Der einfache Bürger gegen den berufsmäßigen Propagandisten der Bürokratisierung

4.11.2013 – von Ludwig von Mises.

Ludwig von Mises (1881-1973)

Das Ziel der Verbreitung ökonomischer Studien in größeren Bevölkerungskreisen ist nicht, aus jedem Menschen einen Nationalökonom zu machen. Die Idee ist, den Bürger für seine staatsbürgerlichen Funktionen im Gemeinschaftsleben zu wappnen.

Der Konflikt zwischen Kapitalismus und Totalitarismus, von dessen Ausgang das Schicksal der Zivilisation abhängt, wird nicht durch Bürgerkriege und Revolutionen entschieden werden. Er ist ein Krieg der Ideen. Die öffentliche Meinung wird über Sieg und Niederlage bestimmen.

Wo immer und wann immer Menschen zusammenkommen, um beliebige Angelegenheiten ihrer Gemeinde, ihres Bundeslandes oder ihres Staates zu besprechen, befindet sich die öffentliche Meinung im Entwicklung – und Änderungsprozeß, wie geringfügig der unmittelbare Anlaß auch sein mag. Die öffentliche Meinung wird von beliebigen Dingen beeinflußt, die in Unterhandlungen zwischen Käufern und Verkäufern zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und zwischen Gläubigern und Schuldnern gesprochen oder getan werden. Die öffentliche Meinung wird in den Debatten zahlloser Volksvertretungen, Ausschüsse und Kommissionen, Vereinigungen und Klubs, durch Leitartikel und Leserbriefe, durch die Plädoyers von Rechtsanwälten und durch die Meinungen von Richtern geformt.

In all diesen Diskussionen haben die berufsmäßigen Meinungsbildner einen Vorteil gegenüber den Laien. Der Vorteil liegt immer bei denjenigen, die all ihre Bemühungen nur auf die eine Sache konzentrieren. Obwohl sie nicht notwendig Fachleute und oft sicherlich nicht gescheiter als die Amateure sind, genießen sie die Gunst, Spezialisten zu sein. Ihre Redefertigkeit sowie ihre Schulung sind überlegen. Sie kommen zu der Diskussion mit ausgeruhtem Geist und Körper, nicht müde nach der Arbeit eines langen Tages wie die Amateure.

Nun sind beinahe all diese berufsmäßigen Meinungsbildner eifrige Verteidiger von Bürokratismus und Sozialismus. Da sind zunächst die Scharen von Angestellten der Propagandaabteilungen der Regierung und der verschiedenen Parteien. Darüberhinaus sind da die Lehrer verschiedener Bildungsinstitutionen, in denen – seltsam genug – das Eingeständnis bürokratischen, sozialistischen oder marxistischen Radikalismus als Zeichen wissenschaftlicher Vollkommenheit angesehen wird. Da sind die Herausgeber und Mitarbeiter „fortschrittlicher“ Tages- und Wochenzeitungen, Führer und Organisatoren von Gewerkschaften und schließlich ehrgeizige Menschen mit viel Freizeit, die durch die Äußerung radikaler Ansichten in die Schlagzeilen gelangen wollen. Der gewöhnliche Geschäftsmann, Rechtsanwalt oder Lohnempfänger ist für sie kein Gegner.

Dem Laien mag es in brillianter Weise gelingen, sein Argument zu beweisen. Es ist nutzlos. Denn mit der ganzen Würde seines Amtes oder Lehrstuhls versehen ruft ihm sein Widersacher zu: „Der Irrtum der Überlegungen dieses Herrn wurde vor längerer Zeit schon von den berühmten deutschen Professoren Mayer, Müller und Schmidt entlarvt. Nur ein Schwachkopf kann solchen antiquierten und erledigten Ideen weiterhin anhängen.“ Der Laie hat in den Augen der Zuhörerschaft – die vollkommen der Unfehlbarkeit des Fachmannes vertraut – an Glaubwürdigkeit verloren. Er weiß nicht, wie er antworten soll. Er hat die Namen dieser herausragenden deutschen Professoren niemals gehört. Daher weiß er nicht, daß deren Bücher schlichter Humbug und voller Unsinn sind und daß sie die von ihm aufgeworfenen Probleme nicht berühren. Er mag es später erfahren. Doch die Tatsache, daß er an Ort und Stelle unterlegen war, kann er nicht ändern.

