Kapital und Kapitalismus in der Volkswirtschaftslehre

30.12.2015 – von Eduard Braun.

Eduard Braun

In Deutschland wird die Höhe unseres Einkommens im Regelfall nicht von einer Zentralstelle festgelegt, sondern durch das mehr oder weniger freie Spiel des Marktes bestimmt. Natürlich gibt es mit den Beamten und sonstigen Staatsangestellten zahlreiche Bürger, deren Löhne nicht auf diese Weise zustandekommen. Trotzdem orientiert sich aber auch die Höhe der vom Staat gezahlten oder festgelegten Gehälter an dem, was in der „freien Wirtschaft“ üblich ist. Wir leben also, kurz gesagt, trotz aller Eingriffe und Regulierungen in einer Marktwirtschaft.

Gern wird unser Wirtschaftssystem auch „Kapitalismus“ genannt. Dies liegt daran, daß es im großen und ganzen Unternehmen sind – also kapitalbasierte Akteure – die in der Marktwirtschaft Arbeitsplätze schaffen, Löhne zahlen und die Produktion steuern. Etwas schematisch und vereinfacht kann man sich den Zusammenhang zwischen Kapital und einem Unternehmen so vorstellen, daß bei Gründung des Unternehmens auf Grundlage von Eigen- und Fremdkapital eine Bilanz aufgemacht wird. Im weiteren Verlauf ist es die Aufgabe der Unternehmung, das in ihr angelegte Kapital zu verwerten, also einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. In jährlichen Abständen wird anhand der Bilanz der monetäre Erfolg oder Mißerfolg der Unternehmung bei dieser Verwertung ermittelt.

Nun liegt aber gerade in der Tatsache, daß unser Wirtschaftssystem von Akteuren gesteuert wird, deren wesentlicher Zweck es ist, ein Kapital zu verwerten und dabei Geldgewinne zu machen, ein wahnwitziges Kuriosum. Wie bitteschön kann unsere Versorgung denn jemals gesichert werden von Unternehmen, deren Ziel doch gar nicht unsere Versorgung, sondern ihr eigener Gewinn ist? Adam Smith hat für dieses Phänomen die unsterbliche Formel von der „unsichtbaren Hand“ geprägt. Wie durch ein Wunder sorgt der Wettbewerb dafür, daß die Unternehmen gezwungen sind, sich in ihrem Handeln am Endverbraucher zu orientieren. Unter den Bedingungen einer freien Marktwirtschaft können sie eine gewinnbringende Verwertung ihres Kapitals, also ihr eigentliches Ziel, nur dann erreichen, wenn sie möglichst billig das herstellen, was der „Markt“ wünscht. Die Konkurrenz bringt die Unternehmen sozusagen auf Linie.

Mit der „unsichtbaren Hand“ ist nun zwar eine schöne und durchaus optimistische Formulierung gefunden; wenn man wissenschaftlichen Ansprüchen genügen will, darf man aber natürlich nicht bei einer Metapher stehenbleiben, sondern muß tiefer gehen, das Phänomen gründlich erforschen sowie seine Voraussetzungen sichtbar machen. Gerade auch die Rolle des Kapitals bei der Lenkung der Produktion im Kapitalismus bedarf einer Klärung und wäre eine sehr wichtige und außerdem sicherlich gewinnbringende Forschungsfrage für die volkswirtschaftliche Theorie.

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Genau in diesem Punkt jedoch schweigt die heutige Volkswirtschaftslehre besonders beredt. Kapital wird dort nicht als das wahrgenommen und analysiert, was es tatsächlich im allgemeinen Sprachgebrauch ist, nämlich ein wesentliches Element unserer Wirtschaftsordnung. Es wird nicht als eine fundamentale Größe der Unternehmensbilanz definiert und behandelt, sondern als eine Art Produktionsfaktor, der seinen Platz neben anderen, gleichberechtigten Produktionsfaktoren einnimmt. Im Rahmen der sogenannten Wachstumstheorie – an anderer Stelle wird Kapital nur selten erwähnt – wird Kapital neben Arbeit und technischem Fortschritt als eine Größe betrachtet, von der die Höhe des in einer Volkswirtschaft produzierten Sozialprodukts abhängt. Je mehr Kapital vorhanden ist, desto größer ist die Produktionsmenge. In dieser Theorie hat man sich Kapital nicht als eine monetäre und rechnerische Größe aus der Unternehmensbilanz vorzustellen, sondern als ein technisches Sammelsurium von Produktionsgütern, von Maschinen und Gebäuden, mit denen die Produktion bewerkstelligt wird. Dabei wird ohne weiteres davon ausgegangen, daß es keinerlei Probleme bereitet, die Menge des auf diese Weise definierten Kapitals zu bestimmen. So unterschiedlich ein Hammer, ein Schmelzofen und eine Betriebsschlosserei auch sein mögen, die moderne Volkswirtschaftslehre faßt sie zusammen unter dem Begriff des Kapitals.

