„Die staatliche Bevormundungskultur entlarven“

6.1.2016 – Interview mit Matthias Heitmann zu seinem Buch „Zeitgeisterjagd: Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“.

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Der Mensch selbst wird bei der Betrachtung gesellschaftlicher Probleme heute als das Problem angesehen, so schreiben Sie in Ihrem Buch „Zeitgeisterjagd“, es fällt der Begriff „Misanthropie“. Vielleicht zunächst eine Definition hierfür?

Matthias Heitmann

Gesellschaftliche Probleme werden nur noch selten an konkreten Strukturen und Prozessen festgemacht. Seien es blutige Konflikte, Wirtschaftskrisen, Probleme in der Bildung oder Phänomene wie Korruption oder Doping – die Suche nach Erklärungen führt sehr schnell zur „Natur des Menschen“ und endet dort zumeist auch. Man einigt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Das Individuum muss kontrolliert, gelenkt und an die Kandare genommen oder aber freundlich in die richtige Richtung geschubst, umerzogen oder therapiert werden. Keine einzige politische Problemlösungsinitiative der letzten Jahre basierte darauf, den Bürgern mehr Freiheit einzuräumen. Der mündige Mensch ist in diesem Politikverständnis immer das Problem und nie Teil der Lösung. Gesellschaftskritik hat sich so zu einer düsteren, antihumanistischen und vielfach autoritären und paternalistischen „Menschenkritik“ zurückentwickelt. Das macht den Kern des misanthropischen Zeitgeistes aus.

Wer ist das, der hier „kontrolliert und lenkt“?

Ich weigere mich, hier noch zwischen „rechts“ und „links“ zu unterscheiden. Viel wichtiger ist, dass beide Seiten einem Politikverständnis folgen, das wie selbstverständlich die direkte Lenkung, Steuerung und Kontrolle der Gesellschaft zum Ziel hat. Die Vorstellung, dass ein Staat lediglich ein paar wenige Grundlagen bereitstellt und absichert, um dann aber den Menschen das Ausgestalten und Managen ihres gesellschaftlichen Lebens weitestgehend zu überlassen, hat in diesem Denken keinen Platz. Gleichzeitig will sich aber auch kein Politiker dem Vorwurf aussetzen, die Menschen auf ein konkretes politisches Ziel hin lenken zu wollen. Lieber versteckt man sich hinter vermeintlichen Sachzwängen und beharrt auf der „Alternativlosigkeit“ von Beschlüssen und Entwicklungen.

Nach dem Motto „was kann ich denn dafür“?

Ja, es ist viel einfacher, sich als ausführendes Organ des Notwendigen darzustellen, als selbst Verantwortung für eigene Überzeugungen zu übernehmen. Da so aber Desinteresse an und Misstrauen gegenüber der Politik weiter zunehmen, macht sich in der politischen Klasse das Gefühl der Isolation breit. Hinter der Tendenz, auf bislang politisch unberührte Bereiche des Lebens einzuwirken, steckt neben dem Gefühl des Kontrollverlusts auch das Bemühen, aus der Isolation auszubrechen und neue Verbindungen zu etablieren. Verstärkt wird dieser Impuls auch dadurch, dass der Ruf nach Schutz und Sicherheit in der Bevölkerung lauter wird.

Wie wirkt sich das in der Praxis aus?

Nahezu alle politischen Initiativen zielen auf die direkte Beeinflussung individuellen menschlichen Verhaltens. Um negative Folgen für uns, für die Gesellschaft, für das Klima, für den ganzen Planeten und für die nachfolgenden Generationen zu vermeiden, wird uns eindringlich geraten, in bestimmter Art und Weise zu konsumieren, zu kommunizieren, uns zu bewegen, uns zu verhalten, uns zu vergnügen, unsere Kinder zu erziehen etc. Natürlich werden wir nicht überall direkt dazu gezwungen, diesen Ratschlägen zu folgen, aber es wird ein hoher moralischer Druck erzeugt. Nicht umsonst vertrauen Politiker auf psychologisch und verhaltenstherapeutisch geschulte Berater, um neue Politikstile zu entwickeln, die sich an der Idee des „Nudging“, also des politisch motivierten wohlmeinenden „Schubsens“ orientieren. Der therapeutische Charakter dieser Politik zeigt sich auch daran, dass es gerade die Weltgesundheitsorganisation WHO ist, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Probleme der Welt durch eine global angelegte Verhaltenstherapie zu lösen: Tabak, Alkohol, Zucker, Fleisch – was kommt als nächstes auf den Index: Atemluft?

Sie meinen, dass aus dem „Schubsen“ bald „heftiges Rempeln“ wird?

