Die Rolle des Subsistenzfonds in Finanz- und Wirtschaftskrisen

24.2.2014 – von Eduard Braun.

Eduard Braun

Die Österreichische Konjunkturtheorie frei nach der Fassung von Ludwig von Mises.

Eines der großen Mysterien der marktwirtschaftlich organisierten Welt ist das wiederholte Auftreten von Wirtschaftskrisen als Folge von Zusammenbrüchen der Finanzmärkte. Was aber hat das eine eigentlich mit dem anderen zu tun? Auf den Finanzmärkten wird Geld gegen Aktien oder Anleihen gehandelt, außerdem wird spekuliert und gewettet mit allerhand alten und neuen Finanzprodukten. Man kann sich als Laie durchaus vorstellen, daß es dabei zu Spekulationsblasen und Markteinbrüchen kommen kann – schließlich weiß man ja, daß manche Menschen zu Übertreibungen neigen und andere einfach nur dem Strom der großen Masse nachlaufen. Warum folgen auf Finanzmarktkrisen jedoch mit trauriger Regelmäßigkeit Massenarbeitslosigkeit, Produktionsrückgang und Firmenpleiten? Diese beiden Phänomene erscheinen doch auf den ersten Blick als logisch getrennt. In der Sphäre der Realwirtschaft werden Rohstoffe zu fertigen Produkten verarbeitet, gehen Arbeiter zur Arbeit und unterstützen technisch ausgefeilte Maschinen den Produktionsprozeß. Nichts von alledem scheint doch mit der Sphäre der Finanzwirtschaft direkt zusammenzuhängen. Selbst wenn die Geldvermögen auf den Börsen der Welt noch so sehr zusammenschmelzen würden, sollte das doch nichts an den Vorgängen in der Realwirtschaft ändern. Weder Arbeiter, noch Rohstoffe, noch Maschinen können als Folge einer Finanzkrise physisch zugrunde gehen. An diesen realen Dingen, an den sogenannten Einsatzfaktoren, ändert sich gar nichts, wenn die Börsenkurse einbrechen.

Trotzdem: Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß ein Zusammenhang bestehen muß. Auch der jüngste Zusammenbruch der Finanzmärkte in den Jahren 2007 und 2008 hat weltweit die Realwirtschaft zurückgeworfen. Als Beispiel sei nur die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den USA erwähnt. Zwischen 2007 und 2009 hat sich dort der Anteil der Arbeitslosen von 4,62 auf 9,28 Prozent mehr als verdoppelt und ist bis heute nicht auf den Vorkrisenzustand zurückgefallen. Es muß also eine Wechselwirkung bestehen; die Frage ist nur: wo?

Genau an diese Fragestellung knüpft die auf Ludwig von Mises zurückgehende Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie an. Sie zeigt die Wirkung auf, welche die Finanzwirtschaft auf die Realwirtschaft ausübt. Sie konzentriert sich dabei auf die Rolle der zentralen und tonangebenden Institutionen auf den Finanzmärkten, nämlich der Banken und ihrer Geldpolitik. Es wird argumentiert, daß das Bankensystem regelmäßig einen Keil in die Verbindung zwischen Finanz- und Realwirtschaft treibt und folglich für die Finanzkrisen und die sich anschließenden Probleme in der Realwirtschaft verantwortlich ist.

Um die Argumentation der Österreichischen Schule nachvollziehen zu können, muß man eine Unterscheidung verstehen, die Ludwig von Mises 1912 in seiner Habilitationsschrift Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel eingeführt hat. Dort führt er aus, daß es zwei verschiedene Arten der Kreditvergabe gibt. Wenn eine Bank Sachkredit vergibt, dann steckt hinter dem Kredit jemand, der ein Opfer erbringen muß. Das Geld, welches die Bank verleiht, stammt von einer dritten Person, nämlich dem Sparer. Dieser leistet für eine bestimmte Zeitdauer Verzicht auf sein Geld, legt es bei der Bank an, und diese überträgt es als Kreditvermittler an die Kreditnehmer. Der Zirkulationskredit auf der anderen Seite setzt keinen Verzicht seitens eines Sparers voraus. Er beruht auf der Fähigkeit des Bankensystems, neues Geld – neue Zirkulationsmittel – zu schaffen. Bekanntermaßen sind Banken in der Lage, ihren Kunden mittels Kredit Guthaben einzuräumen, die nicht durch die Ersparnisse Dritter gedeckt sind.

