Frei statt Staat! Selbsteigentum, Ethik und Privatrechtsgesellschaft

19.9.2016 – Interview mit Peter J. Preusse.

Herr Preusse, am 4. September 2016 verstarb überraschend der deutsche Philosoph Peter Janich (geboren 1942). In einem Nachruf haben Sie angemerkt, dass Janich eine Erkenntnistheorie vertreten hat, die dem rationalistischen Zweig der Österreichischen Schule der Nationalökonomie nahesteht – auch wenn er offensichtlich keinen Kontakt zu ihr hatte. Wo genau sehen Sie die Berührungspunkte?

Peter J. Preusse

In seinem 1993-er Vortrag „Erkennen als Handeln“ sagt Janich: „Rationalität von Erkenntnis lässt sich als Rationalität des Handelns zum Erkenntnisgewinn rekonstruieren. [...] Dieses Prinzip [der methodischen Ordnung] markiert den entscheidenden Unterschied  zwischen konstruktiven und analytisch-empirischen Ansätzen der Wissenschaftstheorie.“

Schon der Titel, erst recht aber ein intensiverer Blick in Janichs Werk zeigen, dass hier im Handeln ein fester Grund gefunden wird: Handeln verfolgt eine Absicht, kann technisch gelingen oder scheitern, kann erfolgreich oder erfolglos sein, je nach richtiger oder falscher Einschätzung der vermuteten Kausalität oder Motivationslage, was sich im Handlungsergebnis als Widerfahrnis aus der Außenwelt kundtut. „Es sind keine prinzipiellen Einwände sichtbar, jegliche Form wissenschaftlicher Erkenntnis [...] nicht ausschließlich als Widerfahrnisse im zweckgerichteten Handeln zu sehen.“ Wie nahe liegt das an Kernaussagen etwa von Ludwig von Mises: „Handeln und Vernunft sind eines Ursprungs und gleichartig; man kann sie sogar zwei verschiedene Aspekte des selben Dinges nennen. Dass Vernunft die Kraft hat, durch reine Reflexion die wesentlichen Merkmale des Handelns zu klären, ist eine Folge der Tatsache, dass Handeln ein Ableger der Vernunft ist.“

Im handwerklichen Handeln, welches die Anfangsprobleme der lücken- und zirkellosen methodischen Rekonstruktion lösen kann, findet Janich gar die „Rehabilitation des kantischen synthetischen Apriori“ – was nichts weniger bedeutet, als die Brücke über den Abgrund zwischen dem Ding an sich und der Idee. Und das ist genau der Anspruch, den die Erkenntnistheorie von von Mises, Rothbard und Hoppe stellt und einlöst. Ich finde es über die Maßen aufregend und spannend, wenn hier moderne Philosophie auf völlig unabhängigen Wegen auf gleiche Vorstellungen hinausläuft wie früher und zeitgleich die Österreichische Schule der Nationalökonomie und der Ethik. Daher bin ich überzeugt, dass Janich einen langen, vielleicht sehr langen oder gar sehr, sehr langen Nachruhm genießen wird.

Sie selbst haben ein Anfang 2016 eine Schrift veröffentlicht mit dem Titel „Frei statt Staat!: Selbsteigentum, Ethik und die Verfassung der Privatrechtsgesellschaft“. Wie lässt sich für unsere Leser die Kernbotschaft Ihrer Ausführungen mit wenigen Worten zusammenfassen?

Es sind drei Kernaussagen: 1. Ein Gedankengebäude mit Anspruch auf weitestreichende Konsequenzen – die ja in Form der ökonomischen Lehren der Praxeologie in der gegenwärtigen Finanzkrise immer wichtiger werden und auch zunehmend wahrgenommen werden – kann nicht stabil genug in seinen Fundamenten sein. Daher habe ich versucht, die innere logische Struktur des Gedankengebäudes zu isolieren und explizit darzustellen, was überraschenderweise sonst wohl nirgends versucht wurde. 2. Insbesondere bei den für die soziale Philosophie wichtigen Grundbegriffen „Ethik“ und „Moral“ herrscht leider nachhaltige Sprachverwirrung: die sachlich gut dargestellten getrennten Sphären von gruppenbezogenem Verhaltenskodex einerseits und der Eigentumsnorm als einzig möglicher Konfliktvermeidungsstrategie unter ratio-fähigen Menschen angesichts von Knappheit andererseits werden freihand mal als Ethik, mal als Moral angesprochen. Im Sinne Schopenhauers unterscheide ich das „Schade niemandem“ als Kernbestand der Ethik, nämlich als Ausdruck der Pflichts- oder Rechtsethik von dem Anspruch „sondern helfe nach Kräften“ als Liebesethik oder eben Moral mit der begrenzten Reichweite und Trennschärfe. Dazu kommt die Erkenntnisethik: „Das Leben der Wahrheit weihen.“ Und 3. folgt aus dem fundamentalen Unterschied von veräußerlichem und unveräußerlichem Eigentum, also von Gütern und Vertragsrechten einerseits und von eigener Lebenszeit und Willensfreiheit andererseits, dass eine staatsfrei verfasste Privatrechtsgesellschaft einen Weg finden muss, mit Konflikten im Bereich des Selbsteigentums umzugehen. Dazu dient der hier vorgestellte Verfassungsentwurf – beinahe schon realpolitisch gemeint.

