„Früher oder später wird der Zins steigen müssen – ob mit oder ohne Hyperinflation“

9.10.2015 – Interview mit Eduard Braun zu seinem Buch „Finance Behind the Veil of Money“.

Herr Braun, kürzlich ist Ihr Buch „Finance Behind the Veil of Money“ erschienen. Was darf der Leser erwarten?

Eduard Braun

In den großen und umfassenden Werken der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, wie z.B. der „Nationalökonomie“ von Ludwig von Mises oder „Man, Economy, and State“ von Murray N. Rothbard, wird das Finanzsystem ausführlich unter den Gesichtspunkten der Währung, des Zinses und des Konjunkturzyklus analysiert. Die Wirkungsweise und Institutionen des Finanzmarktes als wesentlichem Verteilungsmechanismus der Marktwirtschaft werden dort hingegen leider nur sehr oberflächlich behandelt. Auch Monographien über den Finanzmarkt aus Sicht der Österreichischen Schule sind rar gesät. Im Grunde genommen handelt es sich bei meinem Buch um den ersten eingehenderen Versuch seit Fritz Machlups „Börsenkredit, Industriekredit und Kapitalbildung“ (1931), sich aus Sicht dieser Denkrichtung mit der Rolle des Finanzmarktes auseinanderzusetzen: Was ist eigentlich die Aufgabe dieses Marktes in der Volkswirtschaft? In der Beantwortung dieser Frage greife ich auf die etablierten Theorien der Österreichischen Schule zurück, wende sie jedoch auf die neue Problemstellung an. Neben einer zuvor nur andeutungsweise vorhandenen Erklärung der realwirtschaftlichen Funktion des Finanzmarktes komme ich dadurch an mehreren Stellen auch zu neuen und für den ein oder anderen vielleicht überraschenden Interpretationsmöglichkeiten für die verwendeten Theorien.

Im Buch geht es oft um den sogenannten „Subsistenzfonds“. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Bei der Untersuchung des Finanzmarktes entsteht die grundlegende Frage, was dort eigentlich gehandelt wird. Auf den ersten Blick natürlich Geld, klar. Aber Geld ist heutzutage nur noch eine Art Zeichen, es besteht aus Papier oder Bits und Bytes. Es läßt sich in unserem Geldsystem mehr oder weniger aus dem Nichts erschaffen. Was steht nun aber hinter diesem Geld? Diese Frage muß insbesondere für den Finanzmarkt beantwortet werden, da dort ja anscheinend ausschließlich Geld (und Wertpapiere), jedenfalls nichts „Reales“ gehandelt wird.

In der Diskussion der Frage, was hinter den Geldströmen auf dem Finanzmarkt steckt, greife ich auf den altmodisch klingenden Begriff des „Subsistenzfonds“ zurück, der insbesondere von Eugen von Böhm-Bawerk und Richard von Strigl geprägt und zum Teil bereits auf ähnliche Probleme angewendet wurde. Demnach steckt hinter dem Geld, das auf dem Finanzmarkt gehandelt und in der Volkswirtschaft verteilt wird, die Macht, auf die in der Volkswirtschaft vorhandenen Konsumgüter zurückzugreifen. Wer als Produzent einen Kredit aufnimmt und das Geld an seine Angestellten (als Einkommen) und an seine Vorleister (als Bezahlung) weitergibt, macht nichts anderes, als die entsprechenden Personen mit der Fähigkeit auszustatten, sich ihren privaten Konsum zu finanzieren – in anderen Worten, sich einen Teil des „Subsistenzfonds“ zu sichern. Wenn man den „Geldschleier“ vom Finanzmarkt entfernt, erkennt man, daß letzterer nichts anderes ist als ein Allokationsmechanismus für die Verteilung des Subsistenzfonds, des ersparten Konsumpotentials in der Volkswirtschaft. Auf diesem Markt wird entschieden, welcher Produzent und welche Industrie genügend Mittel zur Verfügung gestellt bekommt, um die jeweils für einen erfolgreichen Produktionsprozeß benötigen Personen mit Konsumgütern zu versorgen.

Welche Rolle spielt dieser „Subsistenzfonds“ hinsichtlich Finanz- und Wirtschaftskrisen?

