Die Realität des Sozialismus: Befehl, Zwang, Gewalt

19. September 2018 – von Antony P. Mueller

Antony P. Mueller

Die ‚Neue Linke Bewegung‘ in Deutschland und die ‚demokratischen Sozialisten‘ in Amerika wollen ihren Anhängern glauben machen, dass man Reichtum und Einkommen umverteilen und einen großen Teil der Wirtschaft sozialisieren kann, ohne Produktion und Produktivität zu beeinträchtigen. Sie behaupten, dass eine umfassende Kontrolle der Wirtschaft durch die Regierung mehr Gerechtigkeit und mehr Wohlstand bringen würde. Diese ‚demokratischen Sozialisten‘ wollen mehr Planung und weniger Markt. Dieses Postulat ignoriert jedoch, dass der Sozialismus nicht durch Zufall oder wegen bestimmter Umstände versagt. Der Sozialismus scheitert, weil er an grundlegenden Konstruktionsfehlern leidet.

Erstens, der Sozialismus beseitigt das Privateigentum und die Märkte und eliminiert so die rationale Wirtschaftsrechnung.

Zweitens erlaubt der Sozialismus weiche Budgets, sodass es keinen Mechanismus gibt, um ineffiziente Produktionsmethoden auszumerzen.

Drittens verzerrt die Abschaffung des Privateigentums und seine Ersetzung durch den Staat die individuellen Handlungsanreize.

Viertens hemmt das sozialistische System mit seinem Fehlen von Privateigentum und freien Märkten die wirtschaftliche Koordination im System der Arbeitsteilung.

Der Sozialismus kann keinen Wohlstand bringen, weil er Privateigentum beseitigt. Im Sozialismus existiert das Privateigentum an den Produktionsmitteln nicht mehr, und daher gibt es keine Marktpreise für Investitionsgüter. Institutionell besteht der Sozialismus darin, die Marktwirtschaft abzuschaffen und durch eine Planwirtschaft zu ersetzen. Indem man das Privateigentum an den Produktionsmitteln aber beseitigt, löscht man die Information über die relative Knappheit der verschiedenen Wirtschaftsgüter. Selbst wenn die sozialistische Verwaltung die Konsumprodukte mit Preisschildern ausstattet und die Menschen Verbrauchsgüter besitzen dürfen, gibt es keine wirtschaftliche Orientierung über die relative Knappheit, und damit des Wertes, von Investitionsgütern.

Viele Anhänger des Sozialismus gehen davon aus, dass Unternehmensführung nichts anderes sei als eine Art Registrierung oder einfache Buchhaltung. Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924), der sowjetische Revolutionsführer, glaubte, dass Kenntnisse des Lesens und Schreibens und Kenntnis in der Verwendung der vier Grundrechenarten sowie etwas Ausbildung in Buchhaltung genügend wären, um die Führung von Geschäftsoperationen zu übernehmen. Die Sozialisten anerkennen die Bedeutung von Technik und Wissenschaft, aber sie glauben, man brauche nicht die Unternehmer. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass, wieviel auch immer ein sozialistisches Regime für Bildung ausgeben mag, das Land arm bleibt, wenn es keine unternehmerische Wirtschaft hat.

Die Sozialisten ignorieren das Problem der Knappheit und seine Bewertung. Sie gehen davon aus, dass ein Plan die Zuteilung von Gütern und Dienstleistungen nach Bedarf und Bedürfnis festsetzen könnte. Die Planer müssen jedoch beantworten, woher ein solcher Plan seine Bewertungsmaßstäbe finden sollte. Ohne Preise und Märkte gibt es keine Orientierung darüber, welche Produktionsfaktoren mehr und welche weniger wertvoll sind. Die sozialistischen Planer haben keine Kenntnis von den Kosten des Produktionsprozesses. Ohne Märkte bleibt die wirtschaftliche Wertestruktur der Gesellschaft unbekannt.

Das Verhältnis von Angebot zur Nachfrage bestimmt die Knappheit und damit den relativen Wert eines Gutes. In einer Marktwirtschaft spiegeln die Preisverhältnisse die Knappheitsgrade wider. Durch die Beobachtung der Preise erhalten die Marktteilnehmer die Informationen, die sie anleiten, ihre wirtschaftlichen Entscheidungen an den Marktsignalen auszurichten.

