Dr. Thomas Mayer: „Die konventionelle Makroökonomik war völlig blind für die Entwicklungen im Finanzsektor gewesen.“

8.11.2013 – Interview mit Dr. Thomas Mayer.

Thomas Mayer

Herr Dr. Mayer, in Ihrer wöchentlichen Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fallen immer häufiger die Namen großer Denker der Österreichischen Schule. Wann dürfen wir Sie im ‚Lager der Austrians‘ willkommen heißen?

Nach meinem Selbstverständnis bin ich schon seit Mitte der neunziger Jahre im österreichischen Lager, als sich die Internetblase aufbaute. Ich konnte mir die damaligen Geschehnisse nur mit Hayeks Investitionszyklus erklären. Meine Neigung zu den Österreichern wurde dann durch die Finanzkrise erheblich verstärkt. Die konventionelle Makroökonomik war völlig blind für die Entwicklungen im Finanzsektor gewesen und hat auch jetzt noch immer erhebliche Schwierigkeiten, die Krise zu erklären und Rezepte für eine stabilere Finanzarchitektur zu entwickeln. Profitieren davon dürften die Post-Keynesianer, die das bisher praktizierte aktive Management der Realwirtschaft auf den Finanzsektor ausdehnen wollen. Dadurch wird aber nichts besser, sondern alles nur noch schlimmer. Es ist deshalb dringend notwendig, die Einsichten der „Austrians“ einem breiteren Publikum näher zu bringen. Dazu möchte ich mit meinen Kolumnen beitragen.

Eine zentrale Erkenntnis der Österreicher ist, dass das heutige Zentralbankgeldsystem die Kernursache für die ökonomischen und ethischen Übelstände ist. Mit anderen Worten: Um das Übel von Inflation, Boom-und-Bust und immer höhere Verschuldung zu beenden, müssen die Zentralbanken abgeschafft und die Geldproduktion privatisiert werden. Was also wäre Ihr Rat an zum Beispiel Herrn Bernanke und Draghi?

Die Österreicher halten in der Tat wenig von einem Bankensystem mit fraktioneller Reservehaltung und Zentralbanken, weil in diesem System Kreditschöpfung ohne vorangegangenes Sparen möglich ist. Weil das so ist kann vorübergehend die Produktion von mehr Kapitalgütern über Kredit finanziert werden als am Ende durch die Ersparnis gedeckt werden kann. Dadurch kommt es zum Investitions Boom-Bust Zyklus. Den Herren Bernanke oder Draghi jedoch die Abschaffung ihrer Institute und die Einführung einer 100% Reservedeckung von Bankdepositen zu empfehlen hätte wenig Aussicht auf Erfolg. Um eine graduelle Verbesserung innerhalb des bestehenden Systems zu erreichen würde ich den Herren deshalb empfehlen, bei der Geldpolitik die Entwicklung des Kredits an den Nichtbankensektor in den Vordergrund zu stellen. Wenn die Zentralbanken sich gegen Kredit-Booms und Kredit-Busts lehnen helfen sie zumindest, etwas mehr wirtschaftliche Stabilität zu schaffen.

Würden Sie das bitte konkretisieren?

Ich versuche es mal. Während der sogenannten Großen Moderation haben die Zentralbanken versucht, die Kapazitätsauslastung der Wirtschaft zu optimieren (d.h., den „output gap“ zu minimieren). Dabei haben sie übersehen, dass in dieser Zeit der Kredit an die privaten Nichtbanken sowohl in den USA als auch im Euroraum um 7% pro Jahr wuchs. Das überstieg das durchschnittliche Wachstum des nominalen BIP in den USA um zwei und im Euroraum um drei Prozentpunkte und führte zu einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Kreditquote im Trend. Im Rückblick ist es klar, dass die Kreditquote im Trend nicht wachsen kann, ohne eine Verschuldungs- und Finanzkrise zu provozieren. Hätten sich die Zentralbanken besser um die Kreditquote gekümmert, hätten sie eine im Schnitt restriktivere Geldpolitik verfolgt und sich der Überschuldung entgegengestellt. Deshalb würde ich raten, in Zukunft stärker auf das Wachstum der Kreditquote und die Entwicklung auf den Kreditmärkten zu achten. Die Minimierung des Output Gap allein schafft noch keine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. Dazu gehört auch, dass die Kreditentwicklung innerhalb vernünftiger Grenzen bleibt.

Sie könnten den Herren Draghi und Bernanke aber auch raten, sie möchten bitte mit ihren Zauber-Versuchen aufhören.  Diese würden letzten Endes nicht helfen, denn ‚die moderne Organisation des Tauschverkehrs trägt in ihrem Innern bereits den Keim der Zerstörung.’ um mit den Worten von Ludwig von Mises zu sprechen.

