Der Ökonom: Nur Beruf oder Berufung? – Teil 1

19. August 2019 – von Joseph T. Salerno

Joseph T. Salerno

Sollte man Ökonomie als Beruf betreiben oder als Berufung? Ich bin der Meinung, dass diese Entscheidung sehr wichtig ist und verantwortlich dafür, ob ein Ökonom sich in den Dienst der Wahrheit und der Freiheit stellt oder sein Talent an Bequemlichkeit, Modeerscheinungen und Etatismus verschwendet.

The New Shorter Oxford English Dictionary beschreibt eine „Berufung“ als „die Arbeit oder Funktion, zu der sich eine Person berufen fühlt; eine Lebensweise oder Beschäftigung, die Hingabe erfordert.“ Der angesehene Semantiker S. I. Hayakawa betont die Wichtigkeit der Hingabe als wichtigstes Merkmal, um eine Berufung von einem Beruf zu unterscheiden.

Gemäß der Praxeologie macht eine Berufung das aus, was Ludwig von Mises „nach innen gerichtete“ Arbeit genannt hat, während ein Beruf „nach außen gerichtete“ Arbeit erfordert. Nach innen gerichtet heißt, dass die Arbeit als Selbstzweck verrichtet wird, und nicht, um andere Ziele zu erreichen. Nach außen gerichtete Arbeit wird hingegen verrichtet, weil jemand „den Arbeitslohn dem Arbeitsaufwand und der entgangenen Freizeit vorzieht“.

Eines der „zwei markantesten Beispiele“ für nach innen gerichtete Arbeit ist laut Mises „die Suche nach Wahrheit und Wissen, die als Selbstzweck verfolgt wird, und nicht als Mittel, um die eigene Effizienz und die eigenen Fähigkeiten in anderen Tätigkeiten, die wiederum anderen Zielen dienen, zu steigern.“ Das zweite Beispiel ist „echter Sport, der nicht zum Erlangen von Belohnungen oder sozialem Erfolg ausgeübt wird“.

Es ist nicht so, dass die Tätigkeit des „Wahrheitssuchers“ oder des „Bergsteigers“ ohne Arbeitsaufwand ausgeübt würde, es ist vielmehr gerade „der Arbeitsaufwand an sich, der die Befriedigung verschafft“. Darum gilt jede echte Wahrheitssuche in jeder wissenschaftlichen Disziplin wirtschaftlich als „Konsum“ und ihre Ausübung als Berufung.

So erfordert laut Mises die Ausübung jeglicher Berufung „nicht nur den persönlichen Einsatz desjenigen, der ihr nachgeht, sondern auch den Einsatz von Produktionsfaktoren und Erzeugnissen der nach außen gerichteten … Arbeit anderer, welche durch Zahlungen erworben werden müssen.

Mit anderen Worten erfordert die Suche nach echter Wahrheit in der Ökonomie, wie in jeder echten Wissenschaft, nicht nur nach innen gerichtete Arbeit, sondern auch Umgebungsbedingungen, zu denen andere Güter nötig sind, die wiederum freiwillig und zielgerichtet von anderen Eigentümern zur Verfügung gestellt werden.

Die Gründer der Österreichischen Schule haben die ökonomische Forschung weder für Geld noch für professionelle Anerkennung oder politischen Einfluss betrieben. So schreibt Mises: „Als Menger, Böhm-Bawerk und Wieser ihre wissenschaftlichen Karrieren begannen … betrachteten sie es als ihre Berufung, eine gesunde Grundlage der ökonomischen Theorie zu erschaffen, und sie widmeten sich diesem Ziel voll und ganz [die Betonungen sind von mir].“ Diese drei bedeutenden Österreicher waren also keine professionellen Ökonomen, sondern sie sahen die Ökonomie als Berufung.

Der „berufene“ Ökonom arbeitet im wissenschaftlichen Betrieb oder in irgendeiner anderen Branche wie dem Bankwesen, Journalismus oder Behörden, um die Mittel zu erlangen, mit denen er es finanziert, neue Wahrheiten zu entdecken oder etablierte Wahrheiten in Forschung und Veröffentlichungen zu erklären oder anzuwenden.

Der „professionelle“ Ökonom hingegen hat das Ziel, seinen Lebensunterhalt auf diese Art zu verdienen, Anerkennung von anderen Ökonomen zu erhalten, zu Ruhm zu kommen, die Politik zu beeinflussen, oder, höchstwahrscheinlich, eine Kombination aus allen diesen Dingen.

