Nur der freie Mensch kann ganz und gar menschlich sein

20.6.2018 – von Murray N. Rothbard.

Murray N. Rothbard (1926 – 1995)

Wenn Menschen wie Ameisen wären, würde die menschliche Freiheit niemanden interessieren. Wenn der einzelne Mensch, wie die Ameise, unterschiedslos, austauschbar und ohne eigene Persönlichkeitsmerkmale wäre, wen würde es dann interessieren, ob sie frei sind oder nicht? Überhaupt: Wen würde es interessieren, ob sie leben oder sterben? Die Herrlichkeit am Menschsein ist die Einzigartigkeit jedes Einzelnen, die Tatsache, dass jeder Mensch, obwohl in vielerlei Hinsicht ähnlich wie andere, eine ganz eigene Persönlichkeit besitzt. Es ist die Tatsache, dass jeder Mensch einzigartig ist – die Tatsache, dass keine zwei Menschen austauschbar sind –, die jeden Menschen unersetzlich macht und uns kümmern lässt, ob er lebt oder stirbt, ob er glücklich oder unterdrückt ist. Und schließlich ist die Tatsache, dass diese einzigartigen Persönlichkeiten Freiheit für ihre volle Entfaltung brauchen, eines der Hauptargumente für eine freie Gesellschaft.

Vielleicht gibt es irgendwo eine Welt, in der intelligente Wesen in einem von außen vorherbestimmten Gitter geschaffen werden, ohne dass das Individuum aus sich heraus lernen kann oder sich entscheiden muss. Aber der Mensch ist notwendigerweise in einer anderen Situation. Die einzelnen Menschen werden nicht mit voll ausgebildetem Wissen, Werten, Zielen oder Persönlichkeiten geboren oder erschaffen. Sie müssen ihre eigenen Werte und Ziele bilden, ihre Persönlichkeit entwickeln und über sich selbst und die Welt um sie herum lernen. Jeder Mensch muss die Freiheit haben, muss die Möglichkeit haben, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, zu testen und nach ihnen zu handeln, damit sich seine ganz eigene Persönlichkeit voll entwickeln kann. Kurz gesagt: Er muss frei sein, damit er vollkommen menschlich sein kann.

In gewisser Weise haben selbst die erstarrtesten und totalitärsten Gesellschaftsordnungen wenigstens ein Mindestmaß an Spielraum für individuelle Entscheidungen und Entwicklungen gelassen. Selbst die monolithischsten Despotismen mussten zumindest ein wenig „Raum“ für Wahlfreiheit lassen, wenn auch nur innerhalb der Zwischenräume gesellschaftlicher Regeln. Je freier eine Gesellschaft ist, desto geringer ist natürlich der Eingriff in das individuelle Handeln und desto größer ist der Spielraum für die Entwicklung jedes Einzelnen. Je freier die Gesellschaft ist, desto größer werden die Vielfalt und die Unterschiede unter den Menschen, denn desto weiter entwickelt ist die individuelle Persönlichkeit eines jeden. Auf der anderen Seite, je despotischer die Gesellschaft, desto eingeschränkter die Freiheit des Einzelnen, desto einheitlicher und austauschbarer werden die Menschen und desto weniger entwickelt wird die einzigartige Persönlichkeit eines jeden Menschen sein. Eine despotische Gesellschaft verhindert also im tiefsten Sinne, dass ihre Mitglieder vollständig menschlich sind.[1]

Wenn Freiheit eine notwendige Voraussetzung für die volle Entfaltung des Einzelnen ist, so ist sie keineswegs die einzige Voraussetzung. Die Gesellschaft selbst muss ausreichend fortgeschritten sein. Denn niemand kann beispielsweise ein erfinderischer Physiker auf einer einsamen Insel oder in einer primitiven Gesellschaft werden. Denn mit dem Wachstum einer Volkswirtschaft vervielfacht sich auch das Angebot an Wahlmöglichkeiten für Produzenten und Verbraucher.[2] Darüber hinaus kann es sich nur eine Gesellschaft mit einem hohen Lebensstandard leisten, einen Großteil ihrer Ressourcen für die Erforschung von neuem Wissen und die Entwicklung einer Vielzahl von Gütern und Dienstleistungen einzusetzen, das über das Niveau des absoluten Existenzminimums hinausgeht. Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum die volle Entfaltung der schöpferischen Kräfte jedes Einzelnen in einer primitiven oder unterentwickelten Gesellschaft nicht stattfinden kann, und das ist die Notwendigkeit einer umfassenden Arbeitsteilung.

