Kapitalismus macht das Leben lebenswerter

15.11.2017 – von Ludwig von Mises.

Ludwig von Mises (1881 - 1973)

Ein anderer Vorwurf, der der kapitalistischen Wirtschaftsordnung von den Philosophen gemacht wird, ist der, daß sie ein Überwuchern des Erwerbstriebes begünstige. Der Mensch sei nicht mehr Herr des Wirt-schaftsprozesses, sondern sein Sklave; daß die Wirtschaft der Bedürfnisbefriedigung diene, daß sie Mittel und nicht Selbstzweck ist, sei in Vergessenheit geraten. In einem unaufhörlichen Hasten und Jagen nach Gewinn erschöpfe sich das Leben, ohne daß Zeit für innere Sammlung und wirklichen Genuß übrig bleibe.

Die besten Kräfte des Menschen nützten sich im täglichen antreibenden Kampf des freien Wettbewerbes ab. Und der Blick des Ethikers wendet sich nach rückwärts in eine ferne Vergangenheit, deren Zustände man in romantischer Verklärung sieht: der römische Patrizier, auf seinem Landsitz friedlich über die Probleme der Stoa grübelnd; der mittelalterliche Mönch, der seine Stunden zwischen Andacht und Beschäftigung mit den alten Schriftstellern teilt; der Renaissancefürst, an dessen Hof sich Künstler und Gelehrte treffen; die Dame des Rokoko, deren Salon die Enzyklopädisten füllen. Fürwahr, herrliche Bilder, die uns mit tiefer Sehnsucht nach den Zeiten der Vergangenheit erfüllen. Und unser Abscheu vor der Gegenwart wächst, wenn man diesen Glanzbildern die Lebensweise gegenüberstellt, die die unkultivierten Elemente unserer Zeit führen.

Das Mißliche an dieser mehr zum Gefühl als zum Verstand sprechenden Beweisführung ist nicht nur die offenbare Unzulässigkeit der Gegenüberstellung der höchsten Lebensäußerungen aller Zeiten und Völker auf der einen Seite und der Schattenseiten des modernen Daseins auf der anderen Seite. Es ist wohl klar, daß es nicht angeht, die Lebensführung eines Perikles oder eines Mäcenas der irgendeines modernen Dutzendmenschen entgegenzuhalten. Es ist einfach nicht wahr, daß die Hast des modernen Erwerbslebens in den Menschen den Sinn für das Schöne und Erhabene ertötet hat.

Der Reichtum, den die „bürgerliche“ Kultur geschaffen hat, wird nicht nur für niedere Genüsse verwendet. Es genügt, auf die Volkstümlichkeit hinzuweisen, die die ernste Musik gerade in den letzten Jahrzehnten vor allem unter jenen Bevölkerungsschichten gewonnen hat, die mitten im aufregendsten Erwerbsleben stehen, um die Unhaltbarkeit solcher Behauptungen zu widerlegen.

Nie hat es eine Zeit gegeben, in der die Kunst mehr Herzenssache weiter Schichten der Bevölkerung gewesen wäre als die unsere. Daß es die große Menge mehr zu derben und gemeinen Vergnügungen hinzieht als zu edlen Genüssen, ist keine für die Gegenwart charakteristische Erscheinung. Das war zu allen Zeiten so. Und auch im sozialistischen Gemeinwesen werden wohl die Genießer nicht immer nur guten Geschmack zeigen.

Der moderne Mensch hat die Möglichkeit vor Augen, durch Arbeit und Unternehmungen reich zu werden. In der mehr gebundenen Wirtschaft der Vergangenheit war das nicht in dem gleichen Maße möglich. Man war reich oder arm von Geburt aus und blieb es sein Leben lang, wenn man nicht durch unerwartete Zufälle, die durch eigene Arbeit oder Unternehmung nicht herbeigeführt oder nicht abgewendet werden konnten, eine Änderung seiner Lage erfuhr. Darum gab es Reiche, die auf den Höhen des Lebens wandelten, und Arme, die in der Tiefe blieben.

In der kapitalistischen Wirtschaft ist dies anders. Der Reiche kann leichter arm, der Arme leichter reich werden. Und weil jedem Einzelnen die Entscheidung über sein und der Seinen Schicksal gewissermaßen in die Hand gelegt ist, strebt er, so hoch als möglich hinaufzukommen. Man kann nie genug reich sein, weil kein Reichtum in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ewigen Bestand hat.

Dem Grundherren der Vergangenheit konnte niemand etwas anhaben. Wenn er schlechter produzierte, dann hatte er weniger zu verzehren; doch solange er sich nicht verschuldete, blieb er in seinem Besitz. Der Kapitalist, der sein Kapital ausleiht, und der Unternehmer, der selbst produziert, müssen auf dem Markte die Probe bestehen. Wer seine Kapitalien ungünstig plaziert, wer zu teuer produziert, geht zugrunde. Beschauliche Ruheposten gibt es hier nicht. Auch im Grundbesitz angelegte Vermögen können heute, abgesehen von jenen Ländern, in denen dem Grundbesitz eine bevorzugte Stellung eingeräumt ist, nicht mehr den Einwirkungen des Marktes entzogen werden; auch die Landwirtschaft produziert heute kapitalistisch. Heute heißt es erwerben oder arm werden.

Wer diesen Zwang zum Arbeiten und Unternehmen ausschalten will, muß sich darüber klar werden, daß er damit die Grundlagen unseres Wohlstandes untergräbt. Daß die Erde 1914 weit mehr Menschen ernährt hat als je zuvor, und daß sie alle weit besser gelebt haben als ihre Vorfahren, das war nur dieser Herrschaft des Erwerbsstrebens zu danken. Wer die geschäftige Arbeitsamkeit der Gegenwart durch die Beschaulichkeit der Vorzeit ersetzen will, verurteilt ungezählte Millionen zum Hungertod.

In der sozialistischen Gesellschaftsordnung wird an Stelle der Geschäftigkeit, die heute in den Kontoren und Fabriken herrscht, die gemächliche Arbeitsart der staatlichen Ämter treten. Der in der Hast des modernen Geschäftslebens stehende Unternehmer wird durch den Beamten ersetzt werden. Ob dies ein Gewinn für die Kultur sein wird, mögen die entscheiden, die sich berufen erachten, über die Welt und ihre Einrichtungen abzuurteilen. Sollte der Kanzleirat wirklich ein Menschheitsideal sein, das man um jeden Preis anstreben muß?

Mit großem Eifer schildern manche Sozialisten die Vorzüge einer Gesellschaft, die aus Beamten besteht, gegenüber einer, die aus Erwerbbeflissenen besteht. In der Gesellschaft der Erwerbbeflissenen (Acquisitive Society) jage jeder nur seinem eigenem Vorteil nach; in der Gesellschaft der Berufsbeflissenen (Functional Society) erfülle jeder seine Pflicht im Dienste des Ganzen. Soweit diese Höherbewertung des Beamtentums nicht auf Verkennung des Wesens der auf dem Sondereigentum an den Produktionsmitteln aufgebauten Gesellschaftsordnung beruht, ist sie nichts anderes als eine neue Form für die Verachtung der Arbeit des sich mühenden Bürgers, die dem Grundherrn, dem Krieger, dem Literaten und dem Bohemien immer eigen war.

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Aus Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus (1922), S. 429 – 431.

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Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene “Die Gemeinwirtschaft” gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die “Unmöglichkeit des Sozialismus”. Sein Werk “Human Action” (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen “Bibel”. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.