So funktioniert das Preissystem

11. Januar 2019 – Die Preise werden von Angebot und Nachfrage bestimmt, und die Nachfrage wird davon bestimmt, wie sehr die Menschen ein bestimmtes Produkt wünschen und was sie im Austausch dafür zu bieten haben.

[Auszug aus dem Buch „Die 24 wichtigsten Regeln der Wirtschaft“ , mit freundlicher Genehmigung des FinanzBuch Verlages.]

von Henry Hazlitt

Henry Hazlitt (1894-1993)

Der Grundgedanke dieses Buches lässt sich in der Aussage zusammenfassen, dass wir bei der Untersuchung jeder wirtschaftlichen Maßnahme nicht nur die kurz-, sondern auch die langfristigen Ergebnisse berücksichtigen müssen, nicht nur die primären, sondern auch die sekundären Auswirkungen, und nicht nur die Folgen für bestimmte Gruppen, sondern für alle Betroffenen. Daraus ergibt sich, dass es unsinnig und irreführend ist, sein Augenmerk auf nur ein spezielles Anliegen zu richten – beispielsweise nur zu prüfen, was in einer einzigen Branche geschieht, nicht auch, was sich in allen anderen tut. Denn gerade diese sich hartnäckig haltende bequeme Art, nur bestimmte Industriezweige oder Vorgänge zu sehen, ist die Ursache der schwerwiegenden wirtschaftlichen Irrtümer. Diese Irrtümer nisten sich nicht nur in den Argumenten derjenigen ein, die dafür bezahlt werden, dass sie sich für irgendwelche Sonderinteressen einsetzen, sondern auch in den Argumenten einiger Wirtschaftsexperten, die im Allgemeinen als scharfsinnig gelten.

Auf diesem Fehler der Einseitigkeit beruht im Grunde auch die Schule der »nutzen- und nicht profitorientierten Produktion« mit ihren Angriffen auf das vermeintlich verwerfliche »Preissystem«. Das Produktionsproblem, so erklären die Anhänger dieser Schule, ist gelöst. (Dieser fatale Irrtum ist, wie wir noch sehen werden, auch der Ansatzpunkt der meisten Währungsfantasten und Umverteilungs-Scharlatane.) Die Wissenschaftler, Rationalisierungsfachleute, Ingenieure und Techniker, so heißt es, haben das Problem gelöst. Sie können fast alles, was man sich nur vorstellen kann, in riesigen Mengen und praktisch unbegrenzt produzieren. Aber leider wird die Welt nicht von Ingenieuren beherrscht, die nur an die Produktion denken, sondern von Geschäftsleuten, die nur an den Gewinn denken. Und die Geschäftsleute geben den Ingenieuren die Aufträge, nicht umgekehrt.

Diese Geschäftsleute lassen jeden Gegenstand solange herstellen, wie er Profit abwirft. Aber in dem Moment, wo kein Profit mehr abfällt, stellen die bösen Geschäftsleute die Produktion dieses Artikels ein, auch wenn die Wünsche vieler noch unbefriedigt sind und alle Welt nach mehr schreit. Diese Beurteilung enthält so viele Denkfehler, dass sie gar nicht alle auf einmal zu entwirren sind. Der Kardinalfehler besteht jedoch, wie wir schon deutlich gemacht haben, darin, nur eine oder gar mehrere Branchen nacheinander zu berücksichtigen, so als existiere jede für sich. Doch sie hängen alle miteinander zusammen, und jede wichtige Entscheidung, die von einer Branche getroffen wird, berührt auch die Entscheidungen aller anderen Branchen und wird ihrerseits von den dort getroffenen Entscheidungen beeinflusst.

Wir verstehen die Zusammenhänge besser, wenn wir das grundlegende Problem begreifen, das die Wirtschaft insgesamt zu lösen hat. Um das so weit wie möglich zu vereinfachen, wollen wir das Problem betrachten, mit dem ein Robinson Crusoe auf seiner verlassenen Insel zu tun hat. Auf den ersten Blick scheinen seine Wünsche endlos zu sein. Er ist vom Regen völlig durchnässt; er zittert vor Kälte und leidet Hunger und Durst. Ihm fehlt es an allem: an Trinkwasser, Nahrungsmitteln, einem Dach über dem Kopf, Schutz vor wilden Tieren, einem Feuer und einem weichen Lager. Er kann diese Bedürfnisse unmöglich alle auf einmal befriedigen; dazu hat er nicht die Zeit, die Kraft oder die Mittel. Er muss sich schnellstens des dringendsten Bedürfnisses annehmen. Am meisten leidet er, sagen wir, unter dem Durst. Er macht eine Vertiefung in die Erde, um Regenwasser aufzufangen, oder bastelt sich ein primitives Gefäß. Wenn er aber nur ein kleines Wasserreservoir angelegt hat, muss er, bevor er es verbessert, auf Nahrungssuche gehen. Er kann versuchen, einen Fisch zu fangen, aber dazu braucht er entweder einen Haken und eine Leine oder ein Netz, die er alle erst anfertigen muss. Aber alles, was er unternimmt, verzögert oder verhindert, dass er etwas anderes tut, das nur geringfügig unwichtiger ist. Er steht ständig vor dem Problem, seine Zeit und seine Arbeitskraft abwechselnd einer Tätigkeit zu widmen.