Ursprünglich war der Subsistenzfonds ein wesentlicher Bestandteil der Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule. Sowohl Ludwig von Mises in seiner „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ (1912) als auch Richard von Strigl in seinem „Kapital und Produktion“ (1934) verwendeten ihn in diesem Zusammenhang. Später geriet er in Vergessenheit, besonders nach Friedrich von Hayeks Beiträgen, und wurde durch andere, leider weniger griffige und konsistente Konzepte ersetzt. Seine Rolle kann folgendermaßen umrissen werden:

Der Subsistenzfonds ist eine Grenze für die Ausdehnung der Produktion. Er gibt an, wie kapitalintensiv produziert werden kann. Dabei ist es die Aufgabe des Marktzinssatzes, die Größe des Subsistenzfonds zu signalisieren. Ein hoher Zinssatz deutet auf eine Knappheit der vorhandenen Subsistenzmittel hin, und damit gibt er durch seine Höhe den Unternehmen das Signal, sparsam mit diesen Mitteln umzugehen und sie insbesondere nicht für zu lange Zeit in der Produktion festzulegen.

Die Problematik einer instabilen Konjunktur ergibt sich nun dann, wenn diese Grenze für die Ausdehnung der Produktion von den Unternehmern nicht beachtet wird. Dies passiert, wenn das Bankensystem bzw. die Zentralbank die Zinsen durch Kreditexpansion künstlich senkt, d.h. ohne daß die Ersparnisse und damit der Subsistenzfonds angestiegen wären. In diesem Fall kommt es zu einem Scheinaufschwung. Es wird viel investiert, nämlich so, als ob der vorhandene Subsistenzfonds für die Durchführung der zusätzlichen Investitionen ausreichen würde. Die Arbeitslosigkeit sinkt und die Einkommen steigen, so daß die Zinssenkung als die Ursache für steigenden Wohlstand erscheint. Letztendlich muß der Scheinaufschwung aber zu einem Ende kommen und zusammenbrechen, da mit dem Subsistenzfonds eine reale Grenze für die Investitionen besteht. Früher oder später werden die Preise für Konsumgüter steigen, und es wird zu einer Teuerung kommen. Die Zentralbank steht dann vor der Wahl, entweder die Zinsen durch weitere Kreditvergabe vor einem Anstieg zu bewahren, was auf lange Sicht eine Hyperinflation verursacht, oder die Zinsen anzuheben, was der Knappheit der Subsistenzmittel Rechnung trägt, aber zum Ende des Wirtschaftsaufschwungs und zur Krise führt.

Auf den ersten Blick scheinen sich große Teile der Finanzwirtschaft verselbständigt zu haben. Warum ziehen dann Crahs an den Finanzmärkten die Realwirtschaft regelmäßig mit in den Abgrund?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Zunächst einmal kann man auf dem Standpunkt stehen, daß es genau umgekehrt ist: Die Realwirtschaft reißt den Finanzmarkt in den Abgrund; eben weil sich die Spekulationen und Transaktionen auf dem Finanzmarkt nicht im luftleeren Raum abspielen. Wäre das der Fall, könnte man einfach von einem Spielkasino sprechen, müßte dann aber auch keine Auswirkungen von Börsenkrachs auf die Realwirtschaft befürchten. In Wahrheit steht aber etwas Reales hinter den Geldströmen. In meinem Buch habe ich das nach altem Vorbild den Subsistenzfonds genannt. Erst wenn diese reale Größe knapp wird, hat es auf dem Finanzmarkt ein Ende mit dem Aufschwung. Früher oder später wird der Zins steigen müssen, ob mit oder ohne Hyperinflation. Wenn es dabei zu einem Krach auf dem Finanzmarkt kommt, werden die Probleme in der Realwirtschaft jedoch nicht ausgelöst; vielmehr werden sie in dem Krach sichtbar. Ein steigender Zinssatz würgt die Konjunktur ab, aber er steigt aus Gründen, die in der Realwirtschaft liegen, nicht auf dem Finanzmarkt.

