Die Geldpolitik kann eine Volkswirtschaft nicht „steuern“

23.11.2016 - von Frank Shostak.

Frank Shostak

In der Niedergangsphase eines Konjunkturzyklus geraten prosperierende Unternehmen in Schwierigkeiten oder schlittern gar in Konkurs. Dies geschieht nicht aufgrund firmenspezifischer, unternehmerischer Fehlentscheidungen, sondern parallel zu allen Wirtschaftssektoren. Menschen, die gestern noch Vermögen besaßen, sind heute bankrott und Arbeiter verlieren ihre Jobs.

Selbst die Unternehmer wissen nicht, warum das so ist. Sie können sich keinen Reim darauf machen, warum die Geschäftspraktiken, die gestern noch profitabel waren, heute Geld verbrennen. Schlechte Geschäftsbedingungen entstehen, wenn man es am wenigsten erwartet – gerade dann, wenn alle Unternehmen überzeugt sind, dass sich ein neues Zeitalter, geprägt von stabilem und rapidem Wachstum, durchgesetzt hat.

In seinen Schriften argumentiert Ludwig von Mises (1881 – 1973) gegen die vorherrschenden Erklärungen des Konjunkturzyklus, die auf den Theorien der Überproduktion und Unterkonsumtion beruhen, und setzt sich kritisch mit verschiedenen Theorien auseinander, die auf vagen Begriffen wie „Massenpsychologie“ und „irregulären Schocks“ aufgebaut sind.

Laut der psychologischen Erklärung führt eine erwartete Verbesserung des Geschäftsklimas zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Im Gegenzug dazu, führt ein plötzlicher Rückgang des Vertrauens zu Stagnation und Abschwung.

Beobachtung vs. Erklärung des Konjunkturzyklus

Natürlich bestehen keine Zweifel, dass die Menschen während einer Rezession weniger zuversichtlich in die Zukunft schauen, als in guten Zeiten. Aber dies zu beobachten, erklärt noch nichts.

Gleichfalls erweitern Theorien, die verschiedene Schocks und Disruptionen als die Ursache von Konjunkturzyklen ansehen, nicht unser Wissen über dieses Phänomen.

Nichts davon erklärt, wie der Zyklus zustande kommt oder seine widerkehrende Natur.

Um zu einer korrekten Erklärung zu gelangen, glaubte Mises, dass wir die Veränderung der Geschäftsbedingungen zu vorher etablierten und identifizierten Phänomenen zurückverfolgen müssen, was diese Theorien jedoch verabsäumen.

Deshalb schlussfolgerte Mises, dass all diese Theorien keine Erklärung, sondern lediglich eine andere Art von Beschreibung des Phänomens liefern.

Mises war auch überzeugt, dass die verschiedenen statistischen und mathematischen Methoden nichts erklären, sondern ebenfalls nur beschreiben. Statistische Methoden machen es zwar möglich, Fluktuationen von Daten zu visualisieren, aber sie erweitern nicht unser Wissen über den Grund dieser Fluktuationen.

„Sachkredit“ oder „Zirkulationskredit“?

Mises unterschied zwischen einem mit Ersparnissen unterlegtem Kredit und einem ungedeckten Kredit. Den ersten Typus nannte er Sachkredit und den zweiten Zirkulationskredit. Es ist der Zirkulationskredit, der die zentrale Rolle einnimmt, indem er den Beginn des Konjunkturzyklus einleitet.

Stellen Sie sich einen Produzenten von Konsumgütern vor, der einen Teil seiner Produktion konsumiert und den Rest davon anspart. In einer Marktwirtschaft kann unser Produzent diese gesparte Produktion in Geld umtauschen. Dieses erhaltene Geld kann als eine Art Beleg für die von ihm produzierten und gesparten Güter angesehen werden.

Der Beleg ist ein Recht auf diese Güter. Er kann sich dann dazu entscheiden dieses Geld über eine Mediation durch eine Bank an einen anderen Produzenten zu verleihen. Durch die Verleihung des Geldes vom ursprünglichen Sparer transferiert der Kreditgeber seinen Anspruch auf reale Ersparnisse auf den Kreditnehmer.

Dieser kann nun das Geld bzw. den Anspruch benutzen, um Konsumgüter zu erwerben, während er andere Güter, beispielsweise Werkzeuge und Maschinen, produziert.

In diesem Fall ist der Kredit vollkommen mit Ersparnissen hinterlegt und ermöglicht die Ausweitung der Produktion von Werkzeugen und Maschinen. Aufgrund dieser verbesserten Infrastruktur, ist es nicht nur möglich, mehr Güter, sondern auch Güter mit höherer Qualität, zu produzieren. Dies ermöglicht die Vermehrung realen Vermögens. Sobald ein Kreditgeber Geld verleiht, verzichtet er während der Laufzeit des Kredits auf seinen Realgüteranspruch.

In einer freien Marktwirtschaft verwenden die Kreditnehmer Ersparnisse und stellen sicher, dass diese am effizientesten eingesetzt werden, da sie damit Gewinne erzeugen müssen. Das bedeutet aber auch, dass reale Ersparnisse im Einklang mit den wichtigsten Prioritäten der Konsumenten eingesetzt werden. Solange also Banken Sachkredite vermitteln, sollten sie als Akteure der Wohlstandsvermehrung angesehen werden.

