Der Wutbürger

2.7.2012 – von Rahim Taghizadegan.

Rahim Taghizadegan

Ein neuer Bürger ist geboren. Er weiß nicht, was er will. Aber er weiß, was er nicht will. Er stellt die selbsternannten Eliten in Frage. Und er begehrt auf. Wem gehört die Zukunft: dem Wutbürger oder der Wut auf ihn?

Dirk Kurbjuweit publizierte im Oktober 2010 im «Spiegel» einen Essay mit dem Titel «Wutbürger» und prägte damit einen neuen Modebegriff. Ein wenig wütend schien der Journalist selbst zu sein über das ungebührliche Betragen jener, die er «Bürgerliche» nannte. Diese konservativen, wohlhabenden, vorwiegend älteren Herrschaften hatten sich unartige Buhrufe gegen Soziologen erlaubt, die bei einer Münchner Veranstaltung den Stab über dem Sozialdemokraten Thilo Sarrazin, Autor von «Deutschland schafft sich ab», gebrochen hatten. Das sei wohl derselbe Menschenschlag, schimpfte Kurbjuweit, der ganz allgemein gegen alles Neue und Fremde auftrete. Das saturierte Bürgertum sei fortschrittsmüde geworden und wolle in seinen Villen schlicht Ruhe haben: Die Wutbürger haben der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt und weigern sich in renitenter Weise, die «Demokratie» weiterhin mitzutragen.

Der Spott über den Bürger ist so alt wie das Bürgertum. Seit seinen Anfängen trieft er vor aristokratischem Hochmut, der sich über die Emporkömmlinge lustig macht. Seit der «dritte Stand» jedoch begann, sich gesellschaftlich durchzusetzen, wird der «Bürger» wie der «Spiesser» oder «Bünzli» zum Kampfbegriff, mit dessen Hilfe sich die einen über die anderen stellen. So gibt es hinfort gute und schlechte Bürger: der engagierte, staatstragende Citoyen und der saturierte, eigennützige Bourgeois. Kurbjuweit spielt auf derselben, uralten Klaviatur, fügt ihr jedoch ein neues Stück hinzu: Da engagiert sich nun der Bourgeois endlich, und auch das wird ihm noch zum Vorwurf gemacht. Wir lernen also, dass es eben auch genehmes und weniger genehmes Engagement gibt.

Was als Charakterstudie der «Bürgerlichen» daherkommt, entlarvt sich als ideologische Abrechnung. Der Wutbürgerbegriff ist nichts anderes als eine Retourkutsche für Sarrazin, der es schaffte, mit einem Bestseller die Massen anzusprechen und zu mobilisieren. Das Volk ist Kurbjuweit, der sich selbst zu einer publizistischen Elite zählt, durchwegs suspekt. Und das ist der interessante Punkt. Begriff und Phänomen des Wutbürgers sind symptomatisch für die zunehmenden Konflikte entlang der Bruchlinie zwischen selbsternannter Elite und Volk.

Der Neobünzli

Den Wutbürgern wird im begriffsbildenden Artikel Kurbjuweits weniger eine konkrete inhaltliche Position als vielmehr ihr unartiges Betragen vorgeworfen. Der Journalist gibt Betragensnoten und folgt auch sonst dem Duktus eines Erziehungsberechtigten. Diese Pose entspringt einem sozialen Milieu, das sich interessanterweise durch eine neue Spießigkeit auszeichnet: wohlhabende Städter, die Alternativsein als Lebensstil kultivieren. Die Publizisten sind die Oberlehrer der Gesellschaft, die auf die Einhaltung der gerade herrschenden moralischen Standards achten. Es sind, helvetisch gesprochen, die Neobünzli, die sich selbst überwiegend politisch links verorten, obwohl sie vor allem apolitisch sind. Die neue antibourgeoise Bourgeoisie lebt in Berlin etwa in Lofts am Prenzlauer Berg, in Wien in Altbauwohnungen im Bezirk Neubau, in Zürich zunehmend in Aussersihl.

