„Politik schafft Probleme, sie löst sie nicht“

17.2.2017 – Gespräch mit Andreas Marquart und Thorsten Polleit vom Ludwig von Mises Institut Deutschland über den Unterschied zwischen der Österreichischen Schule und der Mainstream-Ökonomik. Zuerst veröffentlicht im Magazin Smart Investor, Ausgabe 1/2017.

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Smart Investor: Im März 2017 veranstalten Sie das 3. Ludwig von Mises Seminar (hier finden Sie weitere Informationen zum Seminar) mit dem Thema „Die Österreichische Schule der Nationalökonomie – Gegenpol zur Hauptstrom-Volkswirtschaftslehre“.  Da stellt sich die Frage: Was ist denn der Unterschied?

Andreas Marquart

Marquart: Die Methodik der Österreichischen Schule ist eine gänzlich andere als die der Hauptstrom-Volkswirtschaftslehre, denn die Österreichische Schule stellt den Menschen und sein Handeln in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Das handelnde Individuum ist dabei der Dreh- und Angelpunkt aller Überlegungen. Der Ansatz gleicht einer „bottom-up“-Strategie, völlig im Gegensatz zur Hauptstrom-Volkswirtschaftslehre. Denn die betrachtet die Gesellschaft als Kollektiv, in der der Einzelne quasi verschwindet – ihr Ansatz ist „top-down“. Die Sicht der Österreichischen Schule wird damit auch der Tatsache gerecht, dass der Mensch ein Sozialwesen ist.

Polleit: Die Volkswirtschaftslehre lässt sich widerspruchsfrei als a priori Handlungswissenschaft begreifen. Das heißt: Ökonomische Gesetzmäßigkeiten lassen sich erfahrungsunabhängig aufspüren und begründen, sind allgemeingültig und denknotwendig. Ich sollte hinzufügen: Ludwig von Mises hat in dieser Weise argumentiert. Andere wie Friedrich August von Hayek sind ihm darin nicht gefolgt.

A priori? Was bedeutet das? Bitte etwas genauer …

Polleit: Es gibt Wissen, das wir Menschen nicht widerspruchsfrei verneinen können, das selbstevident ist. Nehmen sie beispielsweise den Satz der Widerspruchs: A kann nicht nicht-A sein. Aussagen a priori sind solche, die anhand von Wahrnehmung weder als wahr noch als falsch erwiesen werden können. Sie lassen sich erfahrungsunabhängig als wahr oder falsch einsehen, sind allgemeingültig und denknotwendig. Die Volkswirtschaftslehre lässt sich, das zeigt Mises, widerspruchsfrei als A-priori-Handlungswissenschaft begreifen. Es gibt ökonomische Zusammenhänge, die wissen wir mit absoluter Gewissheit. Beispielsweise, dass ein Ausweiten der Geldmenge eine Volkswirtschaft nicht reicher macht. Oder dass der Urzins – die moderne Bezeichnung ist „natürlicher Zins“ – niemals null oder gar negativ sein kann.

Was kennzeichnet demgegenüber die Volkswirtschaftslehre heute?

Marquart: Sie setzt heute vor allem auf empirische Daten, auf Basis derer man Hypothesen formuliert und Annahmen trifft, ähnlich den Naturwissenschaften. Endgültige Sicherheit lässt sich in der Ökonomie mit empirischem Wissen aber niemals erreichen. Deshalb gleicht die Volkswirtschaftslehre heute eher einem „Herumprobieren“, gewürzt mit allerlei Mathematik. Es werden Gleichgewichtsmodelle entwickelt und Formeln aufgestellt, beispielsweise wie sich die Arbeitslosigkeit entwickelt, wenn die Notenbank eine höhere Inflation zulässt und umgekehrt. Der Zins, wie eben schon gehört, ist bei Wirtschaftslenkern ein besonders beliebtes Spielfeld. Der Mensch als handelndes Individuum, der sich heute so und morgen – weil er etwas dazugelernt oder seine ursprünglichen Pläne über den Haufen geworfen hat – völlig anders handelt, tritt hierbei völlig in den Hintergrund. Motivation menschlichen Handelns ist stets, den eigenen Zustand des Unbefriedigtseins zu verbessern. Der Weg, der dabei beschritten wird, hängt von unzähligen Einflussfaktoren ab. Dem wird die Methodik der heutigen Volkswirtschaftslehre in keiner Weise gerecht.

Was kann ich für meinen Alltag von der Misesianischen Deutung der Nationalökonomie als A-priori-Wissenschaft lernen?