Da das Preissystem laufend über die bestehenden Knappheitsverhältnisse informiert, besteht keine Notwendigkeit für ein umfassendes System detaillierter Informationen über den Ursprung und die Art der Knappheiten, um eine wirtschaftlich rationale Entscheidung zu treffen. Das Preissystem reduziert die Komplexität für den einzelnen Entscheider auf die einzelne Preisziffer. In einer Marktwirtschaft benötigen die Wirtschaftsteilnehmer nur partielles Wissen, um rational handeln zu können. Im Kapitalismus wirkt die Motivation, Gewinne zu erzielen und Kosten zu vermeiden, als Anreiz, sich rational zu verhalten. In einer Marktwirtschaft enthalten die Preise gleichzeitig Informationen und Anreize für den Verkäufer und den Käufer.

Die Herstellung eines Gutes steht vor dem Problem einer fast unbegrenzten Anzahl von Möglichkeiten, um ein Gut zu produzieren. Man kann eine Ware mit sehr unterschiedlichen Rohmaterialien, Technologien und Kombinationen der Produktionsfaktoren und in einer endlosen Vielfalt von Designs herstellen. Zusammen mit den technologischen Möglichkeiten eines Projekts muss man aber auch seine Rentabilität in Rechnung stellen. Ohne Kosten in Bezug auf den Verkaufserlös ergibt eine produktionstechnische Bewertung keinen Sinn. Dass ein Projekt technisch machbar ist, bedeutet nicht, dass sich seine Herstellung auch lohnt. Was aus technischer Sicht als effizient erscheint, muss nicht in wirtschaftlicher Hinsicht so sein. Wenn die Kosten nicht berücksichtigt werden, ist die Produktion blind gegenüber dem Risiko, Güter zu produzieren, die mehr Aufwand verursachen als sie Wert stiften. In einer sozialistischen Wirtschaft könnte selbst ein sehr wohlwollender Diktator nicht die richtige Kombination von Preis und Qualität der Güter bewerkstelligen.

Die Sozialisten glauben, dass zur Durchsetzung ihrer Herrschaft über die Wirtschaft nur die Vergesellschaftung der Privatunternehmen erforderlich sei und die Geschäftsführung durch Betriebsräte zu ersetzen wäre, und die neue Wirtschaftsordnung würde gedeihen. Die Frühsozialisten erwarteten, dass mit ihrer Herrschaft eine große Prosperität kommen würde. Sie glaubten, dass nach der Vergesellschaftung der Betriebe die Arbeiter besser motiviert seien und als Zusatzeinkommen das bekämen, was vorher als Profit in die Hände der Kapitalisten gelangte. Doch bei dieser Utopie wurde vergessen, dass die Vergesellschaftung der Produktionsmittel erst der Anfang ist. Als die Sozialisten selbst die Wirtschaft führen mussten, haben sie kläglich versagt.

Der Fehler der sozialistischen Wirtschaftsplanung ist es anzunehmen, dass die Geschäftsführung auch nach der Übernahme des kapitalistischen Managements durch sozialistische Leiter wie vorher weitergehen könnte. Das sozialistische Regime kann zwar Administratoren und Ingenieure durchaus gut ausbilden und man kann die Parteimitglieder in die Position von Direktoren stellen, dieses neue Führungspersonal kann jedoch nicht wirtschaftliche rational entscheiden, weil es kein privatwirtschaftliches Preissystem mehr gibt.

Die Realität des Sozialismus ist Befehl und Gehorsam. Ohne Orientierung an Märkten und Preisen bestimmt letztliche die politische Gewalt über die Zuteilung der Güter. Der Anspruch, Sozialismus und Demokratie zu verbinden, ist ebenso ein Betrug wie die Behauptung, der Sozialismus würde Wohlstand bringen. Das wahre Gesicht der sozialistischen Praxis ist notwendigerweise der totalitäre Despotismus.

Es ist kein Wunder, dass selbst ein degenerierter Kapitalismus mehr Wohlstand hervorbringt als der beste Sozialismus. Daher kann die vor uns liegende Aufgabe nicht sein, den Kapitalismus zugunsten des Sozialismus zu beseitigen, sondern vielmehr den Kapitalismus besser zu machen, das heißt ihn kapitalistischer zu machen.

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Antony P. Mueller hat jüngst bei Amazon die Taschenbücher „Kapitalismus ohne Wenn und Aber“ und „Feinde des Wohlstands“ veröffentlicht. Im Juli dieses Jahres ist eine erweiterte Ausgabe seines Traktats „Principles of Anarcho-Capitalism and Demarchy“ erschienen.

Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © serkorkin – Fotolia.com

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