Wie Ludwig von Mises über das Weltbürgertum denkt

16.10.2017 – von David Gordon.

David Gordon

Organisationen, die nach einer Person benannt sind, werden oft beschuldigt, von den Ideen dieser Person abzuweichen – das Mises-Institute bildet unglücklicherweise keine Ausnahme. Vor kurzem mussten wir uns ungefähr folgenden Vorwurf gefallen lassen: „Ludwig von Mises war Kosmopolit, und Gegner von Nationalismus und Rassismus. Aber das Mises-Institut, obwohl nach ihm benannt, hat seine Ideen hintergangen. Unter der Führung von Murray Rothbard und Lew Rockwell hat sich das Institut als Gegner liberal-humanistischer Werte positioniert. Mises hätte das nie getan.“

Um diesen Vorwurf beurteilen zu können müssen wir zuerst fragen, was der Begriff „Kosmopolit“ überhaupt bedeutet. Das Wort stammt aus dem Griechischen, und wurde zuerst im 4. Jahrhundert vor Christus von Diogenes dem Zyniker verwendet, der sagte: „Ich bin ein Weltbürger [kosmopolitês].“ Diese Vorstellung gewann im Zusammenhang mit der Schule der Stoiker an Bedeutung, und Leser, die am griechischen Konzept der „kosmischen Stadt“ interessiert sind, werden Malcolm Schofields The Stoic Idea of the City sicher als wertvolle Quelle schätzen.

Heute bedeutet der Begriff aber oft etwas anderes. Kosmopoliten in diesem Sinne sind heute Gegner traditioneller Werte. Sie geben vor, die Menschen von altmodischen Moralvorstellungen zu befreien, und die Interessen von Feministinnen, Homosexuellen und Transgender sowie diversen ethnischen Gruppen, die sie für unterdrückt halten, zu vertreten. Sie geben sich multikulturell und verurteilen jeglichen unangemessenen Respekt vor dem Westen im Vergleich zu anderen Kulturen. Ihrer Meinung nach sind alle Kulturen gleichwertig, mit Ausnahme natürlich des unterdrückerischen Westens. Sie möchten auf der ganzen Welt verbreiten, was sie „Toleranz“ nennen, und betrachten Bräuche, die ihr Missfallen finden, als Hindernisse, die vernichtet werden müssen.

Mises war offensichtlich kein „Kosmopolit“ in diesem neuen, erweiterten Sinn. Wenn Mises in Liberalismus von Kosmopolitismus spricht, bezieht er sich auf einen grundlegenden Punkt seiner Sozialtheorie. Der friedliche und freiwillige Austausch auf dem freien Markt nützt jedem. Durch die Zusammenarbeit auf dem freien Markt sind die Menschen nicht mehr länger zum Kampf gezwungen, bei dem der Gewinn des einen gleichzeitig der Verlust des anderen ist. Eingriffe in den freien Markt stören die friedliche Zusammenarbeit, und Menschen, die nach Frieden und Wohlstand streben, sollten solche Eingriffe stets ablehnen.

Man muss Mises Bemerkungen zum Nationalismus stets vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Erkenntnis betrachten. Er war ein Gegner von Handelsbeschränkungen und anderen Maßnahmen wie Währungsabwertungen, mit denen eine Nation versucht, sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Wie immer war die gesellschaftliche Zusammenarbeit im freien Markt Mises wichtigstes Anliegen.

Mises war kein Gegner der Selbstbestimmung der Völker. Im Gegenteil, er war stets dafür. Zustimmend zitierte er Ernest Renans berühmte Definition einer Nation als eine „tägliche Volksabstimmung“: Die Angehörigen einer Volksgruppe haben das Recht, einen unabhängigen Staat zu bilden. Nebenbei bemerkt benutzte Mises Renans Zitat für seine Beschreibung der Konsumentensouveränität. Kein Leser von Mises’ Notes and Recollections kann auch nur die geringsten Zweifel daran haben, dass ihm ein unabhängiges Österreich eine Herzensangelegenheiten war.

