Die Auswirkung einer Kreditexpansion auf die Produktionsstruktur

17.8.2015 – von Eduard Braun.

[aus seinem Buch Finance Behind the Veil of Money – frei nach den Abschnitten 22.2.1 – 22.2.3]

Eduard Braun

Der Kern der österreichischen Konjunkturtheorie besteht darin, daß eine laxe Kreditvergabe durch das Bankensystem Fehlinvestitionen in der Volkswirtschaft auslöst. Als Reaktion auf eine künstlich erhöhte Kreditmenge und die damit verbundenen niedrigen Zinsen schlagen die Unternehmen sogenannte längere „Produktionsumwege“ ein, das heißt sie stellen tendenziell weniger Konsumgüter und stattdessen mehr Vorleistungsgüter und Produktionsmittel her. Wie genau es zu dieser Umstellung kommt, wird in den meisten Darstellungen jedoch nur sehr kurz angedeutet. Wie beeinflußt eine Kreditexpansion die Volkswirtschaft und insbesondere das Preissystem eigentlich?

Die mit einer Kreditexpansion einhergehende Zinssenkung hat dadurch einen Einfluß auf die Produktionsstruktur, daß sie in der Wirtschaftsrechnung der Unternehmen Berücksichtigung findet. Unternehmen ändern ihre Produktionspläne in Reaktion auf eine Zinsmanipulation. Wie dieser Anpassungsprozeß im Detail aussieht, soll im folgenden beleuchtet werden.

Einen direkten Einfluß hat eine Kreditexpansion natürlich nur auf die Zinsen für Fremdkapital, nicht auf die Ertragsrate des Eigenkapitals. Eine Änderung in der Produktionsstruktur wird dementsprechend von Unternehmern ausgelöst, die von den nun niedrigeren Kosten für Fremdkapital profitieren wollen.[1]

Zunächst einmal betrifft eine solche Zinssenkung alle Unternehmen, egal ob sie Konsumgüter, Vorleistungsgüter, Rohstoffe oder Dienstleistungen herstellen. Sie alle können ihren Kapitalbedarf, soweit sie ihn mit Fremdkapital befriedigen, jetzt zu niedrigeren Kosten decken, was im Umkehrschluß bedeutet, daß sich ihr Eigenkapital nun besser rentiert und sie höhere Gewinne machen. Daher wird es in der Folge auch grundsätzlich für alle Unternehmen rentabel, sich höher zu verschulden, um diesen Effekt auszunutzen. Es wird zu einer allgemeinen Geschäftsausweitung kommen und die Ausgaben für Einsatzfaktoren und Vorleistungen werden steigen. Dadurch werden die Preise dieser Güter und damit die Kosten der Unternehmen steigen, und zwar so lange, bis die Ertragsrate des Eigenkapitals mehr oder weniger wieder dem künstlich gesenkten Zinssatz für Fremdkapital entspricht.

Entscheidend ist nun, daß der soeben beschriebene Anstieg der Eigenkapitalrentabilität um so größer wird, je weiter die Zeitpunkte der Ausgaben und der Einnahmen auseinanderliegen, d.h. je länger das Kapital gebunden ist. Es ist genau diese Hebelwirkung des Kredits, welche hervorbringt, was die Österreichische Theorie längere „Produktionsumwege“ nennt.

Um diese Hebelwirkung zu verstehen, ist es sinnvoll, den Blick zunächst nur auf eine einzelne Unternehmung zu richten. Je größer die Zeitspanne zwischen ihren Ausgaben und ihren Einnahmen wird, desto größer wird auch die Wirkung, die eine Zinssenkung auf sie hat.[2] Wenn eine Unternehmung heute ein Wirtschaftsgut kauft und es morgen schon wieder verkauft, dann sind die Kosten des Fremdkapitals für diese kurze Zeitspanne vernachlässigbar, selbst wenn die Unternehmung hoch verschuldet sein sollte. Eine Senkung des Zinssatzes würde nur einen sehr geringen Effekt auf den Preis dieses Wirtschaftsguts haben. Der ohnehin schon niedrige Betrag der Zinszahlungen würde noch ein bißchen weiter verringert werden, aber das wird die Unternehmung nicht dazu bewegen, deutlich mehr Geld für das Gut auszugeben.