Der Unterschied zwischen berufenen und professionellen Ökonomen besteht also nicht in ihren objektiven Methoden des Gelderwerbs, sondern in ihren subjektiven Zielen, die sie erreichen wollen, und die für Außenstehende nicht erkennbar sind. Trotz des subjektiven Elements lassen sich diese zwei unterschiedlichen Ökonomen leicht voneinander unterscheiden, in dem man ihre unterschiedlichen Ansichten in Bezug auf ökonomische Forschung betrachtet, insbesondere ihren Wahrheitsgehalt und die Möglichkeit, dafür etwas zu erhalten.

Ökonomen aus Berufung wie Murray Rothbard haben kein Problem damit, aus der Mode gekommene Begriffe wie „Wahrheit“ und „Gesetz“ zu verwenden, wenn sie die Wissenschaft der Ökonomie beschreiben. Für Rothbard besteht die Ökonomie aus einem enormen Satz unverrückbarer und universeller logischer Gesetze, die sich logisch aus der Tatsache herleiten lassen, dass die Menschen Mittel einsetzen, um ihre begehrtesten Ziele zu erreichen. So fand Rothbard: „All diese komplexen [wirtschaftlichen] Gesetze sind absolut wahr“, und „die Ökonomie liefert … grundlegende Gesetze.

Außerdem arbeitete Rothbard in den 1950er und 1960er Jahren praktisch isoliert und völlig ohne Anerkennung an der österreichischen Ökonomie. Erst 1966 gelang es ihm, eine akademische Vollzeitstelle zu erhalten. Davor musste er sich für seinen Lebensunterhalt auf die unsichere Quelle der Förderung durch verschiedene Stiftungen verlassen, während er unverdrossen daran arbeitete, das Theoriegebäude der österreichischen Schule auszubauen. Und doch sagte Rothbard in einem Interview von 1990, dass er während dieser Zeit sehr zufrieden gewesen sei: „Jede Gelegenheit, ein Buch zu schreiben oder neue Leute kennenzulernen, war großartig.“ Das ist die Einstellung des idealen Ökonomen aus Berufung.

Das Problem der Berufsökonomen

Paul Samuelson ist das Paradebeispiel des modernen Berufsökonomen. So erklärte Samuelson einst völlig unbescheiden: „Wenn ich von moderner Ökonomie spreche, spreche ich im wesentlichen von mir.“ Damit gab er mehr Wahrheit preis, als er eigentlich beabsichtigte. Samuelson ist laut eigener Aussage ein Anhänger der „Ansichten von Ernst Mach und der rohen logischen Positivisten.

Diese sogenannten Philosophen der Wissenschaft geben sich damit zufrieden, dass „gute Theorien einfach ökonomische Beschreibungen der komplexen Realität sind, die einigermaßen gut Beobachtungen der Vergangenheit oder der Zukunft beschreiben.“ Natürlich sind ökonomische Theorien, die aus Kurzzusammenfassungen einer Abfolge vergangener und nicht wiederholbarer historischer Ereignisse bestehen, nicht geeignet, die unveränderlichen logischen Zusammenhänge zu erklären, die zu einem einzigartigen und komplexen wirtschaftlichen Phänomen in der Zukunft führen. Trotzdem ist Samuelson ein Anhänger dieser ökonomischen Theorie: „Nicht aus philosophischen Gründen, sondern einfach aus der langen Erfahrung, Ökonomie zu betreiben, die anderen Leuten gefällt, und die mir selbst gefällt … Wenn wir in der Lage sind, ein einigermaßen zufriedenstellendes WIE für Ereignisse zu liefern, so liefert das den einzigen Denkansatz für das WARUM, den es überhaupt braucht.

Die inzwischen diskreditierte Theorie des Zusammenhangs zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit auf der konstanten Philips-Kurve von Samuelson und Solow ist ein gutes Beispiel für in die Praxis umgesetzte Mach’sche Theorie. Ohne Zweifel erfreute sich die Philips-Kurve einige Zeit großer Beliebtheit bei Samuelson, Solow und anderen professionellen Ökonomen. Selbst Politiker verwendeten sie. Ihr Wahrheitsgehalt entpuppte sich allerdings im Angesicht der Stagflation der 1970er Jahre als exakt null.

Letztendlich kommt es dem professionellen Ökonomen jedoch gar nicht darauf an, ob er in der Lage ist, solchen unrealistischen Modellen ein Körnchen Wahrheit abzugewinnen, weil die Motivation für seine ökonomische Tätigkeit nicht in der Wahrheitsfindung besteht. So sagt Samuelson: „Langfristig gesehen arbeitet ein Ökonom nur für den einen Lohn, der wirklich zählt – den Applaus anderer Ökonomen.

