Freiheit bringt Fortschritt

29.8.2016 – von Steven Horwitz.

Steven Horwitz

Ein weitverbreiteter Einwand dagegen, die Menschen ihr Leben weitestgehend frei von Eingriffen der Politik leben zu lassen, besteht darin, dass viele dafür einfach nicht intelligent genug seien. Oft ist diese Kritik eine Antwort auf das Argument der Gegenseite, die Menschen seien eben doch schlau genug, ihr eigenes Leben zu regeln, und man solle ihnen deswegen auch die Freiheit dazu lassen.

Lassen Sie mich mit einem vermutlich einleuchtenden Argument beginnen: Wenn die Menschen nicht intelligent genug wären, ihr eigenes Leben zu regeln, wie kann man dann zu dem Schluss kommen, andere Menschen seien intelligent genug dafür? Wie könnte man sicherstellen, dass wir zum Beispiel gerade die kleine Anzahl an Menschen, die dafür schlau genug sind, in politische Ämter wählen oder sie ernennen, um dort über das Leben aller anderen zu bestimmen?

Und wie könnten wir sicherstellen, dass sie auch wirklich so intelligent sind, nicht nur zu wissen, was für sie selbst am besten ist, sondern auch für alle anderen? Das Argument, die Menschen seien nicht klug genug, kann auf diese Art und Weise leicht gegen die gerichtet werden, die es vorbringen.

Aber das Argument, die Menschen seien doch intelligent genug, wirft auch Fragen auf. Wie intelligent die Menschen im Allgemeinen wirklich sind und ob sie gute Entscheidungen treffen, sind empirische Fragen. Versuche aus der Psychologie und der Verhaltensforschung legen nahe, dass die meisten Menschen weit von der perfekten Vernunft des Homo Oeconomicus entfernt sind.

Selbst wenn es stimmen würde, dass wir schlau genug sind, über unser Leben selbst zu bestimmen, heißt das nicht, dass es trotzdem nicht dazu reichen könnte, auch über das Leben anderer zu bestimmen? In der Vergangenheit hat man sich als Rechtfertigung für den Sozialismus und für weitere Herrschaftsformen mit verschiedenen Graden an Staatseingriffen oft stark auf die menschliche Rationalität verlassen. Da wir schlau genug seien, die Kontrolle über die Natur zu ergreifen, würde das doch sicher auch für die Kontrolle über die Gesellschaft gelten.

Die verhängnisvolle Anmaßung

Diese Argumente wurden oft im Zusammenhang mit dem Versprechen vorgebracht, nur das Beste für die Gesellschaft zu wollen und ernsthaft daran zu glauben, das Los der Ärmsten verbessern zu können, in dem wir mehr Entscheidungsbefugnisse in die Hände des Staates oder der Gemeinschaft legen.

Solch falscher Glaube an die Kraft der Vernunft, den Hayek als „verhängnisvolle Anmaßung“ bezeichnete, führte schnell dazu, Macht um der Macht willen anzustreben, wenn die Versuche der rationalen Sozialplanung scheiterten oder zu unmenschlichen Sozialexperimenten wie beispielsweise den Eugenik-Programmen während der Zeit des Progressivismus wurden.

Die menschliche Rationalität zu überschätzen, führt schnell dazu, einigen Menschen die Kontrolle über andere Menschen zu übertragen – einer Position, die kein Mensch innehaben sollte.

Wenn Menschen also nicht gut darin sind, Entscheidungen zu treffen, einschließlich der Menschen mit politischer Macht, wie lautet dann das Argument für die Freiheit, wenn es nicht darin besteht, den Menschen große Fähigkeiten bei der eigenen Lebensführung zuzusprechen?

Vielleicht ist es sinnvoll, zwischen zwei verschiedenen Behauptungen zu unterscheiden:

„Ich bin sehr schlau und deswegen in der Lage, gut über mein eigenes Leben zu bestimmen.“

und

„Ich weiß nicht besonders viel, aber trotzdem weiß niemand besser als ich, wie mein eigenes Leben auszusehen hat.“

Ersteres ist eine absolute Behauptung über die menschliche Rationalität. Letzteres ist die wesentlich bescheidenere Behauptung, dass ich im Vergleich zu anderen eher in der Lage bin, die besten Entscheidungen für mich zu treffen.

Aber die zweite Behauptung begründet nicht, wieso man selbst irrationalen und Menschen mit verzerrter Realitätswahrnehmung die Kontrolle über das eigene Leben lassen sollte. Wenn die richtigen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Institutionen bestehen, sind die Menschen in der Lage, das Verhalten der anderen zu beobachten und selbst zu entscheiden, was funktioniert und was nicht, und erfolgreiches Verhalten nachzuahmen.

