Der Keynesianismus muss überwunden werden

8.6.2016 –  von Llewellyn H. Rockwell Jr.

Llewellyn H. Rockwell Jr.

Im Jahr 2012 warnte Barack Obama davor, die Vereinigten Staaten würden in eine Depression abgleiten, wenn der Plan von Ron Paul, eine Billionen US-Dollar im Bundesaushalt einzusparen, umgesetzt würde.

Warten Sie, ich bitte um Verzeihung. Es war nicht Obama, der warnte, eine Etatkürzung würde in eine Depression führen.

Es war Mitt Romney.

Romney wurde später der Präsidentschaftskandidat der selbst ernannten Partei des freien Marktes.

Eine ideengeschichtliche Niederlage ist vollkommen, wenn beide Seiten des akzeptierten Meinungsspektrums die grundlegenden Annahmen übernehmen. So vollkommen ist der Sieg des Keynesianismus.

Streng genommen hat der Keynesianismus bereits ein Jahrzehnt vor der Geburt Romneys den vollständigen Sieg errungen.

John Maynard Keynes‘ grundlegende Abhandlung Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes erschien während der Großen Depression, zu einer Zeit, als immer mehr Menschen anfingen, die Vorzüge und Widerstandsfähigkeit des Kapitalismus zu hinterfragen. Es war ein Werk der ökonomischen Theorie, aber seine Unterstützer bestanden darauf, dass es auch Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit gab: Wie ist es zur Depression gekommen und warum dauerte sie so lange?

Keynes und seinen Anhängern zufolge war die Antwort auf beide Fragen dieselbe: zu wenig staatliche Interventionen.

Wie Murray N. Rothbard 1963 in seinem Buch America’s Great Depression und Lionel Robbins und andere zu dieser Zeit schrieben, ist die Depression ganz sicher nicht durch zu wenig staatliche Interventionen ausgelöst worden. Sie wurde durch die weltweit staatlich privilegierten Zentralbanken ausgelöst und ist durch verschiedenste Wundermittel, denen die Regierungen anhingen, verlängert worden.

Aber das war keine These, die Regierungen gerne hören wollten. Stattdessen fühlten sich Regierungsvertreter mehr zu der Botschaft hingezogen, die ihnen Keynes vermittelte: Die freie Marktwirtschaft kann zu wirtschaftlichen Depressionen führen und Wohlstand benötigt mehr staatliche Ausgaben und Interventionen.

Ein paar kurze Worte zu dem Buch, das diese ideologische Revolution auslöste. Um es höflich zu sagen, die Allgemeine Theorie war nicht die Sorte Text, von der man diesen umwerfenden Erfolg erwarten würde.

Paul Samuelson, der später einer der namhaftesten Verbreiter des Keynesianismus in Amerika werden sollte, gestand in einem freimütigen Moment ein, als er das erste Mal das Buch las, „verstand er ganz und gar nicht, worum es überhaupt ging.“ „Ich denke, ich verrate kein Geheimnis,“ meinte er zudem, „wenn ich ehrlich behaupte – auf Basis eindringlicher, persönlicher Erinnerung –, dass niemand anders in Cambridge, Massachusetts, in den ersten 12 oder 18 Monaten nach der Veröffentlichung wirklich wusste, worum es ging.“

Die Allgemeine Theorie sagte er,

ist ein schlecht geschriebenes Buch, dürftig aufgebaut. Jeder Laie, der das Buch auf Grundlage der bisherigen Reputation des Autors kaufte, wurde um seine fünf Schilling betrogen. Es ist kaum geeignet für den Lehrbetrieb. Es ist arrogant, übellaunig, polemisch und nicht sehr großzügig im Umgang mit seinen geistigen Einflüssen. Es strotz nur so vor vermeintlich bahnbrechenden Entdeckungen und Verwirrungen. … Kurz gesagt, es ist das Werk eines Genies.

Murray N. Rothbard, der nach dem Tode Ludwig von Mises als Kopf der Österreichischen Schule der Nationalökonomie angesehen wurde, verfasste, zusammen mit einem ausführlichen und aufschlussreichen biografischen Essay zur Person Keynes, mehrere umfassende, ökonomische Kritiken zu Keynes. Die erste dieser Kritiken war ein Essay von dem damals gerade einmal 21-jährigen Murray: „Spotlight on Keynesian Economics“. Die zweite Kritik erschien in seiner 1962 erschienenen Abhandlung Man, Economy, and State und die dritte in seinem Buch For a New Liberty [auf Deutsch unter dem Titel Für eine neue Freiheit in mehreren Versionen erschienen; Anm. d. Ü.].

