Die Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten

16. November 2018 – von Llewellyn H. Rockwell Jr.

[Dieser Beitrag wurde erstmals im August 2003 auf der Website des Mises Instituts Auburn, US Alabama, veröffentlicht.]

Llewellyn H. Rockwell Jr.

Für die heutige Generation ist Hitler der am meisten verhasste Mann in der Geschichte und seine Herrschaft der Prototyp politischen Übels. Diese Sichtweise erstreckt sich jedoch nicht auf seine Wirtschaftspolitik. Ganz im Gegenteil. Sie wird von Regierungen weltweit nachgeahmt. So hat eine Bank in Chicago, die Glenview State Bank, beispielsweise erst kürzlich in ihrem monatlichen Newsletter Hitlers Wirtschaftspolitik gelobt. Die Bank machte dabei die Erfahrung, wie gefährlich es werden kann, eine keynesianische Wirtschaftspolitik im falschen Zusammenhang zu loben.

Die Ausgabe des Newsletters (Juli 2003) ist nicht im Netz verfügbar, aber der Inhalt wird aus dem Protestschreiben der Anti-Defamation League (ADL) [Anti-Diffamierungs-Liga, Anm. d. Übersetzers] ersichtlich. „Unabhängig von der wirtschaftlichen Auseinandersetzung“, heißt es in dem Protestschreiben, „kann die Wirtschaftspolitik Hitlers nicht von seiner widerwärtigen Politik von Judenhass, Rassenhass und Völkermord getrennt werden. (…) Untersucht man seine Handlungen von einer anderen Warte aus, übersieht man das Wesentliche.“

Gleiches kann über alle Formen von zentraler Wirtschaftsplanung gesagt werden. Es ist falsch, zu versuchen, die Wirtschaftspolitik vom Leviathan namens Staat zu untersuchen, ohne auf die politische Gewalt einzugehen, die alle zentralen Wirtschaftsplanungen kennzeichnet, sei es in Deutschland, der Sowjetunion oder den Vereinigten Staaten. Die Auseinandersetzung zeigt, wie der Zusammenhang zwischen Gewalt und Planwirtschaft immer noch nicht verstanden wird, auch nicht von der ADL. Die Neigung von Ökonomen, Hitlers Wirtschaftsprogramm zu bewundern, ist ein Beispiel dafür.

In den 1930er Jahren wurde Hitler weithin als ein weiterer zentraler Wirtschaftsplaner verstanden, der das angebliche Scheitern des freien Marktes und die Notwendigkeit einer auf das nationale Interesse ausgelegten wirtschaftlichen Entwicklung erkannte und der Entwicklung mit Hilfe von Schutzzöllen und einer Abschottungspolitik entgegentrat. Die Ökonomin Joan Robinson – so etwas wie der Inbegriff einer keynesianischen, sozialistischen Wirtschaftswissenschaftlerin – schrieb damals: „Hitler fand ein Heilmittel gegen die Arbeitslosigkeit, bevor Keynes damit fertig war, sie zu erklären.“

Was waren das für wirtschaftspolitische Maßnahmen? Er löste die Währung vom Goldstandard, startete riesige öffentliche Arbeitsprogramme wie den Autobahnbau, schützte die Großindustrie vor ausländischen Mitbewerbern, nahm immer weitere Darlehen auf, führte Beschäftigungsprogramme ein, schikanierte den Privatsektor bei Preis- und Produktionsentscheidungen, baute das Militär erheblich aus, erzwang Kapitalverkehrskontrollen, führte staatliche Familienplanung, Gesundheits- und Arbeitslosenversicherungen ein, bestrafte das Rauchen, setzte Bildungsstandards durch und machte immer weiter Schulden. Die planmäßigen Eingriffe der Natinalsozialisten in die Wirtschaft waren für die Ablehnung der Marktwirtschaft und die Verwicklung des Sozialismus in diesem Land unerlässlich.

Solche Programme werden auch heute noch trotz ihrer Misserfolge hoch gelobt. Sie sind Merkmale jeder ‚marktwirtschaftlichen‘ Demokratie. Keynes selbst bewunderte das nationalsozialistische Wirtschaftsprogramm und schrieb im Vorwort der deutschen Ausgabe seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936):

Trotzdem kann die Theorie der Produktion als Ganzes, die den Zweck des folgenden Buches bildet, viel leichter den Verhältnissen eines totalen Staates angepaßt werden als die Theorie der Erzeugung und Verteilung einer gegebenen, unter Bedingungen des freien Wettbewerbes und eines großen Maßes von laissez-faire erstellten Produktion.

Keynes Kommentar, der viele schockieren mag, kam nicht aus heiterem Himmel. Hitlers Ökonomen lehnten laissez-faire ab, bewunderten Keynes und waren in vieler Hinsicht Vorboten seiner Lehren. Ebenso bewunderten die Keynesianer Hitler (siehe George Garvy, „Keynes and the Economic Activists of Pre-Hitler Germany”, The Journal of Political Economy, Band 83, Ausgabe 2, April 1975, S. 391-405).

Noch 1962 hatte Paul Samuelson in einem Bericht für Präsident Kennedy ausdrücklich Hitler gelobt:

Die Geschichte erinnert uns daran, dass es selbst in den schlimmsten Tagen der Weltwirtschaftskrise nie an Experten mangelte, die vor allen heilenden öffentlichen Maßnahmen warnten. (…) Hätte sich diese Ansicht in den USA durchgesetzt, wie in Deutschland vor 1933, hätte die Existenz unserer Staatsform auf dem Spiel gestanden. Keine moderne Regierung wird diesen Fehler noch einmal begehen.