Wenn man auf diesem Standpunkt steht, darf man natürlich nicht vergessen, daß die Probleme, die in der Realwirtschaft sichtbar werden, ihrerseits wiederum ihren Ursprung auf dem Finanzmarkt haben. Wenn die Zentralbanken die Zinsen nach unten manipulieren und die Geldmenge künstlich aufblähen in der Hoffnung, die Volkswirtschaft mit diesem einfachen Instrument ankurbeln zu können, schaffen sie ein Klima, in dem die Unternehmen Fehlinvestitionen tätigen und den Subsistenzfonds über Gebühr beanspruchen. Insofern kann man also tatsächlich davon sprechen, daß die Realwirtschaft durch den Finanzmarkt in den Abgrund gerissen wird: Er setzt die falschen Anreize und sorgt so für Fehlallokationen, die früher oder später in einem Konjunktureinbruch bereinigt werden müssen.

In einem „guten Geldsystem“ … welche Aufgabe kommt hier dem Finanzmarkt zu?

Seine zentrale Aufgabe ist, vordergründig interpretiert, die Verteilung von (Geld-)Krediten an diejenigen Stellen der Volkswirtschaft, wo sie aus Sicht der Verbraucher am dringendsten gebraucht werden. Hinter diesen Krediten steht jedoch der Subsistenzfonds oder das Konsumpotential der Volkswirtschaft. Dieses wird durch den Finanzmarkt auf die verschiedenen Unternehmen und Produktionszweige verteilt, und zwar optimalerweise so, daß das Ergebnis der Produktion mit den Wünschen der Konsumenten möglichst übereinstimmt. Alle anderen Aufgaben des Finanzmarktes leiten sich von dieser zentralen Rolle ab. Um ein besonders augenscheinliches Beispiel zu nennen: Die Bestimmung eines einheitlichen Zinssatzes für die gesamte Volkswirtschaft, an dem sich Banken und Unternehmen in ihren Planungen orientieren können, hat letztlich zum Zweck, einen weithin sichtbaren Indikator für die Größe des Subsistenzfonds zu liefern. Aber auch die Bündelung der einzelnen Ersparnisse zu großen Summen und die Fristentransformation, zwei wichtige Aufgaben des Finanzmarktes, stehen unter diesem Vorzeichen. Immer geht es darum, die Allokation des Konsumpotentials zu erleichtern oder zu ermöglichen.

Lassen sich die Finanzmärkte heute mit einem Spiel-Kasino vergleichen?

Nach dem Gesagten handelt es sich beim Finanzmarkt, zumindest in einem „guten Geldsystem“, wie Sie es genannt haben, um alles andere als ein Spielkasino. Auch wenn es dort von Spekulanten und Spielernaturen nur so wimmeln mag, so hat er doch eine zentrale Rolle in der Volkswirtschaft, nämlich die Ver- und Zuteilung der Subsistenzmittel. Die Risiken und Unsicherheiten, die mit seiner Aufgabe verbunden sind, nicht zuletzt aber auch die staatlichen Absicherungen im Falle von größeren Verlusten beim Börsenspiel (Stichwort „Too big to fail“) regen sicherlich zum Spiel an, machen aber nicht das Wesen dieses Marktes aus.

In einem „schlechten Geldsystem“, wo die Kreditvergabe von der Ersparnisbildung im wesentlichen abgekoppelt ist, mag sich der Charakter des Finanzmarktes dem eines Kasinos annähern. Einerseits kann er seine Verteilungsfunktion nicht mehr einwandfrei ausüben, da der Zinssatz nicht mehr als Knappheitsindikator fungiert, andererseits regen künstlich gesenkte Zinsen die Hausse-Spekulation über das gesunde oder normale Maß hinaus an. Trotzdem hinkt der Vergleich mit den Spielkasinos, solange die Geldströme auf dem Finanzmarkt noch eine Verbindung zur Realwirtschaft haben. Daß sie eine solche haben, beweisen die Finanzkrisen und ihre Folgen aufs eindrücklichste.

Vielen Dank, Herr Braun.

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Das Interview wurde im Okotber 2015 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Dr. Eduard Braun hat im Jahr 2011 bei Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann an der Universität Angers (Frankreich) promoviert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Dr. Mathias Erlei, Abteilung für Volkswirtschaftslehre, an der Universität Clausthal-Zellerfeld, (http://www.wiwi.tu-clausthal.de/index.php?id=430).

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