Im Gegensatz dazu mutieren Banken zu Akteuren der Wohlstandsvernichtung, sobald sie Zirkulationskredite vergeben, denn anders als beim Sachkredit, ist der Zirkulationskredit nicht durch Ersparnisse gedeckt. Diese Art von Kredit ist also nichts anderes als ein leeres Versprechen der Bank, während im Fall des Sachkredits, der Kreditnehmer sich Güter sichert, welche vorher für ihn erwirtschaftet und gespart wurden.

Dies ist aber nicht der Fall beim Zirkulationskredit. Hier wurden keine Güter produziert und gespart. Sobald der Kreditnehmer diesen ungedeckten Anspruch einlöst, geschieht dies zu Lasten derjenigen mit einem vollgedeckten Anspruch. Dadurch unterminiert der Zirkulationskredit die wahren Wohlstandserzeuger.

Aufgrund der Angebotszunahme von Zirkulationskrediten fällt nun der Zins am Geldmarkt unter seine natürliche Rate, diejenige Rate also, die durch Angebot und Nachfrage entsteht, falls reale Güter im direkten Tauschhandel, also ohne Geld, verliehen werden. (In seinen späteren Artikeln, beschreibt Mises die natürliche Rate, als diejenige die sich im freien Markt bilden würde.)

Wie der Zirkulationskredit den Konjunkturzyklus auslöst

Aufgrund der künstlichen Herabsetzung der Zinsrate investieren Unternehmen neues Kapital in Projekte, um ihre Produktionsstruktur zu erweitern und zu verlängern. Vor dieser Herabsetzung erschienen diese Projekte nicht als profitabel, aber nun, da die Geldmarktrate unter der natürlichen Rate gehalten wird, nimmt die wirtschaftliche Aktivität Fahrt auf und ein Wirtschaftsaufschwung entsteht.

Durch die erzwungene Herabsetzung der Zinsrate entstehen Produktionsprozesse, die ansonsten nicht unternommen worden wären. Dadurch wird eine Produktionsstruktur geschaffen, die Güter und Dienstleistungen produziert, welche sich die Konsumenten aber eigentlich nicht leisten können.

Anstatt auf einen limitierten Pool an Unterhaltsmitteln zurückzugreifen, um damit Werkzeug und Maschinen anzufertigen, welche schließlich die am dringendsten benötigten Konsumgüter produzieren, werden diese Unterhaltsmittel für Kapitalgüter verschwendet, die dann auch weniger nachgefragte Konsumgüter herstellen.

Ab einem gewissen Punkt stellen die Produzenten dieser Produkte fest, dass sie damit entweder keinen Gewinn erwirtschaften oder gar ihre Pläne nicht verwirklichen können. Was wir hier vorfinden, sind aber keine Überinvestitionen, sondern fehlgeleitete Investitionen bzw. Fehlinvestitionen.

Die Ausweitung der Produktionsstruktur benötigt Zeit und die knappen Unterhaltsmittel reichen womöglich nicht aus, um die Kapitalstruktur ebenso ausweiten zu können. Falls die zusätzliche Produktion von Konsumgütern nicht schnell genug vonstattengeht, um die derzeit konsumierten Konsumgüter zu ersetzen, beginnt der Pool an Unterhaltsmittel auszutrocknen.

Ab einem gewissen Zeitpunkt stellen dann die Banken fest, dass die strauchelnden Produzenten beginnen, ihre Erwartungen nicht zu erfüllen. Darum werden sie die Ausgabe von Zirkulationskrediten drosseln, was gleichzeitig einen Aufwärtsdruck auf die Zinsrate erzeugt. Dieser Druck wirkt sich in Folge auch auf die soliden Geschäftsaktivitäten aus und ist oftmals das auslösende Ereignis, welches einen Wirtschafsabschwung erzwingt.

Mises schreibt allerdings, dass der Abschwung im Konjunkturzyklus auch durch andere Ereignisse eingeleitet werden kann. Die Ausweitung der Geldmenge bereichert nämlich diejenigen, die das neue Geld zuerst erhalten. Diejenigen Individuen, die deshalb reicher geworden sind, können deshalb auch ihr Konsumverhalten verändern.

Dies kann Unternehmen dazu zwingen, sich an dieses neue Verhalten anzupassen. Sobald aber die Expansionsrate der Geldmenge abnimmt, kann das veränderte Konsumverhalten nicht aufrechterhalten werden und die neu errichtete Kapitalstruktur wird dadurch unprofitabel und man muss sich von ihr lösen.

Es ist wenig überraschend, dass Mises eine Zentralbank, die „niedrige“ Zinsen während einer Rezession durchsetzt, um die Wirtschaft zu stabilisieren, vehement abgelehnt hat.

Stattdessen, glaubte er, dass die Politiker sich nicht damit befassen sollten, die Zinsen künstlich zu senken und unter keinerlei Umständen versuchen sollten, die Wirtschaft über Geldpolitik zu managen.

Indem sie Abstand von Interventionen in den Geschäftsablauf nimmt, verleiht die Zentralbank den Vermögenserzeugern die nötige Luft zum Atmen und legt somit das Fundament für einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung.

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Der Originalbeitrag mit dem Titel There Are Two Types of Credit — One of Them Leads to Booms and Busts ist am 14.11.2016 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Frank Shostak ist Adjunct Scholar am Mises-Institute, Auburn, veröffentlicht regelmäßig Beiträge auf mises.org und ist Inhaber von Applied Austrian School Economics Ltd.

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