Sie beschäftigen sich eingehend mit der Misesianischen Wissenschaftsmethode, der Praxeologie. In Ihrem Buch bringen Sie – zusätzlich zum Axiom des menschlichen Handelns – zwei weitere Axiome: Das „Axiom der Diversität“ und das „Axiom vom menschlichen Rang“. Die Frage, die sich aufdrängt, ist: Handelt es sich hierbei um eigenständige Axiome? Oder handelt es sich lediglich um Deduktionen aus dem Handlungsaxiom?

Schon der Begriff des Axioms ist zunächst unklar und auch bei Mises, Rothbard und Hoppe nicht explizit und umfassend dargestellt; ich versuche, den Begriff so zu definieren, wie er bei diesen Autoren gemeint ist – Mises selbst spricht nicht von Axiom, sondern von Letztgegebenheit – , nämlich als Axiom der Anschauung mit sechs expliziten Eigenschaften. So gesehen, ist die Diversität von inneren und äußeren Ressourcen z.B. bei Rothbard ausdrücklich als Axiom benannt und also im Prinzip Konsens. Neu dagegen ist das Dritte Axiom, das die Gleichrangigkeit der Menschen als Wertende darstellt. Indem in diesen Begriff des „menschlichen Ranges“ alles eingeht, was an der populären Forderung nach „Gleichheit“ legitim ist, kann die Österreichische Schule eine Ablehnung durch Andersdenkende vermeiden, die sonst eine pauschale Negierung ihres als ethisch empfundenen Gleichheitsanspruchs nicht akzeptieren könnten.

Nein, eine Deduktion ist das ausdrücklich nicht, es ist eine zusätzlich Grundannahme, die allerdings noch nicht die letzte der sechs formalen Anforderungen an ein Axiom der Anschauung erfüllt hat: Die Notwendigkeit des performativen Widerspruch beim Bestreiten der Gleichrangigkeit.

Sie sind – um mit Peter Janich zu sprechen – im wahrsten Sinne des Wortes Hand- und Mundwerker, nicht nur Denker: Sie sind praktizierender Zahnarzt. Es ist daher kein Zufall, dass Sie als Hand- und Mundwerker an der Herstellung des Wissens arbeiten?

Wohl nicht. Als intellektuelle Nischenexistenz, die nicht im Staatsdienst sozialisiert und verhaftet ist, habe ich es wohl leichter als ein akademisch gebildeter Philosoph, der doch meist mehr ein Philodox, also ein Kenner und im günstigen Fall auch Liebhaber der Lehre anderer ist, mich meines Verstandes ohne die Anleitung Dritter zu bedienen. Und die Schlaufe von der Handlung bis zur Rückmeldung im Widerfahrnis des Erfolges oder Misserfolges ist deutlich kürzer als bei einem reinen Mundwerker Marx oder Keynes, deren Misserfolge noch heute nicht allgemein durchschaut sind.

In Ihrer Schrift verorten Sie die gesellschaftlichen Übelstände beim Staat – dem territorialen Zwangsmonopolisten. Gleichzeitig sind Sie von Berufs wegen unweigerlich Zeuge der Missstände im verstaatlichten Gesundheitswesen. Was wäre aus Ihrer Sicht die praktikable Alternative?

In der Zahnheilkunde wird die Alternative schon bis zu einem gewissen Grade praktiziert, in einigen Fällen in hohem Umfang: Anspruchsvolle und selbstverantwortliche Patienten verlassen sich nicht auf die „gesetzlichen“ Leistungen, sondern handeln Qualität und Preis der ärztlichen Leistung frei aus und nehmen die paar Euro von der Kasse eben mit. Im allgemeinen müssen große gesundheitliche Risiken natürlich versichert sein, wobei die Lebenslüge, dass keiner früher sterben dürfe, weil er arm ist, natürlich nicht aufrechtzuerhalten ist. Jeder darf persönlich helfen, soviel er kann und will, niemand hat aber Anspruch auf Zwangshilfe durch „die Gemeinschaft“. Gerade im Gesundheitswesen ist reichlich Gelegenheit zum praktizieren einer Kultur des Schenkens, der Wohltätigkeit und des Mäzenatentums.

Vielen Dank, Herr Preusse.

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Das Interview wurde im September 2016 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Thorsten Polleit.


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Für Dr. Peter J. Preusse (*1949) stellte der Kampf für eine bessere Zahnheilkunde und damit gegen die geballten Widerstände einer übermächtigen Gesundheitsbürokratie den Leidensdruck her, der ihn für Libertäres zunächst von Roland Baader empfänglich machte. Nach Privatstudien wichtiger Klassiker der Österreichischen Schule hat er Gedanken zur Erweiterung dieser Denktradition formuliert, die u.a. im Mises-Institut USA und auf seiner website self-ownership.net veröffentlicht wurden. Er ist Autor für eigentümlich frei u.a. und Mitglied der Property and Freedom Society. Das Buch Frei statt Staat! Selbsteigentum, Ethik und die Verfassung der Privatrechtsgesellschaft gibt eine konzise Darstellung der erweiterten rationalistisch-individualistischen Struktur der Österreichischen Schule und entwickelt auf dieser Grundlage eine Verfassung für eine staatsfreie Privatrechtsgesellschaft, die der Eigendynamik des Gemeinwesens zum gemeinen Unwesen widerstehen kann.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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