Eine Familie, die sich in der Lage Robinsons befindet, hat es vielleicht etwas einfacher. Es sind zwar mehr Mäuler zu stopfen, doch es sind auch mehr Hände zum Arbeiten da. Die Familie kann zur Arbeitsteilung und Spezialisierung übergehen. Der Vater geht auf die Jagd, die Mutter bereitet das Essen zu und die Kinder sammeln Brennholz. Aber selbst die Familie kann es sich nicht leisten, dass ein Mitglied immer nur das Gleiche tut, unabhängig von der Dringlichkeit des allgemeinen Bedürfnisses, das dadurch befriedigt wird, oder der anderen noch nicht erfüllten Bedürfnisse. Wenn die Kinder genügend Holz gesammelt haben, können sie nicht einfach damit beschäftigt werden, noch mehr zu sammeln. Sicher muss irgendwann eins von ihnen losgeschickt werden, um Wasser zu holen. Auch die Familie hat ständig das Problem, zwischen alternativen Anwendungsmöglichkeiten ihrer Arbeitskraft wählen zu müssen. Falls sie sich in der glücklichen Lage befindet und Waffen, Angelgerät, ein Boot, Äxte, Sägen und so weiter besitzt, muss sie zwischen dem alternativen Einsatz von Arbeit und Kapital wählen. Es wäre ausgesprochen dumm von dem Brennholz sammelnden Familienmitglied, sich zu beklagen, dass man mehr Holz sammeln könnte, wenn sein Bruder ihm den ganzen Tag helfen würde, anstatt Fische zu fangen, die die Familie für das Essen braucht. Am Beispiel des auf eine verlassene Insel verschlagenen Einzelnen oder der Familie kann man sehr gut erkennen, dass sich eine Tätigkeit immer nur auf Kosten aller anderen Tätigkeiten ausweiten lässt.

Grundlegende Darstellungen wie diese werden manchmal etwas überheblich als »Robinson-Crusoe-Wirtschaft« abgetan. Dummerweise geschieht das meistens durch diejenigen, die solche vereinfachenden Darstellungen am nötigsten haben, die das Prinzip selbst in dieser simplen Form nicht begreifen oder es vollkommen aus den Augen verlieren, sobald es um die undurchsichtigen Verwicklungen einer ausgewachsenen, modernen Wirtschaftsgesellschaft geht.

Wenden wir uns einer solchen Gesellschaft zu. Wie wird in einer modernen Wirtschaftsgesellschaft das Problem gelöst, alternativ Arbeit und Kapital einzusetzen, um Tausende von Bedürfnissen und Wünschen unterschiedlicher Dringlichkeit zu befriedigen? Die Lösung erfolgt durch das Preissystem, durch die sich ständig ändernden, wechselseitigen Beziehungen zwischen Produktionskosten, Preisen und Gewinnen.

Die Preise werden bestimmt durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage und beeinflussen ihrerseits Angebot und Nachfrage. Wenn jemand mehr von einem Erzeugnis haben möchte, bietet er mehr Geld dafür. Der Preis steigt. Das erhöht wiederum die Gewinne der Produzenten, die diesen Artikel herstellen. Weil es jetzt mehr Gewinn bringt, diesen Artikel herzustellen statt anderer, steigern die bereits in dieser Branche tätigen Unternehmer dessen Produktion, und die Branche zieht mehr Menschen an. Das gestiegene Angebot lässt dann die Preise und die Gewinnspanne sinken, bis die Gewinnspanne für den betreffenden Artikel wieder das allgemeine Gewinnniveau (relative Risiken vorausgesetzt) in anderen Branchen erreicht. Oder die Nachfrage nach diesem Produkt fällt. Oder das Angebot steigt so hoch, dass der Produktpreis so weit sinkt, dass es vorteilhafter wird, andere Artikel zu produzieren; oder es bringt tatsächlich Verlust, das Produkt herzustellen. In diesem Fall werden die »Grenzproduzenten« vom Markt verdrängt, das heißt jene Produzenten, die am unrentabelsten wirtschaften oder deren Produktionskosten am höchsten sind. Der Artikel wird jetzt nur noch von den rentabler wirtschaftenden Produzenten hergestellt, die mit geringeren Kosten arbeiten. Das Angebot des Artikels wird ebenfalls zurückgehen oder zumindest nicht weiter zunehmen.

