Der Kapitalismus hat erreicht, was der Marxismus nur versprochen hat

1. August 2018 – von Marian L. Tupy

Marian L. Tupy

Der Marxismus sollte viele positive Veränderungen bewirken, darunter die Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft, in der alle in Frieden lebten. Zu diesen ehrgeizigen Zielen sollte eine erhebliche Reduzierung der Arbeitszeit der Arbeiterklasse hinzukommen.

Wie Rodney G. Peffer von der Universität San Diego es in seinem Buch Marxismus, Moral und soziale Gerechtigkeit 2014 formulierte:

Marx hielt die Reduzierung der nötigen Arbeitszeit für … eine absolute Notwendigkeit. Er behauptete, dass echter Reichtum die entwickelte Produktivkraft aller Individuen ist. Nicht mehr die Arbeitszeit, sondern die verfügbare Zeit ist das Maß von Reichtum.

Der deutsche Ökonom wusste nicht, dass freie Märkte sein Ziel mit Leichtigkeit erreichen würden.
Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden pro Tag hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte verändert. Basierend auf ihren Beobachtungen noch existierender Jäger-Sammler-Gesellschaften schätzen Wissenschaftler, dass unsere Vorfahren zwischen 2,8 und 7,6 Stunden pro Tag gearbeitet haben.

Als sie sich ihr Essen für den Tag gesichert hatten, hörten sie auf, zu arbeiten. Die Arbeitsbelastung der Jäger und Sammler war vergleichsweise gering, ihr Lebensstandard aber ebenso. Der Reichtum unserer Vorfahren war auf das Gewicht der Besitztümer beschränkt, die sie auf dem Rücken von einem Ort zum anderen tragen konnten.

Vor etwa 12.000 Jahren begannen die Menschen, sich niederzulassen, Getreide anzubauen und Tiere zu domestizieren. Die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden stieg, weil die Menschen bereit waren, ihre Freizeit für eine stabilere Nahrungsmittelversorgung zu opfern. Da künstliche Beleuchtung unerschwinglich war, regulierte das Tageslicht den Arbeitsaufwand, der an einem bestimmten Tag geleistet werden konnte.

Im Sommer arbeiteten die meisten Menschen zwischen sechs und zehn Stunden auf dem Feld und weitere drei Stunden zu Hause. Im Winter begrenzten kürzere Tage die Gesamtzahl der Arbeitsstunden auf acht. Aus religiösen Gründen war der Sonntag ein freier Tag und eine Fülle von Festen durchbrach die Monotonie des landwirtschaftlichen Lebens.

Unsere Erwartungen an eine gute Work-Life-Balance unterscheiden sich deutlich von denen der Jäger, Sammler und Landwirte. Es ist daher sinnvoll, die heutige Arbeitsbelastung mit der zu Beginn der industriellen Revolution zu vergleichen.

Im Jahr 1830 betrug die Arbeitszeit im sich industrialisierenden Westen durchschnittlich etwa 70 Stunden oder, sonntags ausgenommen, 11,6 Stunden pro Tag. Bis 1890 waren es 60 Stunden pro Woche oder 10 Stunden pro Tag. Dreißig Jahre später lag die Wochenarbeitszeit in fortgeschrittenen Gesellschaften bei 50 Stunden oder 8,3 Stunden pro Tag.

Heute arbeiten Menschen in fortgeschrittenen Gesellschaften durchschnittlich weniger als 40 Stunden pro Woche. Das sind immer noch ca. 8 Stunden pro Tag, da wir samstags normalerweise nicht arbeiten. Das „Wochenende“ war geboren.

Die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden ist mit steigendem Wohlstand gesunken. Einfach gesagt, je reicher das Land, desto weniger arbeiten die Menschen. Die Daten für Entwicklungsländer sind schwer zu bekommen, aber die durchschnittliche Zahl der geleisteten Arbeitsstunden pro Arbeitskraft in Ländern mit hohem Einkommen ist von 2.123 im Jahr 1950 auf 1.732 im Jahr 2017 gesunken – das ist ein Rückgang von 18,4 Prozent.

Nach den verfügbaren Daten aus den fortgeschrittenen Ländern arbeiteten die Deutschen die wenigsten Stunden (1.347) und die Singapurer die meisten Stunden (2.237). Mit 1.763 Arbeitsstunden pro Jahr lagen die Vereinigten Staaten 2017 im Mittelfeld.

Im gleichen Zeitraum stieg das um Inflation und Kaufkraft bereinigte durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland um 483 Prozent, in Singapur um 1.376 Prozent und in den USA um 290 Prozent. Insgesamt stieg das BIP pro Kopf in einkommensstarken Ländern von 9.251 $ auf 47.149 $ (in 2016 Dollar) – ein Anstieg von nicht weniger als 410 Prozent.

Die Menschen verdienen also mehr Geld im Austausch für weniger Arbeit. Aber genießen sie mehr Freizeit? Internationale Vergleiche sind schwierig, aber die American Time Use Survey, die vom U.S. Bureau of Labor Statistics durchgeführt wird, ergab, dass die Amerikaner im Jahr 2017 durchschnittlich 5,24 Stunden Freizeit und Sport pro Tag genossen. Das waren 2,5 Prozent mehr als zu Beginn der Umfrage im Jahr 2003. Ob die Vereinigten Staaten für einen breiteren Trend repräsentativ sind, ist unklar. Dennoch ist es unbestreitbar, dass die Menschen für gewöhnlich mehr Freizeit haben – zumindest seit unseren Nomadentagen.

Marx lag in vielen Dingen falsch. Bekanntlich war er der Meinung, dass der Wettbewerb auf dem Markt die Gewinne drücken und es dadurch notwendig würde, die Arbeitnehmer immer stärker auszubeuten. Aber, wie Johan Norberg vom Cato-Institut in seinem Buch Fortschritt: Zehn Gründe, in die Zukunft zu blicken aus dem Jahr 2017 betont, hatte Marx eine Zeit der immensen Bereicherung des westlichen Arbeiters durchlebt.

„Als Marx 1883 starb“, schreibt Norberg, „war der durchschnittliche Engländer dreimal reicher als bei der Geburt von Marx im Jahre 1818“. Von seinen falschen Vorstellungen geblendet, konnte Marx nicht sehen, was um ihn herum geschah.

Marx‘ Schüler in Kuba und Venezuela bis Südafrika und Simbabwe begehen heute den gleichen Fehler. Verrückt von ihrem ideologischen Hass auf den freien Markt, weigern sie sich zu sehen, dass der Kapitalismus das geliefert hat, was Marx seit Langem wollte – weniger Arbeit und ein höheres Einkommen.

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Der Originalbeitrag mit dem Titel Capitalism Has Achieved What Marxism Merely Promised ist am 20.7.2017 auf der website der Foundation of Economic Education erschienen.

Marian L. Tupy ist Editor von HumanProgress.org und Senior Policy Analyst am Center for Global Liberty and Prosperity.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto Startseite: © Tiberius Gracchus

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