Geldwertstabilisierung

18.11.2013 – Kunstprodukt ohne gesamtwirtschaftlichen Vorteil.

von Jörg Guido Hülsmann.

Jörg Guido Hülsmann

Die Hauptaufgabe moderner Zentralbanken besteht in der Stabilisierung der Verbraucherpreise. Als diese Idee im 19. Jahrhundert aufkam, versprach man sich davon eine Stabilisierung der Wirtschaft insgesamt und somit eine verbesserte Wirtschaftsleistung gegenüber den damals herrschenden Warengeldsystemen.

In der Tat kann in einer natürlichen Geldordnung nicht mit stabilen Preisen gerechnet werden. Vielmehr besteht dort eine ständige Tendenz zum Sinken der Güterpreise, insbesondere bei wachsender Wirtschaft. Warum aber sollten stabile Preise beziehungsweise ein stabiler Geldwert vorteilhafter sein als die natürliche preisdeflationäre Entwicklung? Anfangs wurde dies in erster Linie damit begründet, dass das Wechselspiel von Hausse und Baisse mit entsprechenden Änderungen des Preisniveaus einherging. Aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts musste man feststellen, dass dem nicht immer so ist. Einige der fieberhaftesten Haussen spielten sich in Zeiten relativer Preisstabilität ab, zumindest was die Verbraucherpreise anbelangt. Das betraf die Hausse der 1920er Jahre, und es betraf auch die großen Haussen der letzten 20 Jahre, zunächst auf den Aktienmärkten (zweite Hälfte der 1990er Jahre) und dann auf den Immobilienmärkten der angelsächsischen Länder (bis 2007).

Daher ist die ursprünglich empirische Intuition immer mehr in den Hintergrund gerückt. In der heutigen Praxis der Zentralbanken stehen theoretische Erwägungen im Vordergrund. Professor Mishkin, ein Vorstandsmitglied der amerikanischen Zentralbank, führt insbesondere die fünf folgenden Argumente ins Feld, um eine niedrige (aber positive) Preisinflationsrate zu rechtfertigen. Erstens erzeuge eine veränderliche Preisinflationsrate Unsicherheit, da die in Preisen enthaltene Information schwerer zu interpretieren sei. Zweitens gehen hohe Inflationsraten empirisch gesehen mit niedrigem Wirtschaftswachstum einher. Besonders klar sei das im Fall von Hyperinflationen. Drittens führten starke Preisinflationen zu Verteilungskonflikten. Viertens sei die Festlegung auf ein Preisinflationsziel für ein größeres Publikum leicht zu verstehen, und der Erfolg dieser Politik sei auch leicht nachzuvollziehen. Fünftens schließlich erleichterte die Festlegung auf ein Preisinflationsziel es der Zentralbank, politische Begehrlichkeiten abzuwehren, da sie darauf hinweisen kann, dass ein kurzfristiges Abweichen von der Stabilitätspolitik zu langfristigen Wachstumseinbußen führt.

Von seiten der Europäischen Zentralbank werden noch vier andere Argumente hinzugefügt. Erstens würde sich eine niedrige Preisinflationsrate in niedrigen Zinsen niederschlagen, da die sogenannte Inflationsprämie (die Entschädigung, die die Gläubiger für den Kaufkraftverlust des Geldes verlangen) dann entsprechend gering sei. Zweitens müssten die Investoren nicht so viele knappe Ressourcen darauf verwenden, sich durch Sicherungsgeschäfte gegen Inflation oder Deflation zu schützen. Drittens würden inflationäre und deflationäre Marktverzerrungen eingegrenzt, und viertens würden stabile Verbraucherpreise auch die Stabilität der Finanzmärkte begünstigen.

Wir wollen es uns sparen, die Berechtigung dieser Erwägungen im Einzelnen zu besprechen. Denn die alles entscheidende Frage lautet: Welche Vorteile bietet der staatliche Interventionismus gegenüber dem freien Markt? Welche Vorteile ergeben sich aus den währungspolitischen Eingriffen einer modernen Zentralbank gegenüber der spontanen Funktionsweise einer natürlichen Geldordnung? Auf diese Frage geben die soeben vorgestellten Argumente keine Antwort. Keine einzige der Erwägungen, die scheinbar die Politik der großen Zentralbanken leiten, könnte als Grund angeführt werden, den freien Währungsmarkt zu unterdrücken.

Wir wollen zunächst hervorheben, dass die meisten der genannten Erwägungen überhaupt keine Argumente für eine stabile Preisinflationsrate und auch keine Argumente für eine niedrige (aber positive) Preisinflationsrate sind. Sie laufen vielmehr darauf hinaus, eine vorhersehbare Preisinflationsrate zu empfehlen. Nun liegt aber auf der Hand, dass die natürlichen Geldarten Silber und Gold in dieser Hinsicht unerreichbare Vorteile gegenüber den heutigen Währungen genießen. Die Ausbringungsmenge einer Silber- oder Goldmine kann auf einige Jahre im Voraus recht zutreffend geschätzt werden. Dagegen ist die Menge des immateriellen Zentralbankgeldes grundsätzlich unvorherschbar.

Aber auch an den anderen Kriterien gemessen stehen die natürlichen Geldarten besser da als ihre modernen Nachfolger. Bei letzteren besteht grundsätzlich immer das Risiko einer Hyperinflation, während diese Gefahr im Fall der natürlichen Geldarten praktisch gleich Null ist. Die Umverteilung ist bei diesen ebenfalls schwächer als bei jenen. Die Funktionsweise einer natürlichen Währungsordnung ist sehr viel leichter zu verstehen als die der heutigen Zentralbanken. Politische Begehrlichkeiten und Marktverzerrungen gibt es hier von vorneherein nicht, da niemand die Möglichkeit hat, die Geldmenge nach Belieben zu erweitern. Die Inflationsprämie ist in natürlichen Geldordnungen gleich Null beziehungsweise sogar negativ, da hier preisdeflationäre Tendenzen vorherrschen. Schließlich und endlich wären auch die Finanzmärkte in einer natürlichen Geldordnung um einiges kleiner und sehr viel stabiler als sie es heute sind.

Deshalb: Die künstliche Stabilisierung der Güterpreise per Notenpresse bietet keine erkennbaren Vorteile gegenüber einer natürlichen Geldordnung. Wohlgemerkt bietet sie einzelwirtschaftliche Vorteile, zu deren Nutznießern Finanzwirtschaft und Staat zählen. Aber diese Vorteile sind nicht repräsentativ für die Gesamtwirtschaft. Auch aus diesem Grunde gilt somit: Wettbewerb statt Geldsozialismus!

Erstmals erschienen in „eigentümlich frei“, Ausgabe März 2103.

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Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises. The Last Knight of Liberalism» (2007). Zuletzt erschienen «Krise der Inflationskultur» (2013). Jörg Guido Hülsmann ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des „Ludwig von Mises Institut Deutschland“.

 

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