„Sie, Mises, sind ein wirklich großer Lehrer“

17. September 2018 – Im Jahr 1976 veröffentlicht Margit von Mises (1890 – 1993), Ehefrau von Ludwig von Mises (1881 – 1973), das Buch My Years with Ludwig von Mises. 1981 erscheint es als deutsche Übersetzung unter dem Titel Ludwig von Mises. Der Mensch und sein Werk. Margit von Mises berichtet darin über das gemeinsame Leben mit ihrem Mann, dem wohl bedeutendsten Ökonomen und Gesellschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts. Ludwig von Mises. Der Mensch und sein Werk ist keine wissenschaftliche Abhandlung, keine vollumfängliche Inhaltsdarstellung von Mises’ Werken. Margit von Mises hat im Grunde eine Biographie über ihren Mann verfasst, keine Autobiographie über sich selbst: Er steht im Mittelpunkt ihrer Ausführungen, nicht sie. Für den Zugang zu Mises’ wissenschaftlichem Werk ist es sicher hilfreich, wenn man auch etwas über den Menschen Ludwig von Mises weiß – und über die zeitgeschichtlichen und persönlichen Umstände, unter denen er seine Erkenntnisse erarbeitet und unerschrocken verbreitet hat. Margit von Mises gelingt es mit ihrem Buch, dieses Wissen einfühlsam, in berührender Weise zu vermitteln. (aus dem Vorwort von Ludwig von Mises. Der Mensch und sein Werk von Thorsten Polleit)

Lesen Sie nachfolgend einen Auszug aus dem Kapitel Das berühmte Seminar.

Margit und Ludwig von Mises

Lu hielt sein berühmtes Seminar an der New York University ununterbrochen – Jahr für Jahr – von 1948 bis 1969. Einundzwanzig Jahre hindurch versammelten sich die Teilnehmer des Seminars an jedem Donnerstagabend um 19.25 h in der Graduate School im unteren Teil Manhattans; 21.25 h war das offizielle Ende der Vorlesung.

Wenn Lu mit fast militärischer Pünktlichkeit um 19.20 h den Raum betrat, eine kleine, schmale Aktentasche unter dem Arm, schaute er sich erst um, begrüßte alle mit einem freundlichen Lächeln und blickte dann flüchtig hinüber zu dem Platz, wo ich gewöhnlich zu sitzen pflegte. Er sah es gerne, wenn ich an seinem Seminar teilnahm. Dann setzte er sich in die Mitte der langen Seite des Tisches und nahm einen kleinen Zettel aus seiner inneren Jackentasche. Er sprach frei, niemals hatte er eine Vorlesung niedergeschrieben; dieses kleine Stück Papier war alles, was er für den Abend benötigte.

Er begann sofort mit seiner Vorlesung. Für die Darlegung seiner Gedanken gebrauchte er sehr einfache Worte – im Gegensatz zu der oft recht schwierigen Terminologie seiner Bücher. Die Anordnung seiner Vorlesung war immer die gleiche: er begann mit einer Behauptung und kehrte am Schluß der Vorlesung genau zu derselben Feststellung, zu demselben Punkt zurück, von dem er ausgegangen war. Er hatte mit seinen Gedanken, mit seinen Auslegungen einen vollkommenen Kreis beschrieben.

Zu Lus neunundachtzigstem Geburtstag überreichte Leonard Read ihm eine auf Edelholz befestigte Messingplakette mit folgender Inschrift:

»Einem großen Lehrer: Sie, Mises, sind ein wirklich großer Lehrer. Zwei Generationen Studenten haben bei Ihnen studiert, und unzählige Tausende haben aus Ihren Büchern Nutzen gezogen. Bücher und Schüler bilden dauernde Denkmäler für einen Lehrer, und Sie haben sich diese Denkmäler geschaffen. Die Generationen der Schüler werden vergehen; aber die durch Ihre Schriften in Bewegung gesetzten Gedanken werden für die kommenden Generationen der Schüler eine nie versiegende Quelle des Lernens bleiben.«

Ja, Lu war ein großer Lehrer. Er hatte die Fähigkeit, seine Schüler zum Denken zu zwingen, ihre Wißbegierde anzuregen und ihre Phantasie zu beflügeln.

Frank Dierson, ein prominenter Anwalt in New York, der vom Jahr 1946 an Lus Kurs an der New York University mitgemacht hatte und von 1948 bis 1955 regelmäßig und auch später von Zeit zu Zeit dort erschien, schrieb mir:

Nichts bereicherte mein Leben so wie das Mises-Seminar; es war vielleicht die wichtigste Erfahrung meines Lebens. Neue Welten taten sich mir auf. Keynes behauptete einmal: »Mit fünfundzwanzig Jahren kann man keine neuen Ideen mehr aufnehmen.« Aber im Mises-Seminar erlebte ich, wie vierzig- und fünfzigjährige Männer ihre früheren Überzeugungen preisgaben, um die von ihm verkündete Wahrheit anzuerkennen. Jede Vorlesung stellte neue geistige Anforderungen. Im ersten Seminar, an das ich mich erinnere, hatte Dr. von Mises seine Vorlesung über Sozialgesetzgebung mit einem Angriff auf die wirtschaftlichen Auswirkungen verschiedener sozialpolitischer Maßnahmen beendet. Alle Teilnehmer waren über seine kritische Einstellung erstaunt. Sie veranstalteten eine besondere Zusammenkunft nach der Vorlesung, zu der man den Professor einlud. Man wollte ihm die Tatsachen der sozialen Wirklichkeit vor Augen führen. Und was geschah? Es war wie ein Wunder. Nachdem man alle Argumente vorgebracht hatte, schied die Klasse in vollkommenem Einvernehmen mit Dr. von Mises, und alle hatten eine neue Auffassung der Wirtschaft und der Wirtschaftsfreiheit gewonnen.

