Keine Angst vor Deflation

8.5.2015 – Der folgende Beitrag ist entnommen aus »In Defense of Deflation« von Philipp Bagus. Es handelt sich um eine aktualisierte Fassung seiner Dissertation aus dem Jahr 2007. Sie ist im Springer Verlag erschienen, weitere Informationen finden Sie hier. (Zur leichteren Lesbarkeit wurde auf die umfangreichen Fußnoten verzichtet.)

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Deflation – Mögliche Gründe für die irrationale Angst vor fallenden Preisen

von Philipp Bagus.

Umverteilungswirkungen einer Deflation

Philipp Bagus

Aus theoretischer Sicht lässt sich die Unzufriedenheit der Menschen mit fallenden Preisen gut nachvollziehen. Bei allen ökonomischen Veränderungen hängen Gewinn und Verlust immer von der Antizipation künftiger Ereignisse und der entsprechenden Anpassung des eigenen Verhaltens ab. In diesem Fall sind sie abhängig von der richtigen Antizipation fallender Preise und deren Ausnutzen. Fallende Preise bedeuten Verluste für Unternehmer, die die Zukunft nicht genau antizipierten und zu hohe Preise für Produktionsfaktoren zahlten, d.h. Preise, die sie in die Verlustzone treiben. Ferner verlieren die Individuen, deren reale Lasten einer Verschuldung steigen. Bei einer Deflation verlieren die Schuldner und die Gläubiger gewinnen. Üblicherweise steigt während einer Deflation der Druck auf die Schuldner langsam an, was rein psychologisch Unbehagen verursachen kann.

Hervorzuheben ist dabei, dass Produzenten in einer Wachstumsdeflation nicht notwendigerweise ihre Schulden nicht mehr bedienen können und pleite gehen. Zwar steigt der Realwert der Verpflichtungen, aber auch das Realeinkommen nimmt zu, während der nominale Schuldendienst unverändert bleibt. Dies ist der Fall, weil die Produktivität der Unternehmen und ihr Output zunehmen. Die Preise ihrer Produkte fallen zwar, aber sie verkaufen eine höhere Stückzahl, wodurch der Preisverfall kompensiert werden kann. Zusätzlich erhöhen die Produzenten ihre Produktion genau deshalb, weil sie dadurch ihr Geldeinkommen zu maximieren meinen. Deshalb geraten sie beim Schuldendienst nicht unbedingt in Schwierigkeiten. Nur die Produzenten, deren Verkaufserlöse schneller fallen als die Kosten beim Einkauf, erleben einen Rückgang ihres Geldeinkommens.

Offensichtlichkeit der Verluste

Ein Grund für die Ablehnung von Zeiten mit Deflation verglichen mit solchen der Inflation liegt in der unterschiedlichen Verteilungswirkung. Die Umverteilung bei einer Deflation wirkt umgekehrt wie bei einer Inflation, bei der Gläubiger verlieren und Schuldner gewinnen, wenn die Schuldenlast real zurückgeht. Warum ist dann die Opposition gegenüber Inflation ausgeprägter als gegen Deflation? Aus verschiedenen Gründe sind die Wirkungen nicht exakt umgekehrt wie bei einer Inflation. Erstens ist bei einer Preisinflation die Umverteilung nicht so offensichtlich wie bei einer Deflation. Im Zuge einer Inflation verlieren die Gläubiger langsam und nicht so abrupt, während das Geld für den Schuldendienst immer mehr an Kaufkraft verliert. Gläubiger können nur noch weniger Güter und Dienste kaufen als ohne Inflation möglich gewesen wäre. Dieser Verlust ist aber kaum sichtbar, weil die Menschen nicht wissen, was sie ohne Inflation gekauft haben könnten.

Im Gegensatz dazu kann bei einer Preisdeflation die reale Last der Schuld so schwer werden, dass eine Umschuldung erforderlich wird oder der Schuldner gar pleite geht. Dies muss nicht unbedingt der Produktion schaden, weil im Rahmen des Konkursverfahrens nur die Eigentumsverhältnisse sich ändern und die Produktion unverändert weitergeführt werden kann. Man könnte sogar argumentieren, dass langfristig die Produktion durch diese Umverteilung gefördert wird, denn die Umverteilung bewirkt eine Verschiebung von denjenigen mit tendenziell niedriger Sparneigung (hoher Zeitpräferenz), den Schuldnern, zu denjenigen mit hoher Sparneigung (niedriger Zeitpräferenz), den Kreditgebern. Die Ersparnisse könnten durch diese Umverteilung also insgesamt steigen.