Murray nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er den Keynesianismus als „den erfolgreichsten und schädlichsten Schwindel in der Dogmengeschichte der Ökonomie“ bezeichnet. Er fügt an, „alles am keynesianischen Denken ist ein Gewirr aus Verzerrungen, Irrtümern und vollkommen unrealistischen Annahmen.“

Über die Probleme des keynesianischen Lehrgebäudes hinaus, sind zudem die unglücklichen Charaktereigenschaften von Keynes selbst zu nennen. Ich lasse hierzu Murray zu Wort kommen:

Das Erste war sein überheblicher Egoismus, der ihn darin bestärkte, er könne aller intellektuellen Probleme schnell und präzise Herr werden und der ihn dazu verleitete, alle allgemeinen Grundsätze zu verachten, die sein ungezügeltes Ego hätten zügeln können. Das Zweite war seine tiefausgeprägte Überzeugung, von Geburt an dafür bestimmt zu sein, ein Führer der herrschenden Elite Großbritanniens zu sein. …

Das dritte Element war seine tief empfundene Abneigung und sein Hass für die bürgerlichen Werte und Tugenden, für altgediente Moralvorstellungen, für das Sparen und die Sparsamkeit und für die grundlegende Institution des Familienlebens.

Als Student an der Cambridge University gehörte Keynes einem exklusiven und verschlossenen Kreis an, der sich ‚die Apostel‘ nannte. Die Mitgliedschaft bestärkte ihn in seinem Egoismus und in seiner Geringschätzung anderen gegenüber. In einem privaten Brief schrieb er,

„Ist es eine Monomanie [krankhaftes Besessensein; Anm. d. Ü.], diese überwältigende moralische Überlegenheit, die wir empfinden? Mich beschleicht das Gefühl, dass ein Großteil des Restes [in der Welt außerhalb der Apostel] gar nichts verstanden hat – da sie entweder zu dumm oder zu schlecht sind.“ [Eckige Klammern im Original durch den Autor L.R. eingefügt; Anm. d. Ü.]

Als junger Mann wurden Keynes und seine Freunde zu, wie es Keynes selbst beschrieb, „Immoralisten“. In dem Beitrag „My Early Beliefs“ aus dem Jahr 1938 schrieb er:

Wir weigerten uns, allgemein anerkannte Regeln für uns gelten zu lassen. Wir beanspruchten für uns selbst das Recht und die Weisheit, jeden individuellen Fall abhängig nach seinen Ergebnissen zu beurteilen. Dies war grundlegend für unser Selbstverständnis, etwas, dass wir offensiv und gewaltbereit verteidigten, und was nach außen unser deutlichstes und gefährlichstes Merkmal war. Wir lehnten vollkommen selbstverständlich geläufige Moralvorstellungen, Konventionen und althergebrachte Weisheiten ab. Im engen Sinne des Wortes waren wir, das sage ich so, nichts anders als Immoralisten.

Keynes war 55 Jahre alt, als er diesen Beitrag veröffentlichte. Und selbst in dieser fortgeschrittenen Lebensphase, bestätigte er, der Immoralismus ist „unter der Oberfläche immer noch meine Religion. … Ich bleibe Immoralist und werde ewig einer sein.“

In den Wirtschaftswissenschaften offenbarte Keynes die gleiche Einstellung wie gegenüber der Philosophie und dem Leben an sich. „Ich habe Angst vor ‚Prinzipien‘“, gestand er 1930 gegenüber einem parlamentarischen Ausschuss. Das ist selbstverständlich die Attitüde von jemanden, den es nach Macht und Einfluss gelüstet und dem Prinzipien somit nur im Wege stehen würden.

So befürwortete Keynes den Freihandel, bis er 1931 plötzlich seine Meinung änderte und zu einem Protektionisten wurde, um während des Zweiten Weltkrieges erneut den Freihandel zu favorisieren. Murray beschrieb dies so, „niemals kamen ihm Gewissensbisse oder gar ein Zögern bei seinen blitzschnellen Wendungen in die Quere.“

Die Allgemeine Theorie unterteilte die Weltbevölkerung in verschiedene Gruppen, mit jeweils unterschiedlichen Eigenschaften. Hier fand Keynes ein Ventil für seinen lebenslangen Hass.