Die unterschiedlichen Güter, aus denen Kapital demnach bestehen soll, werden dadurch unter einen Hut gebracht, daß von einer sich im Gleichgewicht befindlichen Volkswirtschaft ausgegangen wird. In einer solchen ist nämlich der Wert bekannt, den ein Produktionsmittel für die Produktion hat. Im Gleichgewicht ist der Wert z.B. einer Maschine nicht das zufällige Ergebnis von Angebot und Nachfrage, sondern  trägt vielmehr den Charakter einer korrekten Beschreibung ihrer Bedeutung für die technische Produktion des Sozialprodukts. Mit dem Gleichgewichtswert ist somit ein Ausweg gefunden: Kapital im Sinne einer Anhäufung von heterogenen Gütern kann mit seiner Hilfe als eine homogene und meßbare Wertmasse behandelt werden.

Mit dieser Herangehensweise an den Kapitalbegriff setzt die Wachstumstheorie, und mit ihr die moderne Volkswirtschaftslehre, das eigentliche Problem allerdings als schon gelöst voraus. Alle bestehenden Produktionsmittel, alle Maschinen und Gebäude sind bereits ihrer optimalen Verwendung zugeführt worden; auch alle neu hinzukommenden Produktionsmittel erscheinen sofort an der Stelle, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Nichts kann noch besser oder gewinnbringender angelegt werden, alles ist nach seinem „wahren Wert“ bewertet und dementsprechend eingesetzt. Eine Untersuchung der zentralen Frage, wie es überhaupt dazu kommt, daß sich alle Produktionsmittel an der richtigen Stelle befinden und sie entsprechend ihrer Bedeutung für den Produktionsprozeß bewertet werden, findet nicht statt. Das Wirken der „unsichtbaren Hand“ wird als gegeben angenommen und nicht zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht.

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Man kann somit festhalten, daß die moderne Volkswirtschaftslehre einer Untersuchung der Rolle, die das Kapital in der Praxis unserer Wirtschaftsordnung spielt, weitestgehend aus dem Wege geht. In der Wirtschaftspraxis handelt es sich beim Kapital nämlich keineswegs um ein Gleichgewichtskonstrukt, also um das Ergebnis eines ausgleichenden Prozesses; vielmehr ist das Kapital die Grundlage der Unternehmungen, also derjenigen Einheiten, die diesen Prozeß – der eventuell zu einem Gleichgewicht führen mag – in der Marktwirtschaft lenken und leiten. Wenn Kapital demnach als das analysiert werden soll, was es im „Kapitalismus“ tatsächlich darstellt, darf keinesfalls eine konstruierte Gleichgewichtswelt vorausgesetzt werden. Der Blick muß stattdessen auf die schmutzige Realität gerichtet werden, auf die rechtlichen und bilanztechnischen Grundlagen der Unternehmenstätigkeit und, davon ausgehend, auf das Zusammenspiel und Ineinandergreifen von Akteuren, deren wesentliches Ziel die Verwertung ihres Kapitals ist. Wenn Kapital in diesem Sinne ausgeblendet wird, bleibt ein wesentlicher, vielleicht sogar der entscheidende Aspekt der Funktionsweise des Kapitalismus außen vor.

Es darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, daß auch die Österreichische Schule der Nationalökonomie nicht ganz unschuldig daran ist, daß sich die Kapitaltheorie nicht mit den grundlegenden Fragen unserer Wirtschaftsordnung, sondern eher mit produktionstechnischen Details auseinandersetzt. Gerade diejenigen österreichischen Autoren, die sich besonders intensiv mit dem Kapitalbegriff und der Kapitaltheorie auseinandergesetzt haben, darunter vor allem Eugen von Böhm-Bawerk (1851 – 1914) und Friedrich August von Hayek (1899 – 1992), neigten dazu, Kapital nicht als ein zentrales Phänomen des Kapitalismus, sondern als eine technische Größe und damit als Produktionsfaktor zu behandeln. Sie setzten sich im Rahmen ihrer Kapitaltheorien mit eher technischen Problemen auseinander, zum Beispiel mit der Frage der Länge der sogenannten Produktionsumwege.