Die Klassenteilung zwischen selbsternannter Elite und Volk mag etwas platt erscheinen. Doch es handelt sich um eine brauchbare Vereinfachung, um eine offensichtliche Entwicklung auszudrücken: die zunehmende Kluft zwischen den Lebensrealitäten und Weltbildern der Entscheidungsträger in Politik, Medien, Kultur auf der einen Seite und den Politik-, Medien- und Kulturkonsumenten auf der anderen Seite.

Die Elite rümpft die Nase über die ideologischen und politischen Unkorrektheiten der Masse, missversteht aber deren Bedeutung. Primär wird die Kluft durch den zentralistischen Umverteilungsapparat geschaffen, als der heute der Staat dargestellt wird. In praktisch allen «Demokratien» westlichen Zuschnitts profitieren mittlerweile mehr als die Hälfte der Bevölkerung in existentiell relevantem Masse von staatlichen Transferleistungen. Die Ausbeutung der produktiven Minderheit fällt nur deshalb noch nicht in aller Härte auf, weil die Vermehrung der Geldmenge, insbesondere durch Kredite, einen Scheinwohlstand geschaffen hat, der zugleich Blase und Puffer ist.

Die durch Transfers und Kreditvermehrung bedingten Umverteilungsprozesse haben es Schichten der Bevölkerung erlaubt, sich von der Realität abzukoppeln. Jene, die besonders nahe am Transfer- und Kreditvermehrungsapparat stehen, lullen sich in Illusionen von Überfluss, Kontrolle und Macht ein. Neben Politikern, Angestellten der Geldindustrie und ihrer Schar von Zulieferern und «Experten» zählen auch die meisten Journalisten hierzu. Sie leben zwar nicht direkt von Subventionen, doch von der überhöhten Aufmerksamkeit für Politik und von überrissenen Werbeetats – beides durch «billiges Geld» aufgebläht.

Diese Wohlstandsschein- bzw. Scheinwohlstandswelt hat eine ebenso ideologiefreie wie moraltriefende Geisteshaltung geschaffen, die den Wohlfahrtsstaat für das Ende der Geschichte hält. Die modernen Hohepriester verstecken sich hinter tabuisierten Begriffen wie «Demokratie» und «Rechtsstaat», wobei sie die Begriffe ihres Gehalts beraubt haben. Nur die leeren Schalen blieben als Mantras, mit denen sich die vermeintliche Elite selbst in ihren nützlichen Illusionen bestätigt. Den Blasenpuffer des Scheinwohlstands verwechseln sie mit sozialem Frieden und klopfen sich kräftig auf die Schultern. Die Herrschaft über das Geldmonopol verwechseln sie mit unbegrenzter Machbarkeit. Die künstliche Vermassung und Skalierung verwechseln sie mit Popularität und Reichweite. Die eigenen Umverteilungsgewinne verwechseln sie mit ewigem Wachstum.

Das Vertrauen in diese Elite, in ihre Ansprüche der Mach- und Kontrollierbarkeit, schwindet gerade dramatisch. Die Folge dieses Vertrauensschwundes ist zunächst Zukunftsangst und dann, aufgrund des Ohnmachtsgefühls, eine diffuse Wut. Entzünden kann sich diese Wut nur an konkreten Ärgernissen, solange ein tieferes Verständnis fehlt – ein Verständnis, das gerade die selbsternannte Elite durch ihre oberlehrerhafte Informationstätigkeit erfolgreich hintertreibt. Diese konkreten Ärgernisse müssen der Elite unverständlich bleiben, weil sie einer anderen Lebenswelt entstammen – sie sieht darin bloss den Ausdruck von Egoismus und Kleingeistigkeit.