Ja, könnte ich, und wie Sie sagen mit gutem Grund. Aber die Chance, damit gehört zu werden, wäre Null. Aus pädagogischen Gründen würde ich deshalb mit kleinen Schritten zur Verbesserung anfangen. Schließlich würde ich Ski-Anfänger auch erst mal am Übungshügel trainieren lassen und nicht gleich die Olympiaabfahrt hinunterjagen.

Ich denke jetzt daran, was Murray Rothbard auf Ihre Antwort entgegen würde … Vermutlich würde er Ihnen ankreiden, dass Sie einen Kniefall machen, dass Sie das Verkünden einer ökonomischen Wahrheit einem politischen Kalkül opfern. – Doch lassen Sie uns jetzt einem anderen Thema zuwenden: Wie weit, meinen Sie, darf und kann die Zentralisierung – Stichwort „ESM“ „und Bankenunion“ – geführt werden, bevor das europäische Integrationsprojekt vollends kollabiert?

Als unternehmerisch tätiger Ökonom sehe ich es nicht als Kniefall, wenn ich versuche, einen potentiellen Kunden abzuholen statt abzustoßen. Aber nun zu Ihrer Frage. Soweit ich es übersehe wollen die Völker Europas keinen europäischen Zentralstaat, sondern ein dezentrales Europa freier Bürger. Aus diesem Grund kann der Versuch, eine politische Union zu erzwingen, um den Euro als staatliches Schuldgeld zu etablieren, emittiert von der Staatszentralbank EZB, nur schief gehen. Am Ende steht die Staatszentralbank ohne funktionierenden Staat da und wird zum Selbstbedienungsladen für kredithungrige EWU-Staaten und ihre Banken. Philipp Bagus hat dies in Anlehnung an die Tragödie der Almende die Tragödie des Euro genannt. Ich halte es da mit Jesus Húerta de Soto, der den Euro als eine Art Goldstandard etabliert sehen will. Nur so kann es gehen. Dafür muss die Politik aber akzeptieren, dass Staaten Bankrott gehen und aus dem Euro austreten können. Außerdem muss es möglich sein, dass zahlungsunfähige Banken auf Kosten ihrer Eigen- und Fremdkapitalgeber, und nicht auf Kosten der Steuerzahler, abgewickelt werden können. Und die EZB muss sich mehr als intelligente Goldmine denn als Kreditgeber der letzten Instanz für Banken und Staaten verstehen.

Lassen Sie mich die letzte Frage stellen: Sie haben 100.000 Euro, die Sie hier und heute für Ihre Familie investieren müssen, und sie können erst in 10 Jahren wieder darauf zugreifen. Was machen Sie?

Ich kaufe mir Anteile an einem globalen Aktienfonds ohne Ausgabeaufschlag und mit niedrigen Verwaltungskosten. Das Angebot an ETFs und Indexfonds ist sehr reichhaltig. Ich würde allerdings darauf achten, dass ich einen Fonds erwerbe, der die Aktien auch wirklich besitzt und keinen „synthetischen“ Fonds, der die Wertentwicklung durch ein Swap-Geschäft darstellen will. Bei „synthetischen“ Fonds kommt zu dem Aktienrisiko noch das Ausfallrisiko der Gegenpartei im Swap-Geschäft dazu. Dies würde ich nicht nehmen wollen.

Vielen Dank, Herr Dr. Mayer.

Das Interview wurde im November per mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart

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Dr. Thomas Mayer, geb. 1954,  ist Senior Fellow am Center for Financial Studies der Goethe Universität Frankfurt und Berater der Geschäftsleitung der Deutsche Bank Gruppe und wichtiger Kunden. Von Januar 2010 bis Juni 2012 war er Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe und Leiter von Deutsche Bank Research.
Von 2002 bis 2009 war er Chief European Economist und Co-Head of Global Economics der Deutschen Bank in London. Zuvor war Thomas Mayer für Goldman Sachs (1991-2002) und Salomon Brothers (1990-1991) in London und Frankfurt tätig. Bevor er in die Privatwirtschaft wechselte, bekleidete er verschiedene Funktionen beim Internationalen Währungsfonds in Washington (1983-1990) und beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel (1978-82). Thomas Mayer promovierte 1982 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und trägt den Titel eines Chartered-Financial-Analyst (seit 2002).
Thomas Mayer hat zahlreiche Artikel zu internationalen und europäischen Wirtschaftsthemen in Fachzeitschriften veröffentlicht und in den Medien zu diesen Themen Stellung genommen. Ab Dezember 2012 im Buchhandel: Europas unvollendete Währung, Wiley-VCH.

 

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