Zum einen gab es die große Masse von Konsumenten, stumpf und roboterhaft, deren Konsumentscheidungen von äußeren Kräften bestimmt und determiniert wurden, so dass sie Keynes zu „Konsumfunktionen“ reduzieren konnte.

Zum anderen gab es die Untergruppe von Konsumenten, die bürgerlichen Sparer, die Keynes besonders verachtete. In der Vergangenheit wurden solche Menschen noch für ihre Sparsamkeit bewundert. Durch sie wurden erst die Investitionen ermöglicht, mit denen der Lebensstandard gesteigert werden konnte. Aber das keynesianische System durchtrennte die Verbindung zwischen Ersparnissen und Investitionen und behauptete, beides habe nichts miteinander zu tun. Vielmehr seien Ersparnisse eine Last für das System, sagte Keynes, und könnten Rezessionen und Depressionen verursachen. Folgerichtig entthronte Keynes das Bürgertum und seinen traditionellen Anspruch auf moralische Ehrbarkeit. Sparen war eine Torheit, kein Zeichen von Weisheit.

Die dritte Gruppe waren die Investoren. Ihnen war Keynes ein wenig wohlgesonnener. Die Handlungen dieser Menschen konnten nicht auf mathematische Formeln reduziert werden. Sie waren dynamisch und frei. Unglücklicherweise haben sie einen Hang zu wilden, irrationalen Ausbrüchen in ihrem Verhalten und ihren Prognosen. Diese irrationalen Ausbrüche lassen die Wirtschaft zu einer Achterbahnfahrt werden.

Schlussendlich die vierte und letzte Gruppe. Diese Gruppe ist im höchsten Maße rational, ökonomisch gebildet und unverzichtbar für die wirtschaftliche Stabilität. Diese Gruppe kann die törichten Entscheidungen der Anderen aufheben und die Wirtschaft vom Abgleiten in die Depression und vor inflationistischen Exzessen bewahren. Man ist wohl kaum überrascht zu hören, dass diese weitsichtigen Zauberer, die Keynes vierte Gruppe umfassen, Funktionäre staatlicher Institutionen sind.

Um genau zu verstehen, was Keynes von den Funktionären des Staates erwartete, sollte man ein paar kurze Worte über das Wirtschaftssystem in Keynes Allgemeiner Theorie verlieren. Seine primäre Behauptung ist, die Marktwirtschaft sähe sich einer chronischen Unterbeschäftigung von Ressourcen gegenüber. Soll die Wirtschaft nicht in die Depression abdriften oder in ihr verharren, sind die weise Leitung und die Eingriffe der politischen Klasse notwendig.

Erneut kann getrost davon ausgegangen werden, dass die politische Klasse der westlichen Hemisphäre dem Keynesianismus nicht anhing, weil ihre Politiker die Arbeiten von Keynes einer tiefgründigen Lektüre unterzogen haben. Im Gegenteil fühlten sich staatliche Funktionäre aus zwei vordergründigeren Beweggründen zum Keynesianismus hingezogen: ihrem Bedürfnis nach der eigenen Unverzichtbarkeit und ihrem Drang, Macht auszuüben. Der Keynesianismus hielt der politischen Klasse diese Ideen hin, die im Gegenzug wie sabbernde Hunde darauf reagierten. Es gab keine romantischeren oder würdevolleren Erklärungen als diese, es tut mir leid, dies feststellen zu müssen.

Zu Beginn der 1970er Jahre erlitt die keynesianische Wirtschaftslehre einen verheerenden Schlag. Oder um es mit den blumigeren Worten von Murray zu sagen, sie war „vom Hals ab gelähmt“.

Der Keynesianismus konnte nicht die Stagflation oder die inflationäre Rezession erklären, die die Vereinigten Staaten in den 70er Jahren durchlebte.

Die angedachte Rolle der keynesianischen Planer war es, die Volkswirtschaft so zu lenken, dass die doppelte Bedrohung aus einer überhitzten und inflationären Wirtschaft und einer schlecht laufenden und flauen Wirtschaft umgangen werden würde. Während eines Booms sollten die keynesianischen Planer durch Steuererhöhungen und Ausgabensenkungen „die überschüssige Kaufkraft einfangen“. In Zeiten einer Depression sollten Keynesianer die Steuern senken und die Staatsausgaben steigern, um Ausgaben in die Wirtschaft zu leiten.

Aber in einer inflationären Rezession musste dieser ganze Ansatz verworfen werden. Bei dem inflationären Teil hieß es, die Ausgaben zu senken, bei der rezessionistischen Komponente aber hieß es, die Ausgaben zu erhöhen. Wie, so fragte Murray sich, sollten die keynesianischen Planer beides gleichzeitig anstellen?