Thorsten Polleit

Polleit: Dass es zeitlose ökonomische Gesetzmäßigkeiten gibt, an die sich das menschliche Handeln anzupassen hat, wenn es seine Ziele erreichen will. Dass eine Politik, die gegen diese Erkenntnisse verstößt – etwa wenn die Zentralbank, die eine Negativzinspolitik betreibt – der Gesamtwirtschaft schadet, nicht aber nutzt. Und dass richtige ökonomische Theorien sich von falschen unterscheiden lassen – und zwar ganz einfach durch Nachdenken. Man muss die Theorien nicht einmal ausprobieren, um ihre Korrektheit oder Falschheit beurteilen zu können. Beispielsweise senkt eine Besteuerung das allgemeine Wohlstandsniveau ab im Vergleich zu einer Nichtbesteuerung. Oder: Ein Ausweiten der Geldmenge schmälert die Kaufkraft des Geldes im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge nicht ausgeweitet worden wäre.

Das klingt in der Tat logisch. Warum nehmen die Ökonomen und auch die Politik diese Erkenntnisse nicht an?

Marquart: Weil ihnen mit dem Anerkennen dieser Methodologie die Legitimation für Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft verlorenginge. Der Grund für die Widerstände der meisten Volkswirte gegen Mises in der Vergangenheit und auch heute ist wohl in seiner wissenschaftlichen Methode, der Praxeologie, der Lehre des menschlichen Handelns, zu finden, statt in seinem Eintreten für freie Märkte. Dass sich Ökonomen für freie Märkte aussprechen, ist ja nicht so ungewöhnlich, das nehmen viele für sich in Anspruch.

Polleit: Wer die wissenschaftliche Methode von Mises akzeptiert, der erkennt natürlich, dass der Staat, wie wir ihn heute kennen, also als Zwangsmonopolisten mit der ultimativen Letztentscheidungsmacht, etwas ganz Absurdes, etwas Unrechtes ist. Auf diese Erkenntnisse und ihre moralisch-ethischen Konsequenzen wollen sich jedoch die wenigsten einlassen …

Erklären Sie das aber mal den Menschen, von denen sich in unserer Gesellschaft immer mehr als Verlierer und abgehängt sehen…

Marquart: Das ist in der Tat ein Problem. Der Politik und den meisten Ökonomen gelingt es leider nämlich regelmäßig, die Störungen in Märkten der Marktwirtschaft selbst und den Spekulanten in die Schuhe zu schieben. Aber gerade weil der Staat eingreift, kommt es ja zu Störungen, zu Ungerechtigkeiten und Fehlentwicklungen. Das fängt bereits beim Geldwesen an. In einem Papiergeldsystem gewinnen Wenige auf Kosten Vieler. Und wenn den Menschen ihr Einkommen dann nicht mehr zum Leben reicht, tragen natürlich die bösen Unternehmer die Schuld, weil sie ihre Arbeitnehmer ausbeuten. Was ist die Konsequenz? Man führt einen Mindestlohn ein. Wir sind in einem Teufelskreis gefangen: Einer Intervention folgt zwangsläufig die nächste Intervention und so weiter, bis wir uns am Ende in einer vollständig staatlich gelenkten Wirtschaft – Sie können auch gerne Planwirtschaft dazu sagen –  wiederfinden. Es ist noch nicht einmal dreißig Jahre her, wo östlich von uns ein solches Experiment gescheitert ist.

Der Staat soll sich also aus allem heraushalten?

Polleit: Ja, das ist die logische Schlussfolgerung. In einem freien Markt gibt es keine Verlierer. Handeln ist nutzenstiftend für alle Beteiligten. Alle stellen sich durch den Tauschvorgang besser. Die Arbeitsteilung, die sich in einem freien Markt herausbildet, stellt auch die Geringqualifizierten besser – im Vergleich zu einer Situation, in der es keinen freien Markt gibt.  Es gibt nur eine dauerhaft durchführbare Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, und das ist die freie Marktwirtschaft, der Kapitalismus. Das ist die Erkenntnis, die die A-priori-Handlungswissenschaft bereitstellt.

Die Pläne des künftigen US-Präsidenten Donald Trump zeigen im Gegensatz dazu protektionistische Tendenzen. Kommt jetzt die „Entglobalisierung“?