Jack Holman, Doktor der Nationalökonomie und Diplomingenieur, der viele Jahre leitender Direktor der Firma Johnson und Johnson war, berichtet über ein ähnliches Erlebnis mit Lu. Er war Mitglied des Seminars von 1950 bis 1952 und sagte mir:

Nie bin ich einem so belesenen und gelehrten Mann wie Dr. von Mises begegnet. Seine Kenntnisse beschränkten sich nicht auf Nationalökonomie, er war mit jedem Gebiet vertraut. Wenn er nationalökonomische Fragen besprach, veranschaulichte er sie mit Beispielen aus seiner Erfahrung. Noch heute sind mir gewisse Sätze aus seinen Vorlesungen im Gedächtnis geblieben. Einige habe ich niedergeschrieben. Am 21. September 1950 sagte er: »Für jeden Experten der Nationalökonomie ist es eine unumgängliche Notwendigkeit, auch ein Kenner der Geschichte zu sein, d.h. er muß vertraut sein mit Kulturgeschichte, mit Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, mit politischer Geschichte und mit den Ideologien der Geschichte. Um ein Gebiet wirklich zu beherrschen, muß man mit allen seinen Teilen vertraut sein.« Am 14. Dezember 1950 sagte er: »Einen ethischen Maßstab anzuwenden, bedeutet, daß man verschiedene Verhaltensweisen aufgrund einer Wertskala beurteilt, die entweder durch göttliches Gebot bestimmt wird oder durch Gefühle, die in jedes Menschen Seele schlummern. Das Gebiet der Ethik kann nicht vom wirtschaftlichen Handeln getrennt werden. Man kann nicht ethische Fragen behandeln und Wirtschaftsfragen außer acht lassen, und umgekehrt gilt dasselbe.« Am 21. September 1950 sagte er: »Der wesentliche Beitrag der klassischen Nationalökonomie ist: Was dem Individuum nützt, nützt auch der Gesellschaft.«

Lu war zweifellos ein großer Lehrer, auch wenn seine englische Aussprache nicht immer tadellos war. Ich fragte mich oft, ob andere Menschen das auch bemerkten. Ob es sie beeinflußte. Ich schaute mich um, beobachtete den Gesichtsausdruck der Hörer, aber immer lauschten sie aufmerksam, die Augen auf ihn gerichtet, gelegentlich Notizen machend. Nur meine Gedanken schweiften im Raum, niemand sonst schien abgelenkt. Vielleicht war der einfache Grund, daß ich ihn liebte und nur den einen Wunsch hatte, daß alles, was er unternahm, ihm gelingen solle.

Im September 2015 neu vom Ludwig von Mises Institut Deutschland herausgegeben: LUDWIG VON MISES. DER MENSCH UND SEIN WERK

Er selber war vollkommen in seinen Vortrag vertieft. Manchmal faltete er die Hände nahe dem Gesicht, die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Manchmal lehnte er sich gegen die Rückwand des Sessels, die Hände fest gegen die Tischkante gepreßt, den Kopf zurückgeworfen, die Augen nach innen gerichtet. Manchmal warf er einen verstohlenen Blick zu mir hinüber, ich spürte, daß er mich sah, aber sofort kehrte er zu seinen Gedanken zurück und nahm, ganz in seinen Vortrag vertieft, nichts mehr von seiner Umgebung wahr.

Obwohl er während der Diskussionen seine Ansichten energisch vertrat, seine Argumente aufs lebhafteste verteidigte, blieb er immer höflich und liebenswürdig. Nie gab er dem einzelnen Hörer Anlaß, gekränkt oder beleidigt zu sein, aber für Sozialisten fand er keine Entschuldigung. Er erklärte alles so gründlich, bis seine Gegner entwaffnet waren, und doch versuchte er niemals – aber auch niemals –, jemanden gegen seinen Willen zu überzeugen. Gelegentlich wurde die Diskussion zu lebhaft und zu erregt. Dann gelang es ihm mit einer einzigen Bemerkung, die Studenten zu dem ursprünglichen Thema zurückzulenken und somit eine Entspannung  herbeizuführen. Nie verlor er die Autorität, und immer zeigte er dabei eine bemerkenswerte Zurückhaltung und Höflichkeit. So verschieden die Meinungen der Hörer über gewisse Themen auch sein mochten, alle waren sich einig in ihrer Bewunderung und Achtung ihm gegenüber.

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Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene „Die Gemeinwirtschaft“ gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die „Unmöglichkeit des Sozialismus“. Sein Werk „Human Action“ (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen „Bibel“. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.

 

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