Während das undurchsichtige Verschieben von Billiardenbeträgen wenig fassbar ist, erregen kleinere Summen und kleinere Bezüge den Ärger des Volkes. Der wohlunterhaltene Massenmensch ist erst dann zum Widerstand bereit, wenn sein eigener Hinterhof in Mitleidenschaft gezogen wird. Dabei schwindet die Bereitschaft, eigene Nachteile in Kauf zu nehmen, mit der Einsicht, wonach man selbst bei gemeinschaftlichen Entscheidungen nicht mehr ins Gewicht fällt. Die Grossbaustellen, in die sich zwecks «Wirtschaftsankurbelung» etwa in Wien gerade zwei Bahnhöfe verwandelt haben, schaffen mit Geld, das nicht da ist, Büroräume und Einkaufszentren, die niemand brauchen wird. Wie einfältig anzunehmen, dass jede Wut darüber bloß auf den Baulärm zurückzuführen sei! Die eigenen Nachteile der Bürger sind bloß konkrete Anlässe, an denen sich aufgestaute, diffuse Wut endlich artikulieren kann.

Die gute Wut

Die Wut ist ein Lebenszeichen. Sie ist keinesfalls stets ein Zeichen der Maßlosigkeit und mangelnder Tugend. Aristoteles bemerkt in der Nikomachischen Ethik: «Denn wer sich nicht zu erregen vermag, wo es am Platze wäre, darf als blöde angesehen werden, desgleichen wer es nicht in der richtigen Weise und nicht zur richtigen Zeit und nicht gegenüber den richtigen Personen vermag. Er erweckt den Eindruck, als merke er gar nichts, als habe er auch kein Gefühl für das Unangenehme und als sei er – eben weil ihm die zornige Erregung fremd ist – gar nicht darauf eingestellt, sich zu wehren. Dabei verrät es doch knechtischen Sinn, sich in den Schmutz ziehen zu lassen und für Menschen nicht einzutreten, die uns nahestehen.» Wer heute keinerlei Wut verspürt, muss in der Tat von Natur aus apathisch oder durch mediale Medikamente ziemlich ruhiggestellt sein – oder eben ein Günstling von Strukturen, die entgegen der allseits genährten Illusion der Nachhaltigkeit nicht nachhaltig sein können.

Was als Schmähbegriff begann, gewinnt bald eine neutrale und schließlich sogar eine positive Konnotation. In der Wut erwacht der Bürgersinn zum Leben. Auf die Täuschung folgt eben die Ent-Täuschung, und die muss zunächst wütend machen. Anfänglich tappt die Wut blind herum. Zuerst entzündet sie sich am eigenen Nachteil. Dann beginnt sie sich an den selbsternannten Erziehungsberechtigten in Politik und Medien zu reiben. Das Diktat der politischen Korrektheit und das Beschwören multikultureller Einheit erweisen sich als wunde Punkte, an denen man die selbsternannten Eliten so richtig ärgern kann. Diese reagieren empört und bedienen sich der angestammten Rhetorik moralischer Überlegenheit, um die in ihren Augen tumben Massen zu maßregeln. Diese ideologische Polarisierung heizt die Wut weiter an. Unter all den Wütenden der kommenden Jahre wird sich der Wutbürger im besten Sinne dadurch auszeichnen, dass er aus der anfänglichen Wut zunächst die Kraft für ein fast aussichtsloses Unterfangen schöpft, um dann die Wut der dazu nötigen Gelassenheit weichen zu lassen.

Es ist dies das ambitionierte Unterfangen der neuen Bürger, ihr Gemeinwesen zurückzugewinnen, bevor es in den zerbrechenden Strukturen politischer Hybris endgültig zermahlen wird.

Dieser Beitrag ist in der Autorenzeitschrift „Schweizer Monat“ – Ausgabe Juni 2012 erschienen – vielen Dank für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

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Rahim Taghizadegan ist Ökonom, Gründer und Präsident des Instituts für Wertewirtschaft in Wien.

Hier finden Sie ein Interview mit Rahim Raghizadegan über sein Buch „Wirtschaft wirklich verstehen“.

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