Marquart: Aus meiner Sicht wird hier vorschnell geurteilt, denn meist wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird. Man wird Herrn Trump sicher noch erklären, wie wichtig globale Arbeitsteilung ist. Er ist ein kluger Mann. Wenn er wirklich etwas für den kleinen Mann tun will, wie er es versprochen hat, dann muss er vielmehr etwas gegen Korporatismus und Vetternwirtschaft unternehmen. Das ist es nämlich, was freie Märkte neben der ihnen zu Unrecht zugeschriebenen Störungsanfälligkeit bei den einfachen Menschen in Verruf bringt. Dafür ist es allerdings notwendig, dass die staatliche Macht beschnitten wird – dass es sich für große Unternehmen gar nicht mehr lohnt, unzählige Lobbyisten in die Hauptstädte zu schicken. Hoffen wir, dass mit Herrn Trump diesbezüglich frischer Wind in die Stube kommt.

Polleit: Trump scheint kein Globalist zu sein und will keine neue Weltordnung schaffen. Man kann also Hoffnung haben, dass Amerika in seiner Amtszeit keine aggressive und kriegerische Außenpolitik verfolgen wird, wie das wohl unter Hillary Clinton der Fall gewesen wäre. Aber zu optimistisch sollte man auch nicht sein: Denn Politik schafft Probleme, sie löst sie nicht.

Wenn Sie sich von der Politik keine Lösung erwarten, wie sieht dann Ihr Lösungsvorschlag aus?

Marquart: Das Problem ist, dass beim Politikverständnis heute das Formulieren von Zielen wie Gleichheit und Gerechtigkeit im Vordergrund steht, der Staat immer paternalistischer wird und die Politik mehr und mehr Themenfelder besetzt. Politik kann aber niemals allen Interessen gleichzeitig dienen. So müssen sich Teile der Gesellschaft dem Zwang anderer beugen. Das muss zu Konflikten führen und bringt den Frieden innerhalb einer Gesellschaft in Gefahr. Wir benötigen ein Umfeld, in dem privates Eigentum höchsten Schutz genießt und in dem auf Basis des privaten Eigentums alle miteinander kooperieren können, freiwillig, zu gegenseitigem Nutzen. Das schafft eine friedliche Gesellschaft.

Polleit: Die Idee, dass sich der Staat wie wir ihn heute kennen ein- oder begrenzen ließe, ist naiv. Er lässt sich nicht zähmen, sondern dehnt sich immer weiter aus. Hans-Hermann Hoppe hat das treffend formuliert: Dass nämlich selbst aus einem Minimalstaat ein Maximalstaat werden wird. Die Empfehlung in der „reinen Theorie“ lautet: Der Staat – also der territoriale Zwangsmonopolist mit Letztentscheidungsmacht über alle Konflikte – ist ökonomisch und ethisch inakzeptabel und muss abgeschafft werden. Alle Güter, und dazu zählen auch Recht und Sicherheit, sind privatwirtschaftlich bereitzustellen. Für viele vermutlich ein absonderlicher Gedanke, weil sie die Nationalökonomie nicht als A-priori-Theorie erblicken. Ein „second best“ wäre, wenn die großen Zentralstaaten in viele kleine Einheiten aufgelöst werden – in der Hoffnung, dass es dann zu einem produktiven Wettbewerb zwischen den Regionen kommt. Man müsste hoffen, dass die kleinen Einheiten nicht auf die Idee kommen, wieder einen großen Einheitsstaat zu formen. Diese Hoffnung ist nicht unbegründet: Die Schweiz und Liechtenstein machen es vor! Zwei friedvolle und prosperierende Gemeinwesen! Übrigens erlaubt die Verfassung Liechtensteins den einzelnen Gemeinden, aus dem Staatsverband auszutreten. Ein wirkungsvolles und praktikables Bollwerk gegen den übermächtigen Staat!

Meine Herren, herzlichen Dank für diese interessanten Erkenntnisse.

Interview: Ralf Flierl

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Andreas Marquart ist Vorstand des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Er ist Honorar-Finanzberater und orientiert sich dabei an den Erkenntnissen der Österreichischen Geld- und Konjunkturtheorie. Im Mai 2014 erschien sein gemeinsam mit Philipp Bagus geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen”. Im März erscheint sein neues Buch, ebenfalls gemeinsam mit Philipp Bagus: Wir schaffen das – alleine!

Thorsten Polleit, 49, ist seit April 2012 Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH. Er ist Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, Mitglied im Forschungsnetzwerk „Research On money In The Economy“ (ROME) und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Er ist Gründungspartner und volkswirtschaftlicher Berater der Polleit & Riechert Investment Management LLP. Die private Website von Thorsten Polleit ist: www.thorsten-polleit.comHier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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