An anderer Stelle beschreibt Samuelson Wissenschaftler, professionelle Ökonomen eingeschlossen, als „genau so habgierig und von Konkurrenzdenken erfüllt wie Smith’sche Geschäftsleute. Sie streben nicht nach Äpfeln, Nüssen oder Yachten und auch nicht nach Macht im gewöhnlichen Sinn. Wissenschaftler streben nach Ruhm. Sie streben nach Ruhm unter ihres gleichen. Sie wollen den Respekt der Wissenschaftler erlangen, die sie selbst respektieren.

Samuelsons Beschreibung der nach außen gerichteten Belohnung, nach der moderne professionelle Ökonomen streben, liefert unfreiwillig den Beweis, dass es ihnen nicht vornehmlich um die Suche nach Wahrheit geht.

Warum wir wählen müssen

Mises liefert eine schlüssige Erklärung dafür, warum Akademiker in den aprioristischen Wissenschaften wie Ökonomie und Philosophie von der Wahrheitssuche abgebracht werden und andere Ziele verfolgen. Als Universitäten gegründet wurden, wurde von den Professoren erwartet, dass sie nicht nur unterrichteten, sondern auch ihre eigene Wissenschaft vorantrieben.

Außerdem erkannte Mises, dass zu jeder Zeit nur eine sehr geringe Anzahl von Menschen dazu in der Lage war. In den empirischen Wissenschaften, sei es in den Naturwissenschaften oder den Geschichtswissenschaften, lässt sich die Illusion aufrechterhalten, dass jeder Forscher mit seiner Arbeit etwas beiträgt, weil es keine sichtbaren Unterschiede in den Methoden des kreativen Genies und des unbegabten Forschers gibt.

So erklärt Mises:

Der große Innovator und der schlichte Routinier verwenden bei ihrer Arbeit dieselben technischen Forschungsmethoden. Sie arrangieren Laborexperimente oder sammeln historische Dokumente. Nach außen unterscheiden sich ihre Arbeiten nicht. Ihre Veröffentlichungen beziehen sich auf dieselben Themen und Fragestellungen.

Ökonomische Forschung ist da ganz anders: Für sie ist ununterbrochenes, konsequentes und systematisches Denken erforderlich – etwas, zu dem nur sehr wenige in der Lage sind, und zu dem noch viel weniger bereit sind. Dies gilt sowohl für das kreative Genie, das ein großartiges Gedankengebäude ökonomischer Theorie errichtet, als auch für diejenigen, die dieses verfeinern, erweitern und auf neue Probleme anwenden wollen. Auch dessen Schüler und Anhänger müssen viele Jahre ihres Lebens und große geistige Anstrengungen darauf verwenden, Herren des vollständigen Theoriegebäudes zu werden, bevor sie auch nur kleine eigene Beiträge zur Ökonomie leisten können. Deshalb lautet Mises‘ Schlussfolgerung:

Es gibt rein gar nichts, das der Routinier nur mit Arbeitsaufwand erreichen kann. Es gibt keine Aufgaben, die den gewissenhaften und mühseligen Einsatz eines fleißigen Schreibers erfordern. Es gibt keine empirische Forschung; alles lässt sich nur mit der Fähigkeit des Nachdenkens und Schlussfolgerns erreichen. Es gibt keine Spezialisierung, weil alle Probleme miteinander zusammenhängen. Hat man nur mit einem kleinen Teilbereich der Wissenschaft zu tun, so hat man stets auch mit ihrer Gesamtheit zu tun.

Angehende Ökonomieprofessoren, denen es an intellektuellen Fähigkeiten oder der nötigen Einstellung für systematische, theoretische Forschung mangelt, müssen sich also andere Betätigungsfelder suchen, um die nötigen wissenschaftlichen Beiträge abzuliefern. So wandten sich diese Leute zum Beispiel an den deutschsprachigen Universitäten des 19. Jahrhunderts der Wirtschaftsgeschichte und der beschreibenden Ökonomie zu. Mises scharfsinnige, soziologische Analyse kommt zu dem Schluss, dass der Aufstieg und die weite Verbreitung der Deutschen Historischen Schule an den Universitäten, und ihre geradezu hysterische Abneigung gegen jede ökonomische Theorie, folgenden Grund hat:

Die Wunschvorstellung, dass in den Wissenschaften alle Professoren gleichgestellt sind, lässt es nicht zu, dass es in der Ökonomie zwei Arten von Professoren gibt: Diejenigen, die [als schöpferische Theoretiker] unabhängig in der Ökonomie arbeiten, und diejenigen, die aus der Wirtschaftsgeschichte und der beschreibenden Ökonomie kommen. Der Minderwertigkeitskomplex der „Empiriker“ lässt sie die Theorie verabscheuen.