Gesellschaftliche Vorgänge sind Lernvorgänge. Wir alle werden besser darin, unser eigenes Leben zu leben, in dem wir erfolgreiche Erfindungen anderer Menschen nachahmen. Biologische und gesellschaftliche evolutionäre Prozesse erfordern beide einen Rahmen, innerhalb dessen Erfindungen gemacht werden können und innerhalb dessen festgestellt werden kann, ob diese Erfindungen segensreich sind, sowie einen Prozess, der anderen das Nachahmen ermöglicht. Diese Erfindungs- und Nachahmungsvorgänge sind die Quelle des Fortschritts, sowohl in der Natur, als auch in der Gesellschaft.

In der biologischen Evolution gibt es selbstverständlich alle drei Prozesse. „Erfindungen“, geschehen durch genetische Mutationen. Nützliche Mutationen, die die Chancen des Überlebens erhöhen, werden an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Überlebensfähigkeit ist der Maßstab des Erfolgs, und Weitergabe durch Fortpflanzung ist die „Nachahmung“.

Der Markt als Lernvorgang

Im freien Markt finden dieselben Vorgänge statt. Unternehmern fällt etwas Neues ein – die Erfindung. Gewinn oder Verlust im Markt sind Indikatoren für Erfolg oder Scheitern bei dem Versuch, für andere Mehrwert zu schaffen. Andere Unternehmer reagieren auf Profitanreize, indem sie ebenfalls in der entsprechenden Branche aktiv werden und ähnliche Waren herstellen – der Vorgang des wirtschaftlichen Nachahmens und Lernens.

Bei beiden Vorgängen ist das Lernen entscheidend für den Fortschritt. Dieses Lernen findet statt, indem Menschen in der Lage sind, die erfolgreichen Erfindungen zu erkennen und es ihnen möglich ist, sie nachzuahmen. Fortschritt besteht darin, bessere Überlebensfähigkeiten zu erlangen (in der biologischen Evolution) oder Mehrwert zu schaffen (im freien Markt). Das macht die Behauptung von Matt Ridleys so elegant, gesellschaftlicher Fortschritt sei eine Folge davon, dass „Ideen Sex haben“. Kulturell finden ähnliche Prozesse statt, bei denen Erfindungen erkannt und nachgeahmt werden können – der ursprünglichen Bedeutung eines „Mem“.

Als einzelne Menschen mögen wir über nicht viel Wissen verfügen, aber gemeinsam können wir unter den richtigen Bedingungen voneinander lernen und als Gesellschaft sehr viel Wissen erlangen.

Das Argument für die Freiheit der Menschen besteht nicht darin, dass wir schlau genug sind, unser eigenes Leben sehr gut geregelt zu bekommen, sondern dass wir als einzelne Menschen überhaupt nicht besonders schlau sind und der einzige Weg zu mehr Wissen darin besteht, voneinander zu lernen.

Für dieses Lernen ist die Freiheit, zu erfinden und nachzuahmen, erforderlich, und es muss einen zuverlässigen Indikator für Erfolg geben. Niemand von uns verfügt über perfektes Wissen, was die eigene Lebensgestaltung angeht, geschweige denn über die Lebensgestaltung anderer Menschen. Deshalb brauchen wir Freiheit, insbesondere die wirtschaftliche Freiheit zu experimentieren, Erfolg zu haben oder zu scheitern, nachzuahmen und uns zu verbessern. Das, was John Stuart Mill als „Lebensexperimente“ bezeichnete, ist für den gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt genauso wichtig wie das Unternehmertum für den wirtschaftlichen Fortschritt.

Das Argument für die Freiheit, wie es klassische Liberale wie Hayek vorgebracht haben, beruht nicht auf der Fähigkeit des Einzelnen, perfekte rationale Entscheidungen zu treffen. Stattdessen ist es ein bescheidenes Bekenntnis zu den Grenzen unserer Rationalität.

Und diese Bescheidenheit ist die Grundlage des Argumentes für die Freiheit: Der einzige Weg zu mehr Fortschritt besteht darin, den Menschen die Freiheit des Erfindens und des Nachahmens zu lassen, indem wir für Institutionen sorgen, die die Informationen und die Anreize zur Verfügung stellen, die nötig sind, um Erfolg oder Misserfolg anzuzeigen und zum Nachahmen zu motivieren.

Genau dafür sorgen der freie Markt und die soziale Freiheit einer offenen, liberalen Gesellschaft. Wir sind nicht intelligent genug, all das zentral zu planen, aber wir neigen allzu oft zu Selbstüberschätzung, wodurch wir die entstehende Ordnung der Institutionen zerstören, die dafür sorgen, dass die Freiheit trotz der verzerrten Realitätswahrnehmung und begrenzten Rationalität, die uns intelligenteste Erdenbewohner kennzeichnet, funktioniert. Das Argument für die Freiheit besteht darin, was wir voneinander lernen, und nicht darin, was jeder Einzelne von uns weiß.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Humble Case for Freedom ist am 8.8.2016 auf der website der Foundation of Economic Education erschienen.

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Steven Horwitz ist Charles A. Dana Professor of Economics an der St. Lawrence University und Autor von Hayek’s Modern Family: Classical Liberalism and the Evolution of Social Institutions.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.