Wie Bitcoin und Blockchain Wirtschaft und Gesellschaft verändern

19. Juni 2019 – Interview mit Aaron Koenig zu seinem neuen Buch „Die dezentrale Revolution: Wie Bitcoin und Blockchain Wirtschaft und Gesellschaft verändern“.

Aaron Koenig, Jahrgang 1964, ist Unternehmer, Berater und Buchautor („Bitcoin – Geld ohne Staat“). Seine Firma ‚Private Key‘ berät beim Erwerb und sicheren Speichern von Bitcoins und beim professionellen Einsatz von Blockchain-Technologie: www.privatekey.biz

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Herr Koenig, gleich zu Beginn Ihres neuen Buches stellen Sie zum Bitcoin eine Frage, die ohne Zweifel sehr viele Menschen beschäftigt: Haben wir es hier also mit einer Blase zu tun? Meine Frage: Haben wir?

Aaron Koenig

Unter eine Blase verstehe ich, wenn ein eigentlich nicht besonders wertvolles Gut, wie eine Tulpenzwiebel oder eine Telekom-Aktie, sich durch einen Masseneffekt künstlich verteuert. Blasen platzen jedoch, wenn die Leute entdecken, dass das Gut den hohen Preis nicht wert ist. In der Regel bleibt der Preis nach dem Platzen der Blase dann am Boden und erholt sich nicht wieder.

Das ist bei Bitcoin völlig anders. Bitcoin ist das knappste Gut der Welt, noch knapper als Gold. Es eignet sich hervorragend für das Bezahlen im Internet, über alle Grenzen, zu niedrigen Kosten und blitzschnell. Die Nachfrage nach Bitcoin nimmt immer mehr zu, das Angebot kann jedoch nur sehr langsam und mit abnehmendem Tempo wachsen, bei 21 Millionen Bitcoins ist Schluss. Daher ist es logisch, dass der Preis steigt. Bitcoin ist allerdings ein noch sehr junges Phänomen, bei dem eine hohe Volatilität durchaus üblich ist.

Seit ich im Frühjahr 2011 auf Bitcoin gestoßen bin, habe ich bereits fünf Hype-Zyklen erlebt. Jedes Mal ist der Preis rasant angestiegen, um dann wieder abzustürzen, allerdings immer auf ein deutlich höheres Niveau als vor dem Hype. Von einem Dollar im Mai 2011 ist der Bitcoin seitdem auf rund 8000 Dollar gestiegen. Ich denke, das werden wir in ein paar Jahren für einen Schnäppchenpreis halten.

Die Zahl der möglichen Transaktionen, die das Bitcoin-Netzwerk abwickeln kann, ist immer noch bei etwa sieben pro Sekunde. Bei unserem letzten Gespräch vor knapp zwei Jahren haben wir bereits über dieses Problem gesprochen und sie sagten, es würde am sogenannten Lightning Network gearbeitet, das viele Tausend Transaktionen pro Sekunde ermöglichen würde. Getan hat sich seitdem nicht viel …

Der Eindruck ist nicht korrekt, das Lightning Network hat sich ganz prächtig entwickelt. Vor zwei Jahren war es nicht viel mehr als eine Idee, heute gibt es bereits mehrere Tausend Knotenpunkte des Netzwerks und diverse Lightning-fähige Wallets. Es ist bereits voll einsatzfähig, zu minimalen Gebühren, im Unterschied zu klassischen Bitcoin-Zahlungen voll anonym, aber mit der Sicherheit der Bitcoin-Blockchain.

Über das Lightning Network wurde kürzlich ein Kunstwerk an den Wenigstbietenden versteigert – für einen Millisatoshi, das sind 0,00000000001 Bitcoin, zur Zeit also  etwa 0,00000007‬ Euro. Das zeigt, dass man auch Minimalbeträge über das Lightning Network schicken kann, was mit dem bisherigen Bitcoin-Netzwerk nicht möglich war. Mein Buch kann man natürlich auch schon über das Lightning Network kaufen: https://www.mobybit.shop/aaron-koenig-dezentrale-revolution.php

Wie viele Transaktionen sind es, die aktuell abgewickelt werden können? Bei Visa oder Mastercard sind es Tausende pro Sekunde, das schreiben Sie ja selbst im Buch…

Theoretisch sind einige Millionen Transaktionen pro Sekunde möglich, dafür sind allerdings noch einige technische Verbesserungen nötig, an denen derzeit gearbeitet wird. Einige Tausend sind jedoch bereits heute machbar.

Zur Zeit ist das Hauptproblem nicht die Geschwindigkeit, sondern die bisher noch niedrige Liquidität. Lightning-Nodes müssen sozusagen vorfinanziert werden, damit sie funktionieren. Mit jedem neu hinzukommenden Nutzer erhöht sich zwar auch die Liquidität, aber ich denke, es wird darauf hinauslaufen, dass professionelle Unternehmen Lightning-Nodes betreiben und vorfinanzieren werden.