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Nun möchte ich keineswegs bestreiten, daß es sich hierbei um wichtige Dinge handelt. Eine technische Fassung des Kapitalbegriffs blockiert jedoch eine Untersuchung der Rolle, die das Kapital in der Rechts- und Unternehmenspraxis des Kapitalismus spielt. Diesen Zusammenhang klar erkannt zu haben, und das muß hier der Ehrenrettung halber auch deutlich gesagt werden, ist ein Verdienst von Ökonomen, die ebenfalls der Österreichischen Schule angehören.

Zunächst ist da Carl Menger (1840 – 1921) zu nennen, der im Jahre 1888 eine längere Abhandlung unter dem Titel „Zur Theorie des Kapitals“ veröffentlichte.[1] In diesem Text wendete er sich gegen die damals unter Volkswirten gängige Vorgehensweise, nicht den Kapitalbegriff der Wirtschaftspraxis zu übernehmen und zu untersuchen, sondern stattdessen mehr oder weniger willkürlich einen Kapitalbegriff zu definieren, der ihnen gerade in den Kram paßte, der sich also in ihr System besser einbauen ließ. Er fand dabei sehr deutliche Worte:

„Ein nicht genug zu mißbilligender Mißgriff ist es dagegen, wenn eine Wissenschaft Ausdrücke des gemeinen Lebens, nicht etwa nur begrifflich genauer begrenzt, bez. in einem bestimmten engern, oder weitern Sinne […] anwendet, sondern für vollständig neue Begriffe Worte gebraucht, mit welchen der Volksmund bereits eine wesentlich verschiedene, auch für die betreffende Disciplin bedeutsame Kategorie von Erscheinungen richtig und zweckmäßig bezeichnet.“ (S. 2)

Neben einer Kritik entgegenstehender Auffassungen enthält Mengers Abhandlung vor allem ein Plädoyer für eine Rückkehr zum Kapitalbegriff der Praxis. Auch bei der Frage, wie dieser denn zu fassen sei, läßt Mengers Ausdrucksweise nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig:

„Die Praktiker auf dem Gebiete der Wirtschaft und die Juristen bezeichnen mit [Kapital] weder Rohstoffe, weder Hilfsstoffe der technischen Produktion, noch auch Handelsgüter, Maschinen, Gebäude u. dgl. Güter mehr. Nur Geldbeträge werden überall […] mit dem obigen Worte bezeichnet.“ (S. 37)

Dabei läßt er natürlich keinen Zweifel daran, daß nur „werbende“, also in Unternehmen angelegte Geldbeträge gemeint sind, und daß er mit Geldbeträgen nicht nur Geld als solches, sondern das gesamte Vermögen einer Unternehmung meint, „insofern sein Geldwert Gegenstand unseres ökonomischen Kalküls ist, d. i. wenn dasselbe sich uns rechnungsmäßig als eine werbende Geldsumme darstellt.“ (S. 40)

Mit seiner Forderung nach einer Rückkehr zu dem Kapitalbegriff der Praxis versuchte Menger offensichtlich, das Augenmerk der Volkswirte wieder auf die grundlegenden Fragen unserer Wirtschaftsordnung zu lenken. Wie und nach welchem Prinzip organisieren die auf Kapital gegründeten Unternehmen den Produktionsprozeß?

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Allerdings dauerte es noch weitere 30 Jahre, bis mit Ludwig von Mises (1881 – 1973) ein anderer Ökonom Mengers Vorstellung von dem Problembereich, den die Kapitaltheorie zu bearbeiten hat, wieder aufgriff und sie im Rahmen einer ökonomischen Analyse des Sozialismus zumindest teilweise umsetzte.[2] Sein berühmtes Argument, wonach der Sozialismus nicht rational wirtschaften könne und daher zum Scheitern verurteilt sei, stützt sich auf einen Vergleich der Funktionsweise der beiden Wirtschaftssysteme Kapitalismus und Sozialismus. Der Kapitalbegriff der Wirtschaftspraxis bildet dabei einen wichtigen Bestandteil der Argumentation.