Auf der einen Seite ist das nicht verwunderlich. Hitler führte eine Form des New Deals in Deutschland ein, die sich nur in Kleinigkeiten von der von Roosevelt und Mussolini unterschied. Dabei waren diese Maßnahmen nur auf dem Papier erfolgreich, in dem Sinne, dass das Bruttoinlandsprodukt in dieser Zeit ein Wachstum auswies. Die Arbeitslosigkeit blieb niedrig, weil Hitler, obwohl er in die Arbeitsmärkte eingriff, nie versuchte, die Löhne über ihre Marktpreise hinaus anzuheben. Aber unter der Oberfläche gab es gravierende Verwerfungen, wie sie in jeder nicht-marktwirtschaftlichen Marktordnung auftreten. Sie können das Bruttoinlandsprodukt kurzfristig steigern (beispielsweise wie die Staatsausgaben die Wachstumsrate der USA für das zweite Quartal 2003 von 0,7 auf 2,4 Prozent erhöht haben), aber eine langfristige Lösung bilden sie nicht.

„Von Hitler zu schreiben, ohne zugleich auf die Millionen brutal ermordeten Unschuldigen und der Dutzenden von Millionen, die im Kampf gegen ihn gestorben sind, zu erinnern, beleidigt das Andenken an sie“, schrieb die ADL aus Protest gegen die von der Bank veröffentlichte Untersuchung. Ohne Frage ist das richtig.

Aber über die moralischen Auswirkungen der Wirtschaftspolitik leichtfertig hinwegzugehen, ist eines der Wesensmerkmale dieses Gewerbes. Wenn Ökonomen eine Steigerung der „Gesamtnachfrage“ fordern, erklären sie nicht wirklich, was das zur Folge hat. Es bedeutet, die freiwilligen Entscheidungen von Verbrauchern und Sparern, ihre Eigentumsrechte und ihre Vereinigungsfreiheit gewaltsam zu verletzen, um die wirtschaftlichen Absichten des Staates zu verwirklichen. Selbst wenn solche Programme in einem wirtschaftlich-technischen Sinne wirken, sollten sie mit der Begründung abgelehnt werden, dass sie mit der Freiheit unvereinbar sind.

So ist es auch mit einer Schutzzollpolitik. Das Hauptziel von Hitlers Wirtschaftspolitik war es, die Grenzen Deutschlands zu erweitern, um es zu ermöglichen, sich von der Weltwirtschaft unabhängig zu machen. Sprich, die Erhebung von enormen Schutzzöllen gegen die Wareneinfuhr. Ziel ist es gewesen, Deutschland wirtschaftlich unabhängig zu machen, damit es keinem ausländischen Einfluss unterworfen war und das Schicksal seiner Wirtschaft nicht an das Geschehen in anderen Ländern geknüpft wurde. Es war ein klassischer Fall von wirtschaftlich unzweckmäßiger Fremdenfeindlichkeit.

Und doch erleben selbst die Vereinigten Staaten heute eine tragische Wiederkehr einer abschottenden Wirtschaftspolitik. Allein unter der Regierung Bush wird eine große Bandbreite von Erzeugnissen vom Bauholz bis zum Mikrochip vor preisgünstigen ausländischen Wettbewerbern geschützt. Diese Maßnahmen werden mit Versuchen kombiniert, Angebot und Nachfrage durch große Militärausgaben, militärische Eingriffe, Wohlfahrtsausgaben, Schulden und die Förderung einer vaterländischen Leidenschaft zu stimulieren. Solche Maßnahmen können den Fehlschuss eines wachsenden Wohlstands erzeugen, aber in Wirklichkeit lenken sie knappe Mittel von einem ertragreicheren Einsatz ab.

Das vielleicht Schlimmste an diesen Maßnahmen ist, dass sie – genau wie Keynes beschrieb – ohne einen Leviathan Staat undenkbar sind. Eine Staatsgewalt, die groß und mächtig genug ist, um die Gesamtnachfrage mutwillig zu beeinflussen, ist auch groß und mächtig genug, um die bürgerlichen Freiheiten der Menschen zu verletzen und ihre Rechte in jeder anderen Weise anzugreifen. Maßnahmen wie bei Keynes (oder wie bei Hitler) richten die Staatsgewalt gegen die gesamte Bevölkerung. Planwirtschaft, selbst in ihrer kleinsten Form, und Freiheit sind unvereinbar.

Seit dem 11. September und der autoritären, militaristischen Antwort hat die politische Linke gewarnt, Bush ist der neue Hitler, während die Rechte diese Art von Rhetorik als unverantwortliche Übertreibung verurteilte. Die Wahrheit ist, dass die Linke, wenn sie diese Behauptungen aufstellt, richtiger liegt, als sie denkt. Hitler, genau wie Franklin D. Roosevelt, hinterließ seine Spuren in Deutschland und der Welt, indem er die bis dahin verpönte Planwirtschaft umdeutete und allumfassende Staatseingriffe zu einem scheinbar dauerhaften Bestandteil der westlichen Wirtschaft machte.

David Raub, der Autor des oben genannten Artikels im Newsletter der Glenview State Bank, war zu gutgläubig als er meinte, er kann die Tatsachen so betrachten, wie der Mainstream sie sieht, und dann mit einer für ihn schlüssigen Schlussfolgerung aufwarten. In diesem Fall hat die ADL Recht: Zentrale Wirtschaftsplanung sollte niemals gelobt werden. Es müssen immer die geschichtlichen Zusammenhänge und die zwangsläufigen politischen Ergebnisse berücksichtigt werden.

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker. Der Originalbeitrag mit dem Titel Hitler’s Economics ist am 27.10.2018 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Llewellyn H. Rockwell Jr. ist Gründer und Chairman des Ludwig von Mises Institute in Auburn, US Alabama.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Mises Institute / Youtube

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