Natürlich kann ein normaler Kunde nicht erkennen, ob er gerade Sachkredit oder Zirkulationskredit erhält. Für ihn ist Geld gleich Geld. Der einzelne, konkrete Kredit ist im heutigen Geldsystem im Grunde immer beides zugleich, weswegen die Unterscheidung rein theoretischer Natur ist. Im großen und ganzen jedoch hat es sehr wohl Auswirkungen, ob und in welchem Umfang der existierenden Kreditmenge eine Ersparnis gegenübersteht. Mises selbst nutzt die Unterscheidung der beiden Kreditarten, um zu erklären, wie Finanz- und Wirtschaftskrisen entstehen, und folglich, wie Finanz- und Realwirtschaft zusammenhängen. Den Zirkulationskredit, d.h. den nicht durch Ersparnisse gedeckten Kredit, macht er dabei für die Störung des Systems verantwortlich. Solange die Banken hingegen nur Sachkredit vergeben, solange also nur so viel verliehen wird, wie auf der anderen Seite gespart wird, kann es – Katastrophen ausgenommen – nicht zu nennenswerten Konjunkturschwankungen kommen.

Der wesentliche Punkt ist hierbei, daß der Sachkredit eine reale Entsprechung hat. Wer sein Einkommen spart, gibt es damit nicht für den Konsum aus. Dem Konsumverzicht des Sparers kann dementsprechend der Mehrkonsum einer anderen Person gegenüberstehen. Indem die Banken von den Sparern Geld einsammeln und es an die Kreditnehmer weitergeben, besorgen sie letztlich die Übertragung von Konsummöglichkeiten. Wenn der Kreditnehmer das aufgenommene Geld für den eigenen Konsum verwendet, ist die Übertragung perfekt. Sollte es sich beim Kreditnehmer um einen Unternehmer handeln, der das Geld nicht selbst für den Konsum ausgibt, sondern damit seine Arbeiter oder Vorleister bezahlt, wird es erst in deren Händen oder in denen ihrer Nachfolger für den Konsum verwendet. In jedem Falle findet jedoch eine Übertragung der Möglichkeit statt, Konsumgüter zu kaufen.

Mises hat diese reale Entsprechung des Sachkredits – die Konsumgüter, die mit dem erst gesparten und dann geliehenen Geld gekauft werden können – den „Subsistenzfonds“ genannt. Dieser Fonds aus Konsummöglichkeiten ist sozusagen die Schnittstelle zwischen der Finanzwirtschaft und der Realwirtschaft. Wenn mehr gespart wird, hat das nämlich zwei Folgen: Einerseits wächst das Kreditangebot auf dem Finanzmarkt. Andererseits wächst der Subsistenzfonds, da die Ersparnisse mit dem Konsumverzicht der Sparer einhergehen. In anderen Worten hat der Sachkredit eine sachliche bzw. reale Grundlage. Und solange von den Banken nur Sachkredit vergeben wird, geht kein zerstörerischer Einfluß vom Finanzmarkt auf die Realwirtschaft aus. Vielmehr laufen beide parallel, in gewisser Weise im Einklang miteinander.

Anders verhält es sich mit dem Zirkulationskredit. Dieser ist nicht von Ersparnissen gedeckt, sondern wird von den Banken neu geschaffen. Das bedeutet, daß dem Zirkulationskredit kein Konsumverzicht in der Realwirtschaft gegenübersteht. Eine Erhöhung der Kreditmenge durch Geldschaffung wird nicht von einer Erhöhung des Subsistenzfonds begleitet. Dies bedeutet nun aber, daß die Parallelität zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft aufgehoben wird. Der Erhöhung des Kreditangebots auf dem Finanzmarkt entspricht nichts in der Realwirtschaft, und sie ist somit nicht mehr real begrenzt.