Dieser Vorgang ist der Ursprung des Glaubens, die Preise würden von den Produktionskosten bestimmt. Aber in dieser Form ist der Satz nicht richtig. Die Preise werden von Angebot und Nachfrage bestimmt, und die Nachfrage wird davon bestimmt, wie sehr die Menschen ein bestimmtes Produkt wünschen und was sie im Austausch dafür zu bieten haben. Dass das Angebot zum Teil von den Produktionskosten bestimmt wird, trifft zu. Was die Produktion einer Ware in der Vergangenheit gekostet hat, kann nicht ihren Wert bestimmen. Es kommt auf das gegenwärtige Verhältnis von Angebot und Nachfrage an. Aber die Erwartungen der Unternehmer hinsichtlich der zukünftigen Produktionskosten eines Gutes und dessen zukünftigem Preis bestimmen, wie viel davon produziert wird. Das beeinflusst das zukünftige Angebot. Es besteht daher immer die Tendenz, dass sich der Preis und die Grenzproduktionskosten eines Erzeugnisses angleichen, aber nicht weil die Grenzproduktionskosten direkt den Preis bestimmen.

Man könnte das private Unternehmertum daher mit Tausenden von Maschinen vergleichen, die alle praktisch ihren automatischen Regler haben. Alle Maschinen und Regler sind jedoch miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig, sodass sie letztlich wie eine einzige große Maschine arbeiten. Die meisten von uns werden den automatischen »Regler« an einer Dampfmaschine kennen. Er besteht im Allgemeinen aus zwei Kugeln oder Gewichten, auf die die Fliehkraft einwirkt. Mit steigender Geschwindigkeit der Maschinen drehen sich die Kugeln um das Gestänge, an dem sie befestigt sind, und schließen oder öffnen dadurch automatisch eine Drosselklappe, die den Zustrom von Dampf reguliert und so die Maschine langsamer laufen lässt. Wird die Maschine zu langsam, sinken die Kugeln wieder, erweitern dadurch die Drosselklappe und beschleunigen die Maschine. Jede Abweichung von der gewünschten Geschwindigkeit mobilisiert demnach die Kräfte, die diese Abweichung korrigieren.

Genauso wird das relative Angebot Tausender verschiedener Produkte im System der privaten Wettbewerbswirtschaft gesteuert. Wenn die Menschen mehr von einem Gut nachfragen, erhöhen ihre miteinander konkurrierenden Gebote dessen Preis. Das lässt den Gewinn der Produzenten steigen, die das Gut herstellen, und ermuntert sie, ihre Produktion auszuweiten. Es bringt andere Unternehmer dazu, einige Erzeugnisse, die sie bisher produziert haben, nicht mehr herzustellen und stattdessen das Gut zu erzeugen, das ihnen einen besseren Ertrag bringt. Doch das erhöht das Angebot dieses Gutes, während es gleichzeitig das einiger anderer Produkte sinken lässt. Der Preis dieses Gutes fällt daher im Verhältnis zu dem anderer Erzeugnisse, und der Anreiz, seine Produktion im Vergleich zu anderen Produkten zu erhöhen, fällt weg.

Genauso ist es bei der Nachfrage. Wenn die Nachfrage nach irgendeinem Produkt aussetzt, sinken der Preis und der Herstellungsgewinn, und die Produktion dieses Gutes geht zurück.

Dieser letzte Schritt empört diejenigen, die das »Preissystem«, das sie anprangern, nicht begreifen. Sie werfen ihm vor, Knappheit hervorzurufen. Warum, so fragen sie entrüstet, sollten Unternehmer die Herstellung von Schuhen an dem Punkt stoppen, wo es unrentabel wird weiterzuproduzieren? Warum sollten sie sich ausschließlich durch ihre Profite leiten lassen? Warum sollten sie sich durch den Markt leiten lassen? Warum produzieren sie keine Schuhe »mit allen ihnen zur Verfügung stehenden modernen technischen Verfahren «? Das Preissystem und die Privatwirtschaft, so folgern die Verfechter der »nutzenorientierten Produktion«, sind nichts weiter als eine Form der »Knappheitswirtschaft«.