Das ist für einige Bitcoin-Puristen, die alles total dezentral haben wollen, natürlich ein Sakrileg. Aber solange diese Unternehmen miteinander im Wettbewerb um Kunden stehen und nicht wie Banken per staatlichem Privileg Geld aus dem Nichts schöpfen können, sehe ich darin kein Problem. So ein Lightning-Service hätte ja nicht die Macht, Transaktionen abzulehnen oder zu zensieren. Die wichtige Eigenschaft von Bitcoin, dass man niemandem vertrauen muss, bliebe also erhalten.

Kommen wir auf die ‚Die dezentrale Revolution‘ zu sprechen, das ist ja auch der Buchtitel. Vor allem interessiert uns, wie Technologien wie die Blockchain helfen können, sich immer weiter in das Leben der Menschen einmischende Regierungen in die Schranken zu verweisen …

Am wichtigsten ist es, das schädliche Staatsgeldmonopol abzuschaffen. Wer Bitcoin besitzt, braucht keine Angst vor gepfändeten Bankkonten, Bail-Ins, Haircuts, Hyperinflationen und anderen Verbrechen zu haben. Alle Möglichkeiten der Regierungen, unser Eigentum zu rauben, werden stark eingeschränkt, wenn wir Geld benutzen, dass sich ihrer Kontrolle entzieht. Darüber hinaus sollten wir auch unsere Emails und sonstigen Nachrichten stets verschlüsseln, um unsere Privatsphäre zu sichern. Ich beschreibe im Buch außerdem Ansätze, das Internet, Wahlen und sogar das gesamte Rechtssystem zu dezentralisieren. Am spannendsten finde ich persönlich die neuen Formen menschlichen Zusammenlebens wie beispielsweise freie Privatstädte.

Sie beschreiben in Ihrem Buch das Projekt ZEDE, keine reine freie Privatstadt, aber eine privatstadtähnliche Sonderverwaltungszone auf einer Karibikinsel. Welche Rolle werden dort Blockchain und Kryptowährungen spielen?

ZEDE steht für „Zona de Empleo y Desarollo Económico“, also etwa „Zone für Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwickung“. Die erste dieser Sonderzonen in Honduras heißt Prospera und liegt auf der Insel Roatán. Es wird dort einen freien Wettbewerb der Währungen geben. Dabei haben Kryptowährungen durch ihre besonderen Qualitäten natürlich viele Vorteile, so dass staatliches Scheingeld vermutlich keine große Rolle spielen wird. Es gibt auch Überlegungen, einen eigenen Cryptocoin herauszugeben, den man nur innerhalb von Prospera nutzen kann und mit dem man Rabatte erhält, ähnlich wie beim Tel Aviv Schekel oder beim Liverpool Pound. Blockchain-Technologie wird nur dort verwendet, wo sie wirklich passt. Eine Blockchain ergibt ja erst dann einen Sinn, wenn viele Teilnehmer zu einem Konsens finden sollen, die sich nicht kennen und einander nicht vertrauen. In Prospera schliesst aber jeder Bürger einen Vertrag mit dem Unternehmen, das die Stadt betreibt. Es besteht also eine direkte Vertrauensbeziehung, daher reicht zum Beispiel für das Grundbuch eine einfache Datenbanklösung vollkommen aus. Es ist auf jeden Fall das Ziel, durch besonders krypto- und Blockchain-freundliche Regulierungen Krypto-Unternehmen aus aller Welt anzuziehen. Ich nehme an, dass viele Firmen, die jetzt noch in die Schweiz, nach Malta oder Gibraltar gehen, in Zukunft ihren Hauptsitz lieber in Prospera nehmen werden.

Es klingt alles sehr optimistisch in Ihrem Buch – auch und vor allem, wenn Sie die Zukunft des Staates beschreiben. „Die Zeit der großen Nationalstaaten oder gar supranationalen Konstrukte wie der EU ist vorbei … “, schreiben Sie, bisher hätten nur die technischen Möglichkeiten gefehlt, sich zu dezentral zu organisieren. Glauben Sie, dass Brüssel Macht abgibt, nur weil es jetzt die Blockchaintechnologie gibt? Was macht Sie so zuversichtlich?

Ich denke, die EU ist eine solche Fehlkonstruktion, die wird früher oder später von selbst kollabieren, dazu braucht es keine Blockchain. Die EU ist ja geradezu anti-europäisch, denn die Stärke Europas lag immer in seiner Dezentralität und im Wettbewerb der europäischen Nationen und freien Städte. Optimistisch bin ich, was die Zukunft Europas betrifft, ganz und gar nicht. Ich denke, wir werden große Krisen erleben, etwa durch das Ende des Euro und den Zusammenbruch der Sozialsysteme. Die Frage ist, was danach kommt. Krisenzeiten bieten ja auch immer die Chance, etwas Neues aufzubauen. Digitale Technologie wird dabei sicher eine wichtige Rolle spielen. Nicht nur Blockchain und digitales Geld, auch Verschlüsselung, digitale Identität, dezentrales Recht, anonyme Wahlsoftware – die Bausteine für eine neue Gesellschaft stehen alle zur Verfügung. Es muss aber wahrscheinlich erst einmal eine krasse Krise kommen, damit sie tatsächlich verwendet werden.

Vielen Dank, Herr Koenig.

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Die Fragen stellte Andreas Marquart.

Fotos: Aaron Koenig und Finanzbuchverlag

 

 

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