Oder der Laie mag die Undurchführbarkeit einer vorgeschlagenen Maßnahme geistreich beweisen. Dann erwidert der berufsmäßige Meinungsbildner scharf: „Dieser Herr ist so unbewandert, daß er nicht weiß, daß das vorgeschlagene Modell sehr erfolgreich im sozialistischen Schweden und im roten Wien war.“ Wieder ist unser Laie zum Schweigen gebracht. Wie kann er wissen, daß beinahe alle englischsprachigen Bücher über Schweden und Wien Produkte der Propaganda sind, die die Tatsachen völlig verdrehen? Er hatte nicht die Gelegenheit, zutreffende Informationen von den Ursprungsquellen her zu erhalten.

Der Höhepunkt der Redekunst des berufsmäßigen Meinungsbildners ist natürlich immer die Bezugnahme auf Rußland, das Arbeiter- und Bauernparadies. Beinahe dreißig Jahre lang durften nur fanatische Kommunisten und deren Mitreisende Rußland betreten. Ihre Berichte sind unkritische Verherrlichungen der Sowjets, einige von ihnen gänzlich unehrlich, der Rest kindlich in seiner naiven Leichtgläubigkeit. Es ist eine der beruhigendsten Tatsachen, daß einige dieser Reisenden in Rußland ihre sowjetfreundliche Neigung aufgaben und, wieder daheim, ungeschminkte Darstellungen veröffentlichten. Aber die berufsmäßigen Meinungsbildner werden mit diesen Büchern leichtfertig, indem sie deren Autoren „Faschisten“ nennen.

Was gebraucht wird, ist die bürgerlichen Führer für solche Begegnungen mit berufsmäßigen Predigern der Bürokratisierung und Verstaatlichung zu wappnen. Es ist hoffnungslos, den Trend zur Bürokratisierung durch den bloßen Ausdruck von Empörung und durch eine nostalgische Verherrlichung der guten alten Zeiten aufzuhalten. Diese alten Tage waren nicht so gut, wie sie einigen unserer Zeitgenossen erscheinen. Großartig war an ihnen, daß sie sich auf die – dem System unbehinderter Marktwirtschaft innewohnende – Tendenz zur Verbesserung stützten. Sie glaubten nicht an die Göttlichkeit des Staates. Dies wahr ihr Ruhm.

Die schädlichste Folge des Widerwillens des durchschnittlichen Bürgers, sich ernsthaft mit wirtschaftlichen Problemen zu befassen, ist seine Bereitschaft, Kompromißlösungen zu unterstützen. Er betrachtet den Konflikt zwischen Kapitalismus und Sozialismus, als ob es sich um einen Zwist zweier Gruppen – Arbeiter und Kapitalisten – handelte, von denen jede den fraglichen Gegenstand für sich beansprucht. Da er selber nicht in der Lage ist, die Berechtigung der von jeder der Parteien vorgebrachten Argumente zu beurteilen, denkt er, daß es eine gerechte Lösung sein würde, den Streit durch eine freundschaftliche Abmachung zu beenden: jeder der streitenden Parteien sollte ein Teil ihrer Ansprüche zugestanden werden. Auf diese Weise erwarb das Programm der Staatseingriffe in die Privatwirtschaft sein Ansehen. Es sollte weder völligen Kapitalismus noch vollständigen Sozialismus geben, sondern etwas dazwischen, einen Mittelweg. Dieses dritte System, behaupten seine Unterstützer, sollte ein durch Staatseingriffe in die Privatwirtschaft regulierter und reglementierter Kapitalismus sein. Doch diese Staatseingriffe sollten keinem vollständigen Staatszugriff auf alle wirtschaftlichen Betätigungen gleichkommen; sie sollten auf das Entfernen einiger besonders anstößiger Auswüchse des Kapitalismus begrenzt sein, ohne die Betätigungen der Unternehmer gänzlich zu unterdrücken. Folglich werde eine Gesellschaftsordnung entstehen, die angeblich so weit vom völligen Kapitalismus wie vom völligen Sozialismus entfernt ist und die, während sie die jedem dieser zwei Systeme innewohnenden Vorteile beibehält, deren Nachteile vermeiden wird. Beinahe all jene, die nicht ohne Einschränkung völligen Sozialismus verteidigen, unterstützen heute dieses Programm von Eingriffen (Interventionismus), und alle Regierungen, die nicht gerade heraus und offen sozialismusfreundlich sind, haben eine Politik wirtschaftlichen Interventionismus’ angenommen. Es gibt heutzutage sehr wenige, die sich jeglicher Staatseinmischung bei Preisen, Lohnsätzen, Zinssätzen und Gewinnen entgegenstellen, und die sich nicht scheuen zu behaupten, daß sie Kapitalismus und freies Unternehmertum als das einzige durchführbare System und als wohltätig für die Gesamtheit der Gesellschaft und für alle ihre Mitglieder ansehen.