Mises geht insbesondere auf die zentrale Rolle ein, welche die Geld- und Kapitalrechnung der Unternehmen bei der Organisation des Kapitalismus spielt. Da im Kapitalismus Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht, gibt es in diesem System Märkte für diese Güter. Somit gibt es im Kapitalismus nicht nur für Konsumgüter, sondern auch für Produktionsmittel und Produktionsfaktoren Geldpreise. Die Existenz dieser Geldpreise erlaubt es den an Geldgewinn orientierten Unternehmen, eine einfache und trotzdem exakte Wirtschaftlichkeitsrechnung anzustellen. Grob gesagt müssen sie nur die Preise der von ihnen eingekauften Güter und Vorleistungen mit den Preisen der von ihnen verkauften Güter und Leistungen vergleichen. Ihren Erfolg – ihre Wirtschaftlichkeit – können sie dann bestimmen, indem sie das Geld, das ihnen aus der Differenz zwischen diesen Preisen zu- oder abfließt, in Beziehung setzen zu ihrem gesamten Kapital, d.h. den in ihnen investierten Geldsummen. Indem sie sich in ihrer Wirtschaftsrechnung an den Marktpreisen orientieren, ordnen sich die einzelnen Unternehmungen in das Gesamtgetriebe des Marktes und des Preissystems ein und übernehmen dabei gleichzeitig eine ordnende Funktion; sie sorgen nämlich dafür, daß sich übermäßige Preisspannen tendenziell verringern, und damit die Produktion dem Bedarf angepaßt wird.

Laut Mises fehlt der sozialistischen Wirtschaftsordnung ein vergleichbares Mittel der rationalen Wirtschaftsrechnung. Weil Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft sei, gebe es im Sozialismus keine Preise für dieselben, weswegen keine Möglichkeit bestehe zu überprüfen, ob ein Produktionsprozeß wirtschaftlich ist. Die Werte der Konsumgüter und der Produktionsmittel könnten nicht miteinander verglichen werden, da kein einheitlicher Maßstab des Werts vorhanden sei, kein gemeinsamer Nenner, auf dessen Grundlage Einsatz und Ausstoß der Produktion miteinander in Beziehung gesetzt werden könnten.

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Wir sehen also, Mises übernimmt mit Menger den Kapitalbegriff der wirtschaftlichen Praxis. Die Kapitaltheorie, die er zumindest andeutungsweise damit aufbaut, ist eine Theorie der Wirtschaftsordnung des Kapitalismus. Deutlich wird das vor allem in negativer Weise, nämlich in seiner Kritik des Sozialismus, in der er insbesondere herausstellt, was diese Wirtschaftsordnung im Gegensatz zum Kapitalismus nicht zu leisten vermag, weil ihr die Geld- und Kapitalrechnung wegen fehlender Eigentumsrechte an den Produktionsmitteln unmöglich ist.

Zwar baut Mises diese Art der Kapitaltheorie in seinem Hauptwerk „Nationalökonomie“ noch etwas weiter aus; jedoch geht er nicht allzu explizit auf die ganze Problematik ein – möglicherweise, weil ihn das zu sehr in Gegensatz zu seinem Schüler Hayek gebracht hätte. In jedem Falle kann man sagen, daß die Versuche, eine positive Theorie des Kapitals auf der Basis eines praxisnahen Kapitalbegriffs aufzubauen, bisher noch nicht besonders weit gediehen sind. Daher ist der vorliegende Beitrag als eine Art Anregung zu verstehen. Die Grundlagen für eine Theorie des Kapitals, die das Funktionieren unserer Wirtschaftsordnung zum Gegenstand hat, wurden bereits vor vielen Jahrzehnten von Menger und Mises gelegt. Seitdem wurden sie von der Hauptstromökonomie, allerdings auch von weiten Teilen der Österreichischen Schule vernachlässigt. Eine Rückbesinnung auf den hier vorgestellten Ansatz dürfte sich aus meiner Sicht als fruchtbar erweisen.

[1] Carl Menger: Zur Theorie des Kapitals, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 17, 1888, S. 1-49

[2] Ludwig Mises: Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 47, 1920/21, S. 86-121

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Dr. Eduard Braun hat im Jahr 2011 bei Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann an der Universität Angers (Frankreich) promoviert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Dr. Mathias Erlei, Abteilung für Volkswirtschaftslehre, an der Universität Clausthal-Zellerfeld, (http://www.wiwi.tu-clausthal.de/index.php?id=430).

Zuletzt erschien sein Buch Finance Behind the Veil of Money.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

 

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