Hinsichtlich des Konkursgeschehens besteht also ein erheblicher Unterschied zwischen der deflationsbedingten Umverteilung und einer inflationsbedingten, denn in Inflationszeiten gibt es ungewöhnlich wenige Unternehmenspleiten. Die Umverteilung via Konkurs ist extrem sichtbar und geht in der Regel mit persönlichen Tragödien einher. Eine Person, die ihre Zahlungsunfähigkeit erklären muss, ist sich ihres Verlustes vermutlich deutlicher bewusst als ein Gläubiger, der in einer Preisinflation verliert.

Verteilung der Verluste

Bei einer Inflation verteilen sich die Lasten normalerweise auf viele Schultern bzw. auf einen großen Teil der Bevölkerung. Alle Geldhalter sind ebenso betroffen wie alle Kreditgeber. Deshalb sind bei langsamer und stetiger Inflation Widerstand und soziale Unruhen weniger wahrscheinlich als bei einer Deflation. Das liegt daran, dass bei einer Deflation die Verluste nicht sehr breit gestreut sind. Die Verkäufer mit schneller sinkenden Verkaufs- als Einkaufspreisen sind nicht so zahlreich und besser organisiert als die davon profitierenden Konsumenten. Außerdem hat ein Schuldner oder ein verschuldetes Unternehmen normalerweise gleich mehrere Gläubiger. Das bedeutet, dass sich die Gewinne einer Preisdeflation auf mehrere Kreditgeber verteilen, wohingegen der Schuldner (oder das verschuldete Unternehmen) den gesamten Verlust zu schultern hat und u.U. daran bankrott geht. Da sich die Last nicht auf viele Schultern verteilt, treten soziale Unruhen wahrscheinlicher auf als im Zuge einer Inflation.

Organisation und Macht der Gewinner und Verlierer

Die Geschichte lehrt, dass Gruppen von Verlierern im Verlauf einer Inflation schlechter organisiert sind als solche, die in einer Deflation geschädigt werden. Gruppen mit relativ fixem Einkommen wie Rentner und Gläubiger verlieren während einer Inflation. Wie im vorangegangenen Abschnitt erklärt, sind diese Gruppen groß. Sie sind tendenziell schlechter organisiert, weil sich die erwachsenden Vorteile auf viele Schultern verteilen und Trittbrettfahren leicht möglich ist. Die Verlierer einer Deflation hingegen sind nicht so zahlreich und können sich relativ leicht organisieren, weil das Trittbrettfahrerproblem nicht so ausgeprägt ist.  Die Vorteile, eine Gruppe zu organisieren, sind hoch relativ zu den auf das einzelne Gruppenmitglied entfallenden Kosten.

Deshalb sind normalerweise die Verlierer einer Deflation gut organisiert. Gruppen wie verschuldete Landwirte oder Unternehmer können durch eine Deflation erhebliche Verluste erleiden. Dies erklärt ihre starke Opposition und erfolgreiche Organisation. Diese Gruppen verfügen ganz typisch auch über bessere politische Einflussnahmemöglichkeiten. Eigenheimbesitzer verfügen über erhebliches politisches Gewicht, obwohl sie nicht so gut organisiert sind wie Landwirte oder Unternehmen. Mit ihrem Wohneigentum können überschuldete Haushalte etwas ganz Wesentliches verlieren. Starker oder gar gewalttätiger Widerstand ist zu erwarten, wenn sie ihr Wohneigentum verlieren. Die Landwirte waren in der Lage, eine schlagkräftige Gruppenvertretung zu organisieren, weil ihre Organisation Leistungen anbietet, von denen sich Nichtgruppenmitglieder ausschließen lassen.