Wir haben ja heute schon beides nebeneinander. Wir werden ja nicht nur freundlich zu einem verantwortungsvollen Handeln ermutigt, wir bekommen ja auch klipp und klar gesagt, was als „akzeptabel“ gilt und was nicht. Sogar, was wir denken und sagen dürfen, ist strikt reglementiert. In Westeuropa werden Menschen zu Haftstrafen verurteilt, weil sie geschmacklose Witze erzählen. In Großbritannien, eigentlich bekannt für seine Kultur der freie Rede und offenen Debatte, werden heute mehr Menschen wegen ihrer Aussagen verhaftet und eingesperrt als zu jeder anderen Zeit seit dem 18. Jahrhundert. Auch bei uns werden Menschen wegen ihrer Ansichten ausgegrenzt, diffamiert, mit Prozessen überzogen und wirtschaftlich ruiniert. Seit Jahresbeginn ist der § 130 StGB zum Thema „Volksverhetzung“ in neuer Formulierung gültig. Wer diesen Text einmal in Ruhe durchliest, erkennt die Möglichkeiten, die er dem Staat einräumt. Die eigentlich grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit wird immer weiter eingeschränkt. Zwar ist der Unmut gegen viele Schattierungen autoritärer Verbotspolitik spürbar; das führt aber nicht dazu, dass sich die Menschen automatisch für die Hintergründe und Zusammenhänge interessieren. In einer Gesellschaft, in der eine Misstrauens- und Opferkultur vorherrscht, entstehen Solidaritäten in der Regel nur entlang von Fragestellungen, die die jeweils eigene Identität unmittelbar berühren. So haben viele Nichtraucher leider noch nicht verstanden, dass staatliche Rauchverbote nicht dazu dienen, sie zu schützen, sondern ihnen langfristig schaden.

Eingangs sagten Sie, Gesellschaftskritik sei heute vielfach „Menschenkritik“. Wie gehen Sie als Humanist an das Thema heran?

Ich konzentriere mich darauf, den misanthropischen Zeitgeist in seinen unterschiedlichsten Kostümen zu entlarven und Sichtweisen anzubieten, in denen Menschen eben nicht als Quell allen Übels, sondern als Problemlöser auftauchen. Überall, wo Menschen agieren – im Unternehmen, im Gemeinweisen, in der Öffentlichkeit und im Privatleben -, tragen sie den misanthropischen Ballast mit sich herum, der sie für freiheitsfeindliche Politik so empfänglich macht. In konkreten Situationen den richtigen Ansatzpunkt zu finden, der andere zum Innehalten und Nachdenken anregt, ist ein aufregender Lernprozess.

Das bedeutet konkret?

Das bedeutet für mich, Menschen in ihrem Denken zu bestärken, wo es geht, aber auch zu konfrontieren und auch zu irritieren. So verteidige ich das Rederecht von Rassisten genauso, wie ich mich als Nichtraucher gegen staatliche Rauchverbote oder als nicht-religiöser Mensch für Religionsfreiheit ausspreche. In meinem Privatleben versuche ich, Menschen dazu zu ermuntern, sich selbst und anderen mehr zuzutrauen – vor allen Dingen mehr Freiheit und Toleranz im Umgang miteinander. Gegen die verbreitete Misstrauenskultur gibt es kein besseres Gegengift als eine Vertrauenskultur, die auf andere ausstrahlt. Es tut gut zu sehen, wie positiv Menschen darauf reagieren und wie befreiend es ist, sich von dem modernen Kult des Schwarzsehens loszusagen.

Ludwig von Mises hat in seinem Werk „Liberalismus“ geschrieben, dass das Denken eines Liberalen in dem Sinne Humanismus ist, weil es ein kosmopolitisches, ein ökumenisches Denken ist, ein Denken, das alle Menschen und die ganze Erde umspannt. Der Liberalismus sei in diesem Sinne Humanismus. Ist es das, was wir brauchen?

Ich kann diesen Satz zweifellos unterschreiben. Er ist aber auch so formuliert, dass ihn viele unterschreiben könnten, die mit Liberalismus nichts am Hut haben. Im Namen des „alle Menschen und die ganze Erde“ umspannenden kosmopolitischen Denkens wird heute häufig Unfreiheit und Konformismus gepredigt. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil globales Denken heute mit grünem Denken gleichgesetzt wird und so automatisch die Grenzen des Möglichen und Machbaren betont. Der Glaube an die Endlichkeit natürlicher Ressourcen, an die Mär von der Überbevölkerung und zahlreiche weitere Dogmen modernen Grenzendenkens werden heute gegen die Freiheit des Einzelnen in Stellung gebracht. Mir wäre es daher wichtig, gerade die Bedeutung der individuellen Freiheit zu betonen und die Ideologie des Grenzendenkens zu attackieren. Humanistisches Denken ist für mich ohne einen starken rebellischen Impuls nicht vorstellbar.