Menschen haben zwar das Recht, einen Staat zu bilden, aber sie haben nicht das Recht, Gruppen innerhalb der Staatsgrenzen davon abzuhalten, sich abzuspalten und einen eigenen Staat zu bilden. Mises übt scharfe Kritik an dem spanischen Liberalen Salvador de Madariaga für dessen Ablehnung der katalanischen Unabhängigkeit. Idealerweise gilt das Sezessionsrecht bis hinab zum einzelnen Individuum. Wie immer gilt Mises Aufmerksamkeit der sozialen Zusammenarbeit freier Individuen. Wer näheres Interesse an Mises Sichtweise des Nationalismus hat, dem sei der hervorragende und gut zusammenfassende Aufsatz Mises über Nationalismus, das Recht auf Selbstbestimmung und die Einwanderungsproblematik von Joseph Salerno empfohlen.

Beim Thema Rasse hält sich Mises an das selbe Prinzip. Für Mises gilt der Darwin`sche Wettbewerb innerhalb des Tierreiches nicht für die Menschen, die unabhängig von ihrer Rasse produktiv miteinander zusammenarbeiten können. Mises ist ein überzeugter Gegner von Eugenik, eines weiteren schlecht durchdachten Eingriffes in den Markt. Auch lehnt er Deutungen der Geschichte als Wettbewerb zwischen verschiedenen Rassen ab.

Mises war kein Befürworter des radikalen Feminismus. In Die Gemeinwirtschaft sagt er:

„Soweit die Frauenbewegung sich darauf beschränkt, die Rechtsstellung des Weibes der des Mannes anzugleichen und der Frau die rechtliche und wirtschaftliche Möglichkeit zu bieten, sich so auszubilden und zu betätigen, wie es ihren Neigungen, Wünschen und ökonomischen Verhältnissen entspricht, ist sie nichts weiter als ein Zweig der großen liberalen Bewegung, die den Gedanken der friedlichen freien Entwicklung vertritt. Soweit sie, darüber hinausgehend, Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens in der Meinung bekämpft, damit naturgegebene Schranken des menschlichen Daseins aus dem Wege räumen zu können, ist sie ein Geisteskind des Sozialismus; auch dessen Besonderheit ist es, die Wurzel naturgegebener, der menschlichen Einwirkung entrückter Umstände in gesellschaftlichen Einrichtungen zu suchen und durch deren Reform die Natur reformieren zu wollen.“

Zusammengefasst ist Mises’ Kosmopolitismus also nur der freie Markt, nicht mehr und nicht weniger.

Und es wäre lächerlich, irgendjemandem im Mises Institut unterstellen zu wollen, er sei ein Gegner des freien Marktes. Wenn wir im Mises Institut aber als Kosmopoliten im Mises`schen Sinne gelten – haben wir dann trotzdem nicht im Sinne seiner Lehren gehandelt, in dem wir Allianzen mit illiberalen Personen und Gruppen eingegangen sind?

Das genaue Gegenteil ist der Fall. Mises pflegte freundschaftlichen Umgang mit Monsignor Seipel, dem österreichischen Kanzler der Christlichen Sozialistischen Partei, unterstützte die autoritäre Regierung von Engelbert Dollfuss, und trat der Patriotischen Front bei, einer Organisation, die Dollfuss gegründet hatte.

Nachdem Mises in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, wurde er Mitglied des redaktionellen Beirates der American Opinion, herausgegeben vom Robert Welch der John Birch Society, und schrieb für sie einen Artikel mit dem Titel „On the International Monetary Problem“ (März 1967).

In Liberalismus sagt Mises:

„Das ultimative Ideal des Liberalismus ist die perfekte Zusammenarbeit der gesamten Menschheit, friedfertig und ohne Spannungen.”

Genau dafür stehen wir beim Mises Institute.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Mises and Cosmopolitanism ist am 20.9.2017 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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David Gordon ist Senior Fellow des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Er ist Autor von Resurrecting Marx und An Introduction to Economic Reasoning, sowie Herausgeber zahlreicher Bücher, unter anderem The Essential Rothbard.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.