Niemand kann seine Kräfte – egal welcher Art – voll entfalten, ohne sich zu spezialisieren. Der primitive Stammesangehörige oder Bauer, der an eine endlose Reihe von verschiedenen Aufgaben gebunden war, um sich selbst am Leben zu halten, hatte keine Zeit oder Ressourcen zur Verfügung, um überhaupt einem anderen Interesse nachzugehen. Er hatte keine Gelegenheit, sich zu spezialisieren, sich in einem Bereich zu entwickeln, in dem er am besten oder an dem er am meisten interessiert war. Vor zweihundert Jahren wies Adam Smith darauf hin, dass die sich entwickelnde Arbeitsteilung ein Schlüssel zum Fortschritt jeder Wirtschaft über das primitivste Niveau hinaus ist.

So wie die Arbeitsteilung eine notwendige Voraussetzung für jede Art von entwickelter Wirtschaft ist, ist sie auch Voraussetzung für die Entwicklung jeder Art von zivilisierter Gesellschaft. Der Philosoph, der Wissenschaftler, der Handwerker, der Kaufmann – keiner könnte diese Fähigkeiten oder Tätigkeit entwickeln, wenn er keinen Raum für Spezialisierung gehabt hätte. Mehr noch kann kein Mensch, der nicht in einer Gesellschaft lebt, die über eine breit ausgebaute Arbeitsteilung verfügt, seine Begabungen voll ausschöpfen. Er kann seine Begabungen nicht auf ein Gebiet oder eine Fachrichtung konzentrieren und diese und seine eigenen geistigen Fähigkeiten fördern. Ohne die Möglichkeit, sich auf das zu spezialisieren, was er am besten kann, kann kein Mensch seine Begabungen voll entfalten. Somit wäre dieser Mensch auch kein vollendeter Mensch.

Während für eine entwickelte Wirtschaft und Gesellschaft eine kontinuierliche und fortschreitende Arbeitsteilung erforderlich ist, begrenzt das Ausmaß einer solchen Entwicklung zu jedem Zeitpunkt den Grad der Spezialisierung, den eine jede Wirtschaft haben kann. Es gibt von daher keinen Platz für einen Physiker oder einen Computertechniker auf einer primitiven Insel; diese Fähigkeiten wären für die Gegebenheiten dieser bestehenden Wirtschaft verfrüht. Wie Adam Smith es ausdrückte, „die Arbeitsteilung ist durch die Marktausdehnung begrenzt.“ Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung ist daher ein sich gegenseitig verstärkender Prozess: Die Entwicklung des Marktes erlaubt eine breitere Arbeitsteilung, die wiederum eine weitere Ausweitung des Marktes ermöglicht.[3]

Wenn sich der Umfang des Marktes und das Ausmaß der Arbeitsteilung gegenseitig verstärken, so verstärken sich auch die Arbeitsteilung und die Vielfalt der individuellen Interessen und Fähigkeiten unter den Menschen. Denn so wie eine immer größere Arbeitsteilung notwendig ist, um den Fähigkeiten und Kräften jedes Einzelnen den vollen Raum zu geben, so hängt auch das Bestehen dieser Teilung von der angeborenen Vielfalt der Menschen ab. Denn es gäbe überhaupt keinen Raum für Arbeitsteilung, wenn jeder Mensch einheitlich und austauschbar wäre. (Eine weitere Voraussetzung für die Entstehung einer Arbeitsteilung ist die Vielfalt der natürlichen Ressourcen; auch einzelne Landflächen auf der Erde sind nicht austauschbar.) Im Laufe der Menschheitsgeschichte zeigte sich darüber hinaus eindeutig, dass die auf Arbeitsteilung basierende Marktwirtschaft zutiefst kooperativ war und dass diese Teilung die Ertragfähigkeit und damit den Reichtum aller in der Gesellschaft enorm vervielfachte. Der Ökonom Ludwig von Mises hat dies sehr deutlich herausgestellt:

„Geschichtlich stehen am Ausgangspunkt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwei natürliche Tatsachen: Die individuelle Ungleichheit der menschlichen Anlagen und die Verschiedenheit der äußeren Lebensbedingungen auf der Erdoberfläche. Diese beiden Tatsachen sind in Wahrheit eins: die Mannigfaltigkeit der Natur, die sich nicht wiederholt und das Weltall mit seinem unendlichen, sich nie erschöpfenden Reichtum an Spielarten hervorbringt. (…)

[D]iese beiden Tatsachen (…) drängen den Menschen die Arbeitsteilung geradezu auf. Alt und Jung, Männer und Weiber, verbinden sich im Handeln, indem sie die Verschiedenheit ihrer Kräfte entsprechend verwerten. Darin liegt auch schon der Keim örtlicher Arbeitsteilung, wenn der Mann auf die Jagd geht und die Frau zur Quelle, um Wasser zu holen. Wären die Anlagen und Kräfte aller Individuen und die äußeren Produktionsbedingungen allenthalben gleich gewesen, der Gedanke der Arbeitsteilung hätte nie entstehen können. (…) Aus ganz gleich veranlagten Menschen auf einer durchaus gleichförmig gestalteten Erdoberfläche wäre kein gesellschaftliches Leben entstanden.

Sobald aber einmal die Arbeitsteilung einsetzt, wirkt sie selbst weiter differenzierend auf die Fähigkeiten der vergesellschafteten Menschen. Sie ermöglicht die Ausbildung der individuellen Begabung und macht so die Arbeitsteilung immer ergiebiger. Durch das gesellschaftliche Zusammenwirken der Menschen werden Werke vollbracht, die der Einzelne überhaupt nicht vollbringen könnte (…).

Die höhere Produktivität der arbeitsteilig verrichteten Arbeit ist es, die die Menschen dazu bringt, einander nicht mehr als Konkurrenten im Kampfe ums Dasein anzusehen, sondern als Genossen zur gemeinschaftlichen Förderung ihrer Wohlfahrt.“ [4]

Freiheit ist somit für die Entwicklung des Einzelnen notwendig und diese Entwicklung hängt auch vom Ausmaß der Arbeitsteilung und der Höhe des Lebensstandards ab. Die entwickelte Wirtschaft ermöglicht und fördert eine viel weitreichendere Spezialisierung und Entfaltung der Kräfte des Individuums als eine primitive Wirtschaft und je größer der Grad dieser Entwicklung ist, desto größer ist der Spielraum für jeden Einzelnen.

Wenn Freiheit und das Wachstum des Marktes beide für die Entwicklung jedes Einzelnen und damit für die Entfaltung von Vielfalt und persönlicher Unterschieden wichtig sind, dann gibt es auch einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Freiheit und Wirtschaftswachstum. Denn es ist gerade die Freiheit – die Abwesenheit oder Begrenzung von zwischenmenschlichen Einschränkungen und Eingriffen -, die die Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und damit für die Marktwirtschaft und entwickelte Arbeitsteilung ist. Die Industrielle Revolution und das damit verbundene Wirtschaftswachstum des Westens waren ein Produkt seiner relativen Freiheit für Unternehmen, für Erfindungen und Fortschritt, für Mobilität und die Weiterentwicklung menschlicher Arbeit. Im Vergleich zu den Gesellschaften anderer Zeiten und Orte waren Westeuropa und die Vereinigten Staaten im 18. und 19. Jahrhundert durch eine weitaus größere soziale und wirtschaftliche Freiheit gekennzeichnet – die Freiheit, sich frei zu bewegen, zu investieren, zu arbeiten und zu produzieren -, geschützt vor vielen Drangsalierung und Einmischungen durch den Staat. Verglichen mit der Rolle des Staates anderswo, war seine Rolle im Westen in diesen Jahrhunderten bemerkenswert gering.[5]

Indem die freie Wirtschaft Investitionen, Bewegungsfreiheit, Arbeitsteilung, Kreativität und Unternehmertum ihren notwendigen Freiraum lässt, werden die Voraussetzungen für eine rasche wirtschaftliche Entwicklung geschaffen. Es sind Freiheit und Marktwirtschaft, wie Adam Smith eindrücklich betonte, die den „Reichtum der Nationen“ schaffen. So führt Freiheit zu wirtschaftlicher Entwicklung und beide Bedingungen wiederum vervielfachen die individuelle Entwicklung und die Entfaltung der Kräfte des einzelnen Menschen. In zweierlei Hinsicht ist also die Freiheit der Ursprung: Nur der freie Mensch kann ganz individuell und damit ganz menschlich sein.

Wenn Freiheit zu einer zunehmenden Arbeitsteilung und der vollen Entfaltung des Einzelnen führt, dann führt sie auch zu einer wachsenden Bevölkerung. Denn so wie die Arbeitsteilung durch die Ausdehnung des Marktes begrenzt ist, so ist auch die Gesamtbevölkerung durch die Gesamtproduktion begrenzt. Eine der auffälligsten Tatsachen der Industriellen Revolution war nicht nur der großer Anstieg im allgemeinen Lebensstandard, sondern auch die Übertragung eines so hohen Lebensstandards auf eine vielfach gewachsene Gesamtbevölkerung. Auf der Landfläche Nordamerikas konnten sich vor 500 Jahren nur etwa eine Million Indianer auf dem denkbar knappsten Existenzminimum ernähern.

Selbst wenn wir die Arbeitsteilung beseitigen wollten, könnten wir dies nicht tun, ohne die große Mehrheit der heutigen Weltbevölkerung buchstäblich auszulöschen.

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Auszug aus Freedom, Inequality, Primitivism, and the Division of Labor. Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker.

[1] Zu den Zusammenhängen zwischen Freiheit, Vielfalt und der Entwicklung jedes Einzelnen siehe das klassische Werk von Wilhelm von Humboldt, Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen. Zur Freiheit als Voraussetzung für die Entwicklung der Individualität siehe auch Josiah Warren, Equitable Commerce (New York: Burt Franklin, 1965) und Stephen Pearl Andrews, The Science of Society (London: C. W. Daniel, 1913).
[2] Die Ökonomen Bauer und Yamey definieren wirtschaftliche Entwicklung überzeugend als „die Erweiterung des Angebots an Alternativen, die den Menschen als Konsumenten und Produzenten offen stehen.“ Peter T. Bauer und Basil S. Yamey, The Economics of Underdeveloped Countries (Cambridge: Cambridge University Press, 1957), S. 151.
[3] Siehe George J. Stigler, „The Division of Labor is Limited by the Extent of the Market” Journal of Political Economy (Juni 1951), S. 193.
[4] Ludwig von Mises, Gemeinwirtschaft: Untersuchungen über den Sozialismus (Jena: Gustav Fischer Verlag, zweite Auflage, 1932), S. 262-264.
[5] Historiker haben uns in den letzten Jahrzehnten daran erinnert, dass sich weder in England noch in den Vereinigten Staaten die Regierung streng auf das Ideal von laissez faire beschränkt hat. Dies ist sicherlich richtig, aber wir müssen diese Ära mit der Rolle der Regierung in früheren – und späteren – Tagen vergleichen, um die Bedeutung im Unterschied zu erkennen. Daher, vgl. Karl Wittfogel, Die orientalische Despotie ( Köln u. Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1962).


Murray N. Rothbard wurde 1926 in New York geboren, wo er an der dortigen Universität Schüler von Ludwig von Mises wurde. Rothbard, der 1962 in seinem Werk Man, Economy, and State die Misesianische Theorie noch einmal grundlegend zusammenfasste, hat selbst diese letzte Aufgabe, die Mises dem Staat zubilligt, einer mehr als kritischen Überprüfung unterzogen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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