Gut, rebellieren wir … und gegen wen ziehen wir ins Feld?

Eine humanistische Rebellion definiert sich weniger über ihre Gegner als über ihre Ziele. Wir sollten dafür streiten, dass erwachsene Menschen ohne politische oder moralische Handlungsanweisungen einer wie auch immer gearteten Autorität auskommen, dass sie selbst Probleme und Konflikte lösen, dass sie die Welt verstehen und zum Positiven verändern können. Wir sollten uns auch dafür stark machen, dass wir neben den Misserfolgen auch die Erfolge und Errungenschaften sehen und zur Kenntnis nehmen, dass heute überall auf der Welt mehr Menschen besser, gesünder und länger leben als jemals zuvor und dass dies der zivilisierenden Kreativität der Menschheit zu verdanken ist.

Wir müssten also am besten bei uns selbst ansetzen …

Ja, genau, wir müssen als Individuen, als Gesellschaft und als Menschheit die misanthropische Brille absetzen, um wieder klarer zu sehen. Die heutige Welt ist besser als alle zuvor, und dennoch ist sie extrem unbefriedigend, weil Potenziale verkannt, Chancen vertan, Erfolge verdrängt und Niederlagen gefeiert werden. Daraus ergibt sich dann, gegen wen wir ins Feld ziehen sollten: gegen all jene, die die Menschen für zu schlecht halten, um in größtmöglicher Freiheit zu leben; gegen all jene, die mittels alter oder neuer Religionen die Autonomie des Individuums untergraben; gegen jene, die zwar von sich behaupten, das alles „eigentlich“ genauso zu sehen, um dann doch zur großen „JA, aber“-Armee der Zauderer, Zyniker und Misanthropen überzulaufen.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass zwischen politischen Vertretern des Staates und den Protagonisten der „radikalen“ Menschenkritik eine überraschende inhaltliche Nähe besteht …

Ja, aus mehreren Gründen: Zum einen gibt es hier mittlerweile personelle Überschneidungen. Frühere radikale Kritiker sind mittlerweile in rührende Positionen aufgestiegen. Die Nähe existiert aber auch, weil beide Strömungen das Individuum als Objekt politischer Beeinflussung und Führung sehen, die individuelle Freiheit bekämpfen und diese Haltung mit vernünftig klingenden Schutzargumenten tarnen. Während Menschen zunehmend gegen direkte und unverblümte Bevormundung rebellieren, wird die gut verhüllte Bevormundung selbst von Liberalen oft nicht erkannt oder aber aufgrund des eigenen Misstrauens und der eigenen Verunsicherung nicht als so problematisch wahrgenommen. Dabei sind es genau diese neuen Formen des Autoritarismus oder Paternalismus, über die sich der Staat modernisiert und seinen Zugriff auf das Individuum fortentwickelt.

Was schlagen Sie also vor?

Freiheitsliebende Menschen sollten sich meiner Meinung nach derzeit darauf konzentrieren, diese neue staatliche Bevormundungskultur zu entlarven und gleichzeitig Menschen als Individuen darin bestärken, selbst Verantwortung zu übernehmen, im Alltag Freiheitsbeschneidungen anzuprangern, Freiheiten zu verteidigen und sich darüber offen auszutauschen. Hierfür müssen neue unabhängige Foren und Netzwerke geschaffen werden, in denen interessierte Menschen sich auch darin üben können, Freiheit konsequent zu praktizieren, und sei es zu anfangs nur in einer freien Debatte. Solange aber selbst in explizit liberalen Kreisen darüber gestritten wird, ob islamische Hassprediger nun ein Recht auf Meinungsfreiheit haben oder nicht, also die zentrale und entscheidendste aller dem Staat abgetrotzten Freiheiten bei jeder Herausforderung immer noch droht, abgeschafft zu werden, solange ist die Phase der grundlegenden inhaltlichen Klärung nicht beendet. Darüber zu spekulieren, welche Formen freies Denken und Agieren bei einem anwachsendem Selbst- und Freiheitsbewusstsein in Zukunft annehmen wird, ist letztlich müßig. Es widerspräche der Idee der Freiheit, wenn wir heute schon meinten, die Zukunft zu kennen.

Vielen Dank, Herr Heitmann.

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Das Interview wurde im Dezember 2015 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Matthias Heitmann ist freier Publizist und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“ (TvR Medienverlag Jena, 2015, 197 S., EUR 19,90). Seine Website findet sich unter www.zeitgeisterjagd.de.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

 

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