Die Entwicklung auf dem Finanzmarkt ist nun von den Geschehnissen in der Realwirtschaft abgekoppelt. Die Banken können mehr verleihen, als ihnen von den Sparern zur Verfügung gestellt wird. Vergrößert wird diese Möglichkeit noch durch die Existenz von Zentralbanken. Diese koordinieren die Aktionen des Bankensystems und sorgen auf diese Weise dafür, daß sich die einzelnen Banken nicht gegenseitig im Weg stehen, indem z.B. eine Bank zurückhaltender Kredite vergibt und damit die übrigen bremst. Man könnte die Zentralbanken mit einigem Recht als „Königinnen des Zirkulationskredits“ bezeichnen. Sie geben den Takt vor, mit dem Zirkulationskredit vermehrt oder vermindert wird.

Der privatwirtschaftliche Vorteil des Zirkulationskredits für die Banken liegt auf der Hand. Wer Geld zum Nulltarif herstellen und dann gegen Zins verleihen kann, hat eine Quelle des nie versiegenden Einkommens entdeckt. Es nimmt also nicht wunder, wenn Banken diese Quelle möglichst intensiv ausbeuten wollen, zumal sie von der Zentralbank koordiniert und letztlich auch beschützt werden.

Hiermit wäre geklärt, wie es auf den Finanzmärkten zur Expansion und zum Aufschwung kommen kann: Die Banken haben ein privatwirtschaftliches Interesse an der Erhöhung des Kreditangebots. Wie sich dieser Aufschwung in der Folge auf die Realwirtschaft überträgt, ist relativ leicht zu verstehen. Um das Kreditangebot auszuweiten, müssen die Banken den Kredit verbilligen, das heißt den Zinssatz senken. Ein niedrigerer Zinssatz erlaubt es den Unternehmen, höhere Kredite aufzunehmen, um damit neue und kapitalintensivere, d. h. vor allem langfristigere Investitionen durchzuführen. Die Expansion auf dem Finanzmarkt überträgt sich also auf die Realwirtschaft. Es werden mehr Leute eingestellt, die Produktion wird ausgedehnt und alle sehen einer rosigen Zukunft entgegen.

Die Erklärung, warum es zu einem Zusammenbruch der Hausse auf den Finanzmärkten kommen muß, und wie eine entsprechende Krise in der Realwirtschaft entsteht, ist allerdings etwas komplizierter. Die entscheidende Rolle spielt dabei die Tatsache, daß die Kreditexpansion des Bankensystems auf Zirkulationskredit beruht. Der Erhöhung des Kreditangebots steht kein Konsumverzicht gegenüber. Es hat keine Übertragung von Konsummöglichkeiten von den Sparern zu den Kreditnehmern stattgefunden, sondern eine Neuschaffung von Konsumansprüchen. Die kreditnehmenden Unternehmer, ihre Arbeiter und Vorleister können auf die vorhandenen Konsumgüter (den Subsistenzfonds) zugreifen, ohne daß andere zuvor auf Konsum verzichtet hätten. Die Konsumgüter werden damit knapp und verteuern sich. Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, daß die im Aufschwung durchgeführten Investitionen tendenziell langfristiger Natur sind und somit bis auf weiteres den Vorrat an Konsumgütern nicht auffüllen können.

Die Erhöhung der Konsumgüterpreise relativ zu den Preisen der übrigen Güter (Rohstoffe, Kapitalgüter, Arbeiter) hat eine Verschiebung der Rentabilitätsverhältnisse zur Folge. Hat die Zinssenkung vor allem langfristige Investitionen begünstigt, lassen die hohen Konsumgüterpreise nun außerdem kurzfristige Investitionen rentabler erscheinen. Anders gesagt: Es entsteht Konkurrenz um das vorhandene Kreditangebot.

Das Bankensystem hat nun zwei Möglichkeiten. Entweder es befriedigt die erhöhte Kreditnachfrage. Damit hat sie die akute Kreditklemme zunächst einmal überwunden. Langfristig wird das Problem jedoch wieder auftauchen, und zwar verstärkt. Denn mit einer Erhöhung der Kreditmenge schaffen die Banken noch zusätzliche Ansprüche auf den Subsistenzfonds der Volkswirtschaft, ohne daß diesen ein Konsumverzicht entsprechen würde. Die Konsumgüternachfrage wird also weiter steigen, ohne daß die Produktion darauf in ausreichendem Maße reagiert hätte. Schließlich werden die langfristigen Investitionen ja zunächst einmal fortgeführt. Das Problem wurde nur aufgeschoben, nicht gelöst.

