gleichen Bedingungen wird ein Faktor verändert, während alle anderen Faktoren konstant gehalten werden.

So erkennt man, welche Konsequenz der veränderte Faktor auf das Untersuchungsergebnis hat – und kommt der gesuchten Gesetzmäßigkeit näher.

Ein solches Vorgehen ist im Bereich des menschlichen Handelns nicht möglich.

Menschliches Handeln vollzieht sich stets unter komplexen Bedingungen. Viele Faktoren sind im Spiel, und man kann den Einfluss eines Faktors nicht isolieren, wie es im naturwissenschaftlichen Laborversuch möglich ist.

Zudem gibt es im Bereich des menschlichen Handelns keine konstanten Verhaltensparameter: Menschen reagieren auf einen bestimmten Impuls nicht in der gleichen Art und Weise.

Der Grund für diese Einsicht ist ein logischer: Menschen sind lernfähig. Und Lernfähigkeit lässt sich nicht widerspruchsfrei verneinen:

(1) Wer argumentiert, der Mensch sei nicht lernfähig, geht davon aus, dass andere den Inhalt seines Gesagten noch nicht wissen, dass sie also lernfähig sind (sonst würde er es ja nicht sagen). Er begeht damit einen performativen Widerspruch.

(2) Wenn jemand sagt „Der Mensch kann nicht lernen“, so setzt er voraus, dass er irgendwann einmal gelernt hat, dass man nicht lernen kann – und attestiert damit Lernfähigkeit. Er begeht also einen offenen Widerspruch.

Lernfähigkeit bedeutet nun aber, dass man mit bestimmten äußeren Faktoren (physikalischer, chemischer oder biologischer Natur) menschliche Handlungen nicht erklären kann (im Sinne einer Ursache-Wirkungsbeziehung) – denn ansonsten könnte man schon heute wissen, wie künftig gehandelt wird.

Das aber liefe auf nichts anderes hinaus, als zu bestreiten, dass der Mensch lernfähig ist – und das wäre logisch widersprüchlich und damit falsch.

Kurzum: Im Bereich des menschlichen Handelns lassen sich mit der Methode der Naturwissenschaft keine Erkenntnisse (im Sinne von Gesetzmäßigkeiten) gewinnen.

Die Volkswirtschaftslehre begibt sich vielmehr auf ein falsches Gleis, läuft Gefahr, zu falschen Schlüssen zu kommen, wenn sie sich der naturwissenschaftlichen Methode bedient.

Sie gelangt beispielsweise zum anmaßenden Ergebnis, die handelnden Menschen, die Volkswirtschaften insgesamt, ließen sich durch geldpolitische, regulative oder steuerliche Maßnahmen gezielt steuern.

Und sie verliert letztlich auch die Würde und das Freiheitsideal des handelnden Individuums aus den Augen, redet in der Konsequenz einer zusehends erdrückenderen Staatsausdehnung das Wort.

Doch warum, so sollten wir uns an dieser Stelle fragen, findet die naturwissenschaftliche Methode in der Volkswirtschaftslehre Akzeptanz?

Eine abschließende Erklärung muss ich zwar schuldig bleiben. Aber zwei Erklärungsmöglichkeiten möchte ich dennoch anbieten.

Es ist denkbar, dass sich eine falsche Methode eingeschlichen hat, die kritiklos über die Jahre hinweg weitergetragen wurde, und deren Defizite von der Mehrheit der Ökonomen noch nicht in ihrer ganzen Tragweite erkannt worden sind.

So gesehen bestünde Hoffnung, dass der Methodenfehler irgendwann erkannt wird, es zu einer Methodenänderung kommt, und falsche Theorien und die Politiken, zu denen sie ermuntern, entlarvt werden.

Eine andere, weniger beruhigende Erklärung ist die Folgende: Der Staat (wie wir ihn heute kennen) dominiert den Lehr- und Bildungssektor.

Denn um seine Macht zu erhalten, braucht der Staat die Zustimmung der breiten Öffentlichkeit.

Und die kann er erlangen, indem er die intellektuellen Meinungsführer für sich einnimmt – also diejenigen, deren Meinung für die Mehrheit der Menschen richtungsweisend ist.

Daher ist der Staat bemüht, vor allem auch Ökonomen zu rekrutieren – denn ihre Theorien haben besondere Breitenwirkung.

Der Staat war (und ist) dabei erfolgreich. Es ist heute geradezu üblich, dass wissenschaftlich arbeitende Ökonomen auf der Lohnliste des Staates stehen.

In der Mehrzahl handelt es sich dabei um Ökonomen, die dem Staat gewogen sind, die im wahrsten Sinne des Wortes staatstragend wirken.

Ökonomen, die der naturwissenschaftlichen Methode folgen, fällt das besonders leicht.

Die naturwissenschaftliche Methode, in der Volkswirtschaftslehre eingesetzt, eröffnet nämlich ideologisch-politischen Interessen weitreichenden Einfluss.

Beispielsweise indem man eine politisch genehme, wohlklingende Hypothese aufstellt.

Beispiel: „Wenn die Zentralbank die Zinsen senkt, dann steigen Beschäftigung und Einkommen.“

Angesicht einer solch verheißungsvollen Prophezeiung ist die Zustimmung groß, das Experiment in der Praxis auszuprobieren. Was aber, wenn sich im „Härtetest der Realität“ zeigt, dass der in Aussicht gestellte Erfolg ausbleibt?