Anders sieht es aus, wenn eine Unternehmung eine dauerhafte Anlage erwirbt, zum Beispiel einen Schmelzofen, der zwanzig Jahre hält. Diese Investition bringt hohe Kosten mit sich, die erst im Laufe einer nicht unerheblichen Zeitspanne wieder zu Einnahmen führen werden. Die Zinsen für das Fremdkapital, das für diesen Kauf verwendet wird, werden sich über die Jahre zu einem bedeutenden Betrag anhäufen. In diesem Fall hat eine Zinssenkung einen sehr deutlichen Einfluß auf die Kosten und damit auf die Eigenkapitalrendite des Schmelzofens. Es wird zu einer erhöhten Nachfrage für diese Art dauerhafter Güter kommen, da sie nun bei Fremdkapitalfinanzierung einen erheblich höheren Gewinn versprechen als vor der Zinssenkung. Dies hat natürlich eine starke Erhöhung der Preise für langlebige Anlagegüter zur Folge, die letztlich die entsprechende Eigenkapitalrendite wieder auf das Niveau des (künstlich gesenkten) Zinssatzes herabdrücken wird.

Es sollte in diesem Zusammenhang auch erwähnt werden, daß dieser Effekt auch bei dauerhaften Konsumgütern auftritt, insbesondere natürlich bei Häusern. Normalerweise werden Häuser viele Jahre lang genutzt, und die Zinsen für das nötige Fremdkapital summieren sich dabei regelmäßig zu einem beeindruckenden Betrag. Eine Zinssenkung hat dementsprechend eine starke Wirkung auf den Ertrag (monetär oder psychisch), den man bei einem kreditfinanzierten Hauskauf erzielen kann. Viele Leute werden bei niedrigen Zinsen bereit sein, deutlich mehr Geld für Häuser auszugeben, und werden die Hauspreise dementsprechend in die Höhe treiben.

Die Ursache für den Preisanstieg dauerhafter Güter während einer Kreditexpansion wirkt auch an allen anderen Stellen, wo die Ausgaben und die Einnahmen einer Unternehmung zeitlich weit auseinanderfallen. Eine Unternehmung, die ihre Schmelzöfen selber herstellt, wird bei einer Zinssenkung die Nachfrage für alle diejenigen Güter erhöhen, die für die Produktion eines Ofens benötigt werden. Man denke nur an Kohle und Eisen, aber auch an die Arbeitsleistungen, die für die Produktion benötigt werden. Obwohl es sich dabei nicht um langlebige Anlagegüter handelt, führen die Ausgaben, die man für sie tätigt, erst in der ferneren Zukunft zu Einnahmen. Auch für sie sinken die Fremdkapitalkosten daher beträchtlich, wenn der Zinssatz sinkt.

Bis jetzt haben wir uns nur mit der Wirtschaftsrechnung einer einzelnen Unternehmung befaßt. Für eine solche wird es rentabler, dauerhafte Anlagegüter zu erwerben oder herzustellen, wenn der Zinssatz sinkt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Hebelwirkung einer Kreditausweitung besteht in der Tatsache, daß die Ausgaben einer bestimmten Unternehmung für ihre Vorleistungsgüter in den meisten Fällen zu Einnahmen einer anderen Unternehmung werden, die diese Güter herstellt. Letztere Unternehmung muß in ihrer Wirtschaftsrechnung daher zwei Folgen der Zinssenkung berücksichtigen.

Zunächst einmal kommt sie, wie jede andere Unternehmung auch, billiger an Fremdkapital heran und wird daher eine höhere Eigenkapitalrendite aufweisen. Dann kommt aber noch hinzu, daß die Nachfrage nach ihrem Produkt steigen wird.[3] Sie produziert ja Vorleistungen für andere Unternehmen, und da diese Unternehmen bei einer Zinssenkung expandieren werden, wird sie nun höhere Einnahmen erzielen. Für die Unternehmung, welche Vorleistungsgüter erstellt, hat die Kreditexpansion also gleich zwei Effekte zur Folge, die beide ihre Rentabilität erhöhen. Sie hat einen doppelten Anreiz, sich auszudehnen und ihrerseits mehr in Vorleistungen zu investieren. Das bedeutet, daß die Preise ihrer Vorleistungen sogar noch stärker steigen werden als die Preise ihres Produkts.