Selbstverständlich konnten sie nicht beides tun, weshalb der Keynesianismus in den 1970er Jahren zu verschwinden begann, bis er im Zuge der Finanzkrise von 2008 ein unwillkommenes Comeback hinlegte.

Murray hat das keynesianische System auf eine grundlegendere Art und Weise in seinem Werk Man, Economy, and State demontiert. Er zeigte auf, dass die für den Keynesianismus grundlegende Beziehung zwischen großen, wirtschaftlichen Aggregaten schlicht nicht zutraf. Und er zerlegte die maßgeblichen Konzepte, die in der keynesianischen Analyse zur Anwendung kam: die Konsumfunktion, den Multiplikator-Effekt und den Akzelerator-Effekt, um nur ein paar zu nennen.

Aber warum ist irgendetwas von dem wichtig für das Hier und Jetzt?

Die Fehler Keynes haben die soziopathischen, politischen Klassen auf der ganzen Welt mächtig gemacht und die Welt um die andernfalls genossene, wirtschaftliche Fortentwicklung gebracht.

Japan ist ein gutes Beispiel für die verheerende Wirkung des Keynesianismus: Der Nikkei 225, der im Jahr 1990 einen Stand von 38.500 Punkten erreicht hatte, konnte niemals wieder auch nur die Hälfte dieser Marke erreichen. Vor einem viertel Jahrhundert lag der japanische Index für Industrieprodukte bei 96,8. Nach 25 Jahren aggressiver, keynesianischer Wirtschaftspolitik, die Japan die weltweit höchste Staatsverschuldung gemessen am BIP einbrachte, steht der Index für Industrieprodukte immer noch bei 96,8.

Die Vereinigten Staaten erfuhren währenddessen 16 Jahre eines fiskalischen Stimulus oder absurd niedriger Zinsraten, alles mit der vollen Unterstützung der Keynesianer. Das Ergebnis? Zwei Millionen weniger Vollzeitarbeitsplätze als zum Zeitpunkt, als Bill Clinton das Weiße Haus verließ.

Niemals scheint die Höhe der Stimulation ausreichend zu sein. Und wenn die Stimulation versagt, fällt dem kurzsichtigen, keynesianischen Establishment nichts Besseres ein, als den Wetteinsatz zu verdoppeln, niemals aber die Strategie selbst zu hinterfragen.

Aber es gibt eine Alternative. Und zwar jene, die Murray N. Rothbard und Ludwig von Mises vertraten: die Österreichische Schule der Nationalökonomie und ihre Analyse der reinen Marktwirtschaft.

Gegen das ganze Lehrgebäude der etablierten Meinungen steht das Mises Institute als mahnender Fels in der Brandung. Für die Abweichler, für die intellektuell Neugierigen, für diejenigen, die den inneren Drang verspürten, skeptisch gegenüber jenen sogenannten Experten zu sein, die uns nichts als Verderben gebracht haben, für diese Menschen war das Mises Institute ein Leuchtfeuer.

Wir haben eine ganze Generation an österreichisch geprägten Wissenschaftlern, Journalisten und Finanzfachleuten ausgebildet. All die Anstrengungen haben wir auf uns genommen, um zu Zeiten einer Katastrophe, wie jener Krise von 2008, eine österreichische Antwort parat zu haben.

Aber mit Ihrer Hilfe können wir noch so viel mehr erreichen. Die Keynesianer tun so als hätten sie alles unter Kontrolle, aber wir wissen, das ist reines Wunschdenken. Eine noch größere Chance als 2008 erwartet uns und wir wollen ein Wegweiser für die öffentliche Meinung sein und einen Kader von klugen, jungen Wissenschaftlern für diesen Tag ausbilden. Mit Ihrer Hilfe können wir endlich aus dem keynesianischen Alptraum erwachen.

Wie es ein koreanischer Übersetzer eines österreichischen Textes formuliert hat: „Keynes muss sterben, damit die Wirtschaft leben kann.“ Mit Ihrer Hilfe können wir die Ankunft dieses schönen Tages beschleunigen.

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker. Der Originalbeitrag mit dem Titel Keynes Must Die ist am 26.5.2016 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Llewellyn H. Rockwell Jr. ist Gründer und Chairman des Ludwig von Mises Institute in Auburn, US Alabama.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Fotos: Mises Institute