Nichtsdestoweniger sind die Überlegungen der Verteidiger dieser mittleren Lösung völlig irreführend. Der Konflikt zwischen Kapitalismus und Sozialismus ist nicht ein Kampf zwischen zwei Parteien um einen größeren Anteil an der gesellschaftlichen Dividende. Die Angelegenheit in dieser Weise zu sehen kommt einer völligen Billigung der Lehren der Marxisten und der anderen Sozialisten gleich. Die Gegner des Sozialismus bestreiten, daß irgendeine Gruppe oder Klasse im Sozialismus besser als im reinen Kapitalismus fahren würde. Sie bestreiten die Ansicht, daß es den Arbeitern in einem sozialistischen Gemeinwesen besser erginge und daß diese folglich durch die schiere Existenz des kapitalistischen Systems benachteiligt werden. Sie empfehlen Kapitalismus nicht um selbstsüchtiger Interessen der Unternehmer und Kapitalisten, sondern um aller Mitglieder der Gesellschaft willen. Der große historische Konflikt um das Problem der wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaft kann nicht wie ein Zwist zweier Geschäftsleute um einen Geldbetrag behandelt werden; er kann nicht gelöst werden, indem der Differenzbetrag geteilt wird.

Der wirtschaftliche Interventionismus ist eine selbstzerstörerische Politik. Die einzelnen von ihm angewandten Maßnahmen bringen die gewünschten Ergebnisse nicht zutage. Sie führen zu einem Zustand, der – vom Standpunkt seiner Verteidiger selbst – sehr viel unerwünschter ist als der vorherige Zustand, den sie zu ändern beabsichtigten. Jahraus jahrein verlängerte Arbeitslosigkeit eines großen Teiles derer, die bereit sind, Löhne zu verdienen, Monopole, Wirtschaftskrisen, allgemeine Verringerung der Produktivität wirtschaftlicher Bemühungen, wirtschaftlicher Nationalismus und Krieg sind die unausweichlichen Folgen von Staatseinmischungen in die Privatwirtschaft, wie sie von den Unterstützern der dritten Lösung vorgeschlagen werden. All jene Übel, für die die Sozialisten den Kapitalismus verantwortlich machen, sind genau das Ergebnis dieser unglücklichen, angeblich „fortschrittlichen“ Politik. Die katastrophalen Ereignisse, die das Wasser auf den Mühlen der radikalen Sozialisten sind, sind die Folge der Ideen jener, die sagen: „Ich bin nicht gegen Kapitalismus, aber …“ Solche Leute sind im Grunde die Wegbereiter von Verstaatlichung und durchgreifender Bürokratisierung. Ihr Unwissen bringt das Unheil hervor.