Es sollte nun klar sein, daß die Produzenten dieser Vorleistungen einen noch größeren Anreiz haben werden, ihre Geschäfte auszudehnen, da der Effekt sich noch einmal vergrößert hat. Die Hebelwirkung der Kreditausweitung akkumuliert sich immer mehr, je weiter wir die Produktionsstufen hinaufklettern. Dementsprechend steigen die Preise der unterschiedlichen Vorleistungsgüter immer stärker an, je weiter sie dem konsumreifen Endprodukt vorgelagert sind. Wie wir bereits gesehen haben, ist es dabei egal, ob es sich jeweils um dauerhafte oder kurzlebige Vorleistungsgüter handelt. Wenn Kredit günstiger wird und außerdem die Einnahmen steigen – der oben beschriebene doppelte Effekt – wird mehr Geld für Vorleistungen ausgegeben, egal ob sie dauerhaft sind oder in der Produktion untergehen. Auch hier bieten sich Kohle und Eisen als Beispiele an.[4]

In der Gesamtschau sehen wir also folgendes. Wenn künstlich geschaffener Kredit den Finanzmarkt flutet, löst er einen allgemeinen Aufschwung aus. Auf allen Produktionsstufen werden die Unternehmer dazu verleitet, ihre Investitionen zu erhöhen. Solche Industrien, die Vorleistungen herstellen, werden jedoch aufgrund der beschriebenen Hebelwirkung stärker betroffen sein, da sie außerdem zusätzlicher Nachfrage nach ihren Produkten begegnen werden. Sie werden deswegen stärker expandieren als andere Industrien. Kurz, „die Produktionsumwege werden länger“, wie es die Österreichische Schule auszudrücken pflegt.

Obwohl sich dieser Artikel nicht mit dem Platzen der Aufschwungsblase auseinandersetzt, kann er doch einen Erklärungsansatz dafür andeuten, warum eine Volkswirtschaft durch eine künstliche Kreditexpansion ins Schwanken geraten kann. Die Hebelwirkung des Kredits bringt es mit sich, daß die Verschuldungsrate der Unternehmen, die weit weg von der Konsumreife des Endprodukts angesiedelt sind, besonders stark ansteigen wird. Der Grund hierfür ist, daß die Hebelwirkung sich dort akkumuliert. Die Rentabilität steigt in den entsprechenden Industrien besonders stark, und die Unternehmen werden daher entsprechend viel Kredit aufnehmen, um die dadurch möglichen Gewinne einzustreichen. Eine höhere Verschuldungsrate schwächt jedoch die Widerstandskraft dieser Unternehmen, falls es einmal zu Turbulenzen auf dem Finanzmarkt kommen sollte. Sobald Probleme auftauchen, wird das geringe Eigenkapital im Nu aufgebraucht sein und die strauchelnden Unternehmen sich gegenseitig und das Bankensystem anstecken, womit sie eine Krise verschlimmern oder sogar erst auslösen.

[1] Vgl. Mises, Ludwig von: Nationalökonomie. Genf: Editions Union, 1940. S. 502 ff.
[2] Vgl. Wicksell, Knut: Geldzins und Güterpreise. Jena: Fischer,1898. S. 83 f.
[3] Vgl. Hayek, Friedrich A.: Prices and Production and Other Works, hrsg. von Joseph T. Salerno. Auburn (AL): Mises Institute, 2008. S. 258
[4]Vgl. Strigl, Richard von: Kapital und Produktion, Wien: Springer, 1934. S. 182

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Dr. Eduard Braun hat im Jahr 2011 bei Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann an der Universität Angers (Frankreich) promoviert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Dr. Mathias Erlei, Abteilung für Volkswirtschaftslehre, an der Universität Clausthal-Zellerfeld, (http://www.wiwi.tu-clausthal.de/index.php?id=430).

 

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