Wenn es eine von den Konsumgüterpreisen ausgehende Hyperinflation vermeiden will, muß das Bankensystem früher oder später also auf die andere Alternative zurückgreifen. Diese besteht darin, den Zinssatz zu erhöhen und damit die Kreditnachfrage wieder einzudämmen. Das Problem dieser Lösung besteht darin, daß sich das Bankensystem damit einer großen Gefahr aussetzt. Die Rentabilität langfristiger Investitionen hängt sehr stark vom Zinssatz ab. Heben die Banken nun den Zins an, um die Kreditnachfrage zu verringern, sorgen sie gleichzeitig dafür, daß viele der im Aufschwung getätigten Investitionen unrentabel werden. Einige Projekte müssen abgebrochen werden, mit der Folge, daß die entsprechenden Kredite notleidend werden. Die zuvor erfolgte Kreditexpansion kann nicht ohne weiteres rückgängig gemacht werden, da die Kreditnehmer ihr Geld größtenteils investiert haben und nun nicht mehr flüssig machen können. Für die Banken bedeutet das aber, daß viele ihrer Kredite platzen und sich ihre Bilanzen rapide verschlechtern werden. Wir stehen am Anfang einer Finanzkrise. Sollte ein größeres Kreditinstitut fallieren, reißt es aufgrund der verschlungenen Kreditverhältnisse das ganze Bankensystem mit sich in den Abgrund.

Gleichzeitig kann in diesem Falle aber auch die Krise in der Realwirtschaft nicht ausbleiben. Wie wir gesehen haben, wurde der Subsistenzfonds im Aufschwung zu sehr beansprucht. Die Konsumgüterproduktion wurde im Verhältnis zur Nachfrage grob vernachlässigt. Stattdessen wurden allerhand neue und kapitalintensive Investitionen durchgeführt, die jetzt nicht mehr oder nur noch zum Teil rentabel sind. Dieses Mißverhältnis muß wieder beseitigt werden. Einige Wirtschaftszweige müssen deutlich schrumpfen, andere müssen wachsen. Dieser Prozeß bringt für weite Bevölkerungsschichten große Schwierigkeiten mit sich. Viele werden arbeitslos oder müssen feststellen, daß sie sich in einem Beruf haben ausbilden lassen, der jetzt nicht mehr gefragt ist. Weitere Probleme entstehen, wenn die Wirtschaftspolitik versucht, die notwendigen Umstellungen zu verhindern oder die Konjunktur neu zu entfachen. Diese und ähnliche Maßnahmen verhindern nur den Anpassungsprozeß, der notwendig geworden ist, weil der Aufschwung auf Zirkulationskredit, nicht auf Sachkredit aufgebaut war.

Die entscheidende Lehre aus der hier skizzierten Theorie ist, daß Finanzwirtschaft und Realwirtschaft nicht unabhängig voneinander sind. Wie viel Sachkredit – also durch Ersparnis gedeckter Kredit – vom Bankensystem vergeben werden kann, hängt vom Umfang des geleisteten Konsumverzichts ab. Sobald Banken unter der Direktion einer Zentralbank damit anfangen, die Menge ungedeckten Zirkulationskredits zu vermehren, kommt es zu einem allgemeinen Aufschwung, der aber schon den Keim der darauffolgenden Krise in sich trägt. Der Subsistenzfonds wird überbeansprucht, der Aufschwung frißt sozusagen seine eigenen Reserven auf. Ludwig von Mises hat diesen Zusammenhang zwischen Finanz- und Realwirtschaft vor mittlerweile über 100 Jahren aufgedeckt. Seitdem wird er in regelmäßigen Abständen von der Geschichte bestätigt. Es wird Zeit, daß der krisenauslösende Einfluß des Zirkulationskredits auch in der Praxis der Geld- und Wirtschaftspolitik zur Kenntnis genommen wird.

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Dr. Eduard Braun hat im Jahr 2011 bei Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann an der Universität Angers (Frankreich) promoviert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Dr. Mathias Erlei, Abteilung für Volkswirtschaftslehre, an der Universität Clausthal-Zellerfeld, (http://www.wiwi.tu-clausthal.de/index.php?id=430)

Demnächst erscheint von ihm das Buch „Finance Behind the Veil of Money“. Hier ist es bereits als Ebook erhältlich.

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