Arbeitsteilung und Spezialisierung sind wesentliche Züge der Zivilisation. Ohne sie wären sowohl materieller Reichtum als auch geistiger Fortschritt unmöglich. Das Vorhandensein einer zusammengefaßten Gruppe von Wissenschaftlern, Gelehrten und Forschungsassistenten ist eine Folge der Arbeitsteilung, genau wie das Vorhandensein irgendeiner anderen Klasse von Spezialisten. Der Mensch, der sich in Nationalökonomie spezialisiert, ist ein Spezialist wie alle anderen Spezialisten. Das weitere Fortkommen der Wirtschaftswissenschaft wird auch in Zukunft eine Errungenschaft von Menschen sein, die all ihr Streben dieser Aufgabe widmen.

Aber für die Bürger wäre es ein schicksalhafter Fehler, die Beschäftigung mit Wirtschaftsstudien allein den berufsmäßigen Meinungsbildnern zu überlassen. Da die wichtigsten Streitfragen der heutigen Politik wirtschaftlicher Natur sind, würde eine solche Verzichtleistung einer vollständigen Abdankung der Bürger zugunsten der berufsmäßigen Meinungsbildner gleichkommen. Wenn die Wähler oder die Mitglieder des Parlamentes den Problemen gegenüberstehen, die durch eine Gesetzesvorlage bezüglich der Verhinderung von Viehseuchen oder des Baus eines Amtsgebäudes aufgeworfen werden, können sie die Diskussion der Einzelheiten den Fachleuten überlassen. Solche tierärztlichen und bautechnischen Schwierigkeiten beeinträchtigen die Grundlagen des gesellschaftlichen und politischen Lebens nicht. Sie sind wichtig, aber nicht vorrangig und lebenswichtig. Doch wenn nicht nur die Massen, sondern sogar der größere Teil ihrer gewählten Vertreter erklären: „Diese monetären Probleme können nur von Spezialisten verstanden werden; wir haben keine Neigung, sie zu studieren; in dieser Angelegenheit müssen wir den Fachleuten vertrauen“, treten sie im Grunde ihre Oberherrschaft den mit diesen Fragen beruflich Befaßten ab. Es macht keinen Unterschied, ob sie ihre gesetzgeberische Macht formell weiterreichen oder nicht. Die Bürokraten führen die Angelegenheit weiter.

Die einfachen Bürger liegen falsch, wenn sie sich beklagen, daß die Bürokraten sich Macht angemaßt hätten; sie selbst und ihre Vertreter haben ihre Oberherrschaft aufgegeben. Ihre Unkenntnis grundlegender Probleme der Nationalökonomie begründete die Vorherrschaft der berufsmäßigen Spezialisten. Alle technischen und juristischen Einzelheiten der Gesetzgebung können und müsssen den Fachleuten überlassen werden. Aber die Demokratie wird undurchführbar, wenn die herausragenden Bürger, die geistigen Führer der Gemeinschaft, nicht in der Lage sind, sich ihre eigene Meinung über gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Grundsätze der Politik zu bilden. Wenn sich die Bürger unter der geistigen Herrschaft der bürokratisch Gesinnten unter den berufsmäßigen Meinungsbildnern befinden, bricht die Gesellschaft in zwei Kasten auseinander: die herrschenden berufsmäßigen Meinungsbildner, die Brahmanen, und die einfältige Bürgerschaft. Dann entsteht Despotismus, wie immer der Wortlaut von Verfassungen und Gesetzen sein mag.

Demokratie heißt Selbstbestimmung. Wie können Menschen über ihre eigenen Angelegenheiten bestimmen, wenn sie zu gleichgültig sind, um durch eigenes Nachdenken ein unabhängiges Urteil über grundlegende politische und wirtschaftliche Probleme zu gewinnen? Die Demokratie ist kein Gut, dessen sich Menschen ohne Unannehmlichkeiten erfreuen können. Im Gegenteil ist sie ein Schatz, der täglich aufs Neue durch unentwegte Bemühungen verteidigt und erobert werden muß.

Aus „Die Bürokratie“ (1944) von Ludwig von Mises, Seite 120 – 125. Academia Verlag, Sankt Augustin.

—————————————————————————————————————————————————————————-

Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene “Die Gemeinwirtschaft” gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die “Unmöglichkeit des Sozialismus”. Sein Werk “Human Action” (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen “Bibel”. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.

Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text. captcha txt

Start typing and press Enter to search