Wie die Sozialisten Mann und Frau umerziehen wollen

1.7.2015 – von Ludwig von Mises.

Ludwig von Mises (1881 – 1973)

Mit dem sozialistischen Gedanken der Vergesellschaftung der Produktionsmittel gehen seit altersher Vorschläge zur Umgestaltung der Beziehungen zwischen den Geschlechtern Hand in Hand. Mit dem Sondereigentum soll auch die Ehe verschwinden und einem dem Wesen der Sexualität besser entsprechenden Verhältnisse Platz machen. Mit der Befreiung des Menschen vom Joche der wirtschaftlichen Arbeit, die der Sozialismus in Aussicht stellt, soll auch die Befreiung der Liebe von allem Wirtschaftlichen, das sie bisher geschändet habe, erfolgen.

Der Sozialismus verheißt nicht nur Wohlstand, ja Reichtum für alle, sondern auch Liebesglück für alle. Ein gutes Stück seiner Volkstümlichkeit verdankt er gerade diesem Teile seines Programms. Es ist bezeichnend, daß kein zweites deutsches sozialistisches Buch mehr gelesen wurde und mehr für den Sozialismus geworben hat als Bebels „Die Frau und der Sozialismus“, das vor allem der Verkündigung der freien Liebe gewidmet ist.

Daß die Ordnung der Sexualverhältnisse, in der wir leben, von vielen als unbefriedigend empfunden wird, kann nicht als besonders merkwürdig bezeichnet werden. Diese Ordnung ist auf einer weitgehenden Ablenkung der alles Menschliche beherrschenden Sexualität von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, die der Menschheit im Laufe der Kulturentwicklung erwachsen sind, aufgebaut. Um sie aufzurichten, mußten große Opfer gebracht werden, und neue werden täglich gebracht. Jeder Einzelne macht in seinem Leben den Prozeß durch, durch den die Sexualität von der diffusen Gestalt, die sie beim Kinde trägt, in ihre endgültige Gestaltung übergeführt wird. Jeder Einzelne muß dazu in seinem Innern die seelischen Mächte aufbauen, die dem Sexualtrieb als Hemmnisse in den Weg treten und gleich wie Dämme seine Richtung beengen sollen. Dabei wird ein Teil der Energie, mit der die Natur den Geschlechtstrieb ausgestattet hat, von der sexuellen Verwendung abgeleitet und anderen Zwecken zugeführt. Nicht jedem glückt es, aus den Kämpfen und Nöten dieser Wandlung heil hervorzugehen. Mancher leidet Schiffbruch, wird zum Neurotiker oder gar zum Geisteskranken.

Doch auch wer gesund bleibt und ein brauchbares Mitglied der Gesellschaft wird, trägt Narben davon, die ein unglücklicher Zufall aufzureißen vermag. Und wird ihm auch die Sexualität zur Quelle höchsten Glücks, so wird sie ihm auch wieder zur Quelle des Leids, und zuletzt ist es ihr schließliches Schwinden, an dem der Alternde zuerst erkennt, daß auch er der Vergänglichkeit des Irdischen unterworfen ist. So ist es die Sexualität, die den Menschen durch Gewähren und Versagen immer wieder zu narren scheint, die ihn beglückt und ihn wieder ins Elend stößt und ihn nie zur Ruhe kommen läßt. Um die Sexualität drehen sich die bewußten Wünsche des Wachenden und die unbewußten des Träumenden. Sie durfte auch in den Gedanken der Gesellschaftsreformer nicht vergessen werden.

Das konnte um so weniger der Fall sein, als viele von ihnen Neurotiker waren, die unter den Folgen einer unglücklichen Entwicklung des Sexualtriebes zu leiden hatten. Fourier z. B. litt an einer schweren Psychose; aus jeder Zelle seiner Schriften spricht die kranke Seele eines Mannes, dessen Geschlechtsleben in größter Unordnung ist, und es ist nur zu bedauern, daß es bisher noch nicht unternommen wurde, seine Lebensgeschichte mit den Methoden zu untersuchen, die die Psychoanalyse an die Hand gibt. Daß seine Bücher, die vom tollsten Aberwitz durchtränkt sind, weite Verbreitung und höchste Anerkennung finden konnten, haben sie aber gerade dem Umstande zu verdanken, daß sie mit krankhafter Phantasie in breiter Behaglichkeit die Liebensgenüsse schildern, die der Menschheit im Phalanstère-Paradiese harren.

Wie der Utopismus alle seine Zukunftsideale als Wiederherstellung eines goldenen Zeitalters, das die Menschheit durch eigene Schuld verloren hat, darstellt, so gibt er vor, auch im Geschlechtsleben nichts anderes als die Rückkehr zum Urstande, der volles Glück gebracht habe, zu fordern. Schon die Dichter der Antike preisen die alten herrlichen Zeiten der freien Liebe, wie sie auch das Lob der saturnischen Zeiten der Eigentumslosigkeit ertönen lassen. Der Marxismus folgt auch hierin dem Beispiel des älteren Utopismus. Wie er die Abschaffung des Sondereigentums durch den Hinweis auf seinen geschichtlichen Ursprung und die Abschaffung des Staates damit zu begründen sucht, daß der Staat „nicht von Ewigkeit her“ ist und daß es Gesellschaften gegeben habe, die „von Staat und Staatsgewalt keine Ahnung“ gehabt hätten, so sucht er auch die Ehe damit zu bekämpfen, daß er ihren geschichtlichen Ursprung zu erweisen sucht.

Dem Marxisten ist die geschichtliche Forschung nichts als ein Mittel der politischen Agitation. Sie soll ihm Waffen zum Angriffe auf die verdammenswerte bürgerliche Gesellschaftsordnung liefern. Nicht das ist ihm in erster Reihe vorzuwerfen, daß er ohne sich auf eine eingehende Überprüfung des geschichtlichen Stoffes einzulassen leichtfertigerweise unhaltbare Theorien aufbaut; viel schlimmer noch ist es, daß er eine Wertung der Geschichtsepochen in die sich als wissenschaftlich gebende Darstellung einschmuggelt. Es gab einst eine goldene Zeit, auf die folgte eine schlechtere, aber noch immerhin erträgliche, bis schließlich der Kapitalismus kam und mit ihm alles nur erdenkliche Übel. So erscheint die kapitalistische Gesellschaftsordnung von vornherein als verdammt; man kann ihr nur ein einziges Verdienst zusprechen, daß sie nämlich gerade durch das Übermaß ihrer Abscheulichkeit die Welt für das erlösende Heil des Sozialismus reif macht.

Aus „Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus“ von Ludwig von Mises, Verlag Lucius und Lucius, S. 63 – 65.

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Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene “Die Gemeinwirtschaft” gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die “Unmöglichkeit des Sozialismus”. Sein Werk “Human Action” (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen “Bibel”. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.

 

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