In den 1920er Jahren war die Deutsche Historische Schule so ziemlich am Ende, allerdings immer noch fest in der akademischen Welt verankert. Die Angehörigen der dritten Generation dieser Schule waren langweilig und inspirationslos, mit Ausnahme von Werner Sombart, einem Schüler von Gustav Schmoller, dem führenden Historiker der zweiten Generation. Mises, der Sombart persönlich kannte, beschrieb diesen als den Inbegriff des professionellen Ökonomen. Mises‘ unterhaltsame und vernichtende Beschreibung Sombarts lohnt es, in ihrer Gänze zitiert zu werden, weil die Persönlichkeit, die da im Geiste entsteht, das genaue Gegenteil des Ökonomen aus Berufung ist:

Werner Sombart war der unangefochtene Meister seiner Zeit. Er war als Pionier der Wirtschaftsgeschichte, der Wirtschaftstheorie und der Soziologie bekannt. Und er genoss einen Ruf als unabhängige Persönlichkeit, weil er sich einst den Ärger Kaiser Wilhelms zugezogen hatte. Professor Sombart verdiente die Anerkennung seiner Kollegen wahrhaft, weil er in seiner Person all ihre Fehler vereinte. Er kannte nie eine andere Motivation als die, Aufmerksamkeit zu erregen und Geld zu verdienen. Sein gewaltiges Werk zum Thema moderner Kapitalismus ist ein historistisches Monstrum. Er strebte stets nach Anerkennung der Öffentlichkeit. Er verwickelte sich in Widersprüche, weil ihm dies den Erfolg garantierte. Er war hochbegabt, hatte aber zu keiner Zeit das Verlangen, selbst zu denken oder ernsthaft zu arbeiten. An der Berufskrankheit deutscher Professoren – Illusionen der eigenen Größe – war er schwerstens erkrankt. Wenn gerade Marxismus in Mode war, war er Marxist; als Hitler an die Macht kam, schrieb er, der Führer erhalte seine Anweisungen von Gott persönlich! (Mises 1978, Seite 1902 – 103)

„Der Ökonom: Nur Beruf oder Berufung? -Teil 2“ finden Sie hier.

Literatur:

_____. [1969] 1984. The Historical Setting of the Austrian School of Economics. Auburn Ala.: Ludwig von Mises Institute.

_____. 1998. Human Action: A Treatise on Economics. Scholar’s ed. Ed. Jeffrey M. Herbener, Hans-Hermann Hoppe, and Joseph T. Salerno. Auburn, AL: Ludwig von Mises Institute.

_____. 1990b. „A Conversation with Murray N. Rothbard.“ Austrian Economics Newsletter 11 (Summer).

_____. 2004. Man, Economy, and State: A Treatise on Economic Principles with Power and Market: Government and the Economy. Scholar’s ed. Auburn, Ala.: Ludwig von Mises Institute.

Salerno, Joseph T. 2002. „The Rebirth of Austrian Economics—In Light of Austrian Economics.“ The Quarterly Journal of Austrian Economics 5 (Winter): 111–28.

Samuelson, Paul A. [1949] 1968. „International Factor-Price Equalisation Once Again.“ In Richard E. Caves and Harry G. Johnson, eds., Readings in International Economics. Homewood, Ill.: Richard D. Irwin. Pp. 58–71.

_____. [1962] 1970. „Economists and the History of Ideas.“ In Ingrid H. Rima, ed., Readings in the History of Economic Theory. New York: Holt, Rinehart and Winston. Pp. 282-95.

_____. 1988. „Economics in My Time.“ In William Breit and Roger W. Spencer, eds., Lives of the Laureates: Seven Nobel Economists. Cambridge, MA: The MIT Press. Pp. 59-76.

_____. 1993. „My Life Philosophy: Policy Credos and Working Ways.“ In Michael Szenberg, Eminent Economists: Their Life Philosophies. New York: Cambridge University Press. Pp. 236-47.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Economics: Vocation or Profession? ist am 16.7.2019 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Dr. Joseph T. Salerno ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Pace Universtity, New York. Er ist zudem Academic Vice President des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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