Ebenso lassen sich Unternehmensinteressen leicht in kleinen Gruppen organisieren mit ausgeprägten gemeinsamen Interessen. Unternehmen haben in einer Deflation nun wirklich viel zu verlieren. Historisch zählten die größten Schuldner zur Elite des Unternehmenssektors. Sie werden einer Deflation, die sie in den Konkurs triebe, erheblichen Widerstand entgegenstellen. Sie sind normalerweise gut organisiert mit einer bewährten Struktur, mit großem Einfluss und sind obendrein „too big to fail“, woraus großer Einfluss auf die Politik erwächst. Es überrascht nicht, dass sie sich gegen fallende Preise sträuben, da sie relativ zu anderen Gruppen verlieren und oft auch absolut gesehen. Mit anderen Worten betreiben sie Lobbyismus zugunsten einer Inflation, von der sie profitieren würden.

Ganz allgemein profitieren in unserer modernen Gesellschaft die Eliten erheblich vom bestehenden Geldsystem mit seiner Anfälligkeit für Inflation. In einem System mit einer derartigen Anfälligkeit für Inflation ist es nicht sinnvoll, Geld zu sparen, um später in Vermögen wie Immobilien zu investieren. Stattdessen verschulden sich die Individuen für den Kauf von Vermögenstiteln. Durch Inflation wird die Schuldenlast im Zeitverlauf gemildert. Der Einzelne vermag dann diese Vermögenstitel zu beleihen für den Kauf weiteren Vermögens und so die Vermögenspreise noch weiter in die Höhe treiben, d.h. Besitzer von Vermögen können dieses nutzen, um noch mehr zu erwerben und dies mit neu geschaffenem Geld. In solch einer Welt mit steigenden Preisen ist sich zu verschulden für den Einzelnen wie auch für Unternehmen sinnvoll. Folglich wurden die Eliten unserer Gesellschaft wie wohlhabende Vermögensbesitzer, Unternehmen, Finanzinstitutionen und Regierungen immer abhängiger von Geldschöpfung zur Reduzierung ihrer realen Schulden.

Eine lang anhaltende und spürbare Deflation triebe die meisten Finanzmarktakteure, Großunternehmen und Regierungen in den Bankrott. Dies lässt sich am Beispiel von Regierungen gut veranschaulichen. Regierungen finanzieren ihre Ausgaben lieber via Schuldenaufnahme als durch Steuererhöhungen. Sie ziehen die Schuldenfinanzierung vor, denn Steuererhöhungen sind unpopulärer, weil sie die Kosten der Staatsausgaben deutlicher sichtbar werden lassen. Das Bankensystem kann diese Ausgaben dann direkt oder mehr indirekt durch Geldschöpfung finanzieren. Entsprechend wird faktisch ein Großteil der Staatsschulden von Finanzinstitutionen gehalten. Ein durch anhaltende Deflation verursachter Schuldenausfall seitens der Regierung ginge mit erheblichen Verlusten für den Finanzsektor einher. Aufgrund der Verflechtungen innerhalb des Sektors würde das System wohl insgesamt kollabieren. Die Kreditkontraktion in der Folge würde die Deflation noch verstärken. Ein Konkurs löste den nächsten aus. Schließlich würden alle inflationsabhängigen Akteure pleite gehen.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass eine durch Deflation ausgelöste Konkurswelle die Interessen des Bankensystems ebenso verletzen würde wie die der hochverschuldeten Unternehmen und Regierungen. Die heutigen Eliten gingen zugrunde, neue kämen auf. Da aber die heutigen Eliten gut organisiert sind und die Fäden der politischen und finanziellen Macht in den Händen halten, können sie eine Deflation abwenden.

Hingegen ist die Gruppe, die von einer Deflation begünstigt würde, groß und normalerweise nicht gut organisiert. Die große Masse der Arbeiter und Konsumenten profitiert tendenziell von einer Deflation ebenso wie die der Sparer und Kreditgeber. Allerdings verteilen sich ihre Gewinne, wie oben dargestellt, auf mehr Schultern als bei den Verlustträgern. Deshalb widersetzen sich die Gewinner einer Deflation nicht so vehement dem öffentlichen Druck, den die gut organisierten und mächtigen Verlierer ausüben.

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Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Bernhard Pieper.

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Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen. Im Mai vergangenen Jahres ist sein gemeinsam mit Andreas Marquart geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen” erschienen.

 

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