Was, wenn sich zum Beispiel zeigt, dass der gesenkte Zins nicht den erhofften Konjunkturschub gebracht hat?

Die Ökonomen finden eine Entschuldigung. Wie bei einem naturwissenschaftlichen Experiment üblich werden sie argumentieren: Die Zinssenkung ist nicht stark genug gewesen. Senkt man den Zins noch weiter ab, senkt man ihn in den Negativbereich, dann wird die Prosperität schon zunehmen!

Verehrte Zuhörer, Sie erkennen sicherlich bereits, was hier gespielt wird: Die naturwissenschaftliche Methode, angewandt in der Nationalökonomie, öffnet Beliebigkeit, Skeptizismus und Relativismus Tür und Tor.

Alles scheint möglich, man muss nur mutig sein und es ausprobieren. Und wenn es nicht klappt, so liegt der Misserfolg nicht etwa an der Theorie, sondern daran, dass man nicht beherzt genug vorgegangen ist.

Die Einsicht, dass es so etwas wie ökonomische Gesetzmäßigkeiten gibt, an die wir Menschen uns halten müssen, um zum gewünschten Ziel zu gelangen, wird beiseite gewischt.

Die naturwissenschaftliche Methode macht die Volkswirtschaftslehre zum Spielball politischer Interessen.

So mancher Ökonom verliert seine Unbefangenheit. Denn wer mitspielt, wird vom Staat finanziert, darf auf Lehrstuhl, Forschungsprojekte und Prestige hoffen.

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

Sie werden sich fragen: Was ist die Alternative zum heute etablierten Vorgehen, um ökonomische Erkenntnisse zu gewinnen?

Ludwig von Mises hat wichtige Beiträge geliefert, um diese Frage zu beantworten. Er hat gezeigt, dass die Volkswirtschaftslehre keine Erfahrungswissenschaft (wie die Naturwissenschaft), sondern dass sie eine aprioristische Handlungswissenschaft ist.

Wir wissen, dass der Mensch handelt. Dieser Satz lässt sich nicht widerspruchsfrei verneinen. Er gilt – um mit dem Preußischen Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804) zu sprechen – a priori.

Man kann nicht widerspruchsfrei sagen „Der Mensch handelt nicht“. Denn wer das sagt, der handelt – und widerspricht seiner Aussage.

Aus der unbestreitbaren Erkenntnis, dass der Mensch handelt, lassen sich auf logisch-deduktivem Wege weitere wahre Aussagen ableiten.

Aufgrund handlungslogischer Überlegungen können wir zum Beispiel wissen, dass:

―    eine Vermehrung der Geldmenge die Volkswirtschaft nicht reicher macht;

―    dass der (Ur-)Zins nicht verschwinden kann, dass er nicht auf oder unter die Nulllinie fallen kann;

―    dass Steuern die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft senken;

―    dass das Handeln im freien Markt für alle Beteiligten, die daran freiwillig teilnehmen, vorteilhaft ist;

―    dass der Sozialismus (und alle seine Spielarten) scheitern müssen.

All das (und einiges andere mehr) können wir durch logisches Denken wissen. Wir brauchen dazu keine Experimente durchzuführen.

Man braucht auch keine teuren Forschungsinstitute, um das zu wissen.

Damit an dieser Stelle kein Missverständnis entsteht: Wir können nicht (mit wissenschaftlichen Mitteln) wissen, wie Menschen morgen, in einem Monat oder einem Jahr handeln.

Aber wir können wissen, welche (qualitativen) Folgen ökonomische Handlungen haben, ob die Mittel, die unter bestimmten Bedingungen eingesetzt werden, das gewünschte Ziel erreichen können oder nicht.

Die Volkswirtschaftslehre hat Bedeutung für jeden von uns. Ihre Erkenntnisse beeinflussen in starkem Maße, wie Menschen handeln, wie sie miteinander kooperieren, welche Politiken gemacht oder unterlassen werden.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, vor allem die Wissenschaftsmethode in der Volkswirtschaftslehre kritisch zu hinterfragen und gegen Alternativen abzuwägen.

Nur so lassen sich letztlich falsche ökonomische Theorien entlarven und durch richtige Theorien ersetzen. Das ist eine wichtige Erkenntnis: Aus Erfahrungen wird man nämlich nicht per se klug.

Es kommt darauf an, wie man die Erfahrung deutet. Und zur Deutung muss man eine Theorie verwenden. Denn so etwas wie theorielose Erfahrung gibt es nicht.

Ist die Theorie richtig, kommt man zum richtigen Schluss. Ist sie falsch, zieht man falsche Schlüsse.

In der Volkswirtschaftslehre wird die Frage, ob eine Theorie richtig oder falsch ist, nicht durch Erfahrung entschieden, sondern erfahrungsunabhängig, durch logisches Denken.

Daher ist es von ganz besonderer Wichtigkeit, den Diskurs über die erkenntnistheoretische Fundierung der Volkswirtschaftslehre zu führen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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Thorsten Polleit, 50, ist seit April 2012 Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH. Er ist Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, Mitglied im Forschungsnetzwerk „Research On money In The Economy“ (ROME) und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Er ist Gründungspartner und volkswirtschaftlicher Berater der Polleit & Riechert Investment Management LLP. Die private Website von Thorsten Polleit ist: www.thorsten-polleit.comHier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

© Andrea Izzotti – Fotolia.com

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