Diese Fragen und Schlussfolgerungen gehen auf den Fehler zurück, nur einen Industriezweig isoliert zu betrachten, nur den Baum und nicht den Wald zu sehen. Bis zu einem gewissen Punkt ist es notwendig, Schuhe herzustellen. Aber es müssen auch Mäntel, Hemden, Hosen, Häuser, Pflüge, Schaufeln, Fabriken, Brücken, Milch und Brot produziert werden. Es wäre schwachsinnig, Berge von überflüssigen Schuhen zu produzieren, nur weil wir dazu in der Lage wären, während dringendere Bedürfnisse zu Hunderten unberücksichtigt blieben.

In einer Volkswirtschaft, die sich im Gleichgewicht befindet, kann eine Branche nur auf Kosten anderer Branchen expandieren. Denn die Produktionsfaktoren sind in jedem Augenblick begrenzt. Ein Industriezweig kann nur erweitert werden, wenn Arbeit, Boden und Kapital zu ihm umgeleitet werden, die andernfalls in anderen Branchen eingesetzt worden wären. Und wenn bestimmte Industriebetriebe schrumpfen oder ihren Ausstoß nicht weiter steigern, bedeutet das nicht unbedingt einen Rückgang der Gesamtproduktion. Der Schrumpfungsprozess in diesem Bereich der Wirtschaft hat vielleicht lediglich Arbeit und Kapital freigesetzt, damit andere Branchen expandieren können. Es ist folglich falsch anzunehmen, dass der Rückgang der Produktion in einem Wirtschaftssektor zwangsläufig eine Verminderung der Gesamtproduktion bedeutet.

Alles wird mit anderen Worten um den Preis des Verzichts auf irgendetwas anderes produziert. Die Produktionskosten selbst könnten tatsächlich als die Gegenstände definiert werden, die man aufgibt (die Freizeit und Vergnügungen, Rohstoffe mit möglichem alternativem Nutzen), um den Gegenstand zu schaffen, der hergestellt wird.

Daraus folgt, dass es für die Gesundheit einer dynamischen Wirtschaft genauso wichtig ist, sterbende Branchen sterben zu lassen, wie expandierende Branchen expandieren zu lassen. Denn die zugrunde gehenden Industriebetriebe binden Arbeitskräfte und Kapital, die für die aufblühenden Unternehmen freigesetzt werden sollten. Und nur das vielgeschmähte Preissystem regelt das ungeheuer komplizierte Problem, genau festzulegen, wie viel bei Zehntausenden von Produkten von jedem Einzelnen Erzeugnis im Verhältnis zu allen anderen Erzeugnissen hergestellt werden sollte. Diese normalerweise sehr schwierigen Gleichungen löst quasi automatisch das System der Preise, Gewinne und Kosten. Das System leistet dabei ungleich bessere Arbeit, als von irgendwelchen Bürokraten zu erwarten wäre. Denn die Lösung erfolgt durch ein System, in welchem jeder Verbraucher tagtäglich selbst über seine Nachfrage entscheidet und einmal oder viele Male eine neue Wahl trifft. Die Bürokraten dagegen würden nach einer Lösung streben, die nicht das beinhaltet, was die Verbraucher selbst wünschen, sondern das, was die Bürokraten als gut für sie befunden hätten.

Aber obwohl die Bürokraten dieses sich praktisch selbst regulierende Marktsystem nicht begreifen, lassen sie sich immer wieder von ihm durcheinanderbringen. Ununterbrochen versuchen sie, es zu verbessern oder zu berichtigen, meistens zugunsten irgendeines jammernden Interessenverbandes. Was ihre Eingriffe in manchen Fällen bewirken, wollen wir in den folgenden Kapiteln untersuchen.

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Henry Hazlitt (1894 – 1993) war vertraut mit nahezu allen relevanten Denkern im Bereich der Wirtschaftswissenschaften und gilt als der populärste Intellektuelle und prinzipientreueste Vertreter der Österreichischen Tradition von Ludwig von Mises, Friedrich A. Hayek und Murray N. Rothbard – all jenen, die als die Vordenker ihrer Zeit angesehen werden. Hazlitt gilt als einer der brillantesten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und schrieb u.a. für so bedeutende Medien wie The Wall Street Journal, The New York Times, The American Mercury, Century, The Freeman, National Review und Newsweek. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Bücher sowie Artikel in anderen Werken. Sein umfassendes Wissen im Bereich Ökonomie und seine Begabung für die elegante „populäre“ Darstellung mündeten in dem Buch „Economics in one Lesson“, das 1946 